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Das 12 zu eins Märchenfestival

31. August 2015

Es war – zunächst einmal – ein verrückte, eine aus den sozialen Fugen geratene Welt. In ihrer einen Hälfte herrschte ein nicht wegzuleugnender Wohlstand, die Leute waren frei, zu tun und zu lassen, was ihnen beliebt. In der anderen Hälfte herrschte , wie nach alter Sitte, Mord und Todschlag, die Menschen hungerten, viele hatten nicht einmal reines Wasser zum Trinken.

So paradox es klingen mag: Diese Welt war zumindest verbunden und – scheinbar – wie geeint durch eine doppelte Erfindung: das sogenannte Internet mit seinem world wide web und vielen anderen verrückten Auswirkungen und Auswüchsen, sichtbar modelliert durch die sich selber so nennenden Sozial Media Veranstaltungen. Das war etwas wie Clubs, oder – weniger vornehm – wie Vereine oder gar Selbsthilfegruppen. Die verrückteste, aber auch die lustigste unter ihnen war eine Gruppierung der geselligen Zwitscherei und verbalen Knuddelei (bis Knutscherei), die sich Twitter nannte und sich zu ihren leicht einprägsamen Logo ein kleines, spatzenhaftes blaues Vögelchen gekürt hatte.

Dort bei Twitter schaltete mensch sich mehrmals täglich ein, scrollte die sogenannte Timeline – die für jeden Teilnehmer vollkommen individuell und personenspezifisch war – einmal rauf und runter und versuchte, der Kommunikationstheorie des Jura-Soziologen Niklas Luhmann entsprechend, einen kurzen plausiblen aber sinnvollen und vor allem anschlussfähigen kleinen Text zu verfassen, in der Hoffnung, die Aufmerksamkeit – also das kostbarste Gut – der anderen Teilnehmer zu gewinnen. Der Clou: solch eine Botschaft, also eine Kurznachricht, war streng begrenzt auf sage und schreibe nur 140 Zeichen, (Leerzeichen mitgemitgezählt).

Bei diesen unverrückbaren Auspizien und Gegebenheiten hatte sich – durch rund 44.000 Tweets ein schon etwas älterer Twitterer mehr oder weniger bekannt gemacht. Er schrieb – meist – vernünftige Sachen, auch wenn es ja nicht mehr als zwei Sätze sein konnten. Er nannte sich mit seinem nome de guerre, seinem Spaßnahmen, ‚Der Berliner‘, und er hatte bei vielen Mittwitterern durchaus Anklang und Zustimmung gefunden, insbesondere bei den Frauen. Das lag vor allem daran, dass er gerne Komplimente machte, mit Worten schäkerte und vor allem, dass er gerne andere Menschen lobte und ihr Tun und Können achtete und beachtete.

Im Laufe der gemeinsamen Twitterzeit hatte sich – aus der sicht des Berliners, (der sich auch manchmal anders nannte) – eine von ihm präferierte Damenriege ‚herausgemendelt‘, die sich streng auf zwölf Teilnehmerinnen begrenzte, wie etwa die geheimnisvollen zwölf Märchennächte um Weihnachten herum.  Hier wäre nun nachzutragen: der Berliner war wirklich und tatsächlich in Berlin geboren, und zwar an einem – mensch glaube es oder nicht  – an einem 24. Dezember.

Wie das Schicksal so spielt, der Berliner war ein großer Träumer und Romantiker. Ihm gingen oft die verrücktesten Gedanken durch den immer grübelnden Kopf, in dem das sogenannte Kopfkino die tollsten Volten schlug. Er hatte mal eine Zeitlang, mit einem damaligen Kollegen zusammen, Lotto gespielt, aber viel gewonnen hatten die beiden nie, meist – wenn überhaupt – nur drei Richtige, ganz selten auch einmal vier. Der Berliner dachte sich eines Tages – zwischen zwei Twitterrunden – warum soll ich nicht noch einmal versuchen, bei diesem Lotto mein kleines Glück zu machen? Und wie es allen manchmal entschlossenen Scchüchternen so geht: Er gewann. Das war schier unglaublich, denn er gewann schon beim allerersten Anlauf nicht gerade eine Million, aber doch einen größeren Betrag, der sofort in ihm die Phantasie zum Aufschäumen brachte. Ach, dachte er – sich denkend und probierend im Kreise drehend – was könnte mensch nun nicht alles mit diesem Geld anfangen: Eine Reise? Ein neues Auto? Nein, dachte ers sich, ein Fest soll es werden, ein Liebes-Festival für und mit seinen zwölf Traumfrauen. Den Moralisierern wird hier sogleich in aller Schärfe und Besonnenheit entgegen gerufen: Ein Freudenfest in aller gebotenen Artigkeit, voller Phantasie und schwesterlicher Gemeinsamkeit. Das war er doch seinen zwölf auserwählten und damit auch ausgezeichneten Twittergrazien schuldig.

Gedacht, getwittert, getan: Er ging ans Werk, denn alles, was auch schön sein soll, muss dennoch immer sachlich, vernünftig und vorausschauend organisiert sein. Klar war ja allen infrage kommenden Personen: Wenn sie Teilnehmerinnen sein sollten, dann war vor allen zu bedenken: diese liebenswürdigen Frauen lebten ja – eine jede für sich – verteilt in ganz Deutschland. Allerdings war zunächst einmal grob davon auszugehen: Keine würde wohl wesentlich mehr als dreihundert Kilometer von Ihn entfernt wohnen. Aber: es war ja gar nicht notwendig – und auch nicht vorgesehen – dass man sich beim Ihm treffen würde. Es galt also einen mittelgroßen Ort mit großstädtischem Ambiente zu finden, der Mitten in Deutschland lag und für alle zu Beteiligenden etwa im Rahmen der angedachten 300-Kilometerzone zu bequem und in höchstens drei Stündiger Fahrt zu erreichen sein würde. Ein Blick auf einen Autoatlas zeigte: Diese Stadt könnte zwar Hannover sein, wäre aber vielleicht zu groß und zu wenig romantisch, besser vielleicht Hildesheim, mit dem tausendjährigen Rosenstock, oder die alte Kaiserpfalz Braunschweig, die Stadt Heinrichs des Löwen.

Der Berliner entschied sich, nachdem er er vielversprechendes kleines gut gepflegtes Hotel mit mindestens fünfzehn Zimmern gefunden hatte, das auch einen entsprechend großen Speisesaal hatte, für das Städtchen B. An der Rezeption meldete sich eine gut artikuliert und klug sprechende Dame, und es war auch glücklicherweise gleich die Chefin des besagten Hauses. Ber Berliner trug ihr seine Idee vor, und sie war begeistert: Ein Treffen zwischen zwölf Damen, die sich – generell – (noch) nicht kannten, die aber – von Twitter her – wussten, wer sie alle miteinander waren, und dazu dann – als der so oft und viel besungene ‚Hahn-im-Korbe‘ ein Mann, der sich zutraute, zwölf Frauen wenigstens an einem Tag zu unterhalten, zu beköstigen und somit glücklich zu machen. Die Hotelchefin erklärte, man sei bekannt und renommiert, wenn auch nicht überlaufen, und in Bezug auf den potentiellen Termin sei sie äusserst flexibel. Er, sozusagen der Veranstalter, er müsse es nur selber übernehmen, die zwölf Damen zeitlich zu koordinieren.

Das war ja über Twitter kein Problem. Er annoncierte also zunächst einmal: Begrenzte und geschlossene Gesellschaft für einen heiteren Tag in B. im Hotel Z. geplant. Dann schrieb er ein kurzes Szenario, fotografierte es und hing es leicht lesbar – über Instagram an einen weiteren Erläuterungstweet dran. Zusätzlich unterrichtete er jede Dame einzeln über eine sogenannte DM über seine Idee und seinen Plan. Zur Ehre der Damen sei gesagt, sie fanden seine Idee zunächst einmal ‚ganz passabel‘. Und das war dann schon mal die halbe Miete. Man muss bedenken, dass es sich bei diesen von ihm verehrten Frauen nicht etwa durch die Bank um ledige Damen handelte. Es waren auch verheiratete gestandene Weltversteherinnen darunter. Und es war ja ohnehin davon auszugehen, dass auch die ledigen Vögelchen ein eigenes Nest hatten und gebunden waren. Es gab zwar – zugegeben – ein ziehmlich ellenlanges Hin und Her, aber dann war frau soweit: Der Berliner hatte ihrer aller allgemeine Zustimmung, mensch fand einen für alle genehmen Termin, der auch mit den Möglichkeiten des ins Auge gefassten Hotels korrespondierte, und dann wurden Nägel mit Köpfen gemacht:

Zwölf Frauen und ein Mann treffen sich am … in B. … im Hotel Z. Reisekosten werden vom Einladenden selbstverständlich erstattet, ebenso alle im besagten Hotel anfallende Kosten für Unterkunft, Verpflegung und – vor allem – für die Getränke. Am Anfang sollte ein Sektempfang stehen, den wollte sogar die Hotelchefin übernehmen. Dazu wurde ein Fünf-Gänge-Menue geplant und in Auftrag gegen, nachmittags würden alle Kaffee trinken und aus einer Kuchenauswahl sich bedienen können, zum Abendessen würde es – der Jahreszeit entsprechend – ein Spanferkel geben. Und dann stünde dem Geplauder bis in die Nacht hinein nichts im Wege. Die Hotelchefin schlug vor, einen Barpianisten zu bestellen, der für leise Hintergrundmusik sorgen könnte, aber das wurde verworfen. Dezente Radiomusik, ganz leise im Verborgenen, sie würde das temperamentvolle Gerede der zwölf Damen – sie sich ja alle viel zu sagen hätten – nicht beeinträchtigen. Der einzelne Herr würde zwar – schon altersmäßig – den Vorsitz an der Stirnseite der Tafel übernehmen, hier und da kleine Anregungen geben, sich im übrigen aber artig zurückhalten.

Es entstand eine geradezu irrsinnige Stimmung der Vorfreude. Es wurde allseits getwittert, was das Zeug hielt, und diese Runde der Dreizehn fand mit ihrer Planung und Vorbesprechnung überraschenderweise sogar die teilnehmende Zustimmung der anderen Twitterer auf dieser Timeline.

Dann war es soweit: Der von allen mit – mehr oder weniger – klopfendem Herzen erwartete Tag, ein Wochende, kam heran. Eine Dame nach der anderen traf am vereinbarten Ort ein, Wurde von der reizenden Hotelchefin begrüsst, eingescheckt und bekam ihr Zimmer zugewiesen. Was die Damen nicht wussten – und nicht wissen sollten – der Berliner war schon seit zwei Tagen im Hotel, für alle Fälle, um etwaige Pannen zusammen mit der Chefin vorsorglich auszubügeln. Er saß in seinem Zimmer, eine Zweiraum-Suite, und stand ständig mit der Rezeption in Verbindung. Aber es klappte alles wie am Schnürchen: spätestens gegen halb zwölf waren alle Damen eingetroffen, hatten sich auf ihren Zimmern frisch gemacht, und die meisten hatten schon einmal einen Erkundungsgang durch die auf sie wartenden Hotelräume gemacht, sich einander bekanntmachend, wobei die Chefin behilflichw war. Dazu hatte der Berliner ein Passwort ausgegeben, eine Losung, die es einer jeden Dame ermöglichte, die anderen beteiligten Damen zu erkennen. Diese Parole hieß ‚Glücklichsein‘.

Um zwölf Uhr dreißig wurde zum Mittagessen geläutet. Es gab Spargelkremesuppe, ein kleines Fischgericht, (gebackener Nordseelachs) und als Hauptgericht war Zürcher Geschetzeltes vorgesehen. Die Nachspeise würde eine Jede à la Carte frei selber wählen können. Zum Abschluss dann der obligatorische Mocca oder Espresso.

Der Berliner betrat den Speisesaal erst, als die Damen schon dabei waren, ihre Suppe artig zu löffeln. Es gab ein Riesenhallo. Von weiteressen war zunächst einmal nicht mehr die Rede. Der Berliner, den alle Damen ja von dem Foto auf seiner Homepage kannten, er ging die Reihe herum, von Platz zu Platz, von Dame zu Dame, sah allen glücklich in ihre schönen funkelnden Augen und küsste ihnen – zart angedeutet – die Hände. Er trug eine dunkelblauschwarze Hose, dazu graue Socken und ein paar elegante italienische Slipper. Dazu ein eierschalenfarbiges Oberhemd und eine dazu passsende französische Seidenkrawatte mit dezentem Türkenmuster. Ein silbergrau schimmerndes reinseidenes Sakko italienischer Machart war sein abschliessender Anzug. Die Blicke der Damen – SEINER Damen – ruhten anerkennend auf seiner unaufdringlichen Erscheinung. Dann setzte er sich zu ihnen an seinen Platz als der Vorsitzende, ein leichter Mosel – zum Fisch – wurde reihum eingeschenkt von zwei reizenden jungen Damen in Schwarz mit mit weisser Zierschürze und weissem Häubchen. Und falls irgendwo ein kleiner Rest an verständlicher Verlegenheit sich gehalten haben sollte, im fröhlichen allgemeinen dezenten Geplauder begann die herzliche Woge des inneren Sichfreuens aller allen jede Befangenheit zu nehmen.

Jetzt lässt der Erzähler diese einmalige Runde erst einmal in aller Ruhe zu Ende essen und trinken. … Solch eine Unterbrechung darf ja nicht ewig dauern – auch nicht uf der Erzählebene, geschweige denn in der (fiktiven) Realität. Überdies bat mich soeben eine sympathische Dame, (die nicht zum Kreise der Zwölfe gehört, ihn aber gerne beäugt), ich solle doch – bitte – die Geschichte weiter erzählen. Nun, ich will es gerne versuchen:

Als die abendliche Stimmung auf dem Höhepunkt war, und als abzusehen war, bald sei der Schlummertrunk angesagt, da stand urplötzlich die Frage im Raum, (wohlgemerkt aufgeworfen im Kreise der Damen; der „Berliner“ hielt sich da ganz dezent zurück): Sollen wir (also die Damen) ‚IHN‘ alleine in seinem Bettchen schlafen lassen, oder liesse sich auch denken, irgendeine Art Revanche für diese schöne Einladung sich auszudenken. Es begann ein allgemeines Palaver, wodurch die Damen schnell vergaßen, sie verhandelten ja über Jemanden, der in ihrem illustren Kreise anwesend war. Die Freimütigkeit und überraschende Offenherzigkeit der weiblichen Debatte brachte den einzigen anwesenden Herrn mehrfach in Verlegenheit, er wurde rot auf den sauber rasierten Wangen, aber er liess sich das alles nicht anmerken.

Dann hatte frau ein Ergebnis: Alleine schlafen soll er nicht, wir werden ihn unter den Zwölfen verlosen. Die Hotelwirtin hatte schon eine Weile daneben gestanden und interessiert gelauscht. Sie erklärte sich sofort bereit, eine kugelige Glasschale mit den schnell angefertigten Losen herbeizuschaffen. Auf den eingerollten Loszetteln sollten aber keine Namen stehen, sondern nur die Zimmernummer der jeweiligen Dame. Alle waren einverstanden, also ruck-zuck stand die Glasvase mit den Losen auf dem Tisch. Was keinem der Anwesenden auffiel – weil ja keiner Nachzählte – es waren nicht zwölf Lose in der Vase, sondern: 13 ! Die Hotelwirtin, eine adrette liebenswürdige Dame, hatte ein Los mehr in die (Wag)Schale geworfen, (wenn mensch so sagen will). Dann schob eine entschlossene weibliche Hand das Lotteriegefäss vor den Herrn und alle forderten einstimmig, er solle, bitte, kurz und entschlossen, eines der Lose ziehen. Er wurde verlegen, aber ausweichen war ja nun nicht mehr möglich. Mit leicht zitternder Hand griff er in die durchsichtige Vase, mischte die darin enthaltenen Lose anstandshalber noch ein wenig, und griff dann doch entschlossen eines der Lose heraus.

Plötzlich schwieg die Runde. Öffenen Sie, öffenen, riefen alle, und der Berliner entrollte dezent sein los. Es stand tatsächlich nur eine Ziffer auf dem Lospapier. Diese Ziffer sagte ihm natürlich gar nichts. Und er weigerte sich, diese Nummer zu nennen. Das akzeptierten dann schliesslich auch alle Anwesenden. Die Hotelwirtin verschwand flugs mit der Lotterievase und verschloss sie im Hotelsafe. Der Schlummertrunk wurde gereicht und getrunken, alle küssten einander auf beide Wangen und die leicht beschwippsten Damen verschwanden auf ihre Zimmer auf den verschiedensten Stockwerken. Zurück blieben der einzelne Herr und die Hotelchefin, die ihm freundlich zulächelte. Auch der Berliner verabschiedete sich und merkte erst jetzt, in welcher Falle er nun saß. Denn so oder so, ob er sein Los nutzte oder nicht, am nächsten Morgen würden die Damen am Frühstückstisch einen Bericht von der Gewinnerin anfordern, das war ihm schon klar.

Als auf den Hotelfluren nur noch die Nachtbeleuchtung die Gänge erhellte, machte er sich auf den Weg, das Zimmer zu finden mit der von ihm gezogenen Losnummer. Es war – seltsamerweise, aber das fiel ihm eigentlich gar nicht so richtig auf – im Erdgeschoss. Er verglich noch einmal die Zahl auf seinem Zettel mit dem Nummernschild auf der Tür, dann klopfte er. Ein zartes ‚Herein‘ liess ihn eintreten: Nun aber war er doch verblüfft: im Bett lag – einladend lächeln – die Hotelwirtin ! Und lachend bekannte sie: ich habe einfach auf alle Lose meine Zimmernummer geschrieben. Sie haben mir gefallen, und ich habe sie keiner anderen gegönnt.

– – – – – Happy End – – – – –

 

 

 

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