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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 75

22. Juli 2015

– LXXV –

Auf einer Couch schlafen heißt unruhig schlafen. Die verrutschte Steppdecke läßt den Zug vom Fenster über den Rücken streichen, es zieht auf dem Bahnhof Friedrichstraße, wo Rudolf auf den nächsten Zug nach Ostkreuz wartet. Der Novemberwind pfeift durch das blanke Stahlskelett der Hallenkonstruktion, noch sind nicht alle vom Bombenkrieg davongewehten Scheiben wieder drin, noch fahren die Züge in allzu großen Abständen. Rudolf geht mit festen, stapfenden Schritten hin und her, geht hinaus bis ans Bahnsteigende, wo der Bahnsteig schmaler wird und die beiden S-Bahngleise zusammenlaufend sich in der langen Linkskurve Richtung Lehrter Bahnhof verlieren. Er betrachtet unauffällig die Leute, sie frieren wie er, und die meisten sehen erbärmlich aus wie er. Der Herr dort drüben nicht. Er schaut zwar verkniffen, die Augen sind wie zugewachsen, so schwer hängen die Lider herunter, seine Wangen auch, der faltige Hals verschwindet in einem dicken, mehrmals herumgewundenen Schal. Der Herr trägt einen Pelz. Es ist ein Herr, und Rudolf kennt ihn, bloß woher? Als Rudolf aufwacht, weil die Blase drückt, weiß er es sofort. Es war Aribert Wäscher. Der stand dort frierend auf dem Bahnsteig, trampelte ebenfalls hin und her im vergeblichen Wunsch nach warmen Füßen und schaute finster in die Welt. Er hatte das Desaster also auch überlebt. Seinen Namen hatte Rudolf noch in keiner Zeitung wieder gelesen. Ob er Nazi gewesen war? Wer Jude ist, bestimme ich, hatte der dicke Herrmann herrisch gesagt und es bitterbös gemeint. Wer Nazi war oder nicht, hatten die Amis sortiert, mit einem Netz aus seltsam unregelmäßigen Maschen: Viele stramme Fische schlüpften dort hindurch, und manch kleiner Stichling verfing sich in diesem Schuldnetz willkürlicher Betrachtung und Interpretation auf für ihn unheilvolle Weise. Aber die Juden waren doch auch nicht der Gerechtigkeit sondern der borniertesten Willkür zum Opfer gefallen. Wäschers Kollege Veit Harlan war in diesem Netz hängengeblieben, fast wie ein Sündenbock, denn wer wollte bei einem Schauspieler, also bei einem professionellen Chamäleon, mit Gewißheit sagen, er sei ein Hecht oder ein Stichling? In allen Berufssparten ging es so regellos geregelt zu: In Adenauers Kanzleramt saß ein Rechtsexperte, der offensichtlich unverzichtbar war: Globke, für Rudolf ein Niemand. Die sogenannte Entnazifizierung bot unendlichen Stoff zum freundlichen oder unfreundlichen Beinstellen. Es menschelte allerorten, und das Volk hielt sich an den Volksmund, der da sagt, es werde immer nur die Kleinen gehängt. Die paar Ausnahmen in Nürnberg bestätigten nur die Regel. Die zur Siegernation erklärten Franzosen hatten da mehr á la 1789 folgende reagiert: Kopf ab, Haare runter, an die Wand, rund dreißgtausendmal, ohne Gerichtsverhandlung oder sonstige formale Umwegigkeiten. Rechtsstaatlich war das selbstverständlich nicht. Geschätzte Unrechtsquote fünfzig Prozent. Auch nicht zufriedenstellend, aber in der harten Praxis des Zusammenlebens offensichtlich irgendwie befriedigend, also Frieden stiftend. Die welchen Nachbarn hatten ihre schillernde Vergangenheit mit Brachialgewalt bewältigt (die Sprache macht es deutlich). Wir werden es mit oberflächlicher rechtlicher, oder genauer: juristischer Akkuratesse und unendlich zögernder Bedachtsamkeit und Bedächtigkeit versuchen. Tu es oder laß es, gehängt wirst du doch im Namen deiner Überzeugung. Rudolf fror, wickelte sie wie eine Wurst in seine Decke und schlief wieder ein

Unvergeßlich und unzerstört der Märchenbrunnen hinter dem Friedrichshain. Der Bunkerbau im Friedrichshain hatte ihn links liegen lassen. So porös wie der Tuffstein aussah, so standfest hat er sich gezeigt. Vom großen Arkadenbogen ausgehend und in Stufen abfallend Becken nach Becken die rieselnde, raunende Märchenwelt der Gebrüder Grimm in formsamen Stein. Am Ende war man am Königstor, man drehte sich um, sah Rotkäppchen, den Froschkönig, das Gänseliesl, und vorbeirauschte die Straßenbahn Linie eins Richtung Alexanderplatz. Dem Märchenbrunnen gegenüber lag der Lunapark, ein stationärer Rummelplatz mit festen Buden und Dauerattraktionen. In der Mitte das große barocke Karussell mit großartigen wirklich schaukelnden Pferden, muschelartigen, samtgepolsterten Kuschelwippen und tückischen Drehkreiseln, die man selbst bis zum Gehtnichtmehr beschleunigen konnte (oh scheußliche Grenze der Belastbarkeit der Magennerven und deren peinliche Folge), Wurschtstände, Schießbuden, das Große-Los mit unwahrscheinlich großen ausgestopften Plüschtieren als fast unerreichbare Erste Preise, Haut-den-Lukas für Muskelmänner oder solche, die sich dafür hielten und die etwaige Blamage nicht scheuten, ein Ringerzelt und eine Würfelbude, die Riesenschaukel mit Überschlag nicht zu vergessen.

Großmutter Anders, in Wickelschürze und mit den unvermeidlichen Pantoffeln zog ihren Enkel Rudolf unnachsichtlich durch die Wunderfiguren des Märchenbrunnens hindurch, seine Hand nicht loslassend. In einer Tüte hatten sie Brote dabei, Schmalzbrote mit grober Blutwurst, die waren gedacht für die Pause in der Ringerbude, wo die Zweizentnergestalten der Bierkutscher, nebenberuflich, ihre (Schau)Kämpfe austrugen, griechisch-römisch und Freistil. Zuvor aber, zuvor mußte Marie Anders würfeln.

Der Macker in der Würfelbude hatte eine grüne Schürze um, ein Pseudo-Croupier, und immer ein mürrisches, beleidigtes Gesicht. Sah er Rudolfs Großmutter, die Marie, erstarrte er vollends, gab sich einen Ruck und sagte scheißfreundlich: „Na, Mariechen, willstet wida mal vasuchen?“ Mariechen beachtete ihn überhaupt nicht und griff wortlos nach einem der bereitliegenden Lederbecher mit den drei Würfeln.

Die Bude war nicht tief, aber breit. Links standen die großen Blumenstöcke, Hortensien in allen Farben und blütenfüllige Fuchsien und Azaleen, rechts hingen die unterarmdicken geräucherten Aale, alles erste Preise für den, der es vermochte oder dem es gelang, mit einem Wurf achtzehn zu würfeln. Auf den Regalen im Hintergrund stand der Ramsch für alle die weniger geworfenen Augen.

Marie Anders legte ihre linke Hand auf die Öffnung des Lederbechers, den sie mit ihrer rechten am überwendlich vernähten Boden umfaßt hielt. Sie schüttelte, nicht zu lange, nicht zu wenig, mit konzentriertem, nach innen gerichtetem Blick, und dann knallte sie den ledernen Becher mit einer unnachahmlichen, abrupten Neunziggradschwenkung nach unten auf die feste Platte des Budentisches. Eine knappe Sekunde professionellen Zögerns – in der sie vielleicht mit den wankelmütigen Göttern des Würfelspiels rang, haderte oder geheime Zwiesprache hielt, – dann wurde der Becher gelüftet: drei fünfen, das langte ihr nicht, bei weitem nicht, da konnte der Grünbeschürzte sagen, was er wollte: „Fuffzehn, doll, dafor jibs ne herrliche blaue Kristallvase, oder hier, drei Frühstücksbrettchen.“ Mariechen beachtete ihn nicht. Sie klaubte ihre Würfel zusammen, tat sie in den Becher, Hand drauf, Schütteln, peng, Zögern, und nach dem Aufdecken das verhaltene Siegerlächeln: Achtzehn!

Nun wurde sie leutselig: „Wat soll ickn nehm?, und: „Sind die Aale ooch frisch?“ Der Macker war beleidigt: „Mensch, Mariechen, det weeßte doch, bei mir allet erste Wahl.“ Marie Anders aß leidenschaftlich gerne fetten geräucherten Aal, aber sie fügte sich der Wirklichkeit: Sie wog zweihundert Pfund und nahm die Blumen.

Nun ging es zu den Ringern. Das Ringerzelt grenzte an der Frontseite an eine beträchtlich hohe Holzwand, oben orientalisch geformt mit Zacken, Giebeln und symbolischen Minaretten, bemalt mit wilden Ringerposen. Rechts war der Eingangsbogen, vorhangverschlossen, den Blick ins Innere der Arena verbergend, links daneben über die gesamte Front hinlaufend eine schmale Balustrade mit durchgehender Sitzbank. Wenn hier niemand saß, dann hörte man aus dem Zelt das Aufklatschen der Körper auf die Matte und das anfeuernde Gröhlen der Besucher. War die eine Vorstellung beendet, kam zuerst der Direktor als Ausrufer auf die Balustrade, gekleidet mit grünem oder rotem Glitzerfrack, Zylinder und Riesenfliege, und pries in stereotypen Superlativen die Vorzüge seiner Truppe an. Inzwischen verschnauften die müden Kämpfer hinter der Bühne ein wenig, aber dann: Mit den Klängen des Gladiatorenmarsches kamen sie heraus und nach oben. Jeder wurde einzeln vorgestellt, man verbeugte sich, ließ die Muskeln spielen, lächelte oder schaute grimmig, je nach Temperament oder der vom Direktor zugewiesenen Rolle (Herkules, Goliath oder Bösewicht). Man hieß in Wirklichkeit natürlich einfach Walter Bremer, Josef Breitmann oder (farbiger) der Tiger, der Bomber oder – mit entsprechender Trikotfarbe – der Rote Teufel. Die Leute hörten alles gern, sie klatschten und: Sie kannten ihre Pappenheimer, Die Kerle fuhren schließlich für jeden sichtbar täglich mit ihren Pferdefuhrwerken, bespannt mit strammen, schweren Belgischen Kaltblütern, das Bier aus für Bötzow, für Schultheiß-Patzenhofer oder für Berliner Kindl. So wie sie täglich die schweren Fässer stemmten, so stemmten sie hier einander und versuchten, den anderen nach allen Regeln der Kunst aufs Kreuz zu legen, mit viel Augenzwinkern, aber – und darin lag der Reiz für den Kenner – wenn sie wegen irgendeiner Kleinigkeit die Wut packte, wenn ein perfider Zwischenruf sie an der Ehre packte, dann ging’s rund.

Diese Atmosphäre stand bei Marie Anders hoch in Kurs. Mit einer fünfkugeligen Hortensie im Arm stand sie vor der Balustrade und betrachtete sich kritisch und fachlich kompetent die ausgestellten Fleischberge und Muskelpakete. War ein Unbekannter dabei, was vorkam und gern gesehen war, einer der als Fahrender extra laut angekündigt worden war, dann stieg das Erwartungsthermometer. Sie schaute sich nach Rudolf um, der inzwischen für zwanzig Pfennige mal auf dem Karussell seine Runden drehte. Zwei Karten gelöst, und dann hinein ins Vergnügen. Drinnen wurden die Blutwurstbrote ausgepackt, und dann konnte es losgehen.

Es waren Schaukämpfe, gewiß, aber es waren Könner am Werke, Wenn sie da in ihrer Ringecke standen, beide Arme seitlich ausgestreckt, auf den Seilen ruhend, verhaltene Kraft, nicht vermutete Eleganz der Bewegungen und vor allem Schnelligkeit ahnen lassend, im roten oder schwarzen Trikot, den Kopf mit gesenkter Stirn nach vorn gebeugt, drohend dem Gegner entgegen, dann mußte man denken, gleich bricht der Sturm los. Der Direktor, jetzt ohne Frack, sportlich, sagte an: „Der Tiger aus Bamberg, vierundneunzig Kilo, in diesem Jahr noch unbesiegt, gegen den Berliner Meister Walter Bremer, achtundneunzig Kilo; sechs Runden griechisch-römisch; der Sieger tritt nachher an gegen das Monster aus der Pfalz.“

Der Ringrichter trat zurück: Ring frei!, der Gong, ab ging die Post. Beide Kämpen stürzten in die Mitte, manchmal ging alles blitzschnell, ein Untergriff, schneller Heber, halbe Drehung und rums knallte da einer mit bangemachendem Geräusch auf die Matte. Der Werfer stürzte auf ihn, hielt ihn drei Sekunden mit beiden Schultern eisern am Boden: Aus! Aber dies war selten, die Leute wollten auch mehr sehen für ihr Geld. Das Umschleichen, das Packenwollen und Nicht-packen-können, das Auf-der-Matte-Landen und dann blitzartig wieder davongleiten oder sich-auf-den-Bauch-drehen, es gab genug zu sehen, zu staunen und zu klatschen.

Oma Anders schaute zu wie ein Kind. Ihre Augen strahlten, sie biß ins Schmalzbrot und konnte ganz rabiat dazwischenrufen: „Mach ihn alle, den fetten Sack!“

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