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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 64

31. Mai 2015

– LXIV –

Im November 1947, als Rudolf seit ein paar Monaten bei seiner neu gewonnenen Großmutter in Mahlsdorf wohnte und den ungewohnten Luxus des eigenen Zimmers und das Verwöhntwerden durch zwei Frauen genoß („Na die Frau H. hat ja regelrecht einen Narren an Dir gefressen“), bahnte sich eine besondere Begegnung an, die für Rudolf in mehreren Aspekten von nachhaltiger Bedeutung werden sollte. Die Großmutter eröffnete ihm die freudige Nachricht: „Der Willy kommt mit seiner Frau und seiner Tochter bald zu Besuch nach Berlin; dienstlich natürlich, doch er wird bestimmt auch uns hier draußen besuchen.“

So-so, dachte Rudolf, der Vater ist also im Anmarsch. Die sofort ausgelöste Phantasie konnte sich an einer postkartengroßen Fotografie abstützen, die dem Brief an die Großmutter beigelegen hatte. Rudolf konnte das Bild stundenlang anschauen. Drei Personen waren zu sehen: Die Charlotte, seine junge (zweite) Frau, er selber, mit glattrasiertem Gesicht, dunkles Haar mit beginnenden Geheimratsecken, dunkler Zweireiher mit Kavaliertaschentuch, ein Gentlemen, den Rudolf auf der Straße nicht erkannt hätte, und: ein kleines Mädchen, das wie der Vater genau in die Kamera schaute, ernst und ganz, ganz aufmerksam. Es war ihm, als wollte sie sagen: Das also ist mein Bruder! Er mußte es sich selber wieder einmal richtig klar machen: Ich habe (wieder!) eine Schwester. Hatte ihm der Krieg – wie auch immer – seine damalige Quasi-Schwester genommen, dort auf dem Foto stand sie vor ihm, die neue, die richtige Schwester. Als Berliner mußte er sich sagen: „Eine niedliche Jöre, een süßet Meechen, nee sowat!“

Der Vater auf dem Bild lächelte zwar, aber er lächelte zu klug, zu überlegen. Rudolf hatte Bammel vor ihm. Und er hatte ja innerlich eine Wut auf ihn. Nicht wegen der Geschichten, die ihm die Mutter ungezählte Male erzählt hatte, das nicht, das war ihre Sache und ging ihn nichts an. Aber dieser Umzug von der Frankfurter Allee in die Winterfeldstraße, ohne Nachricht, diese Enttäuschung saß noch tief, und: Die „Gemeinheit“ damals, als er ihm das Radfahren beibrachte, auf den festen Waldwegen des Uhlenhorster Forst. Läuft neben ihm her, hält das Rad am Sattel fest, gibt Anweisungen, aber gibt ihm durch seine mitlaufende Anwesenheit auch Sicherheit, Rudolf strampelt angestrengt, auf einmal, als er nach rechts schaut, ist kein Vater mehr da! Plautz, lag er vor Schreck „auf der Schnauze“. Er schaute zurück: Hundert Meter hinter ihm stand ein lachender Vater und rief: „Bravo, mein Junge, das ging doch schon großartig!“ So ein gemeiner Kerl, und jetzt sollte er zu Besuch kommen. Gemischte Gefühle.

Wissen muss die Leserin: ich hatte diesen Mann seit 1938 nicht mehr gesehen. Schaun mer mal.

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