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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 69

9. Juni 2015

– LXIX –

In letzter Zeit erzählt Rudolf mir mehr als jemals zuvor von sich, und er sagt auch ungefragt, was ihn dazu bewegt: „Weißt Du, vielleicht muß ich mich beeilen, schließlich werde ich jetzt siebzig. Die Großväter habe ich dann schon überrundet. Man weiß doch nie, wann es einen erwischt.“ Den Hinweis auf seinen Vater will er nicht gelten lassen, obgleich der fast vierundachtzig Jahre alt geworden war. Mir soll dieser momentane Erzähleifer nur recht sein, auch wenn ich manchmal mit dem Aufschreiben, wenn er wieder weg ist, gar nicht mehr mitkomme. Diese Notizen sollen zu seinem Siebzigsten schön gebunden auf dem Geburtstagstisch liegen, als Beweis gegen seine so leichthin geäußerte These, sein Leben gehöre zur Kategorie „Fallhöhe Null“ und gebe nichts her.

Wenn er nicht im letzten Dezember zufällig im Fernsehen diese Pfarrerin Elisabeth mit ihrem Wort zum Sonntag gesehen, gehört und angerufen hätte, wer weiß, ob er mir jemals die Fülle dieser Einzelheiten anvertraut haben würde, denn am Stammtisch, freitags nach dem Singen, – wir proben jede Woche einmal – gibt er immer nur die Bruchstücke preis, die sich aus Anlaß der sprunghaft wechselnden Gesprächsthemen gerade so ergeben und einfügen lassen in das allgemeine Palaver. Zu den eifrigsten Erzählern gehört er in dieser Runde keineswegs. Durch seine fixe Idee, er könnte dieser Pfarrerin sein Leben erzählen, hat sich diese Erinnerungslawine in ihm mit Macht gelöst und geht nun zu Tal. „Sie hat so schön zugehört am Telefon; und sie hatte eine so zu Herzen gehende, einladende Stimme“, schwärmt er jedesmal, wenn er mich besucht und dann bei mir ins Erzählen kommt. Er glaubt wie ein Kind immer noch, sie habe in ihrem Beruf so schrecklich viel zu tun, werde sich aber, wenn es einmal ihre Zeit zuläßt, doch noch bei ihm melden. Auf seinen spontanen ersten Brief – er hatte ihr zum Dank für das ihn so erlösende Telefongespräch auch ein kleines Büchlein geschickt – bekam er ja von ihr eine fromme Weihnachtspostkarte in einem Umschlag. Prompt hat er ihr noch einmal geschrieben und ihr sogar einige von seinen Gedichten geschickt, sorgfältig ausgesucht, damit sie auch zu ihr passen mögen. Bis heute wartet er nun auf eine Antwort darauf. Wer weiß, wie viele Briefe und Karten und Anrufe diese Frau bekommt, wenn sie im Fernsehen gepredigt hat. Da hätte sie viel zu tun, wenn sie allen antworten wollte. Vor kurzen habe ich selber eine Elisabeth das Wort zum Sonntag sprechen sehen, sie blenden doch immer zum Schluß kurz den Namen ein, weiß aber nicht, ob dies dieselbe Elisa war, denn den Nachnamen will Rudolf nicht preisgeben. Diese Frau sprach diesmal – wenn sie es denn war – aus Anlaß des schrecklichen Unglücks, das niemanden wegen der schockierenden Bilder unberührt lassen konnte. (Mein Gott, sie sollten so etwas nicht zeigen; aus allem Unglück machen sie im Fernsehen heuchlerisch unter dem Vorwand der Informationspflicht so leichthin ihr falsch verstandenes reality television). Diese Elisabeth hat aber, das muß man sagen, diesem schier unmenschlichen Ereignisdruck vor der Kamera auf beeindruckende Weise standgehalten. Es sind am Ende wohl doch immer wieder die Frauen, die dem Entsetzen des Lebens halbwegs gewachsen sind.

Vor gut einer Stunde war Rudolf hier und hat mit geheimnisvollem Gesicht ein Schüsselchen Johannisbeeren gebracht, „selbst gepflückt“. Ich mache mir zwar nicht allzu viel aus diesen roten und weißen Säuerlingen, man weiß nie recht, wie man sie ohne Massen an Zucker essen soll. Doch Rudolfs bedeutungsvolles Getue ließ auf die Fortsetzung seiner Geschichte hoffen, und kränken wollte ich ihn auf keinen Fall, ist er doch der Mensch von den im Grunde fremden, der mir tatsächlich durch sein Wesen und durch das mir dargebrachte Vertrauen ziemlich nahesteht. „Weißt Du, daß diese Beeren der kräftigste Auslöser für mich sind, um durch ihren Anblick, durch ihren Geruch und ihren Geschmack das Bild des Gartens meiner Großmutter unwiderstehlich und mit wünschenswerten Deutlichkeit in mir wachrufen? Er schwieg versonnen, schaute gedankenvoll wohl wieder aus dem Verandafenster des Wohnzimmers in der Kohlisstraße hinaus, über die Terrasse hinweg, den halbmeterhohen Absatz hinunter ins sommerliche Farbenspiel aus viel Grün und Rot und Gelb und Blau und Weiß. Rechts stand die stolze Reihe der sorgfältig hochgebundenen und beschnittenen Stachelbeer- und Johannisbeersträucher. Ungestraft durfte man im Vorbeigehen welche Pflücken, um sie zu kosten. Als Willy, der beeindruckende Erzeuger-Pappa-Papaa mit Frau und bezauberndem Kind wieder abgereist war, hatte er zweierlei hinterlassen und einiges Mitgenommen, solcherart eine reale Lücke erzeugend. Er hatte nämlich mit seinem unwiderstehlichen Charme seine Mutter beschwatzt, ihm doch die Kommode aus dem Eßzimmer und die beiden Vitrinen, die rechts und links die Anrichte flankierten, für seine eigene Einrichtung in Wiesbaden zu überlassen. Die Anrichte sei doch mit den beiden verglasten Schränken auf beiden Seiten viel zu wuchtig und nicht mehr zeitgemäß. Bei ihm sollten die Vitrinen, nebeneinandergestellt, einen geschmackvollen Bücherschrank abgeben. Die Großmutter, wie nicht anders zu erwarten, stimmte zu und schien noch froh zu sein, dem Sohn eine Freude zu bereiten. Um objektiv zu sein, gab Rudolf unumwunden vor sich selber zu, die Anrichte sah so verkleinert tatsächlich viel ansprechender aus.

Soviel zu den hinterlassenen Lücken. Doch beim hinterlassenen Zweierlei handelte es sich um anderes, um nichts Greifbares, gleichwohl wog es in Rudolfs Gedankenhaushalt ziemlich schwer, zumindest eines davon. Willy hatte
das Pappa-Papaa-Gestottere mit dem kurzen Satz weggewischt: „Nenn mich doch einfach und gut deutsch Vater.“ Nun gut, man gewöhnt sich an alles. Schwerwiegender war die unerwartete Frage, mit der er seinen ihm doch völlig unbekannten und unvertrauten Sohn konfrontierte: „Sag mal, hast du schon mit Frauen geschlafen?“

Bei Regen war er gekommen, bei Schnee wieder abgereist. Die abgeschwatzten Möbel hatte er umgehend durch einen Bekannten abholen lassen, der zusichern konnte, weil er mit den Russen und den Alliierten kungelte, sie wohlbehalten nach Wiesbaden zu bringen. Zonengrenze hin, Interzonenabkommen her, wo ein Willy ist, da auch ein Weg.

Rudolf schaute hinaus ins wirbelnde, wallende, wogende Weiß. Der turbulente Wind machte es den Flocken schwer, vom Himmel auf die Erde zu gelangen. Doch man konnte es am sich langsam bedeckenden Boden absehen: Die Schwerkraft bleibt in dieser Welt am Ende doch der Sieger. Rudolfs Gedanken wirbelten ähnlich ruhelos und zielverloren durcheinander. Mit Frauen geschlafen! Warum gleich dieser Plural? Halbwegs keß und möglichst flott hatte er geantwortet: „Klar, beim Militär“, aber den richtigen Ton dafür hatte er offensichtlich nicht getroffen, das hörte sein wacher Verstand sofort selber heraus. Der ruppige Frager ließ dann doch überraschenden Takt walten und seine Hammerfrage auf sich beruhen. Sein Teil wird er sich gedacht haben.

Die Erwachsenen spielen bei der Erziehung ihres Nachwuchses unhaltbar lange den keuschen Josef, bestehen nachdrücklich auf dem Klapperstorch, erklären einem reineweg gar nichts, und hopdipop verhalten sie sich so, als gehöre man schon zum Klub. Die Kinder kommen aus dem Mund, hatte die Frau Pohlmann aus der Lichtenberger Straße ohne rot zu werden ihm, dem Neunjährigen Frager, erklärt, als sie an seinen Fragen spürte, mit dem Storch sei es nicht mehr getan. Mit dieser Weisheit hatte er sich dann auf der Straße, als er mitreden wollte, den denkbar vernichtendsten Auslacher seiner zarten Jugendjahre eingehandelt, was eine tiefe Vertrauenskrise gegenüber allen Älteren auslöste. Mit dreizehn schaute er dumm aus der Wäsche, als der Werner aus Nummer zwei mit seinem Mädchen – man war zu dritt auf dem Weg ins Kino – in der Straußberger Straße mal kurz hinter einer Haustüre verschwand und postwendend, geradezu fluchtartig mit ihr wieder herauskam, er sichtlich verlegen und sie mit einem hochroten Kopf. Hinter den beiden ein polternder Hauswart: „Raus hier, wir sind doch hier kein Phosenhaus!“ Er wagte nicht zu fragen, schon des Mädchens wegen nicht, fragte jetzt nicht und auch später keinen, selber tastend kombinierend und sich das plausible Gedankenergebnis zurechtrechnend, welche Sorte Haus gemeint gewesen sein könnte. Wie hieß die oft zitierte Straße hinter dem Alex? Lassen wir das. Werner und sein Mädchen – Werner war ein Jahr älter als Rudolf – „die gehen miteinander“, hieß es lakonisch. Gut, so viel war deutlich, nur „gehen“ werden sie wohl nicht. Etwas später hieß es: „Die haben was miteinander“, und man fragte sich, aus dem Gedankennebel ins Helle des Verstehenkönnens strebend, was genau sie denn nun miteinander hätten. Der gängige und für die Verständigung unter männlichen Gesprächsteilnehmern erforderliche und – naturgemäß? – doch ziemlich ruppige Sprachschatz wurde nun beim Militär tatsächlich mit brutaler Eindeutigkeit vervollständigt und auf den neuesten Stand gebracht, sofern es auf diesem Tummelplatz der artikulierten Zumutungen überhaupt – seit der Steinzeit oder gar seit der Einführung des aufrechten Gangs – neues geben konnte.

Zwischen den unfreiwilligen Aufenthalten in Bad Ischl und der Salzburger Kaserne hatte es noch drei oder vier Tage auf einer blanken Wiese am Rande eines Wäldchens in schönster österreichischer Landschaft gegeben, unmittelbar neben einem romantisch murmelnden Bach. Rudi und Rudolf, sie hatten ihr Viererzelt nun doch aufgebaut und zwei arme unbedeckte Landser großzügig mit aufgenommen, weil es ausnahmsweise in diesem ersten schönen Friedensmai drei von diesen vier Tagen salzburgisch andauernd „“Schnürl“ regnete. Also lag man reglos im Zelt unter der pitschnassen Zeltbahn, sich sorgfältig hütend, die vollgesogene und dennoch überraschend dicht haltenden Stoffflächen nicht zu berühren, um unangenehmes Herabtropfen zu vermeiden. Thema eins war zwar das Essen, weil man Hunger hatte, doch die trostreichste Ablenkung, nachdem alle erdenklichen Kochzauberrezepte der jeweiligen Mütter oder Ehefrauen durchgehechelt worden waren, war dann eben Thema zwei. Der Unteroffizier Rudolf, den er Rudi nennen sollte, sein damaliger Ersatzvater, setzte trotz der angeblichen kommißbedingten Zuchtlosigkeit einfühlend voraus, er sei eben noch nicht bei einer Frau in die Lehre gegangen. Auch die zwei Untermieter im Zelt, die noch älter waren als der acht Jahre ältere Rudi, setzten ihm nicht mit dummen Sprüchen zu. Man sprach freimütig – nicht so freimütig wie Frauen untereinander, wie er spätestens bei Klangfilm lernte, – übers Vögeln. Man gab auch gute und weniger gute Ratschläge, dennoch ließen sich Rudis Unterweisungen zusammenfassen in die genau an einer Hand abzuzählenden Regeln: Sauberkeit, Geduld, Takt, Phantasie und Einfühlungsvermögen. Resümee: Es ist immer dasselbe, und doch jedesmal anders, und alles etwa Versäumte ließe sich mit etwas Glück in einer einzigen Nacht nachholen. Und Rudi setzte ohne Anklang von Spott noch einen oben drauf mit dem Bekenntnis: „Frauen machen irrsinnigen Spaß, doch Bücher sind bedeutend interessanter.“ Und da kommt dieser richtige Vater unbedarft-bedarft daher und sagt in einem Atemzug „Frauen“ im Plural und „geschlafen“. Wieviel Bücher und welche er schon gelesen habe, das fragt er ihn nicht (dieser von sich eingenommene und eingebildete „Heini!“) Eigentlich, denkt sich Rudolf, eigentlich kann er mir gestohlen bleiben. Jeder zappelt schließlich im eigenen Gedanken-Erfahrungs-Kombinations-Netz. Der Kerl kommt daher, stellt freche, taktlose Fragen, ohne die geringste gesprochene Anwärmzeit, setzt Vertrauensfrüchte voraus, ohne gesät und gepflanzt zu haben. Der kennt doch in meinem Netz die Maschen gar nicht. Was weiß der vom tiefen Blick am Orankesee? Er war doch nicht dabei, als der Neunjährige an einem brühheißen Sommertag, bekleidet nur mit einer Turnhose, mit dem Silberpfeil, einem Modellrennauto, am Bordstein spielend, plötzlich pinkeln muß. Der erhitzte Knabe geht absichtslos, wenn auch zielstrebig, aufs Treppenklo im zweiten Stock, sitzt gedankenverloren und wartet, ob noch etwas zu erledigen sei, nein, er schlenkert, bevor er seine Turnhose wieder hochzieht, den kleinen Piepel ab, damit der unvermeidliche Tropfen sich löse und später nicht in die Hose gehe, schaut genaugenommen zum allerersten Male richtig hin – Sonnenschein durchs schmale Klofenster, das angenehm warme Holz des breiten Klositzes, eingeschlossen und abgeschlossen von aller Aufdringlichkeit der Welt, brütende Mittagshitze des Fauns – er betrachtet sich diese vorn so komisch zusammengeschnurrte Vorhaut und denkt, was mag dahinter und darunter sein? Beim Wettpinkeln abends um acht auf der Straße, wenn alle Erwachsenen verschwunden und man mit seinen Keckheiten in der Clique allein war, drückte man vorne kräftig zu und versuchte, mit dem solcherart erhöhten Druck soweit als möglich im Bogen zu strahlen. Man wußte, da guckt nur ein Köpfchen raus, doch wie weit darf man denn an der natürlichen Verkleidung ziehen, bis etwas passiert? Der wahrhaft keusche Knabe dachte mit unbändigem Forscherdrang, mag mich der Teufel holen, jetzt will ich’s wissen! Er zog und zog und zog, und siehe da: statt der erwarteten, statt der befürchteten „offenen Wunde“ oder was sonst auch immer hätte geschehen können, es erwies sich alles als eine präzise, sorgfältige, geradezu verblüffende, wenn nicht gar geniale Konstruktion, die sich die Evolution da so vor sich variierend und probierend ausgedacht hatte. Er erkannte tief befriedigt, – ohne tatsächlich nach einer Befriedigung, von der ihm noch keineswegs etwas schwante, zu streben – auf die große Mutter Natur ist eben Verlaß. Die belügt einen nicht. Und dieser Vater kommt daher … Er war doch auch zwei Jahre später nicht dabei, an diesem Sonntag vor dem großen Spiegel in der Stube beim Anziehen der wöchentlich zu wechselnden neuen Unterwäsche. Die Sommerstunde auf dem Klo im Gedächtnis, signalisierte der Körper urplötzlich in klarer, eindeutiger und dennoch völlig undurchschaubarer Sprache: Nicht nur zurück, mein Lieber, nein, mit edler Neugier („Zwar weiß ich viel …) hin und her und … schneller bitte, noch schneller … was ist das denn? Wie soll man dabei aufhören wollen? Herrgott ist das schön! Ach du meine Güte, was soll das denn nun? Wenn jetzt einer reinkommt, Oma und Opa sitzen beim zweiten Frühstück in der Küche, dann stehste ganz schön bekleckert da. Der schöne Spiegel, wie der aussieht, einmal und nie wieder.

Und wer vermöchte sich ohne gemischte Gefühle an den Kuß im Splittergraben im Bombenhagel erinnern, eine Situation, die für andere, die man kannte, tödlich ausging, obwohl das Küssen und die Bomben nun absolut nichts miteinander zu tun hatten. Profanitätsekel wegen der „Pariser“-Flaxerei des grobklötzigen Haupttruppführers beim RAD. Die widerlichen Stubengenossen, die besoffen mit beschmierten und rot geränderten Hosenschlitzen vom Ausgangsausflug in die Kaserne in Unna zurückkehrten. Das Leben hat gewiß üble Seiten, aber selber übel ist es mit Gewißheit nicht. Wie liebevoll besorgt und bekümmert waren die Zeichnermädchen aus der Lehrwerkstatt, als Rudolf sich etwas beklommen zu den Preußen hin verabschiedete. Wie betoniert im unangezweifelten gegenseitigen Vertrauen war die nächtliche Fahrt mit dem weiblichen Schutzengel im Bremserhäuschen des Güterzuges von Dessau nach Berlin. Und welch milde Wärme und Geborgenheit, gegenseitige Anregung, Frage- und Antwortfreudigkeit, gemeinsames Schweigen im Wortreichtum der Sprache und im Klangreichtum der Musik hat das Biedermeierzimmer erlebt. Die Biedermeierfee war eine richtige, leibhaftige Frau, zurückgehalten nicht nur von ihrem Altersvorsprung, gewiß auch immer zögernd durch den Nachhall der miterlebten Erschütterungen bei der Ankunft des Verhängnisses, das unsere gemeinsame Heimatstadt mindestens zehn Tage lang überflutete. Die Götter werden wissen, was sie sich manchmal gewünscht haben mochte, doch sie hat sich nicht erlaubt, den zögernden Burschen zu bedrängen. Was sonst noch alles gehört als tragende Masche in dieses unzerreißbare Netz des persönlichen Geschicks. Verklemmt ist dieser Rudolf keineswegs, alles andere als so etwas. Er kann „schnurren“ mit der kleinen Elisabeth, er kann „fachsimpeln“ mit der weiblichen Konkurrenz im Abendseminar, er amüsiert sich „wie Bolle“ mit den heiß tanzenden Damen bei der Klangfilm-Weihnachtsfeier, und er genießt das Herzklopfen, wenn Fräulein Adler sich schnippisch in den Nahbereich wagt. Nur die Ruhe („und denn mit’nen Ruck“, pflegt seine Mutter zu sagen). Der Ruck wird näherrücken, das ist gewiß.

Rudolf schaute noch immer durch das Terrassenfenster hinaus, doch wohin? Was konnten seine Augen ans Gehirn melden? Der Wind hatte sich vollkommen gelegt. Kein Lüftchen rührte sich. Die Flocken waren kleiner geworden und dichter, gewiß war das Thermometer gefallen. Dort draußen war alles nur noch eine weiße Fläche. Langsam bewegten sich die Miniflöckchen in ungezählten parallelen Linien, dicht bei dicht, immer den allgegenwärtigen Schwerkraftlinien treulich folgend, langsam, ganz langsam von oben nach unten, vom oberen Fensterrand zum unteren Fensterrand, man sah es kaum noch, ahnte es mehr, als man es erkennen konnte, das Schulwissen sagte einem: sie fallen, fallen, fallen stetig, unaufhaltsam, ein Bild der Windstille, der optische Eindruck verlor die Fixierung, der Signalstrom ins Bewußtsein ebbte ab, weißes Nichts aus weißem Etwas, auf der Netzhaut alles umgekehrt, von unten nach oben, alles bedeutungslos, der Gartenraum in der weißen Fläche verschwunden, dimensionslos, koordinatenfrei, zeitloses Jetzt als bewußte Bewußtlosigkeit, wachendes Schlafen, Träumen ohne Halt, von Frauen, von der Liebe, von sich, vom Glück.

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