Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 70

1. Juli 2015

– LXX –

Noch etwas hatte der Besuch zurückgelassen, einige Exemplare einer Zeitschrift aus dem Westen, aus der britischen Zone, aus Hannover, auffallend durch den oberen roten Querbalken, die große weiße Schrift, als Aufmacher jeweils ein großes Politikerfoto über die gesamte restliche Fläche, dazu nur eine kurze prägnante Legende. Rudolf wurde sofort neugierig, war schon nach dem Lesen der ersten Seiten elektrisiert. Klare Gliederung: Deutschland, Ausland, Personalien, Sport, Wirtschaft, Theater, Kunst, Film, Musik. Er zeigte das Blatt sofort seiner Bücherfee. Sie lasen zusammen jedes Wort. Ein ambivalentes Gefühl: einerseits kam man sich dämlich vor, diese Leute schienen alles zu wissen, zum anderen gab einem die Lektüre das Gefühl, dabeigewesen zu sein. Ein nüchterner Meldungsstil, doch sagten diese Leute offensichtlich frank und frei, was sie dachten, aber nicht als Leitartikel, nee, gleich mittendrin im Text, so nach der Form: Der X macht dies, das wird dem Y überhaupt nicht gefallen. Müssen ganz junge Leute sein, die gar nicht „gebräunt“ sein können. Respekt vor den Alliierten? Keine Spur. Wenn sie so weitermachen, werden sie als Journalisten hier in Deutschland nicht alt. Andererseits, die Leute als Käufer werden das lesen wollen, aber es wird sich nicht jeder leisten können, denn eine Mark für das Wochenexemplar, bei nur 45 Mark brutto, ziemlich happig. Die Biedermeierin vereinbarte mit ihm, sich den Preis zu teilen. Sie würde das gelesene Exemplar unter der Hand an Kunden, die interessiert seien, verleihen. Gemacht. Das war die richtige Ergänzung zu dem Blatt der Amerikaner aus München: Die Neue Zeitung. Als er das den aufgeschlossenen Kollegen bei Klangfilm erzählte, war das Interesse groß, aber jeder fragte zurück: „Wie heißt denn diese Postille?“ Antwort: Der Spiegel.

Wie lange hätte dieses Leben in solchen Bahnen ungebrochen weitergehen können? Lebensmittelkarten und Bezugsscheine, Trizonesien als „Staatsform“, immer – auf der Bühne des Alliierten Kontrollrates – im Clinch mit den Russen, die Wirtschaftsverwaltung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes in Bad Homburg und Bad Nauheim verwaltete den Mangel, Handlungsrahmen für den kleinen Mann war die Zigarettenwährung. Eine Chesterfield kostete am Alex zwischen zwölf und fünfzehn Reichsmark (ein junger Mann in Kaufbeuren, der durch seinen sprachgestützten Kontakt zu amerikanischen Soldaten solche Zigaretten bedeutend billiger einkaufen konnte, kaufte und verkaufte im großen Stil, schaffte sich dadurch ein kleines Vermögen und eine relative Unabhängigkeit, finanzierte sein Studium auch auf diese Weise und wurde Deutschlands progressivster Lyriker; ein anderer, ebenfalls hochintelligenter Bursche im gleichen Bayern, kungelte mit dem für sein Wohngebiet zuständigen und entsprechend mächtigen amerikanischen Bezirkskommandanten, wurde seine rechte Hand, später dort ein mächtiger Landrat, Landesminister, Bundesverteidigungsminister und Inszenator der die kommende Republik erschütternden sogenannten Spiegelaffäre), Schieber, regelmäßige Razzien, man hatte sich daran gewöhnt, kam irgendwie zurecht, doch sollte man in solchem Rahmen alt werden? Der Marshallplan und das ERP-Programm zogen zwangsläufig eine Währungsumstellung nach. Geld mit Kaufkraft mußte her. Die Amis druckten die Scheine, und der vormalige Bayerische Wirtschaftsminister, ein ziemlich unbekannter Mann namens Ludwig Ehrhard als Direktor dieser Vereinigten Wirtschaftsverwaltung schockierte Volk und Besatzer am 20. Juni 1948 mit der gleichzeitigen Verkündung von Währungsreform und der völligen Aufhebung der Zwangbewirtschaftung. Jeder bekam vierzig deutsche Mark und stand – je nach Temperament – jubelnd oder bedeppert vor den über Nacht gerammelt vollen Schaufenstern. Der Mann mit der Zigarre wurde bewundert, weltweites Echo machte ihn zum Ökonomiehelden und zur Legende. Er genoß das lächelnd und winkend, und außer den verblüfften Kommunisten traute sich niemand, den Geburtsfehler des kommenden neuen Staates beim Namen zu nennen: Alle Bürger sind gleich, doch Warenbesitzer sind gleicher. Was die Proleten in den zweieinhalb Jahren zuvor mit enggeschnalltem Gürtel erarbeitet aber nie in den Geschäften zu sehen bekommen hatten, dafür durften sie jetzt ihr gutes neues Geld hergeben, auf das fünfzehn Prozent der Bevölkerung den ersten, den wichtigsten Schritt in die neue Raffermentalität gehen und sich den uneinholbaren Vorsprung zur gesellschaftlichen Macht sichern konnten.

Der Osten zog mit zwei Tagen Verspätung nach. Im Westen gab es noch zwanzig Mark Nachschlag, der Osten tauschte den beherrschten Arbeitern und Bauern siebzig Mark um. Rudolf, der im Osten wohnte und im Westen arbeitete, bekam zehn Prozent des nächsten Wochenlohnes in Westgeld, den „Rest“ von neunzig Prozent in Ostgeld. Die Konzernmutter Siemens, deren Wille auch für die Klangfilmer Gesetz war, verfügte locker, für einige Wochen werde der zustehende Lohn nur zu achtzig Prozent ausgezahlt, und verschaffte sich auf diese Weise einen zinslosen Millionenkredit von ihren Arbeitern. Die Arbeiter, auf Empfehlung der vereinigten Betriebsräte, stimmten nachträglich „freiwillig“ zu. Wer wollte in solch einem Augenblick die Beschäftigung verlieren?

Die neuen Karten waren gemischt und verteilt, das Spiel lief. Mit atemberaubender Schnelligkeit schlüpfte der vom unbeeinflußbaren Grundgefühl der Menschen gebildete „Geist“ der Bewertung aus der Flasche des realen Verhaltens und ließ sich durch nichts und niemanden abweisen: Eins zu vier!, so lachte und weinte dieser Geist, und die Menschen in dieser Stadt Berlin schauten diesem unerbittlichen Geist der neuen Zeit ins Janusgesicht und weinten und lachten mit. Eins zu vier, so wurde künftig jeder Hammerschlag, jeder Zeichenstrich und jedes gegessene Brötchen bewertet. Die riesigen, wie feurige, fleischfressende Orchideen an allen zentralen Orten entstehenden realen Märkte, Gesundbrunnen, Wedding, Potzdamer Straße, Kantstraße, Schöneberg, Friedenau, Steglitz, sie waren die neuen Gerichtsplätze, auf denen jeder Wunsch sich durch sein Kaufverhalten selber das Urteil sprach: schuldig durch Teilhabe, der Zufall des Wohnsitzes bestimmte das Strafmaß. Beweismittel die verschiedenfarbigen Scheine im Portemonnaie. Die noch unangetastete Freizügigkeit verdeckte die unerbittliche Realität, der Osten war (noch) unsichtbar aber wirksam eingemauert.

Die großen Schachspieler zögerten mit ihren Zügen nicht lange: Währungsreform West, Währungsreform Ost, der aus der Emigration in der gastfreundlichen, deutschfreundlichen Türkei heimgekehrte Ernst Reuter, – er war dort im Exil Professor – gewandelt vom kommunistischen Saulus zum sozialdemokratischen Paulus, darf nicht gesamtberliner Bürgermeister werden, die Sowjets wollen diesen Mann als Stachel in ihrem Fleisch nicht ertragen, der gemeinsame Magistrat in der Parochialstraße zerbricht, die Folge sind zwei Magistrate, die Russen verlassen den gemeinsamen Kontrollrat, nur die Flugsicherung der ehemaligen vier Alliierten bleibt holpernd intakt, Ursachen und Wirkungen sind schon ein Matsch, von niemandem mehr auseinanderzuhalten, da sperren die verblendeten Schachspieler aus dem Osten sämtliche Land- und Wasserwege nach Westberlin. Die großen Spieler wissen nicht, daß sie nicht wissen, was sie tun. Wieder totaler Krieg, doch diesmal sagen die Berliner laut und wirklich freiwillig Nein, anders als dreiundvierzig im Sportpalast, wo die dort versammelten armen Hunde laut und unfreiwillig Ja sagen mußten. Die westalliierten Generäle bestätigen dieses in der Welt unüberhörbare Nein – „Schaut auf diese Stadt“ – und General Lucius D. Clay zeigt mit der Organisation der Luftbrücke, was möglich ist.

Der Osten sperrte Westberlin aus und kapselte sich damit selbst vom gesamtdeutschen Atemholen ab. In Berlin gab es von nun ab schrittweise alles zweifach. Einheitlich blieb nur eines: Die Wut auf die Russen und die Glorifizierung der Amerikaner. Die Amis („unsere Amis“) hatten emotional einfach die besseren Karten (und sichtlich die besseren Nerven). Hauptvorteil im nationalen Seelenhaushalt: Man brauchte nicht mehr nach hinten zu schauen und über den Zweiten Weltkrieg nachzudenken. Diesmal hatte man die richtigen Freunde, stand auf der richtigen Seite der Geschichte, wollte bei den Siegern sein, (wenn nur nicht diese verdammte Atombombe wäre).
Die überwältigenden Wahlsiege der SPD in Westberlin durfte man sich als Ostberliner leider nicht auf die eigene Fahne schreiben. Eine Baskenmütze (Reutermütze) war hierfür nur ein kläglicher Ersatz. Daß das tägliche zweimalige Kreuzen der Sektorengrenze keine manifeste politische Schizophrenie wurde, war nur der festen Anklammerung an westdeutsche Zeitschriften und Zeitungen zu verdanken. Die regelmäßige gedankliche Teilhabe am american way of life in den bequemen Parkettsesseln der westberliner Kinos schien unverzichtbar. Ostversuchungen adäquater Art gab es für Rudolf nicht. Die Vorentscheidung war durch die Arbeitsaufnahme und das Abendstudium in Westberlin schier unverrückbar gefallen. Bei den Wahlen 1950 war er einundzwanzig und durfte mitwählen. Das Wahllokal war unten in dem dreistöckigen Haus am Hultschiner Damm, dessen Anblick ihm siebenundvierzig das erste Anzeichen von Oma Wenzels Lebenswelt gegeben hatte. Gemeinsam gingen sie beide hin und betraten das Wahllokal mit der festen Absicht, die in der Westpresse gegebenen Verhaltensregeln zu beachten (Umschlag für den Stimmzettel verlangen, Wahlkabine aufsuchen, Stimmzettel mit markantem Stift ungültig machen). Obwohl Oma Wenzel die Gesichter hinter den Ausgabe- und Registriertischen und an der Urne kannte, (auch Berlin besteht aus Dörfern), bestanden sie beide auf diesen demokratischen Spielregeln: „Wir hätten gerne einen Umschlag, bitte.“ „Wenn sie darauf bestehen!“

Als sie – erleichtert – das Wahllokal verließen und auf dem breiten Bürgersteig neben den Straßenbahngleisen Richtung Kohllisstraße nach Hause gingen, sagte ein etwa fünfundvierzigjähriger Mann: „Guten Tag Mutter!“ Er hatte ein SED-Abzeichen an seinem Revers. Verblüffung und Verlegenheit bei allen Beteiligten. Rudolf hatte diesen Menschen nie zuvor gesehen. Es war Willys Halbbruder, der Bruder seines Vaters. Mutter und Stiefsohn hatten sich seit dem Krach wegen des Erbteils Anfang der dreißiger Jahre nicht mehr gesehen. Rudolf kannte nicht einmal seinen Namen, (und konnte ihn auch beim Erzählen in meinem Wohnzimmer nicht erinnern). Die Großmutter fragte ihn, wie er durch den Krieg gekommen sei, was er treibe und wovon er lebe. Er war Betriebsleiter in einer Textilfabrik, Omas Branche, erzählte er, Blusenherstellung. Darüber lachten sie beide. Es ginge ihm gut, fügte er hinzu, er könne nicht klagen. „Na, das freut mich für dich.“ Man gab einander die Hand, und jeder ging seiner Wege. Sie hat ihn nicht nach Hause eingeladen.

„Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise …“ Siemens begann, bestimmte Betriebsfelder nach Westdeutschland zu verlagern. Siemensstadt trocknete langsam aus. Die so erfolgreiche Tochter Klangfilm sollte organisatorisch ins Mutterhaus zurückkehren, die Fertigungsstätten aber im Schwarzwald neu einrichten. Zunächst Gerüchte, verbunden mit den Ängsten und Überlegungen, geht man mit, soll man hierbleiben, erst das Abendstudium beenden? Mehr Fragen als Antworten. Zunächst zogen einige Klangfilmbereiche nach Siemensstadt um. Es wurde einsam in der Geneststraße. Bevor der Meister S. – der den Rudolf ja mochte – auch nach Siemensstadt ging, – der Klangfilmdirektor beschaffte ihm dort eine kleine, feine Spezialwerkstatt für Versuche, – besorgte der Meister seinem Vorzugsmechaniker eine Feinmechanikerstelle in der hellen, vorbildlichen Werkstatt für die Herstellung von Elektronenmikroskopen in Siemensstadt. Rudolf kehrte damit arbeitstechnisch heim in die wohlgeordnete Welt, die ihm von Telefunken her vertraut war. Wissenschaftlicher Leiter dieser Abteilung war Professor Ruska, ein nobler Mann. Er ließ jeden Mechaniker zu Worte kommen; jeder durfte seine Ideen und Vorstellungen unbefangen einbringen. (Ein paar Jahrzehnte später durfte er sich für seine grundlegende Erfindung mit einem seiner späteren Schüler den Nobelpreis für Physik teilen).

Rudolf kam sofort klar mit den neuen Kollegen und mit der dort herrschenden Arbeitsorganisation; („Gewerkschaftsmitglied?“, „Bin ich“, „In Ordnung“), und auch mit dem jungen, agilen Meister und seinem cleveren Vize. Nach vierzehn Tagen vertrauten sie ihm unter den großen erstaunten Augen der eingesessenen Kollegen eine nagelneue Universalfräsmaschine an, ein Prachtstück der modernen Zeit. Rudolf durfte nach der von der Herstellerfirma besorgten Aufstellung und Einweisung die Zubehörteile auspacken und prüfend in Augenschein nehmen. Nochmals die Gebrauchsanweisungen studieren und die Maschine mit der Herstellung von Bajonett-Anschlußteilen für den neuesten EM-Typ in Betrieb nehmen. Es war eine Pracht, mit solch einem Schlitten zu arbeiten. „An diese Maschine kommt mir kein anderer, nur Sie“, verfügte der Meister. Aber reine Freude währt nicht lange.

Im Osten gab es noch Lebensmittelkarten. Man kam damit aus, trotz manchen Mangels, doch der ließ sich schließlich – prinzipiell, soweit das Westgeld reichte – in Westberlin korrigieren. Einzige unumgängliche Bedingung: Monatliche Bescheinigung des Arbeitgebers. Auf der nächsten Bescheinigung stand nun aber nicht mehr Klangfilm, sondern Siemens. Dies nahm das zuständige Bezirksamt in Mahlsdorf zum Anlaß, zunächst die Großmutter einzubestellen. Alle Erläuterungen (Siemens und Klangfilm seien dasselbe) fruchteten nicht. Rudolf mußte selber vorsprechen, mit gleichem negativen Erfolg. Der Sachbearbeiter redete sich Fusseln an den Mund: Gleichrangige Arbeit gebe es im volkseigenen Betrieb AEG-Oberschöneweide, und statt der Ingenieurschule Gauß winkte gewiß auch ein Studium in Ostberlin, man fördere schließlich jeden aufstiegswilligen und bildungsfähigen Facharbeiter. Daran
solle es doch nicht liegen. Das Gespräch wurde am Ende ein im präzisen sächsisch gestelltes Ultimatum: „Isch gäbe ihnen noch änen Monat, gelle?“

Ein Glück, daß der pingelige Rudolf vor nicht langer Zeit der Großmutter ihren großen Koffer abgeschwatzt hatte. Es war eine mäßige Ausfertigung vom Typ Schrankkoffer: In der Mitte aufklappbar, mit verchromten Stangen für die Bügel, leider war die Rückwand von neugierigen Russen einmal eingetreten worden. Das hatte Rudolf fachmännisch reparieren lassen (im Osten; gegen Ware). Von Westberlin aus wurde der Vater angerufen und unterrichtet. Er bot sofort an, Rudolf könne vorerst bei ihm wohnen (er wohnte nicht mehr in Bad Nauheim, sondern in Wiesbaden und war nun Referent für Systematik des Bundeswarenverzeichnisses bei einer Bundesbehörde, denn seit 1949 gab es die Bundesrepublik, und die Vereinigte Wirtschaftsverwaltung von Trizonesien war seit zwei Jahren passé), und er wolle sich auch um den Zuzug (Familienzusammenführung) und um eine passende Arbeitsstelle und – das Wichtigste! – um einen Interzonenpaß zum Fliegen bemühen.

Es ging alles viel zu schnell, um es begreifen zu können. Immer wenn Bruno seinen Haß auf die von ihm verdammten Kommunisten artikulierte, mußte Rudolf denken, mein Gott, schlimmer als die vom Winde verwehten und in ihre Löcher gekrochenen Nazis sind die jetzigen Bonzen vielleicht auch nicht. Schlimm sind immer nur die, denen Macht anvertraut oder zugefallen ist, und die sich deshalb für Halbgötter halten und nicht mehr hinschauen und nicht mehr zuhören können. Dieser blinde Geier von einem Sachbearbeiter beim Mahlsdorfer Bezirksamt, der jetzt über ihn verfügen und ihm seinen weiteren Berufsweg vorschreiben wollte, den sollte der Teufel holen. Lieber
wollte er im Westen dumm aus der Wäsche schauen, als sich von ihm sagen zu lassen, wo er arbeiten und lernen sollte.

Der Vater reagierte wirklich prompt und gründlich und schrieb, Rudolf möge nur so bald als möglich kommen, das mit dem Zuzug sei schon erledigt, es habe ihn lediglich zwei Flaschen Asbach Uralt für einen alten Skatkumpel gekostet, der Hauptkommissar bei der politischen Sonderkommission der Kripo sei, die man dem Regierungspräsidenten zugeordnet habe. Im gleichen Hause werde auch über Familienzusammenführungen entschieden. Die kostbare Bescheinigung war seinem kurzen, knappen Brief beigefügt, mit dickem runden Amtssiegel und der Unterschrift des Regierungspräsidenten „In Vertretung“.

Der Vater hatte noch angefügt, er habe sich auch mit dem Arbeitsamt in Verbindung gesetzt, in Wiesbaden, am Boseplatz, (schließlich verstehe ich nichts von Deinem Beruf), und sie meinten dort, es werde nicht schwer halten, eine passende Arbeit zu finden. Obwohl Wiesbaden mit einschlägiger Industrie nicht eben gesegnet sei, es wäre schließlich eine Beamtenstadt. Doch die wenigen passenden Firmen, die es dort gebe, suchten durchaus gute Leute. Rudolf könne unbedenklich bei Siemens kündigen.

Der Meister bei Siemens verbarg seine Enttäuschung nicht über den so plötzlichen und unerwarteten Wechsel. Er räumte jedoch ein, jeder müsse und dürfe selbst entscheiden, was er für sich und überhaupt für das Beste halte, und fügte ehrlich hinzu: „In den Westen ginge ich auch, wenn ich könnte, aber ich habe in Spandau ein Häuschen.“ Da Rudolf nur fünf Wochen hier gearbeitet hatte, gab es keine Schwierigkeiten mit der Kündigungsfrist, aber er bekam auch kein Zeugnis, sondern nur eine Arbeitsbescheinigung. Weil er nicht ohne gute Papiere in Wiesbaden antanzen wollte, ging er zu Meister S., dem die dankbare Firma Siemens eine schmucke kleine Prüfwerkstatt mit ein paar Leuten eingerichtet hatte. Der Meister billigte seinen Weggang nicht, sorgte aber über den ehemaligen Klangfilmdirektor, der jetzt wieder zur oberen Siemens-Beamtenschaft gehörte, dafür, daß Rudolf über die letzten vier Jahre ein umfassendes und einwandfreies Klangfilm-Zeugnis ausgestellt bekam.

Am selben Tage noch war zu Hause ein Brief im Kasten, den ihm die Großmutter auf den Schreibtisch gelegt hatte. Poststempel Wiesbaden, Absender Physikalisch-Technische Werkstätten, Professor Doktor H., mit zwei kräftigen Unterschriften (Personalchef K. und Prokuristin „ppa“ Name unleserlich, Anfangsbuchstabe ebenfalls K.), man teilte mit, es sei dringend eine Stelle als Versuchsmechaniker zu besetzen, allerdings sei Eile geboten. Er meldete trotz der Kosten am nächsten Tage auf einem westberliner Postamt zwei Ferngespräche an. Dem Personalchef – einem Berliner! – teilte er mit, er käme umgehend, sobald er den Interzonenpaß habe. Den Vater unterrichtete er, die Behörden in Westberlin machten Schwierigkeiten und wollten ihm keinen Interzonenpaß bewilligen, obgleich er sich pro forma bei der Schwester von Vaters Frau in Westberlin polizeilich angemeldet habe.

Vater rief am nächsten Tag bei Siemens an (die Werkstattschreiberin pikiert: „Gespräch für Sie, aus Westdeutschland!“) und beorderte ihn zur Außenstelle seiner Behörde, die im Schloß Bellevue untergebracht sei. Die könnten vielleicht in Westberlin Druck machen. Wenn das nicht klappe, solle Rudolf zum Reichskanzlerplatz fahren. Dort sei eine englische Dienststelle. Er, der Vater, kenne von seinen Fahrten mit dem abgeschlossenen Militärzug einen Mister Th., der könne ihm dann gewiß weiterhelfen.

Also zuerst zum Schloß Bellevue. Schönes großes Schild mit Bundesadler: Bundesamt für …, Außenstelle Berlin. Der Pförtner war eher ein Butler, verbindlich und abweisend zugleich. Rudolf fühlte sich als Arbeiter. Das hier waren Beamte. Rudolf nannte den Namen, den er vom Vater wußte. Der Pförtner schickte ihn in den ersten Stock. Eine teppichbelegte Freitreppe, unglaublich. Er mußte sich zwicken, um sich klar zu machen, es hatte
tatsächlich den Zweiten Weltkrieg gegeben. Er klopfte an die schöne Kassettentür, neben der ein nüchternes Schild unter Glas in Normschrift besagte: „Referat III, Vorzimmer“. Als keine Antwort kam, trat er ein. Aktenschränke, ein Schreibtisch, abgewinkelt ein kleinerer Tisch mit Schreibmaschine, eine Continental, eingespannt ein weißer Bogen, die Typistin muß eben hier noch gesessen haben. Eine angelehnte Tür gleicher Güte zu einem zweiten Raum, leise Stimmen. Rudolf klopfte noch einmal, jetzt sagte jemand, eine Frauenstimme: „Ja was ist denn …“, Rudolf drückte die Tür auf und sagte artig: „Guten Tag.“

Es war ein schöner Raum. Ein großer Schreibtisch, sehr groß, ein Teppich, beige Stores mit Schlaufen seitlich der Fenster. Am Schreibtisch, halb angelehnt, halb auf der Kante sitzend ein elegant gekleideter Herr, in der Rechten eine Nagelfeile, die linke Hand in der typischen Haltung, Handfläche nach oben, wie man sie hält, wenn eine Nagelfeile Sinn machen soll. Vor dem Herrn zwei Damen, und zwei Ledersessel, eine Dame im Sessel sitzend, die andere auf der Lehne des anderen Sessels. Der Herr schaute ein wenig blasiert und gelangweilt, aber nicht unfreundlich, die Damen blickten eher ungehalten, offensichtlich weil ihre Plauderei unterbrochen worden war. Nachdem Rudolf den Namen des Vaters genannt hatte, leuchteten alle Gesichter verständnisvoll auf: „Ach Sie sind das“, und die ältere der beiden Damen, die im Sessel saß und sitzen geblieben war, sagte im halbfamiliären Ton, bei dem offen blieb, ob sie damit Rudolf oder die beiden anderen Herrschaften ansprach: „Ich wußte gar nicht, daß der Willy einen so großen und stattlichen Sohn hat.“ Man lächelte.

Die Damen verließen das Zimmer so, als gingen sie an ihre Arbeit, obgleich sie doch jetzt ein herrliches Plauderthema hatten. Der Herr stellte sich vor und bat Rudolf, doch bitte Platz zu nehmen. In der Sache gab es leider eine Enttäuschung. Man habe auf den Anruf des Vaters hin herumtelefoniert. Leider sei man mit der Bitte um Ausstellung eines Interzonenpasses nicht durchgedrungen. Es gebe zu viele Flüchtlinge in Westberlin, und die Behörden hier seien mißtrauisch und auch überlastet. Rudolf bedankte für die gemachte
Mühe und verabschiedete sich. Im Vorzimmer saß die Jüngere an der Schreibmaschine und bestellte „Schöne Grüße an Ihren Vater“, Rudolf dankte auch dafür.

Am Reichskanzlerplatz ein großes, graues Haus, wie eine Konzernzentrale, an dem der Krieg auch ziemlich spurlos vorübergegangen zu sein schien. Es war wohl heute sein Vorkriegserinnerungstag. Man mußte sich wundern, wie doch der größte Trümmerplatz Europas, wenn man nur richtig selektierte und sich an die passenden Adressen hielt, immer noch Stücke und Teile vom ehemaligen Hauptstadtglanz zu bieten hatte. Vielleicht hatten die Bomben auch eine seltsame, schwer erklärbare Vorliebe für östliche Arbeiterviertel gehabt. Ein Blick auf die Hausnummer: Hier war er richtig, doch vor dem Eingang stand ein Posten, der schaute ihn, den Zivilisten, neugierig an und fragte: „May I help you?“ Rudolf zeigte ihm einen Zettel mit dem Namen von Vaters Bekannten. Der Post hieß ihn warten und ging ans Telefon. Ergebnis: Rudolf sollte warten, er werde abgeholt. Was der Posten genau sagte, hatte Rudolf zwar nicht vollständig verstanden, doch der freundliche Engländer hatte sich durch gleichzeitig sprechende Gesten verständlich gemacht und ihm in seiner Wachstube einen Stuhl angeboten.

Ein Zivilist, der deutsch sprach, holte Rudolf vom Tor ab und brachte ihn über einen langen Flur in einem der oberen Stockwerke in einen nüchternen Büroraum. Die Verbindungstüren zu den benachbarten Räumen standen alle offen, man hörte ruhige, geschäftsmäßige Stimmen reden, selbstverständlich englisch. Aus den linken Nebenraum kam ein Zivilist in Vaters Alter und stellte sich vor: „Ich heiße Th.“. Er beruhigte Rudolf sofort mit der informativen Mitteilung, daß er hier den Interzonenpaß bekäme, (einen für das „alliierte Personal“, in rosa, statt den üblichen weißen). Er, der Herr Th., bekäme den Paß aber nur ausgestellt und unterschrieben, wenn Rudolf sich zuvor ein wenig mit dem zuständigen Kollegen von Sicherheitsdienst unterhalte, eine reine Formsache. Der Name des Kollegen spiele keine Rolle, Rudolf solle einfach dessen Fragen beantworten. Dann brachte er Rudolf in ein nahegelegenes anderes Zimmer, das so kahl war wie sein eigenes.

Der Kollege dort trug Uniform. Hatte Sterne auf den Schulterklappen und sprach ebenfalls deutsch, um nicht zu sagen: er berlinerte! Er wollte wissen, wo Rudolf gearbeitet hatte. Das war schnell gesagt. Er wollte weiter wissen, wo Rudolf im Osten wohne und was genau die ostberliner Behörde von ihm verlangt beziehungsweise was sie ihm als Arbeitsstelle angeboten hatte. „Und jetzt wollen sie zu ihrem Vater in die amerikanische Zone?“, genau, aber da war noch zu erklären, warum Vater und Sohn verschiedene Namen trügen. Auch dies war leicht und einfach plausibel zu machen. „Ich wünsche Ihnen eine gute Reise. Mein Vorschlag: Fliegen Sie lieber, o.k.?“ Dagegen war nichts einzuwenden. Rudolf verabschiedete sich, mußte aber warten, bis der telefonisch verständigte Mr. Th. Ihn wieder zurückholte. Der gab ihm dann den begehrten orangefarbenen Interzonenpaß mit der Aufschrift: „For british military and zivilian personal only“ und Mr. Th. Meinte lächelnd: „Das geht schon in Ordnung. Niemand wird das kontrollieren oder beanstanden. (Neun Jahre später, Rudolf war technischer Beamter mit Laufbahnprüfung bei einer Länderverwaltung und hatte sich zu einer Bundesbehörde nach Koblenz versetzen lassen, da tat sich der Controller des Abschirmdienstes bei der Routineüberprüfung des Sicherheitsstatus sehr schwer, diese einfache Geschichte nachzuvollziehen, denn sie trug nach seinem Lebensverständnis zu viele lückenlos passende Züge für ein subversives Geschehen und er murmelte nur: „Man lernt halt immer noch dazu.“

– – – – –

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: