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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 65

31. Mai 2015

– LXV –

Immer wenn Rudolf von Köpenick aus mit der S-Bahn in die Stadt hinein fuhr, sei es nun nur bis Ostkreuz, zum Umsteigen nach Papestraße, oder weiter Richtung Friedrichstraße, Zoo und Charlottenburg, je nach dem, wohin er mußte oder wollte, dann fiel bei der Einfahrt in den Bahnhof Karlshorst sein Blick rechterhand auf ein Eckhaus im Palaststil der Gründerjahre, an das eine höhere Macht einen rechteckigen Klotz angebaut hatte, der das Gebäude beträchtlich überragte: ein Bühnenhaus. Dieses Gebäude mit seinem rechtwinkligen Krebsgeschwür, diesem rein funktionalen Nutzanbau war das Theater der Karlshorster Garnison. Jetzt war es das, nachdem diese höhere Macht nach der Eroberung Berlins dieses stolze Haus seiner Großmutter und dem ihr zugehörigen Onkel Oskar weggenommen hatte, beiden damit genau genommen die Existenzgrundlage entziehend, wie man jemandem den sprichwörtlichen Teppich unter den Füßen wegzieht.

Das Haus hatte ihnen zwar nicht gehört, das ist richtig, sie hatten es nur gepachtet, um darin ein Restaurant mit mehreren Räumen und – dies war das Wichtigste, was die Chose zur Gelddruckmaschine gemacht hatte – mit zwei Tanzsälen und einer Tanzfläche im freien zu betreiben, denn hinter dem Haus, entlang der Stolzenfeldstraße, war ein genügend großer Garten. Der große Tanzsaal lag zu ebener Erde, mit breiten Türen zum Garten, zwei Stufen hinunter, davor Platz für Tische und Stühle, die halbkreisförmig die feste Tanzfläche im Freien umschlossen, deren fugenlos glatte Oberfläche aus Solnhofener Platten wie ein Teich aus Milchkaffee aussah, wenn niemand darauf tanzte. Der andere, der kleine Tanzsaal war im ersten Stock, modern eingerichtet mit hohen schlanken Spiegeln, mit Facettenschliff, an den Wänden, dazwischen blumenartige Lampenbündel aus Messing, die kleinen Birnchen in kelchförmigen Opalglasblüten, wodurch der kleine, anheimelnde Raum erstens größer und damit recht eigentlich erst zu einem Saal wurde, und zweitens wie das Foyer eines UfA-Palastes im Stile der dreißiger Jahre wirkte. Alles im krassen Gegensatz zu den kleinen Holztischen mit Marmorplatten im unteren Saal, um die herum wiener Kaffeehausstühle aus gebogenem Holz standen, und der wirklich seiner realen Größe nach die Bezeichnung Saal verdiente und etwas her machte mit seinen großen unterteilten Fenstern, die Platz boten für jeweils ein schönes, umlaufendes Jugendstilornament aus bunten Gläsern.

Der Clou dieses beliebten und gern besuchten Etablissement, das es einmal war, wortwörtlich der Nagel, mit dem Onkel Oskar und Anna Wenzel ihren bemerkenswerten Erfolg „festgeklopft“ hatten, lag aber in überraschender doch
leicht einsehbarer Weise nicht in ihm selber oder in der Art, wie es eingerichtet war und betrieben wurde, der Clou, sein außer ihm liegendes Kernstück oder seine Seele war die auf der anderen Seite der Bahn liegende Pferderennbahn. Ohne diese Rennbahn, weltberühmt, und ohne ihre Besucher und Wettfreunde wäre der Erfolg niemals möglich gewesen. Oma Wenzel meinte sarkastisch aber treffend: „Ob die nu gewonnen hatten oder nich, einen Grund zum Saufen und Schwofen hatten die allemal, so oder so.“

Es war nicht das erste Lokal, das die beiden betrieben, zuvor allerdings jeder für sich. Die beiden kannten sich seit dem Hausbau in der Kohlisstraße. Sie lernten sich kennen, als an dem Neubau noch die Gerüste standen, und Anna mit ihrem zweiten Mann, dem Wenzel, abends in das Lokal ging, das Onkel Oskar eingangs der Kohlisstraße, unmittelbar neben der Straßenbahnhaltestelle und Wendeschleife, in einer Fachwerkvilla mit Saalanbau betrieb. In deren Obergeschoß er auch mit seiner Frau in einer großen, herrschaftlichen Wohnung residierte. Onkel Oskar war buchstäblich ein Entrepeneur, ein phantasievoller, risikofreudiger Veranstalter und Unternehmer. Vieles hatte er schon in die Welt gesetzt, nur keine Kinder. Sein größter Wurf vor der Zeit mit dem Lokal „Uhlenhorst“ war eine Würstchenfabrik in Köpenick, die sogar seinen patentierten Namen trug. Er hatte sie durch den Weltkrieg und durch die Inflation gebracht, und als sie wieder richtig lief, verkaufte er sie, um das Restaurant mit Tanzsaal am Uhlenhorster Forst Ecke Kohlisstraße einzurichten. Es lief wie geschmiert, und er konnte sich – mit und ohne seine Frau – leisten, was er wollte. Der Blinde an Annas Seite konnte nicht beweiskräftig hinschauen, und so leistete sich Onkel Oskar auch eine Freundin, die ihm ebenbürtig war und Anna hieß. Das Familiengerücht flüstert: Als er mit dieser Anna, die alles andere als blind war, – Oskar war ein schöner Mann, ein beeindruckender Herr – nach Italien fuhr, jagte Oskars Frau mit dem nächsten Zug hinterher und machte in einem noblen Hotel am Gardasee ein Riesentheater. Man arrangierte sich, so gut es sich machen ließ, und das Schicksal griff zugunsten der beiden kraftvollen „Vitalisten“ korrigierend ein: Der blinde und lebensunlustig gewordene Wenzel und Oskars krebskranke Frau starben innerhalb eines Jahres.

Anna Wenzel hatte ihre Blusenfabrikation und das Geschäft in der Petersburger Straße aufgegeben, nachdem die Nazis das überschäumende Geschäftsleben am Hausvogteiplatz so brachial arisiert hatten. Ohne Juden auch keine ursprüngliche Berliner Durchreise mehr im Frühjahr und im Herbst. Oma Wenzel stieg aus und sattelte um: Sie pachtete in Köpenick nahe dem Amtsgericht eine lebensprühende Kneipe, in der mittags die Richter, Rechtsanwälte und ihre Klientel deftiger berliner Küche zusprachen und sich des abends bis spät in die Nacht hinein zum Skat trafen. Nüchtern sagte sie dazu: „Hier hab‘ ich saufen gelernt, rauchen und gnadenlos Skat spielen.“

Onkel Oskar schloß das „Uhlenhorst“ und verpachtete die Räume an einen Galvaniseur, der dort seine Oberflächenveredelungsanstalt einrichtete. Die Anna räumte ihre Position in Köpenick ebenfalls, und beide stürzten sich gemeinsam und erfolgreich in den Karlshorster Rennbahn- und Vergnügungsbetrieb. Zum Pachtumfang gehörte auch standesgemäße Wohnung, und Oma Wenzel zog mit Onkel Oskar zusammen. Geheiratet haben die beiden nicht. Beide hatten die Gabe, allen Gästen, alten wie jungen, das Gefühl zu geben, jeder Einzelne sei der Mittelpunkt all ihrer Aufmerksamkeit. Folge: Der Laden brummte. An Renntagen war kein Platz zu kriegen, und wenn Tanz war, stand das Lokal kopf. Wenn die Großmutter diese Geschichten erzählte, hatte sie ein beneidenswertes Siegerlächeln. Sie schwärmte: „Mein Gott, an vielen Abenden mußte ich das Geld in der gerafften Schürze nach oben in die Wohnung tragen und auf’s Bett schütten. Zum Zählen kamen wir gar nicht.“

Onkel Oskar zeichnete allein in den Kriegsjahren für 60.000 Mark Preußische Staatspapiere, die von den Alliierten durch den Federstrich der Annullierung des Preußischen Staates in eine luftleichte Erinnerung verwandelt wurden. Als die Russen einmarschierten, mußten die beiden Lokal-Matadore auf Knall und Fall Wohnung, Lokal und Haus räumen. Onkel Oskar war zu der Zeit schwer krank. Die Oma schaukelte ihn auf einer Schubkarre von Karlshorst nach Mahlsdorf in die Kohlisstraße. Bei einem Mittagsschläfchen – die Oma hatte ihn ans offene Fenster der Veranda gebettet – wurde er von einer Kreuzspinne (?) in den Nacken gebissen. Es entzündete sich über nacht, der herbeigerufene Arzt war (ohne Antibiotika) machtlos. Immunsystem und Kreislauf brachen zusammen. Er starb unter großen Schmerzen an Herzversagen. Penicillin, auf dem Schwarzmarkt unerschwinglich, hätte ihn vielleicht gerettet, doch all das schöne Geld stand nur noch auf dem Papier. Auf dem Haus der Galvanisieranstalt lag zu Omas Gunsten eine Hypothek von 30.000 Mark. An die war selbstverständlich nicht kurzfristig heranzukommen. Treppenwitz: Onkel Oskar war Ende fünfundvierzig verstorben. Rudolf wohnte schon knapp ein Jahr bei der Großmutter, da erschien drei Tage vor der Ehrhardschen Währungsreform der Galvaniseur und zahlte lächelnd der verblüfften Oma die dreißigtausend bar auf den Tisch. Sie konnte nicht einmal mehr darüber weinen. Bei Verwandten von Willys erster Frau, deren Sippe in der Textilgegend um Forst zu Hause war, und die alle mehr oder weniger mit der dortigen Textilindustrie liiert waren, wurden eiligtst Stoffe erstanden, die sich nach der Währungsreform wenigstens einigermaßen zu realen Preisen verscherbeln ließen. Aus einem dieser Stoffe, einem englisch karierten, geblufften Zellstoffmuster, bekam Rudolf einen Anzug – nach Maß! Der lebende Onkel Oskar wären allen Beteiligten zehnmal lieber gewesen. Sic transit gloria mundi.

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