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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 61

25. Mai 2015

– LXI –

Andererseits hat eben alles seinen Preis. Der allmorgentliche Weg zur Arbeit war nun ein erhebliches Stück länger geworden, was schlicht und einfach bedeutete, früher aufstehen zu müssen. Auch damit näherten sich seine Verhältnisse wieder den Gewohnheiten der Vergangenheit an. Jetzt war der Weg morgens fast wieder so weit und so umständlich wie früher die Fahrt vom Landsberger Platz zu Telefunken nach Lichterfelde West. Zu Fuß die lange Kohlisstraße entlang, im Winter, wenn es stockdunkel war, nur bedingt romantisch. Wenn man Glück hatte, stand in Uhlenhorst schon die Straßenbahn in der Wendeschleife und wartete auf den Gegenzug. Da brauchte man wenigstens nicht zu frieren. In Köpenick vor der Unterführung abspringen, die in der Mitte unterteilte „ellenlange“ Treppe hinaufstürmen, denn oben lief meist schon die aus Friedrichshagen kommende S-Bahn ein. Bis Ostkreuz konnte man schlafen, Augen zu und weg. Rudolf konnte ohnehin in jeder Lebenslage „eindrusseln“, das hatte er als zweite Natur bei Preußens gelernt. In Ostkreuz umsteigen, wieder eine Treppe nach oben, zum Ringbahnsteig. Man stieg in Köpenick in den richtigen, in seinen gewohnten Wagen, und landete in Ostkreuz punktgenau am Fuße dieser Treppe.

Morgens kannte jeder jeden, wenn auch nur vom Sehen. Nach Möglichkeit, – mit seltenen und geringen Abweichungen – saß man immer auf dem gleichen Platz. Gegrüßt wurde wenig, höchstens mit einem knappen „morj’n“. Es gab Zeitungsleser, (Berufs)Schularbeitenmacher, mürrische Aus-dem-Fester-Gucker und eben Schläfer. Geredet wurde kaum. In Neukölln erhielt Rudolf Gesellschaft. Hier stieg „die kleine Elisabeth“ zu, ein allezeit fröhliches, liebenswürdiges „Püppchen“. Sie war so alt wie Rudolf, reichte ihm mit ihrem schönen, immer akkurat gepflegten Lockenköpfchen allerdings (leider!) nur knapp bis an die Schulter. Sie liebten einander – auf Anhieb – wie Bruder und Schwester. Sie erzählten sich gegenseitig (fast) alles, nur war die Fahrzeit für die drei Stationen bis Papestraße viel zu kurz. Viel wichtiger war jedoch, daß sie mühelos miteinander schweigen konnten, nebeneinander sitzend, nachdem sie sich herzlich begrüßt hatten, ohne daß sich zwischen ihnen jemals die geringsten Spannungen aufbauten. Fuhr der Zug dann in Papestraße ein, nickten sie sich zu wie ein altes Ehepaar: „Woll’n wir?“ und gingen einträchtig zusammen die Treppen hinunter, gingen – oft untergehakt – die belebte Straße hinüber zur Geneststraße, durch den vertrauten Hauseingang hinauf in den ersten Stock, wo im Vorraum der Elektrowerkstatt die Liste auslag, in die sich vor Arbeitsbeginn jeder eintrug, und die von der Chefsekretärin um sieben Uhr dreißig sekundengenau eingezogen wurde. Wer zuspät kam, mußte bei ihr „scharwenzeln“. Das klappte aber nur in den höchstens fünf Minuten, bis ihr und aller Chef kam, der Betriebsleiter (genannt „Herr Direktor“), der allerdings als disziplinierter Siemensbeamter verdammt pünktlich war, glücklicherweise jedoch nur von mäßiger, wohltuender Strenge. Eine Stechuhr gab es nicht.

Bei Klangfilm gab es für Rudolf fast täglich etwas Neues zu lernen. Schreibmaschinen hatten einen unerbittlichen Qualitätspunkt: Das Schriftbild. Das mußte stehen, „wie eine Eins“. Der größte Trottel konnte es sehen, und dann natürlich auch monieren, falls es zutraf: „Die Buchstaben stehen ja wie eine Sau!“ Da gab es nichts zu deuteln. Ansonsten sind Schreibmaschinen aus Feinmechanikersicht eigentlich „Klapperkästen“, tatsächlich überwiegend funktionierend nach der Maxime: „paßt, wackelt und hat Luft“. Genauigkeit ist schließlich Definitionsache, streng nach DIN. Auf welche Weise etwas „paßt“, wie genau zwei zusammengehörige Teile sich zu einander verhalten sollen, hängt exakt von ihrer genau festgelegten „Passung“ ab. Die Passung bestimmt zweierlei: Zum ersten die jeweils zulässige Fertigungstoleranz (also die Maßabweichung) für jedes der beiden Teile, und zweitens das hieraus resultierende „Spiel“, worunter man die statistisch zuverlässig erwartbare Variation zwischen dem minimalen und dem maximalen „Zwischenraum“ der beiden zu einander passen sollenden Teile versteht. Großes Spiel „klappert“ viel, kleines Spiel jongliert mit den (teuren!) Hundertstel und den (noch teueren) Tausendstel des doch selber schon nicht gerade riesengroßen Millimeters.

Hatte man das Prinzip Schreibmaschine einmal begriffen, war alles „einfach“. Beim Auseinandernehmen „sah“ man ja, wo jedes Teil hingehörte und seinen Platz hatte und auf welche Weise es im speziellen Fall die einzig naheliegende Funktion erfüllen könnte und würde. Es gab nur zuviel kluge und phantasievolle Konstrukteure, die sich im umfangreichen Garten der Konstruktionselemente austoben konnten und sich in den zwanziger und dreißiger Jahren auch ausgetobt haben. Das Know-how für den Mechaniker bestand in großem Maße aus den Kenntnissen der tatsächlich gebauten Variationen. Hinzu kam dann entweder der Qualitätssprung von der in den Kaufhäusern vertriebenen (genial einfachen) „Blechkiste“ namens Orga-Privat, (die dennoch schier unverwüstlich war), bis hin zu den Präzisionsmustern einer „Continental“ oder „Mercedes“, und vor allem der Formenreichtum: Zwischen einer Mercedes mit herausnehmbaren Typenkorb (leicht zu reinigen), einer Continental mit abnehmbaren Wagen (ein Handgriff), einer AEG „Olympia“ mit seitlich angeordneten, senkrecht stehenden Farbbandspulen und vielleicht einer Underwood Reiseschreibmaschine mit versenkbarem Typenkorb lagen eben „Welten“.

Öffnet man dagegen die Rückwand eines Filmprojektors, – zuvor muß man die Ölfüllung ablassen, in der alle seine inneren Teile „schwimmen“ (und damit auch geräuschlos Laufen), – dann wird einem bereits auf den ersten Blick Respekt abgefordert. Hier „klappert“ wahrhaftig nichts mehr. Hier ist „Spiel“ zwischen den ineinandergreifenden Teilen (Zahnräder mit Schräg- oder Evolventenverzahnung, Malteser-Kreuze oder Greifer-Systeme) nun schon fast eine Beleidigung. Zahnflanken gleiten mit der schier idealen Kurvenform aneinander vorbei. Passung ist hier Ausdruck von Unerbittlichkeit. Das Malteserkreuz im gleichnamigen Getriebe, das die ruckweise Fortbewegung des Filmstreifens bewirkt, liegt unverrückbar am Sperring an, so lange, bis der Antriebsstift (eigentlich eine Präzisionsrolle) in den Kreuzschlitz eindringt und das Kreuz, das auf der Achse der Schrittrolle sitzt, die den Film bewegt, um exakt 90 Winkelgrad weiterdreht. Das Spiel zwischen Sperring und Kreuz ist nur noch der engelshaarfeine Zwischnraum, worin der unverzichtbare Hauch eines Ölfilms seinen Platz findet. Feinmechanik ist hier nicht Klein-Mechanik sondern buchstäblich Genau-Mechanik. Auf der Zeichnung steht dann neben der Maßzahl für das Nennmaß „plus-minus 0,001 Millimeter. So etwas kostet Geld, Zeit und Geld: Zeit für die Ausbildung der Leute, für die Konzentration und die schrittweise Annäherung an den gewünschten Fertigungszustand bei der Herstellung, und Geld für die teuren Maschinen, für die Löhne der Facharbeiter, für die nur schwierig reduzierbare Gesamtdauer des Produktionszyklus und für die unverzichtbare Qualitäts- und Fertigungskontrolle. Hier wird nur toleriert, was auf der Zeichnung steht. Alles andere ist dann eben „Ausschuß“, basta!

Solche Verhältnisse formen dann auch Menschen. Wenn Rudolf sich der Meister erinnert, der Vizemeister, der Lehrgesellen, Vorarbeiter und Prüfmechaniker, deren Augen, mit oder ohne Brille, schauten kritisch-skeptisch prüfend und unbestechlich in die Welt. Ihr Urteil war nie voreilig, immer abwägend, stets bestrebt, das vorgegebene Qualitäts- und Funktionsziel „am Gerät“ punktgenau zu erreichen. Träumen galt nicht; sich nichts vormachen und sich nichts vormachen lassen, war die unausgesprochene Losung. Sie standen und dachten senkrecht, und ein Angeber hatte bei ihnen keine Chance. „Pfuscher“ war ein Verdammungsurteil, verhaltener Stolz das einzig Zulässige.

Was bei der Schreibmaschine das Schriftbild, ist beim Projektor der Bildstand und beim Lichtton- oder Tonband-Gerät die möglichst absolute Laufruhe und gleichförmigkeit der Bewegung des Films. Steht bei offener Rotationsblende der Film im Bildfenster nicht tatsächlich still, dann schütteln die Zuschauer im Kino die Köpfe, stöhnen unwirsch und verlassen den Saal, um sich ihr Geld wiedergeben zu lassen. Beim Tongerät dagegen (Licht- oder Magnet-Ton) darf keine Filmlaufschwankung eintreten, kein Schlupf, keine Ungleichförmigkeit. Die beiderseitigen Zähne der Antriebsrollen ziehen den Film mit Kraft, die an den Perforationskanten auf den Film übertragen wird, gleichmäßig durch die gesamte Apparatur. Nur am Bildfenster sorgt das Malteserkreuz (oder ein Fingergreifer) dafür, daß der Film vierundzwanzig Mal in jeder Sekunde mucksmäuschenstill stehen bleibt. Genügend große freie Schleifen vor und hinter dem Bildfenster sorgen für den Ausgleich zwischen der gleichförmigen und der ruckweisen Bewegung. Für die Tonrolle reicht die damit bewirkbare Konstanz der Bewegung nicht aus. Die Tonrolle hat keine Antriebszähne. Durch geeignet angeordnete Umlenkrollen sorgt man dafür, daß der Film die Tonrolle möglichst weit umfaßt (mindestens 270 Grad). Die Tonrolle läuft nicht in Gleitlagern, sondern auf ausgesuchten Präzisionskugellagern. Auf der Achse der Tonrolle sitzt eine mehrere Kilo schwere Schwungmasse. Diese Schwungmasse, muß so genau ausgewuchtet sein, (werden!, denn sie ist es nicht, trotz aller Formgenauigkeit, von sich aus; man muß es durch schrittweise Annäherung bei der Montage „Bewirken“), und sie muß in den Kugellagern so „reibungslos“ laufen, daß ein Gewicht von einem Viertelgramm (Plastelin), befestigt am äußersten Umfang der Schwungmasse, das System „mühelos“ in Bewegung versetzen kann! Diese Arbeit erfordert eine Geduld, Ausdauer und Können, die auch „Engel“ nur bei guter Behandlung (sprich: Bezahlung) aufzubringen imstande sind.

Die Erzählung schreibt noch neunzehnhundertsiebenundvierzig. Noch mußte gewaltig improvisiert und kompensiert werden. Kompromißlose Kompromißbereitschaft war das Panier. Der Meister kam und fragte: „Können wir das?“, und er meinte damit: Art der vorhandenen Maschinen und deren Zustand, Lagerbestand an Material (einschließlich Zugriffsmöglichkeit bei der armen großen Mutter Siemens) und auch die Phantasie und Einsatzfreude seiner Leute. Die Antwort aus zögerndem, sich selber Mut machendem Munde lautete dann: „Wir werden es schon hinkriegen.“

Auch bei Armut schreitet der Fortschritt voran; der Lauf der Welt sorgt dafür. Kommt eines schönen Tages der Leitende Konstrukteur, legt etwas auf den Tisch. Rudolf: „Was ist das denn?“ Der Reißbrettfritze (ein Pfundskerl, den alle mochten, weil er jeden Einwand, auch vom kleinsten Mann, ernsthaft prüfte) frozzelte: „Schaun sie sich’s an, man kann es ja anfassen, es beißt nicht.“ Es war ein Filmstreifen, statt 35 Millimeter nur halb so breit, die Perforation nur einseitig, das Ganze Kaffeebraun und völlig undurchsichtig. Ein Spaßvogel hatte eine Schere genommen, den üblichen Kinofilm der Länge nach in der Mitte durchgeschnitten und mit Metalloxyd beschichtet; es war magnetisierbarer „Splitfilm“. Zu fragen, was soll das Ganze, erübrigte sich, die Chose erklärte sich sozusagen von selber. „Wo sind die Zeichnungen?“ wagte Rudolf zu fragen, obgleich er das „Kästchen“ mit den passenden Lauf- und Umlenkrollen schon in etwa vor sich sah. „Das vorgesehene Gußgehäuse aus Hydronalium (eine form- und witterungsbeständige Alu-Legierung) kommt nächste Woche; auch der Körper für die Schwungmasse; den müßt ihr ausdrehen, dann wird er mit Blei ausgegossen und fertig nachgearbeitet. Tonrolle, Antriebs- und Umlenkrollen müssen Sie halbieren; das können sie schon mal vorbereiten; Skizzen für die ungefähren Rahmenmaße bringe ich Ihnen; wir brauchen das Ding in vier Wochen; alles klar?“

So entstand bei Klangfilm in Berlin das erste deutsche Magnet-Tongerät für Splitfilm zur Verwendung im ehemaligen UfA-Atelier in Tempelhof. Friedel Behn-Grund, der berühmte Kameramann und seine Tonmeister werden es verwendet haben. Rudolf hatte zwar seinen höflichen Brief, den Menschen aber hat er nie zu sehen bekommen. Die kleine Elisabeth fragte ihn morgens in der S-Bahn: „Du bist ja so heiter; warum strahlst Du so?“ Hoppla, dachte Rudolf, merkt man das? Und er antwortete etwa (mit „stolzgeschwellter“ Brust): „Mädchen, es geht aufwärts. Wir marschieren mit an der Spitze des Fortschritts.“ Die kleine liebliche Seelenfreundin schaute ihn skeptisch an: „Bist Du sicher?“ Na ja, sicher kann man nie sein.

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