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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 73

18. Juli 2015

– LXXIII –

Was man hat sagen können, war gesagt. Auf Wiedersehen, bleib‘ hübsch gesund, paß auf dich auf. Der sorgfältig reparierte Koffer, dieses vergangenheitsgetränkte Geschenk von der Oma Wenzel, der schon mehr von der Welt gesehen hatte, als Rudolf vielleicht jemals mit eigenen Augen würde staunend betrachten dürfen, dieser so klein aussehende, mittig zu öffnende dunkelblaue Kasten, an allen seinen Flächen verziert mit schmalem, umlaufendem, an den Ecken viertelkreisförmig zurückspringendem Goldstreifen, hatte seine beiden Flügeltüren längst geschlossen; er war gepackt; gepackt mit allem, was Rudolf besaß, an Kleidung, an Zeichengerät, an Feinwerkzeug, das Rudolf der Form gewordenen Präzision halber so liebte, dazu ein paar kostbare Fotografien, zusammengetragen bei den wenigen Verwandten, die ihm als Familie verblieben waren, aus ihren Sammelschachteln mit treuherzigen Bitten entlockt, und schließlich die kostbarsten, die unentbehrlichsten Bücher: Ein arg strapazierter Duden, Lehrbücher über Physik, Chemie, Mathematik, Teubners Tabellenbuch für Metallberufe, Kozers „Feinmechanische Konstruktionselemente“ (die „Bibel“ der Gauß-Schule), ein Basisbuch über darstellende Geometrie und technische Zeichenperspektiven, dazu das Schopenhauerbändchen von Rudi mit den inzwischen ziemlich vertrauten „Aphorismen“, Heines und Rilkes Gedichte und – last but not least – das immer noch unausgepackte Geschenk der Biedermeierdame, dieses in seiner rot-gold-Atlasgewebeartigen Umhüllung so leicht schwebend aussehende Heidegger-Opus „Sein und Zeit“. Die übrigen Bücher, die er sein Eigen nennen durfte, zwanzig, dreißig an der Zahl, waren längst in Westberlin, hatten diese Grenzüberschreitung unauffällig aktentaschenweise gemacht und warteten nun in der Verwandtenwohnung bei der Schwester der wiesbadener Stiefmutter darauf, ihm päckchenweise zu folgen, sobald ihm selber der innerstädtische Grenzübertritt und der interzonenpaßgesicherte Luftsprung nach Westen gelungen sein würde.

„Vergiß uns nicht“, hatte die Großmutter, als sie nach Abschluß der Packarbeit in seinem „Herrenzimmer“ dazutrat gesagt und ergänzend fragte sie, ob er noch etwas essen wolle. Er konnte gar nicht, zum essen war er bei aller äußerlichen Ruhe viel zu nervös. Ein Brötchen und einen Apfel hatte er heute morgen zum Frühstück gegessen. Es war eine der allerletzten Goldparmänen, schon arg verschrumpelt, aber schmackhaft wie eh und je, die der einzige Apfelbaum, der im Garten stand, mitten im Rosenrondell, so großmütig in jedem Spätherbst dem behutsamen Pflücker entgegenlachen ließ.

Soweit wie die Großmutter von jeder Sentimentalität entfernt war und dadurch die Trennung gottseidank gelassen nahm, so dicht hatte die Frau H. am Wasser gebaut. Sie saß heulend in der Küche und sagte in den Schluchspausen mehrmals: „Nun sind wir beide wieder allein“, und die Oma tröstete spaßhaft: „Wir sind doch zu zweit, von Alleinsein kann keine Rede sein.“

Ein Blick auf die Uhr: Es war so weit. Er wollte gegen halb zwei am Bahnhof Friedrichstraße sein, wenn – wie sorgfältig beobachtet – dort so gut wie kein Betrieb war und deshalb mit minimaler Volkspolizeianwesenheit gerechnet werden durfte. Sein ungewöhnlicher Koffer, auch weil er so sichtlich schwer zu tragen war, würde Situationsignal genug sein. Die Parole hieß schließlich, möglichst nicht auffallen.

Deshalb wollte er auch allein zur Straßenbahnhaltestelle gehen, auch wenn er dann den Koffer die Kohlisstraße entlang bis zur Ecke Uhlenhorst schleppen mußte. Frau H. hatte den klapprigen Bollerwagen vorgeschlagen, aber das würde viel zu viel Aufsehen machen. Also Jacke und Sommermantel an, zwei innige Umarmungen, dann ging Rudolf mit dem blauen Koffer an der rechten Hand die vertrauten sechs Stufen am Vorhäuschen hinab und den schmalen Weg hin zur halbhohen Gartenpforte. Noch einmal Umdrehen: Da stand seine Großmutter in der offenen Tür, die Hände zusammengenommen, sie lächelte, wie sie vier Jahre zuvor gelächelt hatte, als er sie, so völlig überraschend vor ihrer Pforte stehend, angerufen hatte. Herrgott war der Koffer schwer. Er setzte ihn kurz ab, winkte noch einmal, rief mit wackelnder Stimme: „Bleib gesund!“, nahm seine Last wieder auf und ging leicht nach rechts geneigt davon, ihr „Du auch“ schwebte verklingend hinter ihm, und er mußte an ihren eigenen Abschied denken, damals vor zweiundfünfzig Jahren in Schneidemühl. Sie wollte nach Westen, nach Berlin, ihr Leben selber, selbständig in die Hand nehmen. Nun zog er noch weiter nach Westen, nur halb freiwillig aber innerlich voll freudiger Erwartungen und unbestimmter Hoffnungen.

Die Kohlisstraße strahlte im schönsten Frühsommerlicht, der Koffer war die reinste Physiklektion: Kraft gleich Masse mal Erdbeschleunigung. Der Koffer hatte eine machtvolle Sehnsucht in Richtung Erdmittelpunkt, und Rudolf mußte schweißtreibend dagegenhalten. Als beide um die Ecke bogen, Rudolf warf einen letzten Blick auf Onkel Oskars ehemaliges Tanzlokal, die Tür zum ehemaligen Saal stand weit auf und gab den Blick frei auf des Hypothekengauners dampfende Chrom- und Nickelbäder, da kam in üblicher vertrauter Eile die Straßenbahn vom Hultschiner Damm heran, nahm ein wenig quietschend die enge Kurve zur Warteschleife und hielt gekonnt und ohne den geringsten Ruck vor dem kümmerlichen Wartehäuschen. Rudolf stieg ganz hinten ein, dann würde er in Köpenick den kürzesten Weg zur S-Bahn-Treppe haben. Hinten stand der Schaffner und half, den blauen Doppelwürfel auf den Perron zu bugsieren. „Na, junger Mann, det sieht fast nach ner Weltreise aus“, flachste er ohne spürbare Hintergedanken. Rudolf konterte gelassen: „So wild wird’s nich werden.“

Vier Stationen bis Bahnhof Köpenick. Er hatte noch seine Monatskarte, brauchte also nicht an die Fahrkartenausgabe der Reichsbahn. Auf der Mitte der Treppe, auf dem Absatz, mußte er haltmachen. Wenig Leute gingen an ihm vorbei. Als er den Zug aus Friedrichshagen heranrauschen hörte, mußte er sich ächsend beeilen. Er würde nicht in ein Abteil für Reisende mit Traglasten gehen, das hatte er sich schon vorher überlegt. Er mußte aber bis fast in die Mitte des Zuges, um in Friedrichstraße möglichst nahe an der Treppe nach unten zum Nord-Süd-Bahnsteig zu halten. Die Rolltreppe in Friedrichstraße wollte er nicht benutzen, die nahmen die meisten, oft lief sie auch nicht, und er wollte seine Ruhe.

Wer saß im Abteil? Seine Plauderflamme von der Kinoreklame Relita am Kudamm. Er staunte, sie staunte: „Wat soll’n der Koffa?“ „Weltreise hat der Straßenbahnschaffner eben getippt.“

„Na würklich, Du wirsta vaheb’n.“ „Und warum bist Du nicht im Büro um diese Zeit?“

„Ssweimal in der Woche jeht’s abend länga, da fahrick späta, wegen Programmwechsel, vastehste?“ stieß sie lieblich mit der Zunge an.

Sie kannten sich seit vier Jahren, seitdem er diese Strecke fuhr, und sie kannten sich nicht. Sie wußten nicht einmal die Namen voneinander, aber ihr Vertrauen zueinander war untrübbar, von Anfang an. Er hatte sich, von der Gaußschule kommend, Lehrter Bahnhof neben sie gesetzt, – sie kam vom Bahnhof Zoo, – hatte ein Fachbuch aufgeschlagen und darin gelesen, voller Gedanken aus der letzten Seminarstunde Notizen machend, da tönte sie zielstrebig dazwischen: „Mann, wat Sie da lesen, tät mir uff’n Magen schlagen.“ So wurde diese Freundschaft geschlossen, war sofort innig und wurde nie genutzt zu mehr als schwesterlichem/brüderlichem Flax oder zur Sorgenteilerei. Sie wußte natürlich sofort, was der Koffer sollte, und sagte tadelnd: „Mensch, von sowat haste nie nich een Ton jesagt.“ Er erzählte ihr leise, warum alles so gekommen war und jetzt so schnell gehen mußte. „Wenn ick könnte, würdick ooch“, philosophierte sie gedankenvoll, „aba mein Laden hier is’n singuläres Ereignis, den jibs nur eenmal in Deutschland, und an den habick mir vadammt jewöhnt.“

Bahnhof Friedrichstraße. Wenig Leute, keine Uniformen. „Mach’s jut, halt die Ohrn steif.“ „Danke, dito.“ Sie lächelten einander an, sie nickte. Rudolf packte seine blaue Kiste und wuchtete sie auf den Bahnsteig. Trotz der Eile und obwohl ihm der Magen flatterte, er winkte noch einmal, als der Zug anfuhr. War’n würklich nettes Meechen, dachte er, schade. Die abgewinkelte Treppe ab nach unten. Jeder Zug, der käme, wäre richtig, ob rechte oder linke Bahnsteigseite beim Aussteigen am Potsdamer Platz, das sollte ihm gleich sein. Wie erwartet waren tatsächlich kaum Leute unterwegs. Es war halb zwei, alles nach Plan. Nur weiter die Ruhe bewahren. Die vertrauten Tunnelgeräusche. Fast zwei Jahre lang war er hier zu Telefunken gefahren, dieser weltberühmten AEG-Tochter. Emil Rathenau hatte sie gemeinsam mit Siemens gegründet. Sein Sohn Walther, den berühmten Außenminister der Weimarer Republik, den besten Mann, den diese unglückliche Republik neben Stresemann hatte, den hatten Leute einer Freikorpsorganisation „auf offener Straße“ in seinem offenen Wagen erschossen. Bei der Biedermeierin hatte Rudolf dessen Werk „Zur Mechanik des Geistes“ von 1913 gelesen. Bei Telefunken residierten nun die Amerikaner. Rudolf wollte nach Westdeutschland, in Westdeutschland regiert ein Mann, der zur Zeit der Ermordung Rathenaus schon Oberbürgermeister von Köln und als Preußischer Staatsrat Präsident dieser Machtinstitution in Berlin gewesen war. Walther Rathenau, lebte er noch, wäre jetzt 83 Jahre alt. Da hätten ihn die Deutschen wohl nicht mehr regieren lassen, obgleich sie den Adenauer, der jetzt fünfundsiebzig ist, doch offensichtlich auch für unsterblich halten, und so sieht er in der Wochenschau ja auch aus. Wie lange wird der wohl regieren können und dürfen?

Potsdamer Platz. Angenehmes Halbdunkel, aber ein bißchen unheimlich. Jetzt nur nicht zur falschen Seite nach oben gehen. Halbe Treppe hinauf, verdammt, wo geht’s denn nun zur Potsdamer Straße? Im Zwischengeschoß ist es noch dunkler als auf dem Bahnsteig. Dabei war er hier doch schon oft gegangen. Schließlich wollte er zu der durch seinen Vater „angeheirateten“ Tante. Kommt alles nur von der inneren Anspannung. Ruhig bleiben, Junge. Die letzte, die richtige Treppe hinauf. Hellster Sonnenschein, die selbe Sonne wie in Köpenick und Mahlsdorf. Eine Stadt, ein Wetter, zwei politische Welten, aber Wetter läßt sich nicht teilen. Noch dreißig Meter: „You are now entering the British Sector of Berlin.“ Das walte Gott, (der Dicke, sagen die gottlosen Berliner). Eine sichtbar/unsichtbar geteilte Großstadt mitten in Deutschland und Europa. „Wenn das der Führer wüßte“.

Rudolf schleppte seinen Koffer freudig zum Landwehrkanal. An Rosa Luxemburg, die man totgeschlagen in dieses dreckige Wasser geworfen hatte, mochte er jetzt nicht denken, zumal auf dem Straßenschild „Reichpietsch Ufer“stand, der Name eines der Kieler Matrosen, die 1918 die Schnauze voll hatten vom Krieg und vom Massenschlachten in den Massenschlachten, von dem Krieg, den der jüdische Patriot so brennend gern für Deutschland und – welcheWeitsicht – für Europa gewinnen wollte, sogar nachträglich noch durch seine klug gemeinte aber schmerzliche (und mißverstandene) „Erfüllungspolitik“. Vom Lützow Ufer zum Reichpietsch Ufer: Freikorps Lützow gegen Napoleon für Deutschland; der Kieler Matrose Reichpietsch für Deutschland; der Jude Walther Rathenau für Deutschland; Rosa Luxemburg für Deutschland; und die edlen/elenden Freikorpsoffiziere des Hotel Eden gegen Rosa Luxenburg aber auch für Deutschland. Ein mörderisches Land und ein mörderisches Kanalufer, doch für Rudolf war es heute das Ziel aller Wünsche. Von hier wollte er morgen gen Westen aufbrechen, zu Adenauers Republik. Vom Matrosen Reichpietsch, von Rosa Luxemburg und ihrer Kampfgefährtin, der Reichstagsabgeordneten Clara Zetkin, die Rudolfs Großmutter aus der Sowjetunion Lenins das schöne grüne Lackkästchen mitgebracht hatte, ist man in Adenauers Republik wohl nicht sehr angetan. Ob die dort den deutsch Patrioten Walther Rathenau mögen? Klar, der war so klug, einen jüdischen Vater zu haben. Und solche engstirnigen, fanatischen Leute wie die von der Organisation Consul 1921 wird es in der neuen Republik doch wohl nicht mehr geben. Da kann man beruhigt drüber schlafen. Die Amis würden’s nicht zulassen.

Nur weil der Koffer so schwer war, wurde ihm der Weg so lang und ließ ihn beim Verschnaufen solche wenig erbaulichen Gedanken denken. Schade, schade, solche Sachen hatte man so schön und gründlich mit der Biedermeierfee besprechen können. Sie war eine in der Wolle gefärbte Altliberale, allerdings von der Sorte, für die es keine Partei gab, gibt und geben wird. Denn wenn sie bei dem Namen Naumann und Heuß noch mit großen Augen schaute beim Diskutieren, fing sie schon an zu blinzeln, wenn der Name Blücher fiel, von den Nebenleuten Dehler und Mende ganz zu schweigen, da schloß sie die Augen, seufzte und schwieg und wollte auf diesem Weg auch in Gedanken nicht weiter. Wenn er selber allerdings die Parole „Ohne mich“ nachredete, – die eigenen Familienfarben; rosa, rot, braun, schwarz, sie waren verwirrend genug – dann schimpfte sie damenhaft mit ihm: „Was soll das heißen, >ohne mich<, wenn Ihre Generation es nicht richtig anpackt, wer denn sonst?“

Die angeheiratete Tante begrüßte ihn herzlich und sagte, was alle mütterlichen Frauen sagen: „Nun wollen wir erst einmal was rechtes essen.“ Rudolf stimmte dankbar zu. Ein Brötchen und ein Apfel sind bei einem Gesamtumzug doch herzlich wenig.

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