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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 67

6. Juni 2015

– LXVII –

Der emsigen, nie nachlassenden Gedankendrängelei seiner bücherhütenden, bücheranpreisenden Biedermeierfee verdankte Rudolf nicht nur manche entspannte und entspannende Stunde, meist bei Bach, Vivaldi und Mozart, die sie, zartfingrig wie Eos, die Göttin der Morgenröte, so leichthin durch ihre unsterblichen Harmonien dem intarsienverzierten Spinett mit den schwarzen Tasten als lichte Gedankengestalten hörbar werden ließ, nein, er verdankte ihr auch manche Grübelei über die unergründlichen Tiefen der gedanklichen Höhenflüge zahlreicher Vor-Denker, dargereicht in kleinen Portionen zwischen geschmückten Buchdeckeln, als Anregung zum Nach-Denken und als Stoff zu Gesprächen am imaginierten Kamin in ihrer kleinen Klause hinter der extravaganten Leihbücherei, die wohl so leicht keiner, der sie nicht kannte, hier, in dieser unscheinbaren Straße am Traveplatz erwarten würde, und mit der sie ihren Unterhalt verdiente.

Er ließ sich von Paradoxen fesseln (der Kreter sagt: Alle Kreter lügen), er spielte mit unauflösbaren Widersprüchen (kann der allmächtige Gott einen so gewaltigen Stein erschaffen, den er dann selber nicht zu heben vermöchte?), er bewunderte die methodische Gedankenklarheit des 14. Jahrhunderts (Überflüssiges weiche dem rasiermesserscharfen logischen Ent-Schluß), er suchte nach Gedankenfehlern (zum Beispiel in der Prämisse der Wette auf die Unsterblichkeit, die der unvergleichliche, im Glauben wie im Glaubenszweifel gleichermaßen unübertreffliche Pascal seinen Mitmenschen anbot. Rudolf, der Lichtenberg-gestählte Zweifler dachte für sich: Was nützet dem Menschen aber alle tranzendentale Transzendenzakrobatik, falls es in diesem undurchschaubaren Universum vielleicht doch nichts als unübersteigbare Immanenz geben sollte?), und vor allem und am liebsten staunte er: Über Leibnitzens geniale Ansiedlung des Bewußtseins im Relationalen (beim imaginären Spaziergang durch das Gehirn, gleichsam wie beim Schreiten durch eine Maschinenhalle, – suggeriert Er, der große, alles überragende, alles umfassende und alles erfassen wollende Universaldenker – sähe man Manches, nur kein Bewußtsein), über Spinozas heldenhafte Vereinigungs- und Einheitsformel (deus sive natura), über des Cusaners Vereinigung von Welt(Gläubigkeit) und Glaubens(Welthaltigkeit), von Ding und Schein, Inhalt und Form, Seiendes und Sein (coincidentia oppositorum), und, und, und …

Die Sichtbarkeit des Unsichtbaren. Der Ehrgeiz ist, wie alle Abstrakta, unsichtbar. Rudolfs Ehrgeiz jedoch wird sichtbar, als er zielstrebig die Ingenieurschule Gauß ansteuert, um in den dortigen abendlichen Seminaren sein
Staunen zum mäeutischen Helfer für eine mögliche Technikerkarriere zu machen.

Innere Stimme. Die Hörbarkeit des Unhörbaren. Der Dozent redet laut, deutlich und deutbar, das innere Verstehenwollen turnt am Barren der Abstraktionen und am Reck der Begriffe und bemüht sich in imaginären Dialogen, sich selber belehrender Belehrter zu sein, verstehender Verstand, Vernunft als radikale Axt an den Wurzeln des Baumes der Erkenntnisse. Wer strebt, der lebt. Drei Abende in der Woche, Montag, Mittwoch und Freitag, verbracht in wechselnden Hörsälen, beim Heimfahren mit der S-Bahn Kolleghefte nachlesend, mit den Inhalten in Gedanken jonglierend, bis man einschläft, gewiegt vom Dadom-Dadom der über die Schienenstöße klappernden und kleckernden Drehgestelle. Achtzehnstundentag. An den anderen drei Abenden der Wochentage: Hausaufgaben in Materialkunde und Konstruktionslehr, in Mathematik und Geometrie, in Normwesen und Maschinenelemente, in Physik und Chemie. Wer immer strebend sich bemüht, … Es gab auch sonntags wenig Erlösung. Sonntags mußte gezeichnet werden, auf Pergament, mit Tusche und mit äußerster Präzision: Vorderansicht, Seitenansicht, Draufsicht, sinnvolle, fertigungsgerechte Bemaßung, alles maßlos anstrengend, Zauberei bei der darstellenden Geometrie, zwei Körper durchdringen sich, ein Rotationskörper durchstößt ein flachliegendes Polygon, zeichnen sie die Durchdringungskurven. Wo bleibt da noch Zeit für eine Freundin?

Er hatte es so gewollt, also durfte er sich nicht beklagen. Wollte er auch nicht. Aber manchmal, so an gewissen Tagen, da bäumte er sich innerlich auf und sagte unhörbar laut zu sich selber: Schluß! Wenigstens für heute. Es waren das immer diese Tage, wo das Licht draußen wisperte, schau, wie ich leuchte, wie mein silbriger Vorfrühlingsschimmer tastend die Konturen der Straßenbäume an der Ecke Geneststraße wie mit einem Weichzeichnerobjektiv ins Märchenhafte hebt. Komm, schau doch selber, was glaubst du, welche himmlischen Herrlichkeiten zu sehen sind im Grunewald, in Charlottenburg am Lietzensee, sogar im abgeholzten Tiergarten, oder am Ku-Damm rauf und runter, na, wie wär’s? Es konnte auch der letzte, der allerletzte Spätsommertag sein, wenn die schon flach stehende Sonne alle Konturen kontrastreich heraushob und kantenschaft betonte, wie schön doch die Welt sei und tadelnd fragte, ob man vergessen habe, was Freiheit sei, nun los doch, entscheide dich, die Welt gehört dir! An diesen beiden Tagen, die er so liebte, ging er dreist zu seinem verehrten Meister und log dem keß ins Gesicht: „Ich hab‘ ne dringende Privatangelegenheit zu besorgen; kann ich für diesen Nachmittag frei haben?“ Na sicher, einem guten Mann kann man so etwas nicht abschlagen („Wenn das nich öfter vorkommt?“). Es kam nur zweimal im Jahr vor. Immerhin: Was sein muß, muß sein.

Die blöde Tasche ließ er im Spind und fuhr frank und frei zum Wittenbergplatz, kehrte den Trümmern der Kleiststraße den Rücken und bummelte mit den Händen in den Taschen den Tauentzien hinunter, dachte sich, hoffentlich wir die zerhackte Gedächtniskirche nicht auch noch gesprengt, bog in den Kurfürstendamm ein, wunderte sich wieder einmal, daß wenigstens einer der beiden Filmpaläste hier davongekommen war, und schlenderte weiter auf der linken Seite Richtung Halensee, vor allem stehenbleibend, was nach Schaufenster aussah. Hier würde es wohl nicht fünfzig Jahre dauern, wie Vater Bruno befürchtete, bis alle Trümmer weggeräumt sind. Als die Sonne verschwunden war und die Schatten wisperten: Weltstadt Berlin, geliebter Rekonvaleszent, nun atmest du fast schon wieder gleich- und regelmäßig, und er fuhr von Halensee über Westkreuz quer durch die Stadt mit dem Erknerzug nach Köpenick, nach Hause.

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