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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 62

25. Mai 2015

– LXII –

Zwei Großmütter, zwei Welten, doch ein unbeugsamer Wille in beiden. Obgleich diese beiden Frauen, Marie Anders und Anna Wenzel, unterschiedlicher nicht sein konnten, schaut man nur auf die Bühne, wo sie ihre selbstgewählte Lebensrolle gespielt haben, soweit leben wählen ist.

Marie Anders atmet Stallgeruch, als sie ihre Nase notgedrungen in die gesunde Luft des Dorfes Rogätz halten muß. Gefreut wird sich ihre Mutter kaum haben, denn die Frauen des Dorfes für das uneheliche Kind des Gutsverwalters um Windeln bitten zu müssen, ist ein bitterer Gang. Marie wird gelacht und gebrüllt haben wie alle Babys, von ihrer späteren Duchsetzungskraft her zu schließen wahrscheinlich mehr gebrüllt als gelacht. Sechzehn Jahre als Bankert im reißenden Urteilstrom des Dorfgeredes haben ihr gereicht, sie geht mit sechzehn über Wollmirstedt nach Magdeburg, heiratet als ungelernte Arbeiterin in einer Zuckerfabrik den ein Jahr älteren hübschen, gertenschlanken Jungen, der sich mit seinem Vater, einem Gerichtsdiener beim Amtsgericht, nicht versteht (der Beamte ist Deutschnational und der Sohn ist Sozialdemokrat) und deshalb als „Austräger“ in eben dieser Zuckerfabrik sein Geld damit verdient, daß er glühheiße Zuckerhüte aus dem Sinterofen zieht und in die Trockenregale schleppt. Sie bekommen sechs Kinder, auch Marie wird Sozialdemokratin, beide sind somit vaterlandslose Gesellen, unsichere Kantonisten, und wollen unbedingt nach Berlin, dorthin, wo es mehr und bessere Arbeit geben soll, und wo die Politik gemacht wird, der sie sich beide verschreiben, jeder auf seine persönliche Weise.

Der Start der Anna Glow war behüteter. Ihr Geburtsort, der Bahnknotenpunkt Schneidemühl in der preußischen Provinz Posen (preußisch nach der gewaltsamen dritten Teilung Polens), hatte damals schon rund 25 000 Einwohner. Ihre Eltern waren angesehene Leute. Ihr Vater, der Reichsbahnadjunkt Glow, war pensionsberechtigt. Kurz vor der Jahrhundertwende stellt er sich hoch aufgerichtet in Bahneruniform, auch ein Rock des Kaisers, königsblau mit rotem Stehkragen und breiten roten Ärmelstulpen, aus denen die weißen Handschuhe hervorschauen, das geflügelte Rad des Fortschritts (der industriea) am Kragenspiegel, zwischen den beiden von der Schulter zur Taille laufenden zwei Reihen blitzblank geputzter Goldknöpfe prunken vier Orden und Medaillen am Bande, so dekorativ und demonstrativ gekleidet also stellt er sich vor den Fotografenkasten des Kunstphotographen T. Graszynski, neben sich, auf einem samtbezogenen Hocker sitzend seine etwas kugelige Ehefrau, und beide schauen selbstbewußt
und durchaus nicht eitel ins Objektiv. Die Frau hat arbeitsgewohnte Hände, hält aber damit eine stinkteure Lederhandtasche an der flexiblen Lederschlaufe, ein zeitlos schickes Modell pariser Zuschnitts. Man würde ihnen aufs Wort glauben, wenn sie sagten, sie haben ihr geregeltes Auskommen. Sie sehen beide zuverlässig und kreditwürdig aus.

Warum denn aber will ihre Tochter Anna, kaum achtzehn Jahre alt geworden, mit Macht nach Berlin? Sie ist groß, stattlich, ja geradezu hübsch mit ihren mittelbraunen Haaren, sie hat einen glühenden Verehrer, Berufssoldat, Portopeeträger, so kaisertreu gesonnen wie ihr Vater, als Möchtegernschwiegersohn bei ihren Eltern wohlgelitten, aber nein, das Mädel hat nur eines im hübschen Dickopf: Auf nach Berlin, in die siegreiche Kaisermetropole, um sich dort selbständig zu machen. Sie weiß auch genau, wie das gehen soll, und – das darf vorweggenommen werden – es ist gegangen.

Nachdem sie sich bei den fassungslosen Eltern verabschiedet hat, bringt sie ihr Verehrer , der schmucke Mensch in Kaisers Rock, zum Bahnhof. Unterwegs redet er mit Engelszungen auf sie ein, bis zuletzt versuchend, sie zum Bleiben und zur Ehe zu überreden. Alles vergeblich. Sie besteigt mit seiner galanten Hilfe den letzten Wagen, stellt ihren Koffer ins Abteil und geht hinaus auf den offenen Perron. Sie schaut lächelnd hinunter auf den Soldaten, der nun, endlich seine Niederlage realisierend, betrübt zu ihr hinaufschaut, ihr einen Porzellankrug hinaufreicht und – als sich der Zug in Bewegung setzt – seine rechte Hand grüßend an den Mützenschirm legt. Auf dem Krug, umrankt von einem Eichenlaubkranz , stand der sinnige Spruch (der Soldat hatte also schon gewußt, daß er reterieren muß): „Behüt Dich Gott, es wär so schön gewesen, … es hat nicht sollen sein.“ Die Stelle, wo hier die Pünktchen stehen, ließ sie beim Erzählen immer aus, die hatte sie vergessen, und damit sind sie dem Erzähler ebenfalls entgangen. Doch fügte sie stets hinzu: „Das ist aus dem „Trompeter von Säkkingen, glaube ich.“

Als sie dem Rudolf dies alles zum ersten Male erzählte, saßen sie zu dritt – Frau H. gehörte ja zur Familie – im gemütlich warmen Zimmer. Frau H. saß schweigend dabei und strickte. Rudolf bohrte: „Und wie ging es weiter? Kanntest Du denn überhaupt irgendjemand in diesem großen Berlin?“

Der Lichtkreis der Stehlampe ließ ihre vollen grauen Haare glänzen. Es glänzte auch das dreistrahlige Granatkollier, daß um das schmale weiße Stehbündchen ihres dunklen Kleides herumlief und eine goldene Brosche, einen Kranz von Rosen darstellend, mit einer elfenbeinernen Gemme einschloß. Ihr Mund war schmal geworden, aber er lächelte, auch wenn sie nicht lächelte. Das willensstarke Kinn war noch deutlich, nur ihre schmal gewordenen Wangen verrieten ihr Alter, und in den tief verschatteten Augen lag die Trauer über den unverhofften Tode von Onkel Oskar, ihres letzten Lebensgefährten. Er war der Mann gewesen, der wohl am besten zu ihrem Wesen gepaßt hatte. Sie hatte so fest geglaubt, mit ihm trotz aller materiellen Verluste noch eine gute Weile gemeinsam durchs Leben marschieren zu können. Denn beide hatten eine Generalsseele und so manche Schlacht zusammen geschlagen.

„Ich kam am Schlesischen Bahnhof an“ erzählte sie weiter, „und landete wie von sicherer Hand geführt in einer kleinen, blitzsauberen Pension unweit des Bahnhofs Warschauer Straße.“ Bei diesen Worten schaute sie lange, erinnerungschwer, auf einen imaginären Punkt weit in der Ferne der Vergangenheit.

Wenn Rudolf heute in der eigenen Erinnerung diesem Blick hinterherschaut, kann er nur mit dem Kopf schütteln. Diese Frau war wie Cäsar, sie kam, sah und verwirklichte ihre Pläne. Vielleicht muß man sogar sagen, sie verwirklichte ihre Träume. Wenn es denn Träume waren, dann waren sie von großer Klarheit und Deutlichkeit.

Ihre neue Wirtin hatte eigentlich überhaupt kein Zimmer frei. Doch sie machte der jungen Frau, die sich nicht abweisen lassen wollte, den Vorschlag, das Zimmer mit einer gewissen Paula zu teilen. Die sei ein sauberes Mädel und arbeite bei Auer, einer Fabrik für Gas-Glühstrümpfe, an der anderen Seite der Warschauer Brücke, nahe der Mühlenstraße und Stralauer Allee. Fontane hat diese Gegend unvergeßlich in seiner „Frau Jenny Treibel“ geschildert. Wenn diese Paula am Abend nach Hause käme, könne man sie doch fragen, ob sie mit diesem Arrangement einverstanden sei. Auf diese weise sparten sie beide die halbe Miete. Bis dahin könne sie, die junge Anna, doch unbeschadet warten. So geschah es, und die Freundschaft zwischen Anna und Paula sollte sechzig Jahre währen.

Ein zweites Bett wurde in das nun gemeinsam zu bewohnende Zimmer gestellt, und in der ersten Nacht kamen die beiden jungen Dinger – Paula war ein Jahr älter als Anna – vor lauter Plaudern und Fragen und Kichern kaum zum schlafen. Doch Anna erzählte, sie wolle sich morgen schon eine moderne Nähmaschine kaufen, einen Zwischenmeister aufsuchen und zunächst einmal um Arbeit bitten. Sie wolle Blusen nähen, wie sie heute Mode seien, und sobald sie wisse, wie der Hase laufe von den Zwischenmeistern zu den eigentlichen Auftraggebern, werde sie sich selbständig machen. Paula kam aus dem Staunen nicht heraus. Doch Annas Vorschlag, diesen Weg doch gemeinsam zu gehen,
lehnte sie ab. Sie war für Sicherheit, Sie habe einen Freund, den Arno, der kellnere in Ausflugslokalen, und wenn der eine feste Stelle habe, würden sie heiraten und Kinder kriegen.

Der Mensch denkt, und der Himmel lenkt. sagen die Leute. Paulas Arno bekam die feste Stelle in einem der beliebtesten berliner Ausflugslokale auf der Pfaueninsel, sie heirateten, aber Kinder waren ihnen nicht beschieden. Arno blieb wegen der schwierigen Verkehrsanbindung der Insel die Woche über draußen und kam während der Saison nur einmal in der Woche nach Hause. Er war anderthalb Kopf kleiner als seine Paula, die Annas Größe hatte, und hieß bei seinen Kollegen der Kugelblitz, weil er so ausdauernd bedächtig war, auch im Reden.

Anna kaufte die Nähmaschine. Anna becircte sämtliche Zwischenmeister. Anna drang vor bis zu den Chefs am Hausvogteiplatz, und bald kaufte Anna auf eigene Rechnung Stoffe ein, mietete Räume für eine Nähstube und beschäftigte fleißige, propere Mädchen als Näherinnen, die vom Lande kamen und wie sie ihr Glück in der großen Stadt machen wollten. Das Zuschneiden behielt sie sich selber vor.

Annas Blusen wurden ein Renner, und die Textiljuden rissen ihr die Ware aus den schönen und fleißigen Händen. Nun fehlte nur noch eines: Ein eigenes Geschäft. Auch das wurde eröffnet, und zwar in der Petersbuger Straße. Anna war am Ziel. Doch der Mehrer hat einen Zehrer, sagt das Volk, und das Volk, die Leute im Plural der gesellschaftlichen Verallgemeinerung, sie haben immer recht.

Lange hatte die Anna keinen an ihre Wäsche gelassen. Paula, Arno und Anna gingen gelegentlich zu dritt aus, nach Treptow in den Paradiesgarten oder in die Hasenheide nach Neukölln. Aber immer wenn es interessant war, hatte der Arno Dienst, und so fuhren die beiden lebensfrohen Frauen hinaus zur Pfaueninsel und ließen sich von Arno dem Kugelblitz bedienen.

Viel Arbeit und wenig Vergnügen, das lief so lange, bis er sich näherte, der gutaussehende, liebe böse Johann-Friedrich. Anna lernte ihn beim Ausliefern kennen als Lagerarbeiter bei einer ihrer Abnehmerfirmen. Er war Lagerarbeiter, doch er sah keineswegs so aus. Er sah aus wie das blühende Leben und wie die große Welt. Er war entschlossen, das Leben zu leben, und er wußte, wie Sekt schmeckt und wo man ihn trinkt. Allerdings fehlte es ihm meist am Geld dazu.

Der Anna gefiel er auf den berüchtigten ersten Blick. Und die Anna hatte das Geld, das ihm fehlte. Der Anna gefiel nicht nur der Kerl, ihr gefiel auch sein Ehrgeiz. Er war nicht unbedingt fleißig, doch er wußte die Menschen für sich einzunehmen. Im Handumdrehen war er Vorarbeiter, er lernte Zuschneiden und machte die Gehilfenprüfung. Mit ihm zusammen eröffnete die Anna den Laden in der Petersburger Straße. Über dem Laden war eine große Wohnung. Die beiden heirateten. Arno, der Kugelblitz, legte die Stirn in Falten und schwieg. Paula, die Busenfreundin, meinte zögernd: „Anna, liebe Anna, mich dünkt, dein Johann-Friedrich ist ein Schlawiner. Sei mir bitte nicht böse.“ Anna war ihr nicht böse. Anna war schwanger.

Im Jahre des Heils neunzehnhundertsieben, am siebten Dezember, brachte die erfolgreiche Kleinunternehmerin Anna S., geborene Glow, eine Gesunden Knaben zur Welt, Rudolfs späterer Vater. Sie nannte ihn Willi und ließ ihn auch so taufen, (er selber nannte sich später Willy, was viel wirkungsvoller war, und es gelang ihm auf nie berichtete und von keiner Behörde je angezweifelte Weise, dieses Y-psilon in alle seine Papiere zu übernehmen).

Anna stillte nur kurz, nahm sich eine spreewälder Amme, und der kleine Willi wurde ein prächtiges Kerlchen. Sein Vater, der Johann-Friedrich, wurde leider ein Kerl, interessierte sich von Mal zu Mal mehr für die Schürzen als für die Blusen, und Anna ließ sich scheiden, noch bevor der große Krieg begann. Er soll wieder eine Frau gefunden haben, die bereit war ihn zu heiraten. Als Rudolf mit seiner Großmutter, es war noch vor der Währungsreform, von einem Bekanntenbesuch, den sie gemeinsam am Reichpietschufer gemacht hatten, mit der S-Bahn zurückfuhren, und wegen ihres innigen Gesprächs auf dem Umsteigebahnhof Friedrichstraße in den falschen Zug gestiegen waren, (Grünau statt Erkner), da stiegen sie beide auf dem tristen Bahnhof Börse gleich wieder aus, um auf den nächsten Zug zu warten. Rudolf war nie zuvor auf diesem Bahnhof ausgestiegen. Er wußte nur, zwischen Börse und Alexanderplatz war früher die Zentralmarkthalle, wo Oma Anders ihr Obst eingekauft hatte, und es gab in dieser Gegend viele Lokale und Kutscherkneipen der verschiedensten Coleur. Sie gingen beide in Gedanken auf und ab, und auf einmal sagte die Oma Wenzel: „Weißt Du eigentlich, daß sich in einem dieser Lokale dort unten Dein Großvater erschossen hat?“ Rudolf war so verblüfft, und gleichzeitig kam der erwartete Zug nach Erkner. Er fragte nicht weiter, wagte es dann auch nicht mehr, weil die Oma schwieg Und so ist dieser Satz die einzige Auskunft für ihn in dieser traurigen Angelegenheit geblieben,

Im Weltkrieg ließ Anna Schwesternblusen für’s Rote Kreuz nähen. Dies vertiefte den normalen Kontakt zur Berliner Schneiderinnung. Als ein vormaliges Mitglied der Innung als Kriegsblinder dort Geschäftsführer geworden war, hatte Anna mit diesem Menschen viel zu tun, wenn sie sich bei der Innung die Zuteilungen besorgte. Der Kriegsblinde Geschäftsführer, ein Herr namens Wenzel, war leider verheiratet. Als ihm während der Inflation die Frau starb und ihn mit drei Kindern – zwei Mädchen und einem Buben – zurückließ, lehnte er sich bei der Anna an. Sie schätzte den Mann. Er war umsichtig, hoch gebildet, sehr belesen. Nach der Inflation heirateten sie und bauten sechsundzwanzig das große Haus in Mahlsdorf in der Kohlisstraße.

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