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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 60

21. Mai 2015

– LX –

Die Familie in der Weichselstraße war von der plötzlichen, unerwarteten, vorher nicht einmal angedeuteten Wendung, die Rudolfs Auszug für alle bedeutete, doch ziemlich überrascht. Sie freuten sich uneingeschränkt mit ihm, schließlich brauchten sie jetzt nur noch zu viert dieses Zimmer zu teilen. Ein Hauch Neid schwang auch mit bei allen Freudenbekundungen: Ein Zimmer für sich ganz allein, man höre und staune. Richtig fassen konnte er es ja selber nicht. Doch an Gutes gewöhnt man sich schnell.

Die Mutter packte alle seine Sachen ein und brachte ihn runter bis an die Haustür. Da waren ihrerseits noch fragen, die sie ihm doch nur stellen konnte, wenn die anderen nicht dabei waren. Es ging nicht um Geheimnisse, aber niemand sollte gekränkt oder irritiert werden. Der Schwebezustand zwischen zwei Familien hatte Rudolf wieder eingeholt, ausgelöst durch seine eigene Entscheidung. „Wie geht’s dem Willy, Deinem Vater?“ war Mutters erste Frage. Rudolf war darauf vorbereitet. Es war immerhin die Frage nach „ihrem“ Willy, nach ihrer Jugendliebe. Rudolf kannte alle ihre Gefühle in dieser Richtung, ihm gegenüber hatte sie nie ein Hehl daraus gemacht, schon nicht, als er nun wirklich noch Kind war. „Werde nur mal nicht wie dein Vater“ war der Tenor aller ihrer Gespräche über diesen Willy, der sein Vater war.

Wenn Rudolf sonntags zu ihr gekommen war, nachmittags, nach der Kinovorstellung im Merkur-Palast, Onkel Bruno spielte dann draußen in Treptow, im Paradiesgarten, und die beiden Jungen spielten noch auf der Straße, immer hieß es zuerst, ob er etwas aus Mahlsdorf, etwas von oder über Willy gehört hätte. Nun aber, nach dieser neunjährigen familiären Funkstille, die durch seinen impulsiven Besuch in Mahlsdorf so abrupt beendet war, nun wußte er vorerst auch nicht viel mehr zu berichten, als daß ihr Willy lebt, Er lebte mit seiner zweiten Frau und seinem Kind in Wiesbaden, war bei einer im Aufbau befindlichen Behörde der geplanten Zentralregierung „Referent“, was immer das auch sein mochte, und würde voraussichtlich im November nach (West)Berlin kommen, wo eine Kontaktstelle seiner Behörde zu den Alliierten bestand oder ebenfalls aufgebaut wurde. Er würde – wie öfter schon – mit dem regelmäßigen, dem verschlossenen Militärzug kommen. Wohnen würde er bei der Schwester seiner Frau im Westen der Stadt, deren Mann der Hausverwalter im ehemaligen Reichsversicherungsamt war, das die Bombenabwürfe auf Berlin und auf das Diplomatenviertel im Tiergarten so gut wie unbeschadet überstanden hatte. Bei diesem Besuch würde er gewiß auch seine Mutter in Mahlsdorf besuchen, wie er es stets getan hatte. All diese Neuigkeiten interessierten die Mutter. Sie saugte sie auf wie der Schwamm das Wasser. Wie das Haus in Mahlsdorf, die Wohnung und sein Zimmer aussahen, das nahm sie wohl zur Kenntnis – obgleich sie selber nie in Mahlsdorf, bei ihrer erhofften Schwiegermutter gewesen war – und kam doch immer schnell wieder auf den Mann zurück, den sie haßte, weil sie ihn liebte.

Ihr Abschied voneinander war schließlich keine Trennung. Er würde – wie früher – an Sonntagen zu ihr kommen, wenn auch gewiß nicht an jedem. Er würde sie teilhaben lassen an seinem neuen Leben, und sie wußte das. Sie hatten damit ihr von früher eingefahrenes Verhältnis wieder begründet. Dennoch weinte sie, als er mit seinen Sachen in Richtung Bahnhof Ostkreuz ging. Zwei Jahre hatten sie als Familie zusammengelebt. Ein Jahr, die Hälfte dieser Zeit, war er sogar der „Ernährer“ gewesen. Die Brüder waren täglich um ihn gewesen, und dies war ein schöner Zustand, ein schönes Gefühl, nicht nur, wenn er jetzt daran zurückdachte, nein, auch als gelebtes Leben. Wie sehnsüchtig hatten die beiden aus dem Fenster geschaut, wenn er aus der Schreibmaschinen“bude“ mittags zum Essen nach Hause kam. In der Ofenröhre stand die Suppe, oft nur aus ein paar geriebenen Kartoffeln, oder eine Mehlsuppe, doch die beiden warteten eisern auf ihn, damit er das Essen gerecht austeile. Oft hatten sie miteinander gefrozzelt, wenn es etwas zu teilen gab, wie zu teilen sei: christlich, brüderlich oder gerecht. Christlich hieß, der Teiler bekam den geringsten Anteil. Das Gegenteil davon hieß brüderlich, hatte mit Funktionsmacht zu tun und fand mehr auf der Straße statt, zwischen den symbolischen „Brüdern“, mit denen man spielte oder Streiche ausheckte. Das Essen mittags wurde gerecht geteilt, Kelle für Kelle, Löffel für Löffel. Der kleinste durfte den Topf auskratzen. Und die allwöchentlichen Kinofahrten nach Neukölln, die für Rudolf und den großen der beiden, den mittleren also, zur schönen Gewohnheit geworden waren, wären nun ebenfalls ein Stück Vergangenheit. Doch das Aufschwungs- und Schwebegefühl in Rudolf war stärker als alles andere.

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