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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 66

2. Juni 2015

– LXVI –

Der Gedanke, Vater säße bald hier im Zimmer, würde ihn anschauen und Fragen stellen, Fragen nach seinen Erlebnissen und Meinungen, bereitete ihm offensichtlich soviel Kopfzerbrechen und innere Skrupel, dort drinnen, wo es unkontrollierbar denkt, daß sein Immunsystem die leichte Grippewelle, die gerade durch Straßenbahnen und durch die S-Bahn wehte, zum Anlaß nahm, zu streiken mit der unangenehmen Folge von Triefnase, Kopfschmerzen und Fieber. Er mußte zu Hause bleiben, und Frau H. goß Unmengen von heißem Fliedertee in ihn hinein. Die Oma ordnete unwidersprechbar kalte Wadenwickel an, und das Temperaturgefälle zwischen seinem Außen und seinem Innen jagte das Blut so durchs Gehirn, daß ihm eigenwillige Wachträume Geschichten erzählten, von denen er wahrhaftig nicht zu sagen gewußt hätte, welcher Realitätsebene sie angehörten. Wenn es denn stimmt – und alles Einsehbare spricht ja dafür – daß unser Bild von der Außenwelt nur die Eigenleistung unserer vom Selbst aufs Außen rechnend und schließend folgernde Gedanken- und Vorstellungssystematik ist, braucht man sich über das Folgende nicht allzu sehr verwundern. Kam jemand ins Zimmer und trat an sein Bett, sei es, um Fliedertee nachzugießen oder die inzwischen heißen und trockenen Lappen um seine Waden gegen eiskalte zu tauschen, so öffnete er hochschreckend die Augen und fragte die Frau H. oder die Großmutter, sie gleichermaßen erschreckend, weil sie mit seiner Frage reineweg nichts anzufangen wußten und nachsichtig meinten, er deliere wohl, wegen des kurzzeitig überraschend hohen Fiebers, daß sich von beiden Hilfskrankenschwesternseelen völlig unerwartet eingestellt hatte. Sie schauten also verblüfft und völlig verständnislos, als er sie bat: „Kann ich den Brief bitte noch mal lesen?“

„Welchen Brief?“

„Den ich an meinen Großvater geschrieben habe. Er muß dort auf dem Schreibtisch liegen, der Umschlag ist noch offen; und eine Briefmarke brauche ich auch.“

Großmutter und Frau H. schauten kopfschütteln einander an, hatten deutlich den gleichen Gedanken, es müsse wohl der Hausarzt gerufen werden, und die Oma sagte mit fürsorglichem Nachdruck: „Laß das jetzt erst mal, schlaf Dich lieber richtig gesund.“

Die beiden waren wohl ein bißchen eifersüchtig, dachte er undeutlich in seinem Fieberkopf und versuchte eben, sich seinen Brief in Gedanken noch einmal vor die Seele zu bringen:

Lieber Opa! Die Amerikaner haben uns allen gestattet, einen Brief nach Hause zu schreiben. Der Major, (man muß meetscher sagen), der das heute Vormittag bekanntgab, hat versprochen, dieser Brief würde tatsächlich auf den Weg gebracht und zugestellt werden. Viele hier wollen das nicht glauben und trauen ihm nicht, weil sie allen Amis nicht trauen wollen. Ich frage mich aber, warum sollte der Mann lügen? Er hätte doch nichts davon, und wundersame Anzeichen aus den verschiedensten Anlässen für eine manchmal schier unverständliche Hilfsbereitschaft bei den Siegern für die rein menschlichen Belange der Besiegten haben wir ja hier in Salzburg zur genüge erlebt. Also schreibe ich Dir. Wir sitzen ohnehin nur hier herum, in Salzburg in einer ehemaligen Kaserne, wohin sie uns vor zwei Tagen mit offenen LKWs von Bad Ischl, wo sie uns dann doch schnappten, gebracht haben. „Uns“, das ist mein Unteroffizier, der heißt auch Rudolf, ich soll ihn aber Rudi nennen, und ich. Als der Krieg aus war, hatte unser Bataillon fast Klagenfurt erreicht, es sollte nach Kroatien gehen. Wir haben uns dann über die Berge bis Bad Ischl durchgeschlagen. Ich bin froh, diesen Rudi bei mir zu haben. Er meint, die Amis werden uns wohl so bald als möglich aus Österreich herausschaffen, wahrscheinlich in das große Entlassungslager nach Rosenheim bringen und dann hoffentlich bald wieder nach Hause lassen.

Die Kaserne hier ist völlig überfüllt. Alle Räume und sogar die Gänge und Flure sind belegt. Wir beide sind daher in großen weißen Zelten untergebracht, die sie auf dem Kasernenhof aufgestellt haben. Die Landser, die zuerst kamen, mußten eine riesige lange Latrinengrube ausheben, die hat an jeder Seite ein genauso langes, schmales Sitzbrett, so daß die Benutzer in zwei Reihen mit ihren Rücken (und mit ihren nackten Hintern) zueinander sitzen. Zum Glück ist symmetrisch ein Brett als Lehne dazwischen. Dem Rudi macht das nicht allzuviel aus. Der geht dahin, wenn er muß, und unterhält sich dabei mit all den fremden Soldaten, um Neuigkeiten zu erfahren, die aber meist nicht stimmen, weil sie die Phantasie der Eingesperrten mit der Dynamik der möglichen Ausweglosigkeit einfach zum überlebensfähigen Ausgleich selber produziert. Ich aber grause mich davor. Dieser „Hundertzylinder“ – so nennen sie das – ist das Schlimmste von der ganzen Gefangenschaft. Ich schleiche mich deshalb erst spät in der Nacht, wenn die meisten schlafen, dorthin, damit ich bei diesem unvermeidlichen Geschäft möglichst (fast) alleine bin. Zu essen gibt es sowieso nicht viel, die Amis wissen doch gar nicht, wie so plötzlich die vielen Menschen ernähren sollen. Die Khakitruppe teilt einfach ihre Rationen, die sie wohl in Überfülle haben, mit uns. Doch die Aufteilung ihrer supper- und breakfast-Packungen führt zu seltsamen Ergebnissen: Ein paar Kekse, eine Handvoll Rosinen und einen Riegel Herschel-Schokolade. Mit etwas Glück erwischt man auch eine Vierteldose corned-beef. So etwas wird ziemlich rückstandlos verdaut, gottseidank.

Offenbar zum Ausgleich haben sie gestern jedem eine seltsame große Packung völlig fremder Zigaretten verkauft, die müssen sie wohl hier in Österreich erbeutet haben. Auf der Packung stand Tabak-Trafik, was immer das heißen soll. Ich schreibe „stand“, denn irgendein Schweinehund hat mir die Zigaretten aus meinem Tornister geklaut. Der Rudi hat gesagt, es gebe keinen Anstand mehr, und dem Kerl sollte man … doch das schreibe ich nicht, weil es zu ordinär war. Schade, ich hätte Dir die Zigaretten gerne mit nach Hause gebracht.

Wie geht es Euch beiden überhaupt? Bist Du gesund, und die Frau L. auch? Falls ich entlassen werde, muß ich zusehen, zur Mama nach Thüringen zu kommen, denn alle sagen hier, die Amis entlassen niemanden nach Berlin. Ich kann mir also nicht vorstellen, wann wir uns wiedersehen werden.

Ich muß schließen. Ich habe nur den einen Briefbogen, und der ist jetzt voll. Liebe Grüße an Frau L. Ich umarme Dich, paß auf Dich auf. Ich brauche Dich doch noch. Dein Rudolf.

– – – – –

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