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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 72

– LXXII –

Das Abschiednehmen und Abschiedgeben von den Lebenden war auch leichter gedacht als getan. Aber es gab Formen, Floskeln, Gesten, die überliefert waren, die jedem anerzogen waren oder die man sich abgeschaut hatte. Vor allem aber schien gewiß, dieser Abschied konnte für ewig nicht sein. Trotz aller Jugend war man zwar schon „manche Stunde ins Tal hinaus“ gezogen, aber „meiner Heimat Haus“ hatte ja für Rudolf nur im allerübertragendsten Sinne „im schönsten Wiesengrunde“ gestanden und vor allem: Es stand dort nicht mehr. Aber es lernt sich schnell: Menschen zurückzulassen ist schwerer als Häuser und Straßen zu vergessen.

Selbstverständlich sind Tränen geflossen. Tränen sind das bequemste, nachhaltigste und vor allem das überzeugendste Ab-Lösemittel. Tränen überzeugen den, der weint, und den, der sieht, daß geweint wird. Mit Tränen kann man im allgemeinen nichts falsch machen. Die Seele weiß das.

Am einfachsten war der Abschied von den Kollegen bei Siemens. In den großen Betrieben rumorte ohnehin eine gewisse, gleichwohl schwer zu benennende Unruhe. Verlagerung wichtiger Betriebsteile und Fabrikationsanlagen in den Westen, das gab es allenthalben, schwer zu erkennen, ungern zugegeben. Wenn konkret einer ging, begleiteten ihn Neid und gute Wünsche. Der Meister S. war weniger erbaut, aber er sah die Fakten, kannte die Umstände und bewahrte sein unzweifelhaftes Wohlwollen für seinen Musterschüler, dem kein Stein aus der Krone der Männlichkeit gefallen war, wenn er jahrelang bei Klangfilm die Geburtstagskinder aus der Werkstatt des morgens damit überraschte, daß er ihnen Blumen auf die Werkbank stellte, Blumen, ausgeschnitten aus roten Warnzetteln, die er in alten Regalen fand, weil sie überholt waren, dazu dann grüne schlanke Blätter aus ähnlichem Abfallpapier, und alles befestigt an Stengeln aus grünem Schaltdraht (nicht überzählig, sondern tatsächlich kostbar, abgezweigt aus der Produktion, doch es wurde verziehen, denn: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, – also auch den teuren Schaltdraht aus Kupfer – und nähme doch Schaden an seiner Arbeitnehmer- und Kollegenseele). Auch Feinmechanikerseelen brauchen Zuwendung. Das Wohlwollen des Meisters ging dem unfreiwillig und doch auch gern Davoneilenden also keineswegs verloren.

Weitaus bedenklicher war das Kopfschütteln bei den Dozenten und vor allem bei dem Seminarleiter K. der Abendklassen an der Ingenieurschule Gauß in Moabit. Das Studium wirft man nicht hin, hieß es; wenn die Ostleute Schwierigkeiten machten, dann lieber im Osten weiterstudieren als abbrechen. Wie sind ihre Chancen in Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt? Rudolf wußte es nicht. Dennoch: Hals- und Beinbruch. Danke.

Der Abschied bei der Mutter. Diesmal war es taghell, es tickte auch kein Flaksender, Luftlagemeldungen oder gar Voralarm waren auch nicht zu befürchten, dennoch, es wurde wie seinerzeit im Februar fünfundvierzig erst einmal „was richtiges“ gegessen, doch Milchreis war es wieder nicht. Mütter kann man eben nicht davon abbringen, daß ein Mann Fleisch brauche (und Klöße). Die Mutter brauchte noch nicht zu weinen, denn es war versprochen, sie durfte in Tempelhof beim Abflug bis zur Abfertigung mitkommen. Und das war erst in ein paar Tagen. (So Gott will, toi, toi, toi!).

Bei der Biedermeierdame traf Rudolf – wie gewohnt und bewährt – am frühen Samstagnachmittag ein, kurz vor Geschäftsschluß. Ihre letzten Kunden stöberten in den Regalen, einem hübschen Oberschüler, der seinen Heine zurückgebracht hatte und bei ihr vom Atta Troll schwärmte und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ für zeitlos aktuell erklärte, dem empfahl sie für die nächste Woche, Tristram Shandy zu lesen oder den Siebenkäs; er zögerte und ging mit Stifters Nachsommer zufrieden ins Wochenende. Rudolf beglich korrekt alle seine Bücherschulden und lieferte alles bei ihr Ausgeliehene artig ab. Sie lächelte und sagte nebenbei: „Wenn Du willst, kannst Du schon nach hinten gehen.“ Rudolf hatte Teegebäck mitgebracht, aus dem Westen. Er setzte das Wasser auf, trug den Mülleimer hinaus und deckte den Tisch mit ihren beiden nicht zusammen passenden „Ming“Tassen, diese beiden hauchzarten Gebilde aus Böttcher-Gold, die wunderbarerweise alle Formen des Kriegwütens überstanden hatten.

Das erste vertraute Geräusch, das den letzten goldenen Samstag näherkommen ließ, war das zweimalige Herumdrehen des Schlüssels in der Ladentür. Die Fee dankte für das Tischdecken und ging hinüber über den Flur in ihre kleine Kammer und kam in einem kimonoartigen Hauskleid wieder. Rudolf fehlten die Worte. Die Frau lächelte zum zweiten Male und bat: „Wenn möglich, bitte keine Tränen.“ Dann legte diese über alle Maßen schöne und elegante Frau mit einer ihrer unüberbietbar eleganten und dennoch immer dezenten Bewegungen ein geschmackvoll eingewickeltes Päckchen auf den Beistelltisch und übernahm die Regie mit dem Hinweis: „Du darfst es auspacken, doch bitte erst nach dem Tee.“ Es war unschwer zu erraten, daß ES ein Buch war, fragte sich nur, was für ein Buch. Was lag näher, als an den Unteroffizier Rudolf zu denken, der Rudi genannt sein wollte, und der ihm an einem gleichermaßen bedeutsamen Wendetag, am Abend des ersten Tages des unbekannt gewordenen Friedens, ebenfalls ein Buch geschenkt hatte, seinen Schopenhauer, von Kröner, die „Aphorismen“.

Als Rudolf vorsichtig fragte, ob damit zu rechnen sei, daß sie ein wenig cembalisieren würde, schüttelte sie zu seiner Überraschung den gepflegten Kopf, erinnerte ihn an die zu vermeidende Tränengefahr und tröstete mit der überraschenden Neuigkeit: „Meine Schwester in Westberlin hat mir einen modernen Plattenspieler geschenkt! Er steht drüben in der Kammer. Du mußt ihn nur auspacken und an das Radio anschließen. Zwei von diesen neumodischen Langspielplatten habe ich auch.“

Es war wie Ostern und Pfingsten auf einen Tag. Sie holten gemeinsam den kostbaren Karton herüber. Rudolf las sorgfältig die Gebrauchsanweisung und verband Radio und Plattenspieler. Als er die erste der beiden Platten zögernd in der Hand hielt, sagte sie: „Leg‘ sie nur auf, und setz‘ Dich zu mir.“ Auf der Platte stand auf beiden Seiten Gaetano Donizetti und Wiener Staatsoper, und versprochen wurden Ouvertüren, Arien und Duette aus den Opern „Don Pasquale“ und „Der Liebestrank“. Das Schönste waren die beiden Duette „Les‘ ich in deinen Blicken“ und „Hier, nimm den Ring der Treue“. Gesungen von Tutti D’Almonte (?) und Tito Schipa. Nun war doch ein Hauch von Tränen unabweisbar. Die zweite Platte gab die „Pastorale“, die Sechste von Beethoven, mit Furtwängler und den Berliner Symphonikern. Und der Gipfel war die Ankündigung der Fee: „Lach‘ bitte nicht, in der Kochkiste steht ein Topf mit Milchreis“.

Als Rudolf sich verabschiedete, war das Buch noch unausgepackt. Die Biedermeierfee meinte abwiegelnd, er solle es nur eingepackt lassen, sie werde ihm sagen, was darin sei und warum. Wenn er drüben im Westen sei, solle er aufpassen, wann von Sartre „L’etre et le néant“ auf Deutsch erscheine, weil er ja leider nicht französisch lesen könne. Sartre sei nicht zu Unrecht in aller Munde, und ohne Heidegger, („ja den bösen Heidegger“), könne man Sartre nur halb verstehen. In dem Abschiedspäckchen sei die Erstausgabe von „Sein und Zeit“ dieses heute wegen seiner undurchschaubaren Verstrickungen in nazideutschlands unheilvolle Vergangenheitsstrukturen so arg beschimpften Großdenkers. Das Buch sei von 1927, also älter als Rudolf selber. Und abschließend sagte sie – er hielt schon ihre beiden schlanken, zarten, zärtlichen Hände fest in seinen – „Nimm es nicht als Bibel; denke an Lichtenberg, Du weißt schon, >mindestens einmal zweifeln<, aber an dieser Sprache solltest Du nicht vorbeigehen. So weit Du seinen Inhalt ablehnst oder einfach nicht annehmen kannst, so sollte Deine Ablehnung wenigstens sein Niveau haben.“

Die Biedermeierfee starb im Herbst des folgenden Jahres. Ihre Schwester hat es ihm mitgeteilt. Ihre Briefe sind Rudolfs kostbarster Besitz.

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 71

– LXXI –

Der Schiffskoffer war repariert; wie sollte er bloß dieses Trumm, wenn es randvoll sein würde, unauffällig in den Westen bringen? Diesen Koffer zu packen, würde das Werk eines Abends sein. Abreisen ist immer unproblematisch. Man rafft alles zusammen, was im (Hotel)Zimmer um einen herum und in allen Behältnissen liegt, dann kann’s losgehen. In Rudolfs Fall war’s kein Hotelzimmer, sondern das sogenannte Herrenzimmer im Hause seiner Großmutter, worin er nun knapp vier Jahre glücklich und zufrieden gewohnt, geschlafen, gearbeitet, gelesen, also gelebt hatte. Er hatte sich schon prüfend, wertend, gewichtend umgeschaut, kein Problem, es würde sich machen lassen. Also Aufbruch.

Zeit zum Abschied nehmen. Mit einem schnellen Händedruck ist es da nicht getan. Erstens will man das nicht, könnte es auch gar nicht, denn wer geht, und sei sein Koffer noch so groß, er läßt immer mehr zurück, als ihm lieb ist. Und der gängige Ausdruck Abschied nehmen trifft die Sache keineswegs, denn in allen wichtigen Fällen – und alle Fälle sind wichtig, geht es doch immer um Menschen, um Gefühle, um Herzen, um hängengebliebene Zeit. Man muß sich also konzentrieren, muß sich vorbereiten, muß sich innerlich öffnen für das Abschied geben.

Am einfachsten (so schien es ihm, er war noch so jung) war es, von der Gemeinsamkeit des Lebens sich zu verabschieden, das er mit seinen Toten gelebt hatte. Sie lagen da und dort, an den verschiedensten Orten dieser Stadt oder an solchen geographischen Punkten, die einmal Front hießen. Die Toten liegen immer an der Front, wo sie die Waffen des Eigensinns strecken mußten, dort hatte allemal der dunkle Blitz eingeschlagen, den keiner allzugern beim Namen nennt. Die Toten betrübten ihn nicht. Soweit er sie geliebt hatte, nahm er ihr Bild mit, wohin immer ihn die Reise auch führen möge. Und da sie tot waren, wie schrecklich das Sterben für sie auch immer gewesen sein mochte, er konnte nichts mehr für sie tun. Marie Anders war gestorben in einem Kellergewölbe, das geschmückt war mit herrlich leuchtenden Jugendstilornamenten, vollgepumpt mit großzügig dosiertem Morphium gegen die unbeschreiblichen Schmerzen, die ihr der eigene, sich selbst zerfressende Magen dafür zumutete, daß sie ihn ein langes Leben lang mit sogenannten Kopfschmerzpulvern zuschüttete, weil ihr der eigene Kopf den gelassenen Anblick dieser Welt des sozialen Unrechts nicht gönnte, ungetröstet von allen geduldigen Worten und dem Händedruck ihrer jüngsten Tochter, die bis zum letzten Atemzug ihrer Mutter an ihrer Seite ausharrte, bitter rechtend mit Dem-da-oben, weil der nicht zuließ, das ihr Trostversuch noch ein letztes Mal ins Bewußtsein des zermarterten Kopfes dieser Marie durchdrang.

Und Karl Anders hatte man während einer kurzen Feuerpause im Kampf um den Alexanderplatz auf einem Karren aus der Gollnowstraße hinausgefahren, er lag im Fieberdelirium, hin in die überfüllten Räume des durch jahrelange Nachbarschaft vertrauten Krankenhauses Friedrichshain, hin zu den überlasteten Ärzten und Schwestern und Krankenpflegern, die im Ansturm der Kriegsereignisse nicht wußten, wo ihnen der Kopf stand, die ihn dann doch am Ende seines verzweifelten Kampfes ums Weiterleben ohne zureichende Medikamente aufgeben mußten wie so viele andere um ihn herum, mit denen sie ihn dann notgedrungen, wahrhaftig von der Not dieses alle überlieferten Formen zermalmenden Geschichtsaugenblicks gedungen und gedrungen in die schöne weiße Kalkgrube eines eilig ausgehobenen Massengrabs betten mußten.

Kurt Anders, Maries Jüngster, ihr hübsches Sorgenkind, das sich in den Zwanzigern bei Charleston und Black Bottom, die Lackschuhe auf Bierdeckeln, hüftenschwingend und mit eingeweihtem Augenzwinkern singend: „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da, …“ nicht vorstellen konnte und um keinen Preis der Welt auch nicht vorstellen wollte, er müsse einmal mit Schaftstiefeln, braun oder grau gekleidet, marschieren, für wen und wohin auch immer, marschieren, dieser Frauenliebling, Herzensbruder von Rudolfs gleichgesinnter Mutter, dieser Kurt hatte seinen Kopf in den gasbeheizbaren Backherd seiner ärmlichen Wohnung gesteckt, just in dem Augenblick, als seine junge Frau mit beiden puppenkleinen Kindern zur Schwiegermutter verreist war, als sein Arzt mit Bedauern und brutaler Offenheit einen inoperablen Geschwürkomplex im Zwölffingerdarm diagnostizierte und als gleichzeitig der schon lange gefürchtete Einberufungsbefehl ins Haus flatterte. Er war nervenstark genug, der von vielen so belächelte Hübschling, genügend Groschenstücke in den Automaten zu stecken, genug zum sterben, und die Sicherheit des Hauses nicht in Gefahr bringend. Wie er es geschafft haben mag, knieend, mit dem Kopf in diesem blechernen Kasten auszuharren, bis es keiner Hoffnung mehr bedurfte, mag sich ausmalen, wer robust genug ist.

Sein großer Bruder, Erich Anders, ein Bär von einem Mann, Glas- und Gebäudereiniger-Meister, der widerspruchslos zu den Fahnen geeilt war, seine geliebte, mit sinnlicher Fülle aber zu seinem allergrößten Bedauern leider nicht mit Kindern gesegnete Frau verlassend, um in der schmucken blauen Uniform des ambulanten Eisenbahnflaksoldaten hitzig übers großdeutsche Streckennetz sich hetzen lassen mußte, ein geduldiger Abwehrigel, der den wahllos angreifenden Bombern sein „Ich bün all hier“ – vergebens – entgegenschoß,Erich Anders war vom blinden Kriegsschicksal die schwer zu ertragende Todesform zugedacht worden, der man den unerträglich hoffnungsvollen Fachnamen „vermißt“ zugeschrieben hatte. Böse Gerüchte, er habe sich in einem stuttgarter Lazarett gewollt vertauschen lassen und lebe fröhlich kinderzeugend unter anderem Namen mit einer weitherzigen Schwäbin weiter, wollten zumindest der Ehefrau nicht als ausreichender Trost erscheinen

Das verstörendste Los, das der nachdenkende Betrachter sich ausmalen mußte, hatte sich der zweitjüngste Andersjunge, Omas Walter, aus der Kriegstrommel gezogen. Freiwillig, entschlossen und nicht umzustimmen, wie alle Zeugen übereinstimmend berichteten, Die Russen waren unaufhaltsam die Frankfurter Allee heruntergebraust, Straße um Straße, manchmal Haus um Haus, ein Racheengel, dessen Schwingen ihr Rauschen mit dem Brausen der Stalinorgeln zusammentönen ließen, die verzweifelte Verblendung eines aussichtslosen Widerstandes sprengte den U-Bahntunnel unter der Spree, Tausende soffen am Alex unten in der Linie E ab, die Stadtmitte bis zum Reichstag und bis zur Reichskanzlei war bereits unhaltbares Gelände, da läßt der Blockwalter Walter Anders Frau und Kinder im Keller zurück, vielleicht hoffend denkend, sie mögen zumindest eine hauchdünne Chance haben, er aber, der Goldfasan, er hatte gewiß keine mehr. Die Menschen hätten ihm sein braunes Protzen vielleicht verziehen, ein bißchen Zivil, ein bißchen Lügen, ein bißchen Verstecken, die Gollnowstraße war keine Haßallee, aber er wollte sich wohl selber nicht verzeihen, der braune Sohn des SPD-Vaters, der da fiebernd in seinem Keller lag, und der glücklicherweise bereits verstorbenen Roten Marie, deren gradlinige und konsequente Arbeitervergangenheit, vielleicht trieb ihn die an, jetzt, wo die Artillerie in den Straßen brüllte, wie auch immer, jeder Mensch hat schon Mühe, das eigene Handeln zu rationalisieren. Walter jedenfalls zog die Braune Schanduniform an, band sich das Koppel mit der Dienstpistole um und … verschwand Richtung Alexanderplatz, wo schon alles drunter und drüber ging, wie? kämpfend? schreiend? zerrissen? erschlagen? Armer Walter. Seine Schwester Herta meinte leise: „Er hat es zu was bringen wollen, deshalb ist er in die Partei gegangen.“.

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 70

– LXX –

Noch etwas hatte der Besuch zurückgelassen, einige Exemplare einer Zeitschrift aus dem Westen, aus der britischen Zone, aus Hannover, auffallend durch den oberen roten Querbalken, die große weiße Schrift, als Aufmacher jeweils ein großes Politikerfoto über die gesamte restliche Fläche, dazu nur eine kurze prägnante Legende. Rudolf wurde sofort neugierig, war schon nach dem Lesen der ersten Seiten elektrisiert. Klare Gliederung: Deutschland, Ausland, Personalien, Sport, Wirtschaft, Theater, Kunst, Film, Musik. Er zeigte das Blatt sofort seiner Bücherfee. Sie lasen zusammen jedes Wort. Ein ambivalentes Gefühl: einerseits kam man sich dämlich vor, diese Leute schienen alles zu wissen, zum anderen gab einem die Lektüre das Gefühl, dabeigewesen zu sein. Ein nüchterner Meldungsstil, doch sagten diese Leute offensichtlich frank und frei, was sie dachten, aber nicht als Leitartikel, nee, gleich mittendrin im Text, so nach der Form: Der X macht dies, das wird dem Y überhaupt nicht gefallen. Müssen ganz junge Leute sein, die gar nicht „gebräunt“ sein können. Respekt vor den Alliierten? Keine Spur. Wenn sie so weitermachen, werden sie als Journalisten hier in Deutschland nicht alt. Andererseits, die Leute als Käufer werden das lesen wollen, aber es wird sich nicht jeder leisten können, denn eine Mark für das Wochenexemplar, bei nur 45 Mark brutto, ziemlich happig. Die Biedermeierin vereinbarte mit ihm, sich den Preis zu teilen. Sie würde das gelesene Exemplar unter der Hand an Kunden, die interessiert seien, verleihen. Gemacht. Das war die richtige Ergänzung zu dem Blatt der Amerikaner aus München: Die Neue Zeitung. Als er das den aufgeschlossenen Kollegen bei Klangfilm erzählte, war das Interesse groß, aber jeder fragte zurück: „Wie heißt denn diese Postille?“ Antwort: Der Spiegel.

Wie lange hätte dieses Leben in solchen Bahnen ungebrochen weitergehen können? Lebensmittelkarten und Bezugsscheine, Trizonesien als „Staatsform“, immer – auf der Bühne des Alliierten Kontrollrates – im Clinch mit den Russen, die Wirtschaftsverwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes in Bad Homburg und Bad Nauheim verwaltete den Mangel, Handlungsrahmen für den kleinen Mann war die Zigarettenwährung. Eine Chesterfield kostete am Alex zwischen zwölf und fünfzehn Reichsmark (ein junger Mann in Kaufbeuren, der durch seinen sprachgestützten Kontakt zu amerikanischen Soldaten solche Zigaretten bedeutend billiger einkaufen konnte, kaufte und verkaufte im großen Stil, schaffte sich dadurch ein kleines Vermögen und eine relative Unabhängigkeit, finanzierte sein Studium auch auf diese Weise und wurde Deutschlands progressivster Lyriker; ein anderer, ebenfalls hochintelligenter Bursche im gleichen Bayern, kungelte mit dem für sein Wohngebiet zuständigen und entsprechend mächtigen amerikanischen Bezirkskommandanten, wurde seine rechte Hand, später dort ein mächtiger Landrat, Landesminister, Bundesverteidigungsminister und Inszenator der die kommende Republik erschütternden sogenannten Spiegelaffäre), Schieber, regelmäßige Razzien, man hatte sich daran gewöhnt, kam irgendwie zurecht, doch sollte man in solchem Rahmen alt werden? Der Marshallplan und das ERP-Programm zogen zwangsläufig eine Währungsumstellung nach. Geld mit Kaufkraft mußte her. Die Amis druckten die Scheine, und der vormalige Bayerische Wirtschaftsminister, ein ziemlich unbekannter Mann namens Ludwig Ehrhard als Direktor dieser Vereinigten Wirtschaftsverwaltung schockierte Volk und Besatzer am 20. Juni 1948 mit der gleichzeitigen Verkündung von Währungsreform und der völligen Aufhebung der Zwangbewirtschaftung. Jeder bekam vierzig deutsche Mark und stand – je nach Temperament – jubelnd oder bedeppert vor den über Nacht gerammelt vollen Schaufenstern. Der Mann mit der Zigarre wurde bewundert, weltweites Echo machte ihn zum Ökonomiehelden und zur Legende. Er genoß das lächelnd und winkend, und außer den verblüfften Kommunisten traute sich niemand, den Geburtsfehler des kommenden neuen Staates beim Namen zu nennen: Alle Bürger sind gleich, doch Warenbesitzer sind gleicher. Was die Proleten in den zweieinhalb Jahren zuvor mit enggeschnalltem Gürtel erarbeitet aber nie in den Geschäften zu sehen bekommen hatten, dafür durften sie jetzt ihr gutes neues Geld hergeben, auf das fünfzehn Prozent der Bevölkerung den ersten, den wichtigsten Schritt in die neue Raffermentalität gehen und sich den uneinholbaren Vorsprung zur gesellschaftlichen Macht sichern konnten.

Der Osten zog mit zwei Tagen Verspätung nach. Im Westen gab es noch zwanzig Mark Nachschlag, der Osten tauschte den beherrschten Arbeitern und Bauern siebzig Mark um. Rudolf, der im Osten wohnte und im Westen arbeitete, bekam zehn Prozent des nächsten Wochenlohnes in Westgeld, den „Rest“ von neunzig Prozent in Ostgeld. Die Konzernmutter Siemens, deren Wille auch für die Klangfilmer Gesetz war, verfügte locker, für einige Wochen werde der zustehende Lohn nur zu achtzig Prozent ausgezahlt, und verschaffte sich auf diese Weise einen zinslosen Millionenkredit von ihren Arbeitern. Die Arbeiter, auf Empfehlung der vereinigten Betriebsräte, stimmten nachträglich „freiwillig“ zu. Wer wollte in solch einem Augenblick die Beschäftigung verlieren?

Die neuen Karten waren gemischt und verteilt, das Spiel lief. Mit atemberaubender Schnelligkeit schlüpfte der vom unbeeinflußbaren Grundgefühl der Menschen gebildete „Geist“ der Bewertung aus der Flasche des realen Verhaltens und ließ sich durch nichts und niemanden abweisen: Eins zu vier!, so lachte und weinte dieser Geist, und die Menschen in dieser Stadt Berlin schauten diesem unerbittlichen Geist der neuen Zeit ins Janusgesicht und weinten und lachten mit. Eins zu vier, so wurde künftig jeder Hammerschlag, jeder Zeichenstrich und jedes gegessene Brötchen bewertet. Die riesigen, wie feurige, fleischfressende Orchideen an allen zentralen Orten entstehenden realen Märkte, Gesundbrunnen, Wedding, Potzdamer Straße, Kantstraße, Schöneberg, Friedenau, Steglitz, sie waren die neuen Gerichtsplätze, auf denen jeder Wunsch sich durch sein Kaufverhalten selber das Urteil sprach: schuldig durch Teilhabe, der Zufall des Wohnsitzes bestimmte das Strafmaß. Beweismittel die verschiedenfarbigen Scheine im Portemonnaie. Die noch unangetastete Freizügigkeit verdeckte die unerbittliche Realität, der Osten war (noch) unsichtbar aber wirksam eingemauert.

Die großen Schachspieler zögerten mit ihren Zügen nicht lange: Währungsreform West, Währungsreform Ost, der aus der Emigration in der gastfreundlichen, deutschfreundlichen Türkei heimgekehrte Ernst Reuter, – er war dort im Exil Professor – gewandelt vom kommunistischen Saulus zum sozialdemokratischen Paulus, darf nicht gesamtberliner Bürgermeister werden, die Sowjets wollen diesen Mann als Stachel in ihrem Fleisch nicht ertragen, der gemeinsame Magistrat in der Parochialstraße zerbricht, die Folge sind zwei Magistrate, die Russen verlassen den gemeinsamen Kontrollrat, nur die Flugsicherung der ehemaligen vier Alliierten bleibt holpernd intakt, Ursachen und Wirkungen sind schon ein Matsch, von niemandem mehr auseinanderzuhalten, da sperren die verblendeten Schachspieler aus dem Osten sämtliche Land- und Wasserwege nach Westberlin. Die großen Spieler wissen nicht, daß sie nicht wissen, was sie tun. Wieder totaler Krieg, doch diesmal sagen die Berliner laut und wirklich freiwillig Nein, anders als dreiundvierzig im Sportpalast, wo die dort versammelten armen Hunde laut und unfreiwillig Ja sagen mußten. Die westalliierten Generäle bestätigen dieses in der Welt unüberhörbare Nein – „Schaut auf diese Stadt“ – und General Lucius D. Clay zeigt mit der Organisation der Luftbrücke, was möglich ist.

Der Osten sperrte Westberlin aus und kapselte sich damit selbst vom gesamtdeutschen Atemholen ab. In Berlin gab es von nun ab schrittweise alles zweifach. Einheitlich blieb nur eines: Die Wut auf die Russen und die Glorifizierung der Amerikaner. Die Amis („unsere Amis“) hatten emotional einfach die besseren Karten (und sichtlich die besseren Nerven). Hauptvorteil im nationalen Seelenhaushalt: Man brauchte nicht mehr nach hinten zu schauen und über den Zweiten Weltkrieg nachzudenken. Diesmal hatte man die richtigen Freunde, stand auf der richtigen Seite der Geschichte, wollte bei den Siegern sein, (wenn nur nicht diese verdammte Atombombe wäre).
Die überwältigenden Wahlsiege der SPD in Westberlin durfte man sich als Ostberliner leider nicht auf die eigene Fahne schreiben. Eine Baskenmütze (Reutermütze) war hierfür nur ein kläglicher Ersatz. Daß das tägliche zweimalige Kreuzen der Sektorengrenze keine manifeste politische Schizophrenie wurde, war nur der festen Anklammerung an westdeutsche Zeitschriften und Zeitungen zu verdanken. Die regelmäßige gedankliche Teilhabe am american way of life in den bequemen Parkettsesseln der westberliner Kinos schien unverzichtbar. Ostversuchungen adäquater Art gab es für Rudolf nicht. Die Vorentscheidung war durch die Arbeitsaufnahme und das Abendstudium in Westberlin schier unverrückbar gefallen. Bei den Wahlen 1950 war er einundzwanzig und durfte mitwählen. Das Wahllokal war unten in dem dreistöckigen Haus am Hultschiner Damm, dessen Anblick ihm siebenundvierzig das erste Anzeichen von Oma Wenzels Lebenswelt gegeben hatte. Gemeinsam gingen sie beide hin und betraten das Wahllokal mit der festen Absicht, die in der Westpresse gegebenen Verhaltensregeln zu beachten (Umschlag für den Stimmzettel verlangen, Wahlkabine aufsuchen, Stimmzettel mit markantem Stift ungültig machen). Obwohl Oma Wenzel die Gesichter hinter den Ausgabe- und Registriertischen und an der Urne kannte, (auch Berlin besteht aus Dörfern), bestanden sie beide auf diesen demokratischen Spielregeln: „Wir hätten gerne einen Umschlag, bitte.“ „Wenn sie darauf bestehen!“

Als sie – erleichtert – das Wahllokal verließen und auf dem breiten Bürgersteig neben den Straßenbahngleisen Richtung Kohllisstraße nach Hause gingen, sagte ein etwa fünfundvierzigjähriger Mann: „Guten Tag Mutter!“ Er hatte ein SED-Abzeichen an seinem Revers. Verblüffung und Verlegenheit bei allen Beteiligten. Rudolf hatte diesen Menschen nie zuvor gesehen. Es war Willys Halbbruder, der Bruder seines Vaters. Mutter und Stiefsohn hatten sich seit dem Krach wegen des Erbteils Anfang der dreißiger Jahre nicht mehr gesehen. Rudolf kannte nicht einmal seinen Namen, (und konnte ihn auch beim Erzählen in meinem Wohnzimmer nicht erinnern). Die Großmutter fragte ihn, wie er durch den Krieg gekommen sei, was er treibe und wovon er lebe. Er war Betriebsleiter in einer Textilfabrik, Omas Branche, erzählte er, Blusenherstellung. Darüber lachten sie beide. Es ginge ihm gut, fügte er hinzu, er könne nicht klagen. „Na, das freut mich für dich.“ Man gab einander die Hand, und jeder ging seiner Wege. Sie hat ihn nicht nach Hause eingeladen.

„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise …“ Siemens begann, bestimmte Betriebsfelder nach Westdeutschland zu verlagern. Siemensstadt trocknete langsam aus. Die so erfolgreiche Tochter Klangfilm sollte organisatorisch ins Mutterhaus zurückkehren, die Fertigungsstätten aber im Schwarzwald neu einrichten. Zunächst Gerüchte, verbunden mit den Ängsten und Überlegungen, geht man mit, soll man hierbleiben, erst das Abendstudium beenden? Mehr Fragen als Antworten. Zunächst zogen einige Klangfilmbereiche nach Siemensstadt um. Es wurde einsam in der Geneststraße. Bevor der Meister S. – der den Rudolf ja mochte – auch nach Siemensstadt ging, – der Klangfilmdirektor beschaffte ihm dort eine kleine, feine Spezialwerkstatt für Versuche, – besorgte der Meister seinem Vorzugsmechaniker eine Feinmechanikerstelle in der hellen, vorbildlichen Werkstatt für die Herstellung von Elektronenmikroskopen in Siemensstadt. Rudolf kehrte damit arbeitstechnisch heim in die wohlgeordnete Welt, die ihm von Telefunken her vertraut war. Wissenschaftlicher Leiter dieser Abteilung war Professor Ruska, ein nobler Mann. Er ließ jeden Mechaniker zu Worte kommen; jeder durfte seine Ideen und Vorstellungen unbefangen einbringen. (Ein paar Jahrzehnte später durfte er sich für seine grundlegende Erfindung mit einem seiner späteren Schüler den Nobelpreis für Physik teilen).

Rudolf kam sofort klar mit den neuen Kollegen und mit der dort herrschenden Arbeitsorganisation; („Gewerkschaftsmitglied?“, „Bin ich“, „In Ordnung“), und auch mit dem jungen, agilen Meister und seinem cleveren Vize. Nach vierzehn Tagen vertrauten sie ihm unter den großen erstaunten Augen der eingesessenen Kollegen eine nagelneue Universalfräsmaschine an, ein Prachtstück der modernen Zeit. Rudolf durfte nach der von der Herstellerfirma besorgten Aufstellung und Einweisung die Zubehörteile auspacken und prüfend in Augenschein nehmen. Nochmals die Gebrauchsanweisungen studieren und die Maschine mit der Herstellung von Bajonett-Anschlußteilen für den neuesten EM-Typ in Betrieb nehmen. Es war eine Pracht, mit solch einem Schlitten zu arbeiten. „An diese Maschine kommt mir kein anderer, nur Sie“, verfügte der Meister. Aber reine Freude währt nicht lange.

Im Osten gab es noch Lebensmittelkarten. Man kam damit aus, trotz manchen Mangels, doch der ließ sich schließlich – prinzipiell, soweit das Westgeld reichte – in Westberlin korrigieren. Einzige unumgängliche Bedingung: Monatliche Bescheinigung des Arbeitgebers. Auf der nächsten Bescheinigung stand nun aber nicht mehr Klangfilm, sondern Siemens. Dies nahm das zuständige Bezirksamt in Mahlsdorf zum Anlaß, zunächst die Großmutter einzubestellen. Alle Erläuterungen (Siemens und Klangfilm seien dasselbe) fruchteten nicht. Rudolf mußte selber vorsprechen, mit gleichem negativen Erfolg. Der Sachbearbeiter redete sich Fusseln an den Mund: Gleichrangige Arbeit gebe es im volkseigenen Betrieb AEG-Oberschöneweide, und statt der Ingenieurschule Gauß winkte gewiß auch ein Studium in Ostberlin, man fördere schließlich jeden aufstiegswilligen und bildungsfähigen Facharbeiter. Daran
solle es doch nicht liegen. Das Gespräch wurde am Ende ein im präzisen sächsisch gestelltes Ultimatum: „Isch gäbe ihnen noch änen Monat, gelle?“

Ein Glück, daß der pingelige Rudolf vor nicht langer Zeit der Großmutter ihren großen Koffer abgeschwatzt hatte. Es war eine mäßige Ausfertigung vom Typ Schrankkoffer: In der Mitte aufklappbar, mit verchromten Stangen für die Bügel, leider war die Rückwand von neugierigen Russen einmal eingetreten worden. Das hatte Rudolf fachmännisch reparieren lassen (im Osten; gegen Ware). Von Westberlin aus wurde der Vater angerufen und unterrichtet. Er bot sofort an, Rudolf könne vorerst bei ihm wohnen (er wohnte nicht mehr in Bad Nauheim, sondern in Wiesbaden und war nun Referent für Systematik des Bundeswarenverzeichnisses bei einer Bundesbehörde, denn seit 1949 gab es die Bundesrepublik, und die Vereinigte Wirtschaftsverwaltung von Trizonesien war seit zwei Jahren passé), und er wolle sich auch um den Zuzug (Familienzusammenführung) und um eine passende Arbeitsstelle und – das Wichtigste! – um einen Interzonenpaß zum Fliegen bemühen.

Es ging alles viel zu schnell, um es begreifen zu können. Immer wenn Bruno seinen Haß auf die von ihm verdammten Kommunisten artikulierte, mußte Rudolf denken, mein Gott, schlimmer als die vom Winde verwehten und in ihre Löcher gekrochenen Nazis sind die jetzigen Bonzen vielleicht auch nicht. Schlimm sind immer nur die, denen Macht anvertraut oder zugefallen ist, und die sich deshalb für Halbgötter halten und nicht mehr hinschauen und nicht mehr zuhören können. Dieser blinde Geier von einem Sachbearbeiter beim Mahlsdorfer Bezirksamt, der jetzt über ihn verfügen und ihm seinen weiteren Berufsweg vorschreiben wollte, den sollte der Teufel holen. Lieber
wollte er im Westen dumm aus der Wäsche schauen, als sich von ihm sagen zu lassen, wo er arbeiten und lernen sollte.

Der Vater reagierte wirklich prompt und gründlich und schrieb, Rudolf möge nur so bald als möglich kommen, das mit dem Zuzug sei schon erledigt, es habe ihn lediglich zwei Flaschen Asbach Uralt für einen alten Skatkumpel gekostet, der Hauptkommissar bei der politischen Sonderkommission der Kripo sei, die man dem Regierungspräsidenten zugeordnet habe. Im gleichen Hause werde auch über Familienzusammenführungen entschieden. Die kostbare Bescheinigung war seinem kurzen, knappen Brief beigefügt, mit dickem runden Amtssiegel und der Unterschrift des Regierungspräsidenten „In Vertretung“.

Der Vater hatte noch angefügt, er habe sich auch mit dem Arbeitsamt in Verbindung gesetzt, in Wiesbaden, am Boseplatz, (schließlich verstehe ich nichts von Deinem Beruf), und sie meinten dort, es werde nicht schwer halten, eine passende Arbeit zu finden. Obwohl Wiesbaden mit einschlägiger Industrie nicht eben gesegnet sei, es wäre schließlich eine Beamtenstadt. Doch die wenigen passenden Firmen, die es dort gebe, suchten durchaus gute Leute. Rudolf könne unbedenklich bei Siemens kündigen.

Der Meister bei Siemens verbarg seine Enttäuschung nicht über den so plötzlichen und unerwarteten Wechsel. Er räumte jedoch ein, jeder müsse und dürfe selbst entscheiden, was er für sich und überhaupt für das Beste halte, und fügte ehrlich hinzu: „In den Westen ginge ich auch, wenn ich könnte, aber ich habe in Spandau ein Häuschen.“ Da Rudolf nur fünf Wochen hier gearbeitet hatte, gab es keine Schwierigkeiten mit der Kündigungsfrist, aber er bekam auch kein Zeugnis, sondern nur eine Arbeitsbescheinigung. Weil er nicht ohne gute Papiere in Wiesbaden antanzen wollte, ging er zu Meister S., dem die dankbare Firma Siemens eine schmucke kleine Prüfwerkstatt mit ein paar Leuten eingerichtet hatte. Der Meister billigte seinen Weggang nicht, sorgte aber über den ehemaligen Klangfilmdirektor, der jetzt wieder zur oberen Siemens-Beamtenschaft gehörte, dafür, daß Rudolf über die letzten vier Jahre ein umfassendes und einwandfreies Klangfilm-Zeugnis ausgestellt bekam.

Am selben Tage noch war zu Hause ein Brief im Kasten, den ihm die Großmutter auf den Schreibtisch gelegt hatte. Poststempel Wiesbaden, Absender Physikalisch-Technische Werkstätten, Professor Doktor H., mit zwei kräftigen Unterschriften (Personalchef K. und Prokuristin „ppa“ Name unleserlich, Anfangsbuchstabe ebenfalls K.), man teilte mit, es sei dringend eine Stelle als Versuchsmechaniker zu besetzen, allerdings sei Eile geboten. Er meldete trotz der Kosten am nächsten Tage auf einem westberliner Postamt zwei Ferngespräche an. Dem Personalchef – einem Berliner! – teilte er mit, er käme umgehend, sobald er den Interzonenpaß habe. Den Vater unterrichtete er, die Behörden in Westberlin machten Schwierigkeiten und wollten ihm keinen Interzonenpaß bewilligen, obgleich er sich pro forma bei der Schwester von Vaters Frau in Westberlin polizeilich angemeldet habe.

Vater rief am nächsten Tag bei Siemens an (die Werkstattschreiberin pikiert: „Gespräch für Sie, aus Westdeutschland!“) und beorderte ihn zur Außenstelle seiner Behörde, die im Schloß Bellevue untergebracht sei. Die könnten vielleicht in Westberlin Druck machen. Wenn das nicht klappe, solle Rudolf zum Reichskanzlerplatz fahren. Dort sei eine englische Dienststelle. Er, der Vater, kenne von seinen Fahrten mit dem abgeschlossenen Militärzug einen Mister Th., der könne ihm dann gewiß weiterhelfen.

Also zuerst zum Schloß Bellevue. Schönes großes Schild mit Bundesadler: Bundesamt für …, Außenstelle Berlin. Der Pförtner war eher ein Butler, verbindlich und abweisend zugleich. Rudolf fühlte sich als Arbeiter. Das hier waren Beamte. Rudolf nannte den Namen, den er vom Vater wußte. Der Pförtner schickte ihn in den ersten Stock. Eine teppichbelegte Freitreppe, unglaublich. Er mußte sich zwicken, um sich klar zu machen, es hatte
tatsächlich den Zweiten Weltkrieg gegeben. Er klopfte an die schöne Kassettentür, neben der ein nüchternes Schild unter Glas in Normschrift besagte: „Referat III, Vorzimmer“. Als keine Antwort kam, trat er ein. Aktenschränke, ein Schreibtisch, abgewinkelt ein kleinerer Tisch mit Schreibmaschine, eine Continental, eingespannt ein weißer Bogen, die Typistin muß eben hier noch gesessen haben. Eine angelehnte Tür gleicher Güte zu einem zweiten Raum, leise Stimmen. Rudolf klopfte noch einmal, jetzt sagte jemand, eine Frauenstimme: „Ja was ist denn …“, Rudolf drückte die Tür auf und sagte artig: „Guten Tag.“

Es war ein schöner Raum. Ein großer Schreibtisch, sehr groß, ein Teppich, beige Stores mit Schlaufen seitlich der Fenster. Am Schreibtisch, halb angelehnt, halb auf der Kante sitzend ein elegant gekleideter Herr, in der Rechten eine Nagelfeile, die linke Hand in der typischen Haltung, Handfläche nach oben, wie man sie hält, wenn eine Nagelfeile Sinn machen soll. Vor dem Herrn zwei Damen, und zwei Ledersessel, eine Dame im Sessel sitzend, die andere auf der Lehne des anderen Sessels. Der Herr schaute ein wenig blasiert und gelangweilt, aber nicht unfreundlich, die Damen blickten eher ungehalten, offensichtlich weil ihre Plauderei unterbrochen worden war. Nachdem Rudolf den Namen des Vaters genannt hatte, leuchteten alle Gesichter verständnisvoll auf: „Ach Sie sind das“, und die ältere der beiden Damen, die im Sessel saß und sitzen geblieben war, sagte im halbfamiliären Ton, bei dem offen blieb, ob sie damit Rudolf oder die beiden anderen Herrschaften ansprach: „Ich wußte gar nicht, daß der Willy einen so großen und stattlichen Sohn hat.“ Man lächelte.

Die Damen verließen das Zimmer so, als gingen sie an ihre Arbeit, obgleich sie doch jetzt ein herrliches Plauderthema hatten. Der Herr stellte sich vor und bat Rudolf, doch bitte Platz zu nehmen. In der Sache gab es leider eine Enttäuschung. Man habe auf den Anruf des Vaters hin herumtelefoniert. Leider sei man mit der Bitte um Ausstellung eines Interzonenpasses nicht durchgedrungen. Es gebe zu viele Flüchtlinge in Westberlin, und die Behörden hier seien mißtrauisch und auch überlastet. Rudolf bedankte für die gemachte
Mühe und verabschiedete sich. Im Vorzimmer saß die Jüngere an der Schreibmaschine und bestellte „Schöne Grüße an Ihren Vater“, Rudolf dankte auch dafür.

Am Reichskanzlerplatz ein großes, graues Haus, wie eine Konzernzentrale, an dem der Krieg auch ziemlich spurlos vorübergegangen zu sein schien. Es war wohl heute sein Vorkriegserinnerungstag. Man mußte sich wundern, wie doch der größte Trümmerplatz Europas, wenn man nur richtig selektierte und sich an die passenden Adressen hielt, immer noch Stücke und Teile vom ehemaligen Hauptstadtglanz zu bieten hatte. Vielleicht hatten die Bomben auch eine seltsame, schwer erklärbare Vorliebe für östliche Arbeiterviertel gehabt. Ein Blick auf die Hausnummer: Hier war er richtig, doch vor dem Eingang stand ein Posten, der schaute ihn, den Zivilisten, neugierig an und fragte: „May I help you?“ Rudolf zeigte ihm einen Zettel mit dem Namen von Vaters Bekannten. Der Post hieß ihn warten und ging ans Telefon. Ergebnis: Rudolf sollte warten, er werde abgeholt. Was der Posten genau sagte, hatte Rudolf zwar nicht vollständig verstanden, doch der freundliche Engländer hatte sich durch gleichzeitig sprechende Gesten verständlich gemacht und ihm in seiner Wachstube einen Stuhl angeboten.

Ein Zivilist, der deutsch sprach, holte Rudolf vom Tor ab und brachte ihn über einen langen Flur in einem der oberen Stockwerke in einen nüchternen Büroraum. Die Verbindungstüren zu den benachbarten Räumen standen alle offen, man hörte ruhige, geschäftsmäßige Stimmen reden, selbstverständlich englisch. Aus den linken Nebenraum kam ein Zivilist in Vaters Alter und stellte sich vor: „Ich heiße Th.“. Er beruhigte Rudolf sofort mit der informativen Mitteilung, daß er hier den Interzonenpaß bekäme, (einen für das „alliierte Personal“, in rosa, statt den üblichen weißen). Er, der Herr Th., bekäme den Paß aber nur ausgestellt und unterschrieben, wenn Rudolf sich zuvor ein wenig mit dem zuständigen Kollegen von Sicherheitsdienst unterhalte, eine reine Formsache. Der Name des Kollegen spiele keine Rolle, Rudolf solle einfach dessen Fragen beantworten. Dann brachte er Rudolf in ein nahegelegenes anderes Zimmer, das so kahl war wie sein eigenes.

Der Kollege dort trug Uniform. Hatte Sterne auf den Schulterklappen und sprach ebenfalls deutsch, um nicht zu sagen: er berlinerte! Er wollte wissen, wo Rudolf gearbeitet hatte. Das war schnell gesagt. Er wollte weiter wissen, wo Rudolf im Osten wohne und was genau die ostberliner Behörde von ihm verlangt beziehungsweise was sie ihm als Arbeitsstelle angeboten hatte. „Und jetzt wollen sie zu ihrem Vater in die amerikanische Zone?“, genau, aber da war noch zu erklären, warum Vater und Sohn verschiedene Namen trügen. Auch dies war leicht und einfach plausibel zu machen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Mein Vorschlag: Fliegen Sie lieber, o.k.?“ Dagegen war nichts einzuwenden. Rudolf verabschiedete sich, mußte aber warten, bis der telefonisch verständigte Mr. Th. Ihn wieder zurückholte. Der gab ihm dann den begehrten orangefarbenen Interzonenpaß mit der Aufschrift: „For british military and zivilian personal only“ und Mr. Th. Meinte lächelnd: „Das geht schon in Ordnung. Niemand wird das kontrollieren oder beanstanden. (Neun Jahre später, Rudolf war technischer Beamter mit Laufbahnprüfung bei einer Länderverwaltung und hatte sich zu einer Bundesbehörde nach Koblenz versetzen lassen, da tat sich der Controller des Abschirmdienstes bei der Routineüberprüfung des Sicherheitsstatus sehr schwer, diese einfache Geschichte nachzuvollziehen, denn sie trug nach seinem Lebensverständnis zu viele lückenlos passende Züge für ein subversives Geschehen und er murmelte nur: „Man lernt halt immer noch dazu.“

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 69

– LXIX –

In letzter Zeit erzählt Rudolf mir mehr als jemals zuvor von sich, und er sagt auch ungefragt, was ihn dazu bewegt: „Weißt Du, vielleicht muß ich mich beeilen, schließlich werde ich jetzt siebzig. Die Großväter habe ich dann schon überrundet. Man weiß doch nie, wann es einen erwischt.“ Den Hinweis auf seinen Vater will er nicht gelten lassen, obgleich der fast vierundachtzig Jahre alt geworden war. Mir soll dieser momentane Erzähleifer nur recht sein, auch wenn ich manchmal mit dem Aufschreiben, wenn er wieder weg ist, gar nicht mehr mitkomme. Diese Notizen sollen zu seinem Siebzigsten schön gebunden auf dem Geburtstagstisch liegen, als Beweis gegen seine so leichthin geäußerte These, sein Leben gehöre zur Kategorie „Fallhöhe Null“ und gebe nichts her.

Wenn er nicht im letzten Dezember zufällig im Fernsehen diese Pfarrerin Elisabeth mit ihrem Wort zum Sonntag gesehen, gehört und angerufen hätte, wer weiß, ob er mir jemals die Fülle dieser Einzelheiten anvertraut haben würde, denn am Stammtisch, freitags nach dem Singen, – wir proben jede Woche einmal – gibt er immer nur die Bruchstücke preis, die sich aus Anlaß der sprunghaft wechselnden Gesprächsthemen gerade so ergeben und einfügen lassen in das allgemeine Palaver. Zu den eifrigsten Erzählern gehört er in dieser Runde keineswegs. Durch seine fixe Idee, er könnte dieser Pfarrerin sein Leben erzählen, hat sich diese Erinnerungslawine in ihm mit Macht gelöst und geht nun zu Tal. „Sie hat so schön zugehört am Telefon; und sie hatte eine so zu Herzen gehende, einladende Stimme“, schwärmt er jedesmal, wenn er mich besucht und dann bei mir ins Erzählen kommt. Er glaubt wie ein Kind immer noch, sie habe in ihrem Beruf so schrecklich viel zu tun, werde sich aber, wenn es einmal ihre Zeit zuläßt, doch noch bei ihm melden. Auf seinen spontanen ersten Brief – er hatte ihr zum Dank für das ihn so erlösende Telefongespräch auch ein kleines Büchlein geschickt – bekam er ja von ihr eine fromme Weihnachtspostkarte in einem Umschlag. Prompt hat er ihr noch einmal geschrieben und ihr sogar einige von seinen Gedichten geschickt, sorgfältig ausgesucht, damit sie auch zu ihr passen mögen. Bis heute wartet er nun auf eine Antwort darauf. Wer weiß, wie viele Briefe und Karten und Anrufe diese Frau bekommt, wenn sie im Fernsehen gepredigt hat. Da hätte sie viel zu tun, wenn sie allen antworten wollte. Vor kurzen habe ich selber eine Elisabeth das Wort zum Sonntag sprechen sehen, sie blenden doch immer zum Schluß kurz den Namen ein, weiß aber nicht, ob dies dieselbe Elisa war, denn den Nachnamen will Rudolf nicht preisgeben. Diese Frau sprach diesmal – wenn sie es denn war – aus Anlaß des schrecklichen Unglücks, das niemanden wegen der schockierenden Bilder unberührt lassen konnte. (Mein Gott, sie sollten so etwas nicht zeigen; aus allem Unglück machen sie im Fernsehen heuchlerisch unter dem Vorwand der Informationspflicht so leichthin ihr falsch verstandenes reality television). Diese Elisabeth hat aber, das muß man sagen, diesem schier unmenschlichen Ereignisdruck vor der Kamera auf beeindruckende Weise standgehalten. Es sind am Ende wohl doch immer wieder die Frauen, die dem Entsetzen des Lebens halbwegs gewachsen sind.

Vor gut einer Stunde war Rudolf hier und hat mit geheimnisvollem Gesicht ein Schüsselchen Johannisbeeren gebracht, „selbst gepflückt“. Ich mache mir zwar nicht allzu viel aus diesen roten und weißen Säuerlingen, man weiß nie recht, wie man sie ohne Massen an Zucker essen soll. Doch Rudolfs bedeutungsvolles Getue ließ auf die Fortsetzung seiner Geschichte hoffen, und kränken wollte ich ihn auf keinen Fall, ist er doch der Mensch von den im Grunde fremden, der mir tatsächlich durch sein Wesen und durch das mir dargebrachte Vertrauen ziemlich nahesteht. „Weißt Du, daß diese Beeren der kräftigste Auslöser für mich sind, um durch ihren Anblick, durch ihren Geruch und ihren Geschmack das Bild des Gartens meiner Großmutter unwiderstehlich und mit wünschenswerten Deutlichkeit in mir wachrufen? Er schwieg versonnen, schaute gedankenvoll wohl wieder aus dem Verandafenster des Wohnzimmers in der Kohlisstraße hinaus, über die Terrasse hinweg, den halbmeterhohen Absatz hinunter ins sommerliche Farbenspiel aus viel Grün und Rot und Gelb und Blau und Weiß. Rechts stand die stolze Reihe der sorgfältig hochgebundenen und beschnittenen Stachelbeer- und Johannisbeersträucher. Ungestraft durfte man im Vorbeigehen welche Pflücken, um sie zu kosten. Als Willy, der beeindruckende Erzeuger-Pappa-Papaa mit Frau und bezauberndem Kind wieder abgereist war, hatte er zweierlei hinterlassen und einiges Mitgenommen, solcherart eine reale Lücke erzeugend. Er hatte nämlich mit seinem unwiderstehlichen Charme seine Mutter beschwatzt, ihm doch die Kommode aus dem Eßzimmer und die beiden Vitrinen, die rechts und links die Anrichte flankierten, für seine eigene Einrichtung in Wiesbaden zu überlassen. Die Anrichte sei doch mit den beiden verglasten Schränken auf beiden Seiten viel zu wuchtig und nicht mehr zeitgemäß. Bei ihm sollten die Vitrinen, nebeneinandergestellt, einen geschmackvollen Bücherschrank abgeben. Die Großmutter, wie nicht anders zu erwarten, stimmte zu und schien noch froh zu sein, dem Sohn eine Freude zu bereiten. Um objektiv zu sein, gab Rudolf unumwunden vor sich selber zu, die Anrichte sah so verkleinert tatsächlich viel ansprechender aus.

Soviel zu den hinterlassenen Lücken. Doch beim hinterlassenen Zweierlei handelte es sich um anderes, um nichts Greifbares, gleichwohl wog es in Rudolfs Gedankenhaushalt ziemlich schwer, zumindest eines davon. Willy hatte
das Pappa-Papaa-Gestottere mit dem kurzen Satz weggewischt: „Nenn mich doch einfach und gut deutsch Vater.“ Nun gut, man gewöhnt sich an alles. Schwerwiegender war die unerwartete Frage, mit der er seinen ihm doch völlig unbekannten und unvertrauten Sohn konfrontierte: „Sag mal, hast du schon mit Frauen geschlafen?“

Bei Regen war er gekommen, bei Schnee wieder abgereist. Die abgeschwatzten Möbel hatte er umgehend durch einen Bekannten abholen lassen, der zusichern konnte, weil er mit den Russen und den Alliierten kungelte, sie wohlbehalten nach Wiesbaden zu bringen. Zonengrenze hin, Interzonenabkommen her, wo ein Willy ist, da auch ein Weg.

Rudolf schaute hinaus ins wirbelnde, wallende, wogende Weiß. Der turbulente Wind machte es den Flocken schwer, vom Himmel auf die Erde zu gelangen. Doch man konnte es am sich langsam bedeckenden Boden absehen: Die Schwerkraft bleibt in dieser Welt am Ende doch der Sieger. Rudolfs Gedanken wirbelten ähnlich ruhelos und zielverloren durcheinander. Mit Frauen geschlafen! Warum gleich dieser Plural? Halbwegs keß und möglichst flott hatte er geantwortet: „Klar, beim Militär“, aber den richtigen Ton dafür hatte er offensichtlich nicht getroffen, das hörte sein wacher Verstand sofort selber heraus. Der ruppige Frager ließ dann doch überraschenden Takt walten und seine Hammerfrage auf sich beruhen. Sein Teil wird er sich gedacht haben.

Die Erwachsenen spielen bei der Erziehung ihres Nachwuchses unhaltbar lange den keuschen Josef, bestehen nachdrücklich auf dem Klapperstorch, erklären einem reineweg gar nichts, und hopdipop verhalten sie sich so, als gehöre man schon zum Klub. Die Kinder kommen aus dem Mund, hatte die Frau Pohlmann aus der Lichtenberger Straße ohne rot zu werden ihm, dem Neunjährigen Frager, erklärt, als sie an seinen Fragen spürte, mit dem Storch sei es nicht mehr getan. Mit dieser Weisheit hatte er sich dann auf der Straße, als er mitreden wollte, den denkbar vernichtendsten Auslacher seiner zarten Jugendjahre eingehandelt, was eine tiefe Vertrauenskrise gegenüber allen Älteren auslöste. Mit dreizehn schaute er dumm aus der Wäsche, als der Werner aus Nummer zwei mit seinem Mädchen – man war zu dritt auf dem Weg ins Kino – in der Straußberger Straße mal kurz hinter einer Haustüre verschwand und postwendend, geradezu fluchtartig mit ihr wieder herauskam, er sichtlich verlegen und sie mit einem hochroten Kopf. Hinter den beiden ein polternder Hauswart: „Raus hier, wir sind doch hier kein Phosenhaus!“ Er wagte nicht zu fragen, schon des Mädchens wegen nicht, fragte jetzt nicht und auch später keinen, selber tastend kombinierend und sich das plausible Gedankenergebnis zurechtrechnend, welche Sorte Haus gemeint gewesen sein könnte. Wie hieß die oft zitierte Straße hinter dem Alex? Lassen wir das. Werner und sein Mädchen – Werner war ein Jahr älter als Rudolf – „die gehen miteinander“, hieß es lakonisch. Gut, so viel war deutlich, nur „gehen“ werden sie wohl nicht. Etwas später hieß es: „Die haben was miteinander“, und man fragte sich, aus dem Gedankennebel ins Helle des Verstehenkönnens strebend, was genau sie denn nun miteinander hätten. Der gängige und für die Verständigung unter männlichen Gesprächsteilnehmern erforderliche und – naturgemäß? – doch ziemlich ruppige Sprachschatz wurde nun beim Militär tatsächlich mit brutaler Eindeutigkeit vervollständigt und auf den neuesten Stand gebracht, sofern es auf diesem Tummelplatz der artikulierten Zumutungen überhaupt – seit der Steinzeit oder gar seit der Einführung des aufrechten Gangs – neues geben konnte.

Zwischen den unfreiwilligen Aufenthalten in Bad Ischl und der Salzburger Kaserne hatte es noch drei oder vier Tage auf einer blanken Wiese am Rande eines Wäldchens in schönster österreichischer Landschaft gegeben, unmittelbar neben einem romantisch murmelnden Bach. Rudi und Rudolf, sie hatten ihr Viererzelt nun doch aufgebaut und zwei arme unbedeckte Landser großzügig mit aufgenommen, weil es ausnahmsweise in diesem ersten schönen Friedensmai drei von diesen vier Tagen salzburgisch andauernd „“Schnürl“ regnete. Also lag man reglos im Zelt unter der pitschnassen Zeltbahn, sich sorgfältig hütend, die vollgesogene und dennoch überraschend dicht haltenden Stoffflächen nicht zu berühren, um unangenehmes Herabtropfen zu vermeiden. Thema eins war zwar das Essen, weil man Hunger hatte, doch die trostreichste Ablenkung, nachdem alle erdenklichen Kochzauberrezepte der jeweiligen Mütter oder Ehefrauen durchgehechelt worden waren, war dann eben Thema zwei. Der Unteroffizier Rudolf, den er Rudi nennen sollte, sein damaliger Ersatzvater, setzte trotz der angeblichen kommißbedingten Zuchtlosigkeit einfühlend voraus, er sei eben noch nicht bei einer Frau in die Lehre gegangen. Auch die zwei Untermieter im Zelt, die noch älter waren als der acht Jahre ältere Rudi, setzten ihm nicht mit dummen Sprüchen zu. Man sprach freimütig – nicht so freimütig wie Frauen untereinander, wie er spätestens bei Klangfilm lernte, – übers Vögeln. Man gab auch gute und weniger gute Ratschläge, dennoch ließen sich Rudis Unterweisungen zusammenfassen in die genau an einer Hand abzuzählenden Regeln: Sauberkeit, Geduld, Takt, Phantasie und Einfühlungsvermögen. Resümee: Es ist immer dasselbe, und doch jedesmal anders, und alles etwa Versäumte ließe sich mit etwas Glück in einer einzigen Nacht nachholen. Und Rudi setzte ohne Anklang von Spott noch einen oben drauf mit dem Bekenntnis: „Frauen machen irrsinnigen Spaß, doch Bücher sind bedeutend interessanter.“ Und da kommt dieser richtige Vater unbedarft-bedarft daher und sagt in einem Atemzug „Frauen“ im Plural und „geschlafen“. Wieviel Bücher und welche er schon gelesen habe, das fragt er ihn nicht (dieser von sich eingenommene und eingebildete „Heini!“) Eigentlich, denkt sich Rudolf, eigentlich kann er mir gestohlen bleiben. Jeder zappelt schließlich im eigenen Gedanken-Erfahrungs-Kombinations-Netz. Der Kerl kommt daher, stellt freche, taktlose Fragen, ohne die geringste gesprochene Anwärmzeit, setzt Vertrauensfrüchte voraus, ohne gesät und gepflanzt zu haben. Der kennt doch in meinem Netz die Maschen gar nicht. Was weiß der vom tiefen Blick am Orankesee? Er war doch nicht dabei, als der Neunjährige an einem brühheißen Sommertag, bekleidet nur mit einer Turnhose, mit dem Silberpfeil, einem Modellrennauto, am Bordstein spielend, plötzlich pinkeln muß. Der erhitzte Knabe geht absichtslos, wenn auch zielstrebig, aufs Treppenklo im zweiten Stock, sitzt gedankenverloren und wartet, ob noch etwas zu erledigen sei, nein, er schlenkert, bevor er seine Turnhose wieder hochzieht, den kleinen Piepel ab, damit der unvermeidliche Tropfen sich löse und später nicht in die Hose gehe, schaut genaugenommen zum allerersten Male richtig hin – Sonnenschein durchs schmale Klofenster, das angenehm warme Holz des breiten Klositzes, eingeschlossen und abgeschlossen von aller Aufdringlichkeit der Welt, brütende Mittagshitze des Fauns – er betrachtet sich diese vorn so komisch zusammengeschnurrte Vorhaut und denkt, was mag dahinter und darunter sein? Beim Wettpinkeln abends um acht auf der Straße, wenn alle Erwachsenen verschwunden und man mit seinen Keckheiten in der Clique allein war, drückte man vorne kräftig zu und versuchte, mit dem solcherart erhöhten Druck soweit als möglich im Bogen zu strahlen. Man wußte, da guckt nur ein Köpfchen raus, doch wie weit darf man denn an der natürlichen Verkleidung ziehen, bis etwas passiert? Der wahrhaft keusche Knabe dachte mit unbändigem Forscherdrang, mag mich der Teufel holen, jetzt will ich’s wissen! Er zog und zog und zog, und siehe da: statt der erwarteten, statt der befürchteten „offenen Wunde“ oder was sonst auch immer hätte geschehen können, es erwies sich alles als eine präzise, sorgfältige, geradezu verblüffende, wenn nicht gar geniale Konstruktion, die sich die Evolution da so vor sich variierend und probierend ausgedacht hatte. Er erkannte tief befriedigt, – ohne tatsächlich nach einer Befriedigung, von der ihm noch keineswegs etwas schwante, zu streben – auf die große Mutter Natur ist eben Verlaß. Die belügt einen nicht. Und dieser Vater kommt daher … Er war doch auch zwei Jahre später nicht dabei, an diesem Sonntag vor dem großen Spiegel in der Stube beim Anziehen der wöchentlich zu wechselnden neuen Unterwäsche. Die Sommerstunde auf dem Klo im Gedächtnis, signalisierte der Körper urplötzlich in klarer, eindeutiger und dennoch völlig undurchschaubarer Sprache: Nicht nur zurück, mein Lieber, nein, mit edler Neugier („Zwar weiß ich viel …) hin und her und … schneller bitte, noch schneller … was ist das denn? Wie soll man dabei aufhören wollen? Herrgott ist das schön! Ach du meine Güte, was soll das denn nun? Wenn jetzt einer reinkommt, Oma und Opa sitzen beim zweiten Frühstück in der Küche, dann stehste ganz schön bekleckert da. Der schöne Spiegel, wie der aussieht, einmal und nie wieder.

Und wer vermöchte sich ohne gemischte Gefühle an den Kuß im Splittergraben im Bombenhagel erinnern, eine Situation, die für andere, die man kannte, tödlich ausging, obwohl das Küssen und die Bomben nun absolut nichts miteinander zu tun hatten. Profanitätsekel wegen der „Pariser“-Flaxerei des grobklötzigen Haupttruppführers beim RAD. Die widerlichen Stubengenossen, die besoffen mit beschmierten und rot geränderten Hosenschlitzen vom Ausgangsausflug in die Kaserne in Unna zurückkehrten. Das Leben hat gewiß üble Seiten, aber selber übel ist es mit Gewißheit nicht. Wie liebevoll besorgt und bekümmert waren die Zeichnermädchen aus der Lehrwerkstatt, als Rudolf sich etwas beklommen zu den Preußen hin verabschiedete. Wie betoniert im unangezweifelten gegenseitigen Vertrauen war die nächtliche Fahrt mit dem weiblichen Schutzengel im Bremserhäuschen des Güterzuges von Dessau nach Berlin. Und welch milde Wärme und Geborgenheit, gegenseitige Anregung, Frage- und Antwortfreudigkeit, gemeinsames Schweigen im Wortreichtum der Sprache und im Klangreichtum der Musik hat das Biedermeierzimmer erlebt. Die Biedermeierfee war eine richtige, leibhaftige Frau, zurückgehalten nicht nur von ihrem Altersvorsprung, gewiß auch immer zögernd durch den Nachhall der miterlebten Erschütterungen bei der Ankunft des Verhängnisses, das unsere gemeinsame Heimatstadt mindestens zehn Tage lang überflutete. Die Götter werden wissen, was sie sich manchmal gewünscht haben mochte, doch sie hat sich nicht erlaubt, den zögernden Burschen zu bedrängen. Was sonst noch alles gehört als tragende Masche in dieses unzerreißbare Netz des persönlichen Geschicks. Verklemmt ist dieser Rudolf keineswegs, alles andere als so etwas. Er kann „schnurren“ mit der kleinen Elisabeth, er kann „fachsimpeln“ mit der weiblichen Konkurrenz im Abendseminar, er amüsiert sich „wie Bolle“ mit den heiß tanzenden Damen bei der Klangfilm-Weihnachtsfeier, und er genießt das Herzklopfen, wenn Fräulein Adler sich schnippisch in den Nahbereich wagt. Nur die Ruhe („und denn mit’nen Ruck“, pflegt seine Mutter zu sagen). Der Ruck wird näherrücken, das ist gewiß.

Rudolf schaute noch immer durch das Terrassenfenster hinaus, doch wohin? Was konnten seine Augen ans Gehirn melden? Der Wind hatte sich vollkommen gelegt. Kein Lüftchen rührte sich. Die Flocken waren kleiner geworden und dichter, gewiß war das Thermometer gefallen. Dort draußen war alles nur noch eine weiße Fläche. Langsam bewegten sich die Miniflöckchen in ungezählten parallelen Linien, dicht bei dicht, immer den allgegenwärtigen Schwerkraftlinien treulich folgend, langsam, ganz langsam von oben nach unten, vom oberen Fensterrand zum unteren Fensterrand, man sah es kaum noch, ahnte es mehr, als man es erkennen konnte, das Schulwissen sagte einem: sie fallen, fallen, fallen stetig, unaufhaltsam, ein Bild der Windstille, der optische Eindruck verlor die Fixierung, der Signalstrom ins Bewußtsein ebbte ab, weißes Nichts aus weißem Etwas, auf der Netzhaut alles umgekehrt, von unten nach oben, alles bedeutungslos, der Gartenraum in der weißen Fläche verschwunden, dimensionslos, koordinatenfrei, zeitloses Jetzt als bewußte Bewußtlosigkeit, wachendes Schlafen, Träumen ohne Halt, von Frauen, von der Liebe, von sich, vom Glück.

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 68

– LXVIII –

Wann wird er kommen, der Langerwartete, der Kronensohn (wenn Großmutter hofft), der Mann aller Männer (wenn sich die Mutter erkundigt), der unersättliche Kostgänger seiner Mutter (wenn die Frau H. flüstert), der liebe Vati (wenn sein Sohn aus erster Ehe dazwischenredet), der Ist-mir-gleichgültig (wenn sich die nahebei wohnende Geschiedene zu Wort meldet), der interessante und bemerkenswerte Stelleninhaber (wenn die verwaltungserfahrene Amtsbibliothekarin in ihrem Biedermeierzimmer zu Geduld und Entgegenkommen rät), der Hat-eine-Chance-verdient (wenn der Stiefvater sich in die Lage des „Echten“ versetzt), der Freu-dich-doch-auf-den (wenn die kleine Elisabeth, die den Vater im Krieg verloren hat, morgens in der S-Bahn schnurrt), der noch immer ohne vertraute, von Innen kommende Anrede sich in Rudolfs schwankenden Gedanken apostrophieren lassen muß: Vater!, das geht nicht, so nennt er ja den Onkel Bruno seit dem gewissen Brief vom Eismeer; einfach kumpelhaft Willy!, so munter wagt er sich das unbekannte Verhältnis zu ihm keineswegs auszumalen; das jugendamtliche und amtsvormundschaftliche Erzeuger!, so papieren mag man ihn schriftlich und hinter seinem Rücken be-reden, aber an-reden?; mein Alter!, so kann man die Kollegen berichtsweise abspeisen, doch von Angesicht zu Angesicht?; dann eben quasi-vornehm PAPA!, doch der Kontext-Teufel steckt im Detail der verschiedenen möglichen Betonungen, in der Sprechmodulation, im Ausspracherhythmus, im Nachdruck, im Akzent: germanisch-berlinisch „Pappa“ oder welsch-korrekt „papaa“? (verdammt, wie sprechen denn die Franzosen?); am besten, er wäre schon wieder fort.

Seit Rudolf zur Tanzschule geht, – war Oma Wenzels Idee: „Junge, ich bezahl Dir den Kurs“ – erscheinen in seinen Tagträumen viel öfter als zuvor weibliche Gesichter mit fragenden, fragwürdigen, merkwürdigen, rätselhaften Augen. In der Tanzschule Behr am Alexanderplatz profanisieren sich derartige Gefühlsverwirrungen leicht dadurch, daß man den hexenäugigen Damen ungewollt und tölpelhaft im Zuge der unvertrauten Bewegungsabläufe auf ihre Füßchen tritt. Sie quittieren solche peinlichen Flegeleien entweder mit „Nun passen Sie doch auf!“, (wenn man sie nicht kennt), oder mit einem gehauchten Zischen: „Mensch paß doch uff, Du Ochse!“ (wenn man zur Klique gehört).

Der Brand im Kaufhaus Tietz, der Brand des UfA-Palastes, der Artilleriebeschuß beim Einmarsch, nichts hatte der altehrwürdigen Tanzschule Behr am Alex als Institution etwas anhaben können, nur ihren Fensterscheiben. Doch die waren inzwischen wieder eingesetzt. Geschäftsleute helfen sich untereinander, wenn sie nicht derselben Branche angehören. Das unscheinbare Haus, worin die Tanzschule im ersten Stock ihr Büro, den großen Saal und die nach Geschlechtern getrennten Garderoben hatte, stand wie eine vergessene Riesenschachtel inmitten der Trümmervierecke. Das zusammengestürzte Nebenhaus hatte die Brandmauer freigelegt, und dort, im obersten Teil stand in großen schwarzen Lettern der seit vielleicht zwei Generationen vergessene Schriftzug: TANZSCHULE BEHR. Wer vom S-Bahnhof her kam, schaute direkt drauf.

Tanzunterricht war für Rudolfs Anfängerkurs in den Standardtänzen am Samstagnachmittag um vier Uhr. Wenn die Damen aus der Garderobe kamen, mußte man staunen, wie bunt und pfiffig ihre Kleidchen waren. Den totalen Krieg mit seinen üblen Verboten und Einschränkungen ließen diese Kleider weit hinter sich zurück. Nüchtern und realistisch, wie er war oder wie er meinte, zu sein, fragte er sich verwundert und verblüfft, wie mühelos alle diese Mädchen das paradoxe Verhalten bewältigten: auf gleiche Weise gefallen zu wollen und dabei umgotteswillen mit keiner anderen konkurrierenderweise verwechselt zu werden. Sie taxierten offensichtlich und kühl die meistenteils unbeholfenen Jünglinge, die hier die Männerrolle zu üben übernommen hatten, doch vielmehr taxierten sie sich, bei allem heiteren Geplauder, unbestechlich untereinander: Schnitt, Rocklänge, lange oder kurze Ärmel, loser Gürtel oder enge Taille, Kragen oder Ausschnitt, Schuhe und Frisur, alles wurde gehandhabt wie bei einer Armee die Waffen. Die „Herren“ dagegen hatten nur zu beachten, die Minimalforderungen zu erfüllen, die vorrangig die Tanzschule selber vorschrieb, den viel schwerer einzuschätzenden Anforderungen der teilnehmenden Weiblichkeit sozusagen institutionaliert zuvorkommend: Oberhemd mit Krawatte, geputzte Schuhe und saubere Fingernägel. Dazu ein deutlicher Hauch von Seife; es durfte Kernseife sein.

Neben dem großzügig gewährten Geld für den Tanzkurs hatte die freundliche Großmutter noch eine kleine Klausel an ihren Schenkvertrag angefügt – umsonst ist der Tod, sagt der Volksmund – Rudolf mußte seine wenig vorteilhaft gebaute Cousine (Adoptivkind von Großmutters Schwester) als Kursbegleiterin akzeptieren und mit ihr gemeinsam in die Tanzstunde gehen. Er verstand sich gut mit ihr, man konnte gut mit ihr plaudern und über vieles reden, sie war klug und vorurteilsfrei, jedenfalls was Politik anbelangte, dogmatisch war sie nur, wenn sie über Astrologie referierte – Rudolf, der immanenzbesessene Skeptiker hielt sich da raus – doch sie war eben, ohne Liebe gesagt, ein Trampel, und sie war ein unvorteilhaft gekleideter Klotz am Bein eines jungen Mannes, der die verwirrenden Reize unbekannter Körperlichkeit ahnend zu schätzen versuchte. Rudolf hätte zu gern einmal Fräulein Adler nach Hause gebracht, doch die konnte spitz und vernichtend sagen: „Müssen Sie sich nicht um ihre hübsche Cousine kümmern?“

An manchen Tagen geht alles schief. Ein Unglück kommt selten allein und unverhofft kommt oft. An einem gewissen Samstag konnte die besagte Cousine nicht zum Tanzen erscheinen, eine Annäherung an Fräulein Adler rückte dadurch rasant in den Bereich des Möglichen, allerdings regnete es diesen Nachmittag so unverschämt heftig, man kam schon übel derangiert – nasser Mantel, nasse Hosenbeine – in der Garderobe an, und dann die Enttäuschung: Fräulein Adler war ebenfalls nicht erschienen. Das Eins-zwei-Wechsel beim Slow-Fox und das langgezogene Aaiins-zwei-drei beim langsamen Walzer wollte übler wenn auch undurchschaubarer Kausalität halber diesen Tag partout nicht klappen. So ging man etwas muffig gesonnen zum Bahnhof, natürlich fiel ein Zug aus, man fror im Durchzug der noch weitgehend unverglasten Bahnhofshalle am Alex, endlich der Zug nach Erkner, wer sitzt drin: Ein liebliches Mädchen, bekannt von der Abendschule, sie lächelt, man weiß, wie weit sie fahren muß, kurzes Nicken, man setzt sich neben sie, bloß jetzt keine Fachsimpelei, nein, sie hat gelesen, hat das Buch ja noch in der Hand, ein Buch ist immer gut, was ist es denn?, aha, Gedichte von Rilke, etwa der beliebte-beredete-berüchtigte Kornett?, nein, auch nicht das klagend-schwere „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?, mehr in der Richtung des munter sich drehenden Karussels mit dem „und ab und zu ein kleiner weißer Elephant“? Das kann ja heiter werden, wurde es aber nicht, denn „könnten wir nicht in Köpenick zusammen ins Kino gehen?“ scheiterte am „wir könnten, aber leider muß ich heute abend pünktlich zu Hause sein, bin eh schon zu spät dran“. Zum Glück und Trost folgte: „Kannst mich aber bis vor die Tür bringen, willste?“ Klar, solche Umwege können Geschenkcharakter haben, können, müssen aber nicht. Im Kontingenzraum der Zweigeschlechtlichkeit macht Gelegenheit zwar Diebe, doch Töchter haben Väter, und der ihre kam just in dem Moment zur Haustüre heraus, als Rudolf sicher war, sie hätte sich küssen lassen. Rilke als Seelenmasseur ist nicht zu unterschätzen, doch väterliches Mißtrauen eben auch nicht. Die beiden verabschiedeten sich unverrichteter Lieblichkeiten. Als Rudolf die drei Straßenbahnstationen am Hultschiner Damm zurückgelaufen und die Kohlisstraße etwas mißmutig entlanggetrottelt war, fand er zuerst den Schlüssel nicht, die Gartenpforte war aber offen, dann schloß der Hausschlüssel schwer, über allem noch der vom starken Nachmittagsguß zurückgebliebene in alle Ritzen dringende Nieselregen und: Was ist das? In der Diele, an der Garderobe, rechts neben dem Spiegel, hingen drei modisch gleiche Regenmäntel aus gleichem Material, ein männlich massiver, ein weiblich zierlicherer und – wie niedlich – ein putzig kleiner Lederolmantel wie für den kleinsten von Schneewittchens sieben Zwergen: Der Vater mit Frau und Tochter! Zweifel ausgeschlossen. Trotz der zwei Türen hörte man neben den vertrauten Sprechtönen der Großmutter und der Frau H. eine unvertraute Frauenstimme und vor allem eine ebenfalls unvertraute aber eindeutige Männerstimme, vortragsgeübt, anordnungsgewohnt, fesselnd: Der Vater und die Stunde der Wahrheit waren eingetroffen.

Als Rudolf die Küche betrat, sah er ohne Ablenkung nur das eine: zwei große, fragende, prüfende, kluge Kinderaugen; seine Schwester Angelika. Alle schwiegen drei Sekunden. Rudolf versuchte ein gewinnendes Lächeln, da fragte die unbekannte Frau ihre liebenswürdige, liebenswerte kleine Tochter: „Na, wer ist das?“ und das Kind, auf einer Fußbank sitzend, die man auf den Küchenstuhl gestellt hatte, damit es auf Augenhöhe der Erwachsenen teilhaben könne, angetan mit einem Kleidchen aus sympathisch warmem Stoff, kleine Puffärmelchen, mit roter Schnur eingezogen wie der rund geschnittene, ebenfalls eingezogene kragenlose Halsausschnitt, dieses Kind, die Haare zurückgekämmt und von einer beträchtlichen Schleife gehalten, sagte mit sicherer Stimme: „Das ist der Rudolf!“

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 67

– LXVII –

Der emsigen, nie nachlassenden Gedankendrängelei seiner bücherhütenden, bücheranpreisenden Biedermeierfee verdankte Rudolf nicht nur manche entspannte und entspannende Stunde, meist bei Bach, Vivaldi und Mozart, die sie, zartfingrig wie Eos, die Göttin der Morgenröte, so leichthin durch ihre unsterblichen Harmonien dem intarsienverzierten Spinett mit den schwarzen Tasten als lichte Gedankengestalten hörbar werden ließ, nein, er verdankte ihr auch manche Grübelei über die unergründlichen Tiefen der gedanklichen Höhenflüge zahlreicher Vor-Denker, dargereicht in kleinen Portionen zwischen geschmückten Buchdeckeln, als Anregung zum Nach-Denken und als Stoff zu Gesprächen am imaginierten Kamin in ihrer kleinen Klause hinter der extravaganten Leihbücherei, die wohl so leicht keiner, der sie nicht kannte, hier, in dieser unscheinbaren Straße am Traveplatz erwarten würde, und mit der sie ihren Unterhalt verdiente.

Er ließ sich von Paradoxen fesseln (der Kreter sagt: Alle Kreter lügen), er spielte mit unauflösbaren Widersprüchen (kann der allmächtige Gott einen so gewaltigen Stein erschaffen, den er dann selber nicht zu heben vermöchte?), er bewunderte die methodische Gedankenklarheit des 14. Jahrhunderts (Überflüssiges weiche dem rasiermesserscharfen logischen Ent-Schluß), er suchte nach Gedankenfehlern (zum Beispiel in der Prämisse der Wette auf die Unsterblichkeit, die der unvergleichliche, im Glauben wie im Glaubenszweifel gleichermaßen unübertreffliche Pascal seinen Mitmenschen anbot. Rudolf, der Lichtenberg-gestählte Zweifler dachte für sich: Was nützet dem Menschen aber alle tranzendentale Transzendenzakrobatik, falls es in diesem undurchschaubaren Universum vielleicht doch nichts als unübersteigbare Immanenz geben sollte?), und vor allem und am liebsten staunte er: Über Leibnitzens geniale Ansiedlung des Bewußtseins im Relationalen (beim imaginären Spaziergang durch das Gehirn, gleichsam wie beim Schreiten durch eine Maschinenhalle, – suggeriert Er, der große, alles überragende, alles umfassende und alles erfassen wollende Universaldenker – sähe man Manches, nur kein Bewußtsein), über Spinozas heldenhafte Vereinigungs- und Einheitsformel (deus sive natura), über des Cusaners Vereinigung von Welt(Gläubigkeit) und Glaubens(Welthaltigkeit), von Ding und Schein, Inhalt und Form, Seiendes und Sein (coincidentia oppositorum), und, und, und …

Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Der Ehrgeiz ist, wie alle Abstrakta, unsichtbar. Rudolfs Ehrgeiz jedoch wird sichtbar, als er zielstrebig die Ingenieurschule Gauß ansteuert, um in den dortigen abendlichen Seminaren sein
Staunen zum mäeutischen Helfer für eine mögliche Technikerkarriere zu machen.

Innere Stimme. Die Hörbarkeit des Unhörbaren. Der Dozent redet laut, deutlich und deutbar, das innere Verstehenwollen turnt am Barren der Abstraktionen und am Reck der Begriffe und bemüht sich in imaginären Dialogen, sich selber belehrender Belehrter zu sein, verstehender Verstand, Vernunft als radikale Axt an den Wurzeln des Baumes der Erkenntnisse. Wer strebt, der lebt. Drei Abende in der Woche, Montag, Mittwoch und Freitag, verbracht in wechselnden Hörsälen, beim Heimfahren mit der S-Bahn Kolleghefte nachlesend, mit den Inhalten in Gedanken jonglierend, bis man einschläft, gewiegt vom Dadom-Dadom der über die Schienenstöße klappernden und kleckernden Drehgestelle. Achtzehnstundentag. An den anderen drei Abenden der Wochentage: Hausaufgaben in Materialkunde und Konstruktionslehr, in Mathematik und Geometrie, in Normwesen und Maschinenelemente, in Physik und Chemie. Wer immer strebend sich bemüht, … Es gab auch sonntags wenig Erlösung. Sonntags mußte gezeichnet werden, auf Pergament, mit Tusche und mit äußerster Präzision: Vorderansicht, Seitenansicht, Draufsicht, sinnvolle, fertigungsgerechte Bemaßung, alles maßlos anstrengend, Zauberei bei der darstellenden Geometrie, zwei Körper durchdringen sich, ein Rotationskörper durchstößt ein flachliegendes Polygon, zeichnen sie die Durchdringungskurven. Wo bleibt da noch Zeit für eine Freundin?

Er hatte es so gewollt, also durfte er sich nicht beklagen. Wollte er auch nicht. Aber manchmal, so an gewissen Tagen, da bäumte er sich innerlich auf und sagte unhörbar laut zu sich selber: Schluß! Wenigstens für heute. Es waren das immer diese Tage, wo das Licht draußen wisperte, schau, wie ich leuchte, wie mein silbriger Vorfrühlingsschimmer tastend die Konturen der Straßenbäume an der Ecke Geneststraße wie mit einem Weichzeichnerobjektiv ins Märchenhafte hebt. Komm, schau doch selber, was glaubst du, welche himmlischen Herrlichkeiten zu sehen sind im Grunewald, in Charlottenburg am Lietzensee, sogar im abgeholzten Tiergarten, oder am Ku-Damm rauf und runter, na, wie wär’s? Es konnte auch der letzte, der allerletzte Spätsommertag sein, wenn die schon flach stehende Sonne alle Konturen kontrastreich heraushob und kantenschaft betonte, wie schön doch die Welt sei und tadelnd fragte, ob man vergessen habe, was Freiheit sei, nun los doch, entscheide dich, die Welt gehört dir! An diesen beiden Tagen, die er so liebte, ging er dreist zu seinem verehrten Meister und log dem keß ins Gesicht: „Ich hab‘ ne dringende Privatangelegenheit zu besorgen; kann ich für diesen Nachmittag frei haben?“ Na sicher, einem guten Mann kann man so etwas nicht abschlagen („Wenn das nich öfter vorkommt?“). Es kam nur zweimal im Jahr vor. Immerhin: Was sein muß, muß sein.

Die blöde Tasche ließ er im Spind und fuhr frank und frei zum Wittenbergplatz, kehrte den Trümmern der Kleiststraße den Rücken und bummelte mit den Händen in den Taschen den Tauentzien hinunter, dachte sich, hoffentlich wir die zerhackte Gedächtniskirche nicht auch noch gesprengt, bog in den Kurfürstendamm ein, wunderte sich wieder einmal, daß wenigstens einer der beiden Filmpaläste hier davongekommen war, und schlenderte weiter auf der linken Seite Richtung Halensee, vor allem stehenbleibend, was nach Schaufenster aussah. Hier würde es wohl nicht fünfzig Jahre dauern, wie Vater Bruno befürchtete, bis alle Trümmer weggeräumt sind. Als die Sonne verschwunden war und die Schatten wisperten: Weltstadt Berlin, geliebter Rekonvaleszent, nun atmest du fast schon wieder gleich- und regelmäßig, und er fuhr von Halensee über Westkreuz quer durch die Stadt mit dem Erknerzug nach Köpenick, nach Hause.

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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 66

– LXVI –

Der Gedanke, Vater säße bald hier im Zimmer, würde ihn anschauen und Fragen stellen, Fragen nach seinen Erlebnissen und Meinungen, bereitete ihm offensichtlich soviel Kopfzerbrechen und innere Skrupel, dort drinnen, wo es unkontrollierbar denkt, daß sein Immunsystem die leichte Grippewelle, die gerade durch Straßenbahnen und durch die S-Bahn wehte, zum Anlaß nahm, zu streiken mit der unangenehmen Folge von Triefnase, Kopfschmerzen und Fieber. Er mußte zu Hause bleiben, und Frau H. goß Unmengen von heißem Fliedertee in ihn hinein. Die Oma ordnete unwidersprechbar kalte Wadenwickel an, und das Temperaturgefälle zwischen seinem Außen und seinem Innen jagte das Blut so durchs Gehirn, daß ihm eigenwillige Wachträume Geschichten erzählten, von denen er wahrhaftig nicht zu sagen gewußt hätte, welcher Realitätsebene sie angehörten. Wenn es denn stimmt – und alles Einsehbare spricht ja dafür – daß unser Bild von der Außenwelt nur die Eigenleistung unserer vom Selbst aufs Außen rechnend und schließend folgernde Gedanken- und Vorstellungssystematik ist, braucht man sich über das Folgende nicht allzu sehr verwundern. Kam jemand ins Zimmer und trat an sein Bett, sei es, um Fliedertee nachzugießen oder die inzwischen heißen und trockenen Lappen um seine Waden gegen eiskalte zu tauschen, so öffnete er hochschreckend die Augen und fragte die Frau H. oder die Großmutter, sie gleichermaßen erschreckend, weil sie mit seiner Frage reineweg nichts anzufangen wußten und nachsichtig meinten, er deliere wohl, wegen des kurzzeitig überraschend hohen Fiebers, daß sich von beiden Hilfskrankenschwesternseelen völlig unerwartet eingestellt hatte. Sie schauten also verblüfft und völlig verständnislos, als er sie bat: „Kann ich den Brief bitte noch mal lesen?“

„Welchen Brief?“

„Den ich an meinen Großvater geschrieben habe. Er muß dort auf dem Schreibtisch liegen, der Umschlag ist noch offen; und eine Briefmarke brauche ich auch.“

Großmutter und Frau H. schauten kopfschütteln einander an, hatten deutlich den gleichen Gedanken, es müsse wohl der Hausarzt gerufen werden, und die Oma sagte mit fürsorglichem Nachdruck: „Laß das jetzt erst mal, schlaf Dich lieber richtig gesund.“

Die beiden waren wohl ein bißchen eifersüchtig, dachte er undeutlich in seinem Fieberkopf und versuchte eben, sich seinen Brief in Gedanken noch einmal vor die Seele zu bringen:

Lieber Opa! Die Amerikaner haben uns allen gestattet, einen Brief nach Hause zu schreiben. Der Major, (man muß meetscher sagen), der das heute Vormittag bekanntgab, hat versprochen, dieser Brief würde tatsächlich auf den Weg gebracht und zugestellt werden. Viele hier wollen das nicht glauben und trauen ihm nicht, weil sie allen Amis nicht trauen wollen. Ich frage mich aber, warum sollte der Mann lügen? Er hätte doch nichts davon, und wundersame Anzeichen aus den verschiedensten Anlässen für eine manchmal schier unverständliche Hilfsbereitschaft bei den Siegern für die rein menschlichen Belange der Besiegten haben wir ja hier in Salzburg zur genüge erlebt. Also schreibe ich Dir. Wir sitzen ohnehin nur hier herum, in Salzburg in einer ehemaligen Kaserne, wohin sie uns vor zwei Tagen mit offenen LKWs von Bad Ischl, wo sie uns dann doch schnappten, gebracht haben. „Uns“, das ist mein Unteroffizier, der heißt auch Rudolf, ich soll ihn aber Rudi nennen, und ich. Als der Krieg aus war, hatte unser Bataillon fast Klagenfurt erreicht, es sollte nach Kroatien gehen. Wir haben uns dann über die Berge bis Bad Ischl durchgeschlagen. Ich bin froh, diesen Rudi bei mir zu haben. Er meint, die Amis werden uns wohl so bald als möglich aus Österreich herausschaffen, wahrscheinlich in das große Entlassungslager nach Rosenheim bringen und dann hoffentlich bald wieder nach Hause lassen.

Die Kaserne hier ist völlig überfüllt. Alle Räume und sogar die Gänge und Flure sind belegt. Wir beide sind daher in großen weißen Zelten untergebracht, die sie auf dem Kasernenhof aufgestellt haben. Die Landser, die zuerst kamen, mußten eine riesige lange Latrinengrube ausheben, die hat an jeder Seite ein genauso langes, schmales Sitzbrett, so daß die Benutzer in zwei Reihen mit ihren Rücken (und mit ihren nackten Hintern) zueinander sitzen. Zum Glück ist symmetrisch ein Brett als Lehne dazwischen. Dem Rudi macht das nicht allzuviel aus. Der geht dahin, wenn er muß, und unterhält sich dabei mit all den fremden Soldaten, um Neuigkeiten zu erfahren, die aber meist nicht stimmen, weil sie die Phantasie der Eingesperrten mit der Dynamik der möglichen Ausweglosigkeit einfach zum überlebensfähigen Ausgleich selber produziert. Ich aber grause mich davor. Dieser „Hundertzylinder“ – so nennen sie das – ist das Schlimmste von der ganzen Gefangenschaft. Ich schleiche mich deshalb erst spät in der Nacht, wenn die meisten schlafen, dorthin, damit ich bei diesem unvermeidlichen Geschäft möglichst (fast) alleine bin. Zu essen gibt es sowieso nicht viel, die Amis wissen doch gar nicht, wie so plötzlich die vielen Menschen ernähren sollen. Die Khakitruppe teilt einfach ihre Rationen, die sie wohl in Überfülle haben, mit uns. Doch die Aufteilung ihrer supper- und breakfast-Packungen führt zu seltsamen Ergebnissen: Ein paar Kekse, eine Handvoll Rosinen und einen Riegel Herschel-Schokolade. Mit etwas Glück erwischt man auch eine Vierteldose corned-beef. So etwas wird ziemlich rückstandlos verdaut, gottseidank.

Offenbar zum Ausgleich haben sie gestern jedem eine seltsame große Packung völlig fremder Zigaretten verkauft, die müssen sie wohl hier in Österreich erbeutet haben. Auf der Packung stand Tabak-Trafik, was immer das heißen soll. Ich schreibe „stand“, denn irgendein Schweinehund hat mir die Zigaretten aus meinem Tornister geklaut. Der Rudi hat gesagt, es gebe keinen Anstand mehr, und dem Kerl sollte man … doch das schreibe ich nicht, weil es zu ordinär war. Schade, ich hätte Dir die Zigaretten gerne mit nach Hause gebracht.

Wie geht es Euch beiden überhaupt? Bist Du gesund, und die Frau L. auch? Falls ich entlassen werde, muß ich zusehen, zur Mama nach Thüringen zu kommen, denn alle sagen hier, die Amis entlassen niemanden nach Berlin. Ich kann mir also nicht vorstellen, wann wir uns wiedersehen werden.

Ich muß schließen. Ich habe nur den einen Briefbogen, und der ist jetzt voll. Liebe Grüße an Frau L. Ich umarme Dich, paß auf Dich auf. Ich brauche Dich doch noch. Dein Rudolf.

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