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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 63

26. Mai 2015

– LXIII –

Als Rudolf bei Klangfilm anfing, es war ein herrlicher Tag Anfang Juli siebenundvierzig, beim Umsteigen in Ostkreuz, als er wie üblich die Treppen zum Ringbahnsteig hinauflief, hatte die Sonne schon alles versprochen, was man billigerweise in dieser Jahreszeit von ihr erwarten durfte, da zeigte der Meister S. mit Hausherrengeste in den Werkstattraum hinein, zur Fensterfront hin, und sagte geradezu generös: „Suchen Sie sich einen Platz aus, vier sind ja noch frei.“ Rudolf wählte den letzten Platz links hinten am Ende der Werkbankreihe. Wenn noch jemand nachkäme, hätte er nur einen Nachbarn und konnte in den Pausen, beim Essen, seinen Hocker an die Wand stellen und sich anlehnen und in die Werkstatt hineinschauen, die Reihe der Kollegen entlang und zur Meisterbude hin. Als Letzter in dieser Reihe saß der ranke und schlanke Vizemeister, neben sich den Schrank mit den Meßwerkzeugen, den Bohrern, Reibahlen und all den Werkzeugen, über die nicht jeder Einzelne selber aus dem Bestand seines Werkzeugkastens verfügte, und die man bei ihm gegen eine numerierte Werkzeugmarke als Pfand auslieh. Am Freitagabend mußte man schauen, daß man seine zehn Marken wieder beisammen hatte. Gelang das nicht auf Anhieb, war es peinlich, den Vizemeister fragen zu müssen, welches Werkzeug man ihm denn noch schulde; ein blankes Eingeständnis von Schlamperei. Bei aller täglich gezeigten Freundlichkeit und Hilfbereitschaft, in diesem Punkte war er unerbittlich und drohte mit gut gespielter Strenge: „Wer sein Zeug nicht zusammenhalten kann, muß den Schaden ersetzen.“ Meist fand sich ja alles nach einigem hektischen Suchen – der heraneilende Feierabend grinste vom Zifferblatt der großen runden Normaluhr über der Tür der Werkstatt – bei einer Maschine, an der man tags zuvor gearbeitet hatte oder bei einem grinsenden Kollegen, der sich Bohrer, Meßuhr oder Grenzlehrdorn „nur mal schnell“ ausgeliehen hatte, selbstverständlich, ohne groß zu fragen.

Rudolf hatte an diesem ersten Tag sein persönliches Werkzeug in Empfang genommen und quittiert und war gerade dabei, es aufzuteilen zwischen dem großen Schubkasten unter der Platte der Werkbank und den sechs kleinen Schubladen, die schräg unterhalb des Schraubstocks angebracht waren, mittels einer davorzuschwenkenden Klappe ebenfalls verschließbar, als ein vertrauenerweckender älterer Kollege, der in der Zweiten Reihe hinter ihm seinen Platz hatte – es war der Spezialist für besondere Probleme bei Projektoren – auf ihn zukam, ihn noch einmal begrüßte, ausdrücklich „im Namen des Betriebsrates“ und ihn davon in Kenntnis setzte, daß alle Kollegen hier ausnahmslos in der Gewerkschaft seien, und er fügte ohne die geringste Pression in der Stimme hinzu: „Was meinst Du, wirst Du Dich da ausschließen?“ Rudolf hatte nicht die Absicht, sich hier auszuschließen. Weil sich mit seinen drei Kollegen in der Schreibmaschinenwerkstatt solche Fragen nicht gestellt hatten, war ihm ein solcher Gedanke von selber gar nicht gekommen. Bei Telefunken war schließlich auch jeder in der Deutschen Arbeitsfront gewesen – allerdings automatisch und nicht freiwillig. So wurde er jetzt auf die demokratischste Weise Mitglied im FDGB, im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund, der zu dieser Zeit – gerade noch, jedenfalls in Berlin – eine einheitliche, alle umfassende Organisation war.

Der Kollege vom Betriebsrat hatte ihn unterrichtet, es sei so üblich, einen Stundenlohn in der Woche für die Gewerkschaftskasse einzubringen. Er hatte ihn nicht gefragt, wie hoch sein Stundenlohn sei, über Lohn konkret zu sprechen, war nicht üblich. Den Lohn vereinbarte jeder mit dem Meister selber. Der Meister hatte ihm bei seiner Vorstellung, nachdem er sich ausführlich über seine bisherigen Kenntnisse vom Vizemeister hatte ins Bild setzen lassen, die Lohngruppe vier zugebilligt, die zur Zeit für einen neunzehnjährigen Gesellen 86 Pfennige pro Stunde vorsah. Das waren drei Pfennige mehr, als ihm der letzte Chef gezahlt hatte. Rudolf entschied also, und er sagte dies auch sogleich dem Betriebsratkollegen, er werde wöchentlich eine Marke zu achtzig Pfennige kaufen und sie ins Mitgliedsbuch kleben. Der Betriebsrat schaute ihn quasi väterlich an, gab ihm noch einmal die Hand, klopfte ihm gleichzeitig mit der anderen Hand wie bestätigend leicht auf die Schulter und sagte dann durchaus ernst: „Ich freue mich, daß Du nun einer von uns bist.“

Nun war er als Feinmechaniker nicht nur gelernter Metallarbeiter von Beruf, nun war er auch bekennender Gewerkschafter; jetzt war er Metaller. Die Gelegenheit, sich im Rahmen dieser freiwillig zugestimmten Mitgliedschaft zu bekennen, sollte schnell kommen. Gerade hatte man den charismatischen Menschen Ernst Reuter zum Berliner Oberbürgermeister gewählt. Trotz (oder wegen) seines Bekenntnisses zu Lenin (als Kriegsgefangener des ersten Weltkriegs in Rußland), seiner früheren Tätigkeit als Volkskommissar und seiner Mitgliedschaft in der KPD (wie Oma Anders), lehnte es die sowjetische Besatzungsmacht ab, ihn in diesem Amt zu bestätigen. Er war 1921 wieder aus der KPD ausgetreten und zur SPD zurückgekehrt. Solche Renegaten betrachteten die russischen Kommunisten als Todfeinde. Reuter konnte sein Amt zunächst nicht antreten. Es gab mächtigen Ärger im Magistrat und eine ziemliche Keilerei unter den Stadtverordneten in der Parochialstraße. Die Bürgermeisterin Louise Schroeder zog mit der SPD-Fraktion aus und übernahm für Reuter kommissarisch das Amt des Oberbürgermeisters im Rathaus Schöneberg, bis Reuter nach der endgültigen Spaltung Berlins dort die Verwaltung und die Regierung von Westberlin übernehmen konnte. Diese politische Provokation durch die Russen, über die sich Rudolf – wie alle Berliner – ziemlich aufregte, hatte selbstverständlich auch Folgen für die Gewerkschaft. In Westberlin bildete sich die UGO, die Unabhängige Gewerkschafts-Opposition. Da der FDGB zunächst bestehen blieb, mußte man sich entscheiden. Rudolf, obwohl er im Osten wohnte, entschied sich für die UGO. Er dachte dabei an seine Großeltern. Der Großvater Karl Anders als leidgeprüftes SPD-Mitglied hätte die von den Russen geförderte und von der Westpresse sogleich Zwangsvereinigung genannte Zusammenfügung der SPD mit der KPD zur SED in Ostberlin bestimmt nicht mitgemacht. Darin wäre er sich – wie früher schon – mit seiner Marie nicht einig gewesen. Marie Anders dagegen würde vielleicht schmunzeln, daß jetzt ein ehemaliger KPD-Mann Oberbürgermeister von Berlin war, wenn auch nur im Westen. In ihrer ruppigen Art hätte sie bestimmt gesagt: „Na wat denn, die Amis wolln uns doch mit dem Marshall-Plan bloß den eigentlich fälligen Kommunismus abkoofen.“ Georg Marshall hatte gerade mit seiner vielbeachteten Rede in Stuttgart vorgeschlagen, mit dieser überraschend großzügigen Hilfe auch den bösen deutschen Verlierern wirtschaftlich unter die Arme zu greifen, statt ihnen wieder unmöglich zu leistende Reparationen aufzubrummen.

Rudolf wurde erst im Dezember 1949 einundzwanzig Jahre alt. Bei den ersten beiden Wahlen, vor und nach der Spaltung, bei denen die SPD hervorragend abschnitt und vor allem die SED in den Schatten stellt, war Rudolf – zu seinem Bedauern – noch nicht wahlberechtigt. Gleich nach der Währungsreform im Sommer achtundvierzig, als die in Westberlin arbeitenden Ostberliner zehn Prozent ihres Lohnes in Westgeld ausgezahlt bekamen (später waren es zwanzig Prozent), ging er hin und kaufte sich demonstrativ eine Baskenmütze, wie sie Ernst Reuter trug, und ließ sich achselzuckend in Ostberlin scheel ansehen. Der Haß wuchs, und die Trennungstendenzen wuchsen auch. Das Leben wurde sozusagen von Tag zu Tag sichtlich komplizierter.

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