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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 76

23. Juli 2015

– LXXVI –

Ach Rudolf, laß sie doch fahren, die geträumte Kindheit, laß sie verwehen, wehen wie die Gardinen in deinem Rücken, der Nachtwind läßt sie schweben, wie die Wahrheit schwebt und webt, die Wahrheit dieses Zimmers, hinter deinem Rücken, hier wurde sie gesagt, angedeutet wurde sie, du hast sie sogleich erkannt, als sie andeutungsweise deutlich wurde, überdeutlich im Erschrecken, nicht wahr, sie durfte nicht sein, diese Wahrheit. Du hattest dich einfach umgedreht, nun hast du sie im Rücken, diese Wahrheit. Das Zimmer wirst du morgen zurücklassen, die Wahrheit aber, diese angedeutete unglaubliche Wahrheit, die mußt du mitnehmen, sie wird immer bei dir sein, hinter dir, in dir, mit dir. Jeder hat seine Wahrheit in sich, hinter sich, sie wird gebraucht, aber nicht benötigt. Einem Teil dieser Wahrheit fährst du nun sogar entgegen, nein, du fliegst ja, fliegst ihr entgegen. Ob sie sich zeigen wird, deutlich werden, steht noch in den Sternen, in deinen Sternen. Ein Steinbock bist du, Aszendent Wassermann, den Widder im dritten Haus, dem Haus der großen Ereignisse. Achte auf den Schützen! Der neigt wirklich dazu, sich lächelnd von seinen Pfeilen zu trennen, damit zu verletzen. Traue dem Schützen nicht, er ist allzu klug und mit Bedacht unbedenklich, frage deine Mutter, frage sie, morgen Vormittag auf dem Flugplatz, sie kennt ihn, den Schützen, ist selber bedenklich getroffen und unheilbar verletzt, einen seiner ersten jugendkecken Pfeile immer noch zitternd im bebenden Herzen. Hüte dich vor diesem Schützen. Frage sie, es ist vielleicht die letzte, die allerletzte Gelegenheit.

Und er bestieg träumend den vor Reiseeifer bebenden Rappen, den kohlrabenschwarzen, den mit der blutroten Satteldecke und dem Sattel, dem spanischen, aus Cordoba, der maurischen Metropole Andalusiens am Guadalquivir, wo die sechzehnbogige Brücke den trägwilden Fluß in seinem Sandbett überwindet. So machte er sich auf seinen Weg, den niemand kennt und alle gehen müssen, wenn lachend nicht, so doch wenigstens voll der lächelnden Hoffnung, daß sich öffnen mögen die Tore der Einsicht, Erkenntnis, Erfüllung und Bescheidung, nachdem es gelungen, einzudringen in den großen Saal mit den gedruckten, bedrückend-beflügelnden Schätzen, auf deren Entzifferung wartend dieses fünffach, quadratisch geschachtelte Spruchgeheimnis vom Verursacher, dem Grund legenden, der da festhält Wechsel und Dauer in der Unbeständigkeit: Sator-Rotas in Ewigkeit. Möge es so sein: Es sei so!

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