Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 68

8. Juni 2015

– LXVIII –

Wann wird er kommen, der Langerwartete, der Kronensohn (wenn Großmutter hofft), der Mann aller Männer (wenn sich die Mutter erkundigt), der unersättliche Kostgänger seiner Mutter (wenn die Frau H. flüstert), der liebe Vati (wenn sein Sohn aus erster Ehe dazwischenredet), der Ist-mir-gleichgültig (wenn sich die nahebei wohnende Geschiedene zu Wort meldet), der interessante und bemerkenswerte Stelleninhaber (wenn die verwaltungserfahrene Amtsbibliothekarin in ihrem Biedermeierzimmer zu Geduld und Entgegenkommen rät), der Hat-eine-Chance-verdient (wenn der Stiefvater sich in die Lage des „Echten“ versetzt), der Freu-dich-doch-auf-den (wenn die kleine Elisabeth, die den Vater im Krieg verloren hat, morgens in der S-Bahn schnurrt), der noch immer ohne vertraute, von Innen kommende Anrede sich in Rudolfs schwankenden Gedanken apostrophieren lassen muß: Vater!, das geht nicht, so nennt er ja den Onkel Bruno seit dem gewissen Brief vom Eismeer; einfach kumpelhaft Willy!, so munter wagt er sich das unbekannte Verhältnis zu ihm keineswegs auszumalen; das jugendamtliche und amtsvormundschaftliche Erzeuger!, so papieren mag man ihn schriftlich und hinter seinem Rücken be-reden, aber an-reden?; mein Alter!, so kann man die Kollegen berichtsweise abspeisen, doch von Angesicht zu Angesicht?; dann eben quasi-vornehm PAPA!, doch der Kontext-Teufel steckt im Detail der verschiedenen möglichen Betonungen, in der Sprechmodulation, im Ausspracherhythmus, im Nachdruck, im Akzent: germanisch-berlinisch „Pappa“ oder welsch-korrekt „papaa“? (verdammt, wie sprechen denn die Franzosen?); am besten, er wäre schon wieder fort.

Seit Rudolf zur Tanzschule geht, – war Oma Wenzels Idee: „Junge, ich bezahl Dir den Kurs“ – erscheinen in seinen Tagträumen viel öfter als zuvor weibliche Gesichter mit fragenden, fragwürdigen, merkwürdigen, rätselhaften Augen. In der Tanzschule Behr am Alexanderplatz profanisieren sich derartige Gefühlsverwirrungen leicht dadurch, daß man den hexenäugigen Damen ungewollt und tölpelhaft im Zuge der unvertrauten Bewegungsabläufe auf ihre Füßchen tritt. Sie quittieren solche peinlichen Flegeleien entweder mit „Nun passen Sie doch auf!“, (wenn man sie nicht kennt), oder mit einem gehauchten Zischen: „Mensch paß doch uff, Du Ochse!“ (wenn man zur Klique gehört).

Der Brand im Kaufhaus Tietz, der Brand des UfA-Palastes, der Artilleriebeschuß beim Einmarsch, nichts hatte der altehrwürdigen Tanzschule Behr am Alex als Institution etwas anhaben können, nur ihren Fensterscheiben. Doch die waren inzwischen wieder eingesetzt. Geschäftsleute helfen sich untereinander, wenn sie nicht derselben Branche angehören. Das unscheinbare Haus, worin die Tanzschule im ersten Stock ihr Büro, den großen Saal und die nach Geschlechtern getrennten Garderoben hatte, stand wie eine vergessene Riesenschachtel inmitten der Trümmervierecke. Das zusammengestürzte Nebenhaus hatte die Brandmauer freigelegt, und dort, im obersten Teil stand in großen schwarzen Lettern der seit vielleicht zwei Generationen vergessene Schriftzug: TANZSCHULE BEHR. Wer vom S-Bahnhof her kam, schaute direkt drauf.

Tanzunterricht war für Rudolfs Anfängerkurs in den Standardtänzen am Samstagnachmittag um vier Uhr. Wenn die Damen aus der Garderobe kamen, mußte man staunen, wie bunt und pfiffig ihre Kleidchen waren. Den totalen Krieg mit seinen üblen Verboten und Einschränkungen ließen diese Kleider weit hinter sich zurück. Nüchtern und realistisch, wie er war oder wie er meinte, zu sein, fragte er sich verwundert und verblüfft, wie mühelos alle diese Mädchen das paradoxe Verhalten bewältigten: auf gleiche Weise gefallen zu wollen und dabei umgotteswillen mit keiner anderen konkurrierenderweise verwechselt zu werden. Sie taxierten offensichtlich und kühl die meistenteils unbeholfenen Jünglinge, die hier die Männerrolle zu üben übernommen hatten, doch vielmehr taxierten sie sich, bei allem heiteren Geplauder, unbestechlich untereinander: Schnitt, Rocklänge, lange oder kurze Ärmel, loser Gürtel oder enge Taille, Kragen oder Ausschnitt, Schuhe und Frisur, alles wurde gehandhabt wie bei einer Armee die Waffen. Die „Herren“ dagegen hatten nur zu beachten, die Minimalforderungen zu erfüllen, die vorrangig die Tanzschule selber vorschrieb, den viel schwerer einzuschätzenden Anforderungen der teilnehmenden Weiblichkeit sozusagen institutionaliert zuvorkommend: Oberhemd mit Krawatte, geputzte Schuhe und saubere Fingernägel. Dazu ein deutlicher Hauch von Seife; es durfte Kernseife sein.

Neben dem großzügig gewährten Geld für den Tanzkurs hatte die freundliche Großmutter noch eine kleine Klausel an ihren Schenkvertrag angefügt – umsonst ist der Tod, sagt der Volksmund – Rudolf mußte seine wenig vorteilhaft gebaute Cousine (Adoptivkind von Großmutters Schwester) als Kursbegleiterin akzeptieren und mit ihr gemeinsam in die Tanzstunde gehen. Er verstand sich gut mit ihr, man konnte gut mit ihr plaudern und über vieles reden, sie war klug und vorurteilsfrei, jedenfalls was Politik anbelangte, dogmatisch war sie nur, wenn sie über Astrologie referierte – Rudolf, der immanenzbesessene Skeptiker hielt sich da raus – doch sie war eben, ohne Liebe gesagt, ein Trampel, und sie war ein unvorteilhaft gekleideter Klotz am Bein eines jungen Mannes, der die verwirrenden Reize unbekannter Körperlichkeit ahnend zu schätzen versuchte. Rudolf hätte zu gern einmal Fräulein Adler nach Hause gebracht, doch die konnte spitz und vernichtend sagen: „Müssen Sie sich nicht um ihre hübsche Cousine kümmern?“

An manchen Tagen geht alles schief. Ein Unglück kommt selten allein und unverhofft kommt oft. An einem gewissen Samstag konnte die besagte Cousine nicht zum Tanzen erscheinen, eine Annäherung an Fräulein Adler rückte dadurch rasant in den Bereich des Möglichen, allerdings regnete es diesen Nachmittag so unverschämt heftig, man kam schon übel derangiert – nasser Mantel, nasse Hosenbeine – in der Garderobe an, und dann die Enttäuschung: Fräulein Adler war ebenfalls nicht erschienen. Das Eins-zwei-Wechsel beim Slow-Fox und das langgezogene Aaiins-zwei-drei beim langsamen Walzer wollte übler wenn auch undurchschaubarer Kausalität halber diesen Tag partout nicht klappen. So ging man etwas muffig gesonnen zum Bahnhof, natürlich fiel ein Zug aus, man fror im Durchzug der noch weitgehend unverglasten Bahnhofshalle am Alex, endlich der Zug nach Erkner, wer sitzt drin: Ein liebliches Mädchen, bekannt von der Abendschule, sie lächelt, man weiß, wie weit sie fahren muß, kurzes Nicken, man setzt sich neben sie, bloß jetzt keine Fachsimpelei, nein, sie hat gelesen, hat das Buch ja noch in der Hand, ein Buch ist immer gut, was ist es denn?, aha, Gedichte von Rilke, etwa der beliebte-beredete-berüchtigte Kornett?, nein, auch nicht das klagend-schwere „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?, mehr in der Richtung des munter sich drehenden Karussels mit dem „und ab und zu ein kleiner weißer Elephant“? Das kann ja heiter werden, wurde es aber nicht, denn „könnten wir nicht in Köpenick zusammen ins Kino gehen?“ scheiterte am „wir könnten, aber leider muß ich heute abend pünktlich zu Hause sein, bin eh schon zu spät dran“. Zum Glück und Trost folgte: „Kannst mich aber bis vor die Tür bringen, willste?“ Klar, solche Umwege können Geschenkcharakter haben, können, müssen aber nicht. Im Kontingenzraum der Zweigeschlechtlichkeit macht Gelegenheit zwar Diebe, doch Töchter haben Väter, und der ihre kam just in dem Moment zur Haustüre heraus, als Rudolf sicher war, sie hätte sich küssen lassen. Rilke als Seelenmasseur ist nicht zu unterschätzen, doch väterliches Mißtrauen eben auch nicht. Die beiden verabschiedeten sich unverrichteter Lieblichkeiten. Als Rudolf die drei Straßenbahnstationen am Hultschiner Damm zurückgelaufen und die Kohlisstraße etwas mißmutig entlanggetrottelt war, fand er zuerst den Schlüssel nicht, die Gartenpforte war aber offen, dann schloß der Hausschlüssel schwer, über allem noch der vom starken Nachmittagsguß zurückgebliebene in alle Ritzen dringende Nieselregen und: Was ist das? In der Diele, an der Garderobe, rechts neben dem Spiegel, hingen drei modisch gleiche Regenmäntel aus gleichem Material, ein männlich massiver, ein weiblich zierlicherer und – wie niedlich – ein putzig kleiner Lederolmantel wie für den kleinsten von Schneewittchens sieben Zwergen: Der Vater mit Frau und Tochter! Zweifel ausgeschlossen. Trotz der zwei Türen hörte man neben den vertrauten Sprechtönen der Großmutter und der Frau H. eine unvertraute Frauenstimme und vor allem eine ebenfalls unvertraute aber eindeutige Männerstimme, vortragsgeübt, anordnungsgewohnt, fesselnd: Der Vater und die Stunde der Wahrheit waren eingetroffen.

Als Rudolf die Küche betrat, sah er ohne Ablenkung nur das eine: zwei große, fragende, prüfende, kluge Kinderaugen; seine Schwester Angelika. Alle schwiegen drei Sekunden. Rudolf versuchte ein gewinnendes Lächeln, da fragte die unbekannte Frau ihre liebenswürdige, liebenswerte kleine Tochter: „Na, wer ist das?“ und das Kind, auf einer Fußbank sitzend, die man auf den Küchenstuhl gestellt hatte, damit es auf Augenhöhe der Erwachsenen teilhaben könne, angetan mit einem Kleidchen aus sympathisch warmem Stoff, kleine Puffärmelchen, mit roter Schnur eingezogen wie der rund geschnittene, ebenfalls eingezogene kragenlose Halsausschnitt, dieses Kind, die Haare zurückgekämmt und von einer beträchtlichen Schleife gehalten, sagte mit sicherer Stimme: „Das ist der Rudolf!“

– – – – –

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: