Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 71

5. Juli 2015

– LXXI –

Der Schiffskoffer war repariert; wie sollte er bloß dieses Trumm, wenn es randvoll sein würde, unauffällig in den Westen bringen? Diesen Koffer zu packen, würde das Werk eines Abends sein. Abreisen ist immer unproblematisch. Man rafft alles zusammen, was im (Hotel)Zimmer um einen herum und in allen Behältnissen liegt, dann kann’s losgehen. In Rudolfs Fall war’s kein Hotelzimmer, sondern das sogenannte Herrenzimmer im Hause seiner Großmutter, worin er nun knapp vier Jahre glücklich und zufrieden gewohnt, geschlafen, gearbeitet, gelesen, also gelebt hatte. Er hatte sich schon prüfend, wertend, gewichtend umgeschaut, kein Problem, es würde sich machen lassen. Also Aufbruch.

Zeit zum Abschied nehmen. Mit einem schnellen Händedruck ist es da nicht getan. Erstens will man das nicht, könnte es auch gar nicht, denn wer geht, und sei sein Koffer noch so groß, er läßt immer mehr zurück, als ihm lieb ist. Und der gängige Ausdruck Abschied nehmen trifft die Sache keineswegs, denn in allen wichtigen Fällen – und alle Fälle sind wichtig, geht es doch immer um Menschen, um Gefühle, um Herzen, um hängengebliebene Zeit. Man muß sich also konzentrieren, muß sich vorbereiten, muß sich innerlich öffnen für das Abschied geben.

Am einfachsten (so schien es ihm, er war noch so jung) war es, von der Gemeinsamkeit des Lebens sich zu verabschieden, das er mit seinen Toten gelebt hatte. Sie lagen da und dort, an den verschiedensten Orten dieser Stadt oder an solchen geographischen Punkten, die einmal Front hießen. Die Toten liegen immer an der Front, wo sie die Waffen des Eigensinns strecken mußten, dort hatte allemal der dunkle Blitz eingeschlagen, den keiner allzugern beim Namen nennt. Die Toten betrübten ihn nicht. Soweit er sie geliebt hatte, nahm er ihr Bild mit, wohin immer ihn die Reise auch führen möge. Und da sie tot waren, wie schrecklich das Sterben für sie auch immer gewesen sein mochte, er konnte nichts mehr für sie tun. Marie Anders war gestorben in einem Kellergewölbe, das geschmückt war mit herrlich leuchtenden Jugendstilornamenten, vollgepumpt mit großzügig dosiertem Morphium gegen die unbeschreiblichen Schmerzen, die ihr der eigene, sich selbst zerfressende Magen dafür zumutete, daß sie ihn ein langes Leben lang mit sogenannten Kopfschmerzpulvern zuschüttete, weil ihr der eigene Kopf den gelassenen Anblick dieser Welt des sozialen Unrechts nicht gönnte, ungetröstet von allen geduldigen Worten und dem Händedruck ihrer jüngsten Tochter, die bis zum letzten Atemzug ihrer Mutter an ihrer Seite ausharrte, bitter rechtend mit Dem-da-oben, weil der nicht zuließ, das ihr Trostversuch noch ein letztes Mal ins Bewußtsein des zermarterten Kopfes dieser Marie durchdrang.

Und Karl Anders hatte man während einer kurzen Feuerpause im Kampf um den Alexanderplatz auf einem Karren aus der Gollnowstraße hinausgefahren, er lag im Fieberdelirium, hin in die überfüllten Räume des durch jahrelange Nachbarschaft vertrauten Krankenhauses Friedrichshain, hin zu den überlasteten Ärzten und Schwestern und Krankenpflegern, die im Ansturm der Kriegsereignisse nicht wußten, wo ihnen der Kopf stand, die ihn dann doch am Ende seines verzweifelten Kampfes ums Weiterleben ohne zureichende Medikamente aufgeben mußten wie so viele andere um ihn herum, mit denen sie ihn dann notgedrungen, wahrhaftig von der Not dieses alle überlieferten Formen zermalmenden Geschichtsaugenblicks gedungen und gedrungen in die schöne weiße Kalkgrube eines eilig ausgehobenen Massengrabs betten mußten.

Kurt Anders, Maries Jüngster, ihr hübsches Sorgenkind, das sich in den Zwanzigern bei Charleston und Black Bottom, die Lackschuhe auf Bierdeckeln, hüftenschwingend und mit eingeweihtem Augenzwinkern singend: „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da, …“ nicht vorstellen konnte und um keinen Preis der Welt auch nicht vorstellen wollte, er müsse einmal mit Schaftstiefeln, braun oder grau gekleidet, marschieren, für wen und wohin auch immer, marschieren, dieser Frauenliebling, Herzensbruder von Rudolfs gleichgesinnter Mutter, dieser Kurt hatte seinen Kopf in den gasbeheizbaren Backherd seiner ärmlichen Wohnung gesteckt, just in dem Augenblick, als seine junge Frau mit beiden puppenkleinen Kindern zur Schwiegermutter verreist war, als sein Arzt mit Bedauern und brutaler Offenheit einen inoperablen Geschwürkomplex im Zwölffingerdarm diagnostizierte und als gleichzeitig der schon lange gefürchtete Einberufungsbefehl ins Haus flatterte. Er war nervenstark genug, der von vielen so belächelte Hübschling, genügend Groschenstücke in den Automaten zu stecken, genug zum sterben, und die Sicherheit des Hauses nicht in Gefahr bringend. Wie er es geschafft haben mag, knieend, mit dem Kopf in diesem blechernen Kasten auszuharren, bis es keiner Hoffnung mehr bedurfte, mag sich ausmalen, wer robust genug ist.

Sein großer Bruder, Erich Anders, ein Bär von einem Mann, Glas- und Gebäudereiniger-Meister, der widerspruchslos zu den Fahnen geeilt war, seine geliebte, mit sinnlicher Fülle aber zu seinem allergrößten Bedauern leider nicht mit Kindern gesegnete Frau verlassend, um in der schmucken blauen Uniform des ambulanten Eisenbahnflaksoldaten hitzig übers großdeutsche Streckennetz sich hetzen lassen mußte, ein geduldiger Abwehrigel, der den wahllos angreifenden Bombern sein „Ich bün all hier“ – vergebens – entgegenschoß,Erich Anders war vom blinden Kriegsschicksal die schwer zu ertragende Todesform zugedacht worden, der man den unerträglich hoffnungsvollen Fachnamen „vermißt“ zugeschrieben hatte. Böse Gerüchte, er habe sich in einem stuttgarter Lazarett gewollt vertauschen lassen und lebe fröhlich kinderzeugend unter anderem Namen mit einer weitherzigen Schwäbin weiter, wollten zumindest der Ehefrau nicht als ausreichender Trost erscheinen

Das verstörendste Los, das der nachdenkende Betrachter sich ausmalen mußte, hatte sich der zweitjüngste Andersjunge, Omas Walter, aus der Kriegstrommel gezogen. Freiwillig, entschlossen und nicht umzustimmen, wie alle Zeugen übereinstimmend berichteten, Die Russen waren unaufhaltsam die Frankfurter Allee heruntergebraust, Straße um Straße, manchmal Haus um Haus, ein Racheengel, dessen Schwingen ihr Rauschen mit dem Brausen der Stalinorgeln zusammentönen ließen, die verzweifelte Verblendung eines aussichtslosen Widerstandes sprengte den U-Bahntunnel unter der Spree, Tausende soffen am Alex unten in der Linie E ab, die Stadtmitte bis zum Reichstag und bis zur Reichskanzlei war bereits unhaltbares Gelände, da läßt der Blockwalter Walter Anders Frau und Kinder im Keller zurück, vielleicht hoffend denkend, sie mögen zumindest eine hauchdünne Chance haben, er aber, der Goldfasan, er hatte gewiß keine mehr. Die Menschen hätten ihm sein braunes Protzen vielleicht verziehen, ein bißchen Zivil, ein bißchen Lügen, ein bißchen Verstecken, die Gollnowstraße war keine Haßallee, aber er wollte sich wohl selber nicht verzeihen, der braune Sohn des SPD-Vaters, der da fiebernd in seinem Keller lag, und der glücklicherweise bereits verstorbenen Roten Marie, deren gradlinige und konsequente Arbeitervergangenheit, vielleicht trieb ihn die an, jetzt, wo die Artillerie in den Straßen brüllte, wie auch immer, jeder Mensch hat schon Mühe, das eigene Handeln zu rationalisieren. Walter jedenfalls zog die Braune Schanduniform an, band sich das Koppel mit der Dienstpistole um und … verschwand Richtung Alexanderplatz, wo schon alles drunter und drüber ging, wie? kämpfend? schreiend? zerrissen? erschlagen? Armer Walter. Seine Schwester Herta meinte leise: „Er hat es zu was bringen wollen, deshalb ist er in die Partei gegangen.“.

– – – – –

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: