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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 74

21. Juli 2015

– LXXIV –

Rudolf war viel zu nervös, mehr angeregt als aufgeregt, einfach so dazusitzen und das Vergehen dieses seines letzten Tages in Berlin untätig geschehen zu lassen. Ruhen konnte er nicht, folglich wollte er, der gängigen Floskel entsprechend, tausend Schritte tun. Hinter sich den riesigen grauen Gebäudeklotz des ehemaligen Reichsversicherungsamtes, vor sich den Landwehrkanal, überlegte er, rechts oder links. Von links war er vor gut einer Stunde mit seinem Koffertrumm gekommen, also nach rechts, Richtung Shellhochhaus mit seiner markanten „ondulierten“ Fassade. Auch ein Wunder, daß die Bomben dieses architektonische Unikum und Unikat nicht erwischt hatten. Jetzt steht es gewiß unter Denkmalschutz, dieser berühmte Fahrenkampbau von 1932, ein immer noch modernes Bürohochhaus mit sage und schreibe gestaffelt bis zu zehn Stockwerken. Rudolf schwenkte nochmals rechts herum und ging bedächtig die ehemalige Bendlerstraße entlang, die schnurstracks nach Norden führte, zum sogenannten Bendlerblock, dem ehemaligen Oberkommando der Wehrmacht und vormaligem Reichmarinehauptamt. Das Gebiet war geschichtsträchtig. Wenn Rudolf seine Augen schloß, sah er die Panzerspähwagen der SS und die grauen Gestalten mit den schwarzen Kragenspiegeln, die das gesamte Gelände abgeriegelt hatten, als sicher war, das A.H., der größte Feldherr aller Zeiten (Gröfaz) die Wucht der Stauffenbergbombe überlebt hatte, schockiert zwar, aber überlebt. Der quicke Goebbels hatte sich nicht bluffen lassen, hatte den Major Rehmer die Stimme des fast unversehrten Meisters deutscher Maßlosigkeit am Telefon lauschen lassen, hatte ihn dann mit Generalvollmacht ausgestattet und losgeschickt, zum Rundfunkhaus in die Masurenallee, dem völlig unverständlicherweise noch unbesetzten (man fast sich an den Kopf über die technische Naivität des uniformierten deutschen Kampfadels), und an alle übrigen strategischen Schlüsselplätze, aber die SS machte aus dem Bendlerblock die Mausefalle des Preußentums. Hier vollzog sich – ziemlich diszipliniert, doch mit antiker Wucht – der dramatische Abgang des letzten Anstands der Deutschen Wehrmacht. Als sie endlich gehandelt hatten, die einzigen, die überhaupt dazu in der Lage waren, da war es schon zu spät, viel zu spät, taktisch und historisch. Aufopferung kann man nicht befehlen. Jeder Mensch ist dazu aus Gründen der Vernunft, aus Gründen des rationalen Kalküls, zu feige. Auch einem Soldaten kann man nicht befehlen: geh‘ hin und schieß den Adolf Hitler tot. Wer aber den Tyrannen töten will, welchen auch immer, der darf nicht hinterher, wenn die Tat geschehen ist, dabei sein wollen, wenn weiterregiert wird nach hehren Maximen. Man läßt es, oder man tut es: Pistole raus und weg mit dem Kerl! Solange man noch ehrenhalber die Pistole tragen durfte im Beisein des Führers. Schießen und sterben, tertium non datur. Und Friedrich der Große hätte verächtlich gesagt: Ein Hundsfott, wer als preußischer Offizier dann daneben schießt. Revolutionen kann man nur unehrenhaft planen und ausführen. Wer weiter will, muß darauf bauen, daß sein Erfolg die Ehre der Überlebenden (und damit seine eigene) neu begründet und wiederherstellt. Wer scheitert, muß sterben, nach dem Gesetz, nach dem er angetreten. Wie immer es dann ausgeht, der Einzelne hat unser Mitgefühl und unsere Tränen. Rudolf zuckte zusammen, als hörte er regelrecht die Schüsse des Peletons krachen: „Es lebe Deutschland!“ Dieser Wunsch des tragischen Grafen Stauffenberg ist in Erfüllung gegangen.

Die Sonne schien noch immer, doch Rudolf ging bedrückt zurück. Bloß keine großen, keine erhabenen Zeiten mehr erleben. Er dankte den Göttern, daß sie ihm Heldentum und Schande erspart hatten, und er dachte an das Wort Solons an den übermütigen König Krösus: „Niemand ist vor seinem Tode glücklich zu preisen.“

An diesem Abend ging Rudolf früh schlafen. Er war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte keine Ahnung, was ihn im Westen erwartete. Gut, er hatte einen Brief in der Tasche, worin man ihm bei den Physikalisch-Technischen Werkstätten einen Arbeitsplatz als Versuchsmechaniker zusagte. Er konnte vorerst bei seinem Vater wohnen. Aber er hatte die Ingenieurausbildung abgebrochen. Das Würde zumindest Zeit kosten, Zeit und Umwege, denn wie sagte seine Mutter stets: „Im Leben is nüscht umsonst!“

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