Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Schlusskapitel 77

25. Juli 2015

– LXXVII –

Ach, mach‘ es mir doch nicht so schwer, du aufgeräumte Trümmerwüste Berlin, dachte Rudolf beim Aufwachen, jetzt scheint auch noch blendend diese ungerührte Sonne wieder einmal wie nichtsahnend auf Schuldige und Unschuldige. Berlin, ich muß dich lassen, verlassen, loslassen. Und ist noch nicht einmal traurig, dieser Rudolf, dieses bücherlesende, mit Hebeln und Zahnrädern tüftelnde, Gedichte schreibende, vertrauensvolle große Kind mit den neugierigen, schlanken, zärtlichen, doch allzuleicht, allzuschnell zögernden Händen. War er vielleicht doch ein überdurchschnittliches Durchschnittsmonster? Oder war er einfach ein untypischer Typus? Springt jetzt aber entschlossen von der traumharten Couch, legt artig die Steppdecke zusammen und tappt ins Badezimmer.

Nachdenklichkeit beim Frühstück. Kaum noch Fragen der vaterseits angeheirateten Tante, weit voraus schon sind die Gedanken, weit voraus.

Das Telefon ruft die Taxe (vornehm geht die Welt zugrunde). Die Taxe bringt den dunkelblauen Kofferklotz mit seinem Besitzer (omnia mea mecum porto) schnurstracks nach Tempelhof, aufs ebenfalls aufgeräumte Schlachtfeld der letzten großen Berlin-Krise, dorthin also, wo monatelang die alliierten Rosinenbomber landeten, die im kollektiven Bewußtsein der Berliner die vorangegangenen Erlebnisse aller mit der ganz anderen Bomberspezies wenn nicht tilgten, so doch brauchbar und lebbar übertünschten. Die alte berliner Taxe mit dem umlaufenden schwarz-weiß-karierten Signalstreifen, wie ein schönes Bild aus Remarks Roman, verdammt, wie hieß der denn noch, worin sich die beiden Veteranen des ersten Krieges mit Hilfe einer halblegalen Taxe durch die Inflationszeit trixen?, komm nicht drauf, macht sicher die innere, außen nicht gezeigte Aufregung; diese Romantaxe schaukelt freundlich in den Kurven. Wie im Filmstudio, denkt Rudolf, wo die Taxenattrappe auf dem Bock ruht und von einem Atelierarbeiter am Balken rhythmisch geschaukelt wird. Wer zahlen kann, den schaukelt man.

Die Taxe hält vor dem Eingang des adolfinischen Monumentalbaus. Keine sichtbaren Bombenschäden. Die Zufälle des Bombenkrieges sind eben wundersam, wie schon oft angemerkt werde mußte. Dort drüben, die kleine zierliche Person, zwischen zwei Säulen wartend, ist Rudolfs Mutter. Damit hatte er rechnen müssen, daß sie vor ihm da sein würde. Arme Leute müssen sauber und pünktlich sein, hieß ihre Maxime; es war die auch von Rudolf verinnerlichte Familienmotivation. Hatte es doch der Opa schon immer so gehalten. Rudolf zahlte den am Taxameter angezeigten Betrag, schwach aufgerundet, Westgeld war bei ihm knapp. Er griff aber entschieden und entschlossen in die Tasche, lehrte sie aus und ließ alles Gefundene in die offene Hand des verblüfften Taxifahrers gleiten. „Hier“, ich brauche kein Ostgeld mehr.“ Der alte Mann in der abgeschabten Lederjacke beschaute sich das Aluminiumhäufchen und meinte einfühlsam; „Na, det sieht ja verdammt nach ewigem Abschied aus.“ Rudolf nickte zögernd: „Wer weiß, wer weiß.“

Rudolf nahm seine Mutter in den Arm, schaute ihr ins Gesicht: Sie hatte verheulte Augen, lächelte aber. „Wartest du schon lange?“, fragte er höflich und verlegen, doch sie winkte ab: „Kennst mich doch.“

Die große Uhr mahnte, es war nicht mehr viel Zeit. Sie gingen beide noch gemeinsam zum Abfertigungsschalter der Panam. Der Koffer war – wie erwartet – zu schwer. Rudolf mußte zuzahlen. Das Westgeld schmolz in der Julisonne. An der Sperre war Trennung angesagt. In die Abflughalle durfte nur, wer ein Ticket und einen Interzonenpaß vorzeigen konnte. Den schweren Koffer war er schon los, der wurde verladen. Eine letzte Umarmung, ein letzter Händedruck, ein Wangenkuß: „Schreib‘ bloß regelmäßig.“ Sie schaute ihn mit den dunklen Augen an, die einmal seinen Vater betört hatten, den Zigeuneraugen, aber ihr Blick hatte die gewohnte Mischung aus Prüfung und Skepsis.

Rudolf ging mit der Gruppe der anderen für Frankfurt aufgerufenen Passagiere durch die Halle hinaus in die Sonne. Die abflugbereite Maschine stand unweit des riesigen freitragenden Hallendaches auf dem Vorfeld. Es war eine Superconstellation, die mit dem Delphinrumpf und dem dreifachen Seitenleitwerk, unverwechselbar. Ihr Name war „Ciel de Provence“

Rudolf war noch nie zuvor geflogen. Da er keine Wahl hatte, hatte er auch keine Angst. Leben ist Risiko, im Krieg hatte er es verinnerlicht. Oben an der offenen Schwenktür, am Ende der unerwartet hohen, herangefahrenen Treppe, der Gangway auf Neudeutsch, stand lächelnd die schmucke Stewardeß. Ein gut gekleideter Macker, der zugegebenermaßen wie ein Herr aussah, bekam den Fensterplatz. Rudolf setzte sich neben ihn. Der Nachbar schaute freundlich-unverbindlich, sagte Guten Tag und redete glücklicherweise nicht. Man saß in Flugrichtung links. Rudolf beugte sich vor, schaute durch das kleine Fenster, man sah nur Weite. Die Ohren registrierten jedes unbekannte Geräusch. Der Zugang wurde verschlossen und verriegelt, die Treppe weggefahren. Die Motoren liefen an, und der Magen zog sich spürbar zusammen. Unmerklich rollte die „Ciel de Provence“ an, ein paar leichte Schwenks, sie stand bereit, vor sich, schier bis an den Horizont, die unendliche Betonpiste. Die Motoren liefen hoch, die verblüfften Ohren meldeten: Das also ist er, der machtvolle Ton vierfacher Kraft und Entschlossenheit. Und es ist der Moment, der Frömmigkeit gebiert: Gott befohlen!

Der Delphin stürzte sich nach vorn, die Schnelligkeit überbot sich von Sekunde zu Sekunde und dann – im Grunde unglaublich, aber tatsächlich: schau nach unten, wir fliegen schon. Alles wird kleiner und kleiner. Rudolf dachte an die kleine zierliche Person, die jetzt neben dem U-Bahn-Eingang stand, mit beiden Händen ihre Handtasche umklammerte, nach oben schaute und weinte. Rudolf beugte sich noch einmal vor, schaute aus dem Fenster, sah den Ciel de Berlin, den Himmel der Heimat, herrlich blau mit weißen Wolkenballen, die sahen aus wie Hortensiendolden, die Lieblingsblumen der Großmutter Marie Anders.

–  ENDE  –

P.S. Die Fernsehpfarrerin Elisabeth – dies sollte man nachtragen, der Vollständigkeit halber, – hat sich bei Rudolf Anders leider nicht mehr gemeldet. Rudolf hat dies anfangs sehr bedauert, denn am liebsten hätte er doch ihr seine Geschichte erzählt. So aber ist Rudolfs Uhl erfreulicherweise unsere Nachtigall, weil Rudolfs vielbeschäftigte, also rundum entschuldigte Elisa, sich diese Geschichte vielleicht geduldig angehört hätte, wir aber – Aufschreiber und Leser – hätten sie dann niemals erfahren. Als der Aufschreiber versuchsweise ein gebundenes Manuskript als Wertpaket der Post nach Köln anvertraute, kam es zurück mit dem lapidaren Vermerk: Annahme verweigert. Ich habe dem Rudolf diese Eigenmächtigkeit nicht gebeichtet. Sonst hätte er sich wohl wirklich gekränkt.

fini

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: