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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 72

11. Juli 2015

– LXXII –

Das Abschiednehmen und Abschiedgeben von den Lebenden war auch leichter gedacht als getan. Aber es gab Formen, Floskeln, Gesten, die überliefert waren, die jedem anerzogen waren oder die man sich abgeschaut hatte. Vor allem aber schien gewiß, dieser Abschied konnte für ewig nicht sein. Trotz aller Jugend war man zwar schon „manche Stunde ins Tal hinaus“ gezogen, aber „meiner Heimat Haus“ hatte ja für Rudolf nur im allerübertragendsten Sinne „im schönsten Wiesengrunde“ gestanden und vor allem: Es stand dort nicht mehr. Aber es lernt sich schnell: Menschen zurückzulassen ist schwerer als Häuser und Straßen zu vergessen.

Selbstverständlich sind Tränen geflossen. Tränen sind das bequemste, nachhaltigste und vor allem das überzeugendste Ab-Lösemittel. Tränen überzeugen den, der weint, und den, der sieht, daß geweint wird. Mit Tränen kann man im allgemeinen nichts falsch machen. Die Seele weiß das.

Am einfachsten war der Abschied von den Kollegen bei Siemens. In den großen Betrieben rumorte ohnehin eine gewisse, gleichwohl schwer zu benennende Unruhe. Verlagerung wichtiger Betriebsteile und Fabrikationsanlagen in den Westen, das gab es allenthalben, schwer zu erkennen, ungern zugegeben. Wenn konkret einer ging, begleiteten ihn Neid und gute Wünsche. Der Meister S. war weniger erbaut, aber er sah die Fakten, kannte die Umstände und bewahrte sein unzweifelhaftes Wohlwollen für seinen Musterschüler, dem kein Stein aus der Krone der Männlichkeit gefallen war, wenn er jahrelang bei Klangfilm die Geburtstagskinder aus der Werkstatt des morgens damit überraschte, daß er ihnen Blumen auf die Werkbank stellte, Blumen, ausgeschnitten aus roten Warnzetteln, die er in alten Regalen fand, weil sie überholt waren, dazu dann grüne schlanke Blätter aus ähnlichem Abfallpapier, und alles befestigt an Stengeln aus grünem Schaltdraht (nicht überzählig, sondern tatsächlich kostbar, abgezweigt aus der Produktion, doch es wurde verziehen, denn: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne, – also auch den teuren Schaltdraht aus Kupfer – und nähme doch Schaden an seiner Arbeitnehmer- und Kollegenseele). Auch Feinmechanikerseelen brauchen Zuwendung. Das Wohlwollen des Meisters ging dem unfreiwillig und doch auch gern Davoneilenden also keineswegs verloren.

Weitaus bedenklicher war das Kopfschütteln bei den Dozenten und vor allem bei dem Seminarleiter K. der Abendklassen an der Ingenieurschule Gauß in Moabit. Das Studium wirft man nicht hin, hieß es; wenn die Ostleute Schwierigkeiten machten, dann lieber im Osten weiterstudieren als abbrechen. Wie sind ihre Chancen in Wiesbaden, Frankfurt, Darmstadt? Rudolf wußte es nicht. Dennoch: Hals- und Beinbruch. Danke.

Der Abschied bei der Mutter. Diesmal war es taghell, es tickte auch kein Flaksender, Luftlagemeldungen oder gar Voralarm waren auch nicht zu befürchten, dennoch, es wurde wie seinerzeit im Februar fünfundvierzig erst einmal „was richtiges“ gegessen, doch Milchreis war es wieder nicht. Mütter kann man eben nicht davon abbringen, daß ein Mann Fleisch brauche (und Klöße). Die Mutter brauchte noch nicht zu weinen, denn es war versprochen, sie durfte in Tempelhof beim Abflug bis zur Abfertigung mitkommen. Und das war erst in ein paar Tagen. (So Gott will, toi, toi, toi!).

Bei der Biedermeierdame traf Rudolf – wie gewohnt und bewährt – am frühen Samstagnachmittag ein, kurz vor Geschäftsschluß. Ihre letzten Kunden stöberten in den Regalen, einem hübschen Oberschüler, der seinen Heine zurückgebracht hatte und bei ihr vom Atta Troll schwärmte und „Deutschland. Ein Wintermärchen“ für zeitlos aktuell erklärte, dem empfahl sie für die nächste Woche, Tristram Shandy zu lesen oder den Siebenkäs; er zögerte und ging mit Stifters Nachsommer zufrieden ins Wochenende. Rudolf beglich korrekt alle seine Bücherschulden und lieferte alles bei ihr Ausgeliehene artig ab. Sie lächelte und sagte nebenbei: „Wenn Du willst, kannst Du schon nach hinten gehen.“ Rudolf hatte Teegebäck mitgebracht, aus dem Westen. Er setzte das Wasser auf, trug den Mülleimer hinaus und deckte den Tisch mit ihren beiden nicht zusammen passenden „Ming“Tassen, diese beiden hauchzarten Gebilde aus Böttcher-Gold, die wunderbarerweise alle Formen des Kriegwütens überstanden hatten.

Das erste vertraute Geräusch, das den letzten goldenen Samstag näherkommen ließ, war das zweimalige Herumdrehen des Schlüssels in der Ladentür. Die Fee dankte für das Tischdecken und ging hinüber über den Flur in ihre kleine Kammer und kam in einem kimonoartigen Hauskleid wieder. Rudolf fehlten die Worte. Die Frau lächelte zum zweiten Male und bat: „Wenn möglich, bitte keine Tränen.“ Dann legte diese über alle Maßen schöne und elegante Frau mit einer ihrer unüberbietbar eleganten und dennoch immer dezenten Bewegungen ein geschmackvoll eingewickeltes Päckchen auf den Beistelltisch und übernahm die Regie mit dem Hinweis: „Du darfst es auspacken, doch bitte erst nach dem Tee.“ Es war unschwer zu erraten, daß ES ein Buch war, fragte sich nur, was für ein Buch. Was lag näher, als an den Unteroffizier Rudolf zu denken, der Rudi genannt sein wollte, und der ihm an einem gleichermaßen bedeutsamen Wendetag, am Abend des ersten Tages des unbekannt gewordenen Friedens, ebenfalls ein Buch geschenkt hatte, seinen Schopenhauer, von Kröner, die „Aphorismen“.

Als Rudolf vorsichtig fragte, ob damit zu rechnen sei, daß sie ein wenig cembalisieren würde, schüttelte sie zu seiner Überraschung den gepflegten Kopf, erinnerte ihn an die zu vermeidende Tränengefahr und tröstete mit der überraschenden Neuigkeit: „Meine Schwester in Westberlin hat mir einen modernen Plattenspieler geschenkt! Er steht drüben in der Kammer. Du mußt ihn nur auspacken und an das Radio anschließen. Zwei von diesen neumodischen Langspielplatten habe ich auch.“

Es war wie Ostern und Pfingsten auf einen Tag. Sie holten gemeinsam den kostbaren Karton herüber. Rudolf las sorgfältig die Gebrauchsanweisung und verband Radio und Plattenspieler. Als er die erste der beiden Platten zögernd in der Hand hielt, sagte sie: „Leg‘ sie nur auf, und setz‘ Dich zu mir.“ Auf der Platte stand auf beiden Seiten Gaetano Donizetti und Wiener Staatsoper, und versprochen wurden Ouvertüren, Arien und Duette aus den Opern „Don Pasquale“ und „Der Liebestrank“. Das Schönste waren die beiden Duette „Les‘ ich in deinen Blicken“ und „Hier, nimm den Ring der Treue“. Gesungen von Tutti D’Almonte (?) und Tito Schipa. Nun war doch ein Hauch von Tränen unabweisbar. Die zweite Platte gab die „Pastorale“, die Sechste von Beethoven, mit Furtwängler und den Berliner Symphonikern. Und der Gipfel war die Ankündigung der Fee: „Lach‘ bitte nicht, in der Kochkiste steht ein Topf mit Milchreis“.

Als Rudolf sich verabschiedete, war das Buch noch unausgepackt. Die Biedermeierfee meinte abwiegelnd, er solle es nur eingepackt lassen, sie werde ihm sagen, was darin sei und warum. Wenn er drüben im Westen sei, solle er aufpassen, wann von Sartre „L’etre et le néant“ auf Deutsch erscheine, weil er ja leider nicht französisch lesen könne. Sartre sei nicht zu Unrecht in aller Munde, und ohne Heidegger, („ja den bösen Heidegger“), könne man Sartre nur halb verstehen. In dem Abschiedspäckchen sei die Erstausgabe von „Sein und Zeit“ dieses heute wegen seiner undurchschaubaren Verstrickungen in nazideutschlands unheilvolle Vergangenheitsstrukturen so arg beschimpften Großdenkers. Das Buch sei von 1927, also älter als Rudolf selber. Und abschließend sagte sie – er hielt schon ihre beiden schlanken, zarten, zärtlichen Hände fest in seinen – „Nimm es nicht als Bibel; denke an Lichtenberg, Du weißt schon, >mindestens einmal zweifeln<, aber an dieser Sprache solltest Du nicht vorbeigehen. So weit Du seinen Inhalt ablehnst oder einfach nicht annehmen kannst, so sollte Deine Ablehnung wenigstens sein Niveau haben.“

Die Biedermeierfee starb im Herbst des folgenden Jahres. Ihre Schwester hat es ihm mitgeteilt. Ihre Briefe sind Rudolfs kostbarster Besitz.

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