Skip to content

Dinge – Sprache – Gewissheiten

17. September 2012

Oft hört oder liest frau, jeder Mensch sei ein Philosoph, ein Freund der Weisheit und des Wissens. Nun ist der Weise einer , der sowohl gut, also richtig, zu leben versteht, doch hat er meist auch den Ruf dessen, der sich beschränken, bescheiden kann.

Wer wissen will ist schon in einer mehr ambivalenten Lage: Er muss schon wissen, WAS er wissen will, er braucht also ein Feld und damit auch einen Anfang. Nun ist es doch wohl so, dass sich auf diesem unserem realen Planeten – zumindest im Kulturbereich – ein unbebautes Feld gar nicht mehr finden lässt, auch dann nicht, wenn es sich NUR um ein Gedankenfeld handeln soll. Wer in einem solchen Feld seine Furchen ziehen will, der wird finden, sein Gedankenfeld ist alles andere als jungfräulicher Grund und Boden, alles ist schon schier unendlich oft umgepflügt worden, oft und oft und immer wieder. Alle Fundstücke, die beim Umpflügen ans Tageslicht kommen, zeigen dem Pflüger, er ist nicht allein, vor ihm haben hier – wie überall – schon andere gepflügt und gegraben. Man ist immer nur einer in einen schwer überschaubaren langen Kette.

Wer schreibt, der findet also schon vor eine Fülle an Geschriebenem. Aber auch dann, wenn man am Vorhandenen guten Willens und plausibel und konsistent anschliessen möchte, muss man für sich entscheiden, WO und WIE? Was also wären die Bedingungen eines in sich selbst gewissen Anfangs, der sowohl Sinn macht und Sinnvolles verspricht, der aber auch geeignet ist, in sich selbst ruhend eine solide Basis abzugeben für den gedanklichen Weiterbau.

Philosophieren heisst also, den vorfindbaren DINGEN dieser WELT einen NAMEN zu geben: die Dinge zu sortieren und sie katalogisierend einzuteilen und – soweit es sinnvoll ist – aufeinander zu beziehen. Das da Dinge sind in der Welt, die uns umgibt, das ist wohl klar, oder zumindest scheint es uns allen so, denn wenn wir uns in der Welt bewegen stossen wir andauernd und überall auf Widerstände. Es gibt offensichtlich Dinge ausser uns, Entitäten, Seiendes also, das seinen eigenen Willen hat und sein eigenwilliges Beharrungsvermögen, das unseren eigenen Bestrebungen stets gewisse Widerstände entgegensetzt. Ich sagte eben „offensichtlich“, und damit ist schon unsere Haupterkenntnisquelle benannt: Es sind unsere Sinne. Wir haben als Menschentiere – wie alle Tiere – Rezeptoren, die uns jeweils auf ihre eigene und spezifische Art und Weise melden, was ihrem Dafürhalten nach in der Welt zu erhaschen sei. Jetzt sehen wir auch sogleich, sozusagen blitzartig, wozu wir unsere Sinne haben und das dazugehörige Gehirn, die Zentrale, bei der alle Sinneseindrücke eingehen, sortiert werden und aufeinander bezogen werden müssen: wir haben unsere Sinne zuerst einmal und hauptsächlich zum Überleben, das soll heissen, wir sind genötigt, uns Nahrung zu verschaffen, uns die möglichen Feinde vom Halse zu schaffen und aufzupassen, dass wir nicht etwas selber gefressen werden oder uns bei der Begegnung mit den Dingen dieser Welt auf irgend eine unangenehme Weise in die Nesseln zu setzen, uns beim Fressen nicht zu überfressen und auch nicht zu vergiften. Wir müssen – das ist unsere erste und allem weiteren vorangehende Aufgabe – wir müssen unterscheiden lernen. Und zwar gilt es zu unterscheiden zwischen nützlich und unnütz, brauchbar und unbrauchbar, Freund und Feind (oder Gegner und Konkurrent), lebbar (viabel) oder tödlich, weil voller unbekannter Gefahren und damit unser schönes Dasein möglicherweise abrupt beendend.

Wir verlassen uns also notgedrungen auf unsere Sinne: auf das Sehen (optisch), das Hören (akustisch), das Fühlen als als Greifen und damit schon annäherungsweise als ein Begreifen (haptisch) und wir ergänzen diese drei Haupteindrücke durch das miteinander verbundene Riechen (olfaktorisch) und Schmecken (gustieren). Sehr schnell wird uns dabei klar werden, wir sind in einer ambivalenten Lage: Einerseits ist da eine Fülle von ästhetischen (durch unsere Sinne vermittelten) EINDRÜCKEN, andererseits kann unser Wissen von der Welt letzten Endes nicht besser und nicht sicherer (gewisser) sein, als uns die Zentrale, unser Gehirn also, vermeldet. Wir haben also Erfahrungen, eigene und uns von den Eltern und Mitmenschen überlieferte, und wir haben das gehirneigene System des Zusammensetzens dieser Erfahrungen. Dabei wird aber schnell klar: wir können niemals wissen, was die Dinge, die all unserem Wollen zunächst einmal widerstreben und widerstehen, was diese Dinge wirklich sind, sozusagen FüR SICH, denn wir können ja nur wissen, was sie FÜR UNS sind, und dieses FÜR UNS kann ja nur heissen: was unser Gehirn – zum Überleben – aus unseren Sinneseindrücken MACHT, also zusammensetzt, also konstruiert. Wir machen uns also sehend, hörend, tastend, riechend und schmeckend ein arteigenes, ein ganz menschenspezifisches BILD dieser Welt, die uns umgibt und die uns – als Nahrung – auch das Leben ermöglichst. Für das Lebewesen, für das Tier, für das animalische Gehirn ist damit zunächst die Sache geritzt, wie man schnodderich sagen könnte: ein solches Tier lebt – wenn alles gut geht – erfolgreich so vor sich hin, bis seine Lebensspanne zu ende ist.

Wie man sagen könnte, habe ich eben gesagt. Und genau hier liegt der menschliche Erkenntnishase im Gedankenpfeffer: Alle Tiere leben dem von ihrem Gehirn vermittelten Welteindruck entsprechend so vor sich hin. Alle Tiere werden sich gewiss auch – jeder auf seine Weise, der eine mehr, der andere weniger –  über IHRE Welt so ihre Gedanken machen, denn alle Tiere wollen ja, wie wir, auch überleben. Und wie man sieht (sic), klappt das auch für alle und für die meisten Fälle ihres Lebens ganz gut. Alle Tiere versuchen auch – wieder mehr oder weniger verschieden und jeweils auf ihre Weise – sich miteinander zu verständigen, sich gegenseitig aufmerksam zu machen auf Futter und auf Feinde: sie grunzen, blöken, schnattern, sie senden irgendwelche Signale aus, und seien es – wie zum Beispiel bei den Ameisen – Gerüche (Pheromone), oder sie beschränken sich vielleicht auch nur auf gewisse Grundgesten wie ein gezeigtes und etwas bedeutendes DA oder DORT. Auch dies scheint bei allen mehr oder weniger gut zu klappen, und man kann sogleich an solche signalisierenden Höchstleistungen denken, die uns dann sogar als Menschen sehr ursprünglich gefallen, so dass wir sie sogar schon in langer Evolutionsreihe nachahmen, was wir dann Musik nennen, Melodie, Takt und Harmonie, ich meine den Gesang etwa der Nachtigall.

Alle Tiere folgen also ihren Sinnen, sie haben auch mehr oder weniger Waffen und Kräfte, sich zu verteidigen und sich das Ihre zu nehmen, sie machen sich Gedanken, wir sprechen ihnen auch Verstand zu, soweit sie ihn eben brauchen. Der federlose Zweibeiner aber, der nackt und arm in der Welt steht, der Mensch also, er ist nun durch etwas ausgezeichnet, was ihn dann letztlich doch allen anderen Lebewesen gegenüber, mit denen er seine Welt ja teilen muss, auszeichnet: auch der Mensch macht sich so seine eigenen Gedanken und spielt stumm in seinem Kopfkino alle die Situationen durch, von denen er glaubt und auch annehmen muss, dass sie eintreten könnten aber: der Mensch hat sich zur Mitteilung an andere Menschen seiner Gruppe und – zunächst – zur akustischen Verkörperung seiner Gedanken und seines Denkens die hochorganisierte und sowohl konsistente, logisch (und immer wieder doch nicht logisch) aufgebaute Sprache geschaffen beziehungsweise evolutiv nach der Methode allen Handelns, nämlich nach Versuch und Irrtum, entwickelt. Der Mensch kann somit jetzt in mehreren Schritten zerlegt handeln: sich etwas vorstellen als Denken und diese gedachten Probeereignisse dann ebenfalls erst einmal probeweise in Worte zu „fassen“, um sie solcherart festzuhalten, damit man sie – in Gedanken – drehen und wenden kann, bis sie einem eben „passen“.

Die Menschenwelt besteht nun also nicht mehr allein aus Dingen, (wobei der Mensch durchaus zunächst spürst und sich dessen gewiss wird, dass er auch nur ein Ding in dieser Welt ist, ein Körper), die Menschenwelt hat sich nun erweitert, bedeutend (sic) erweitert, durch das Hinzukommen der Sprache. Der Mensch kann nun mit zwei Entitäten hantieren: mit den Dingen selber, zum Beispiel indem er Werkzeuge macht, und er hantiert nun – denkend – mit diesem neuen Allzweckwerkzeug: mit seiner Sprache. Sprechend legt der Mensch nun den Dingen empirisch erfahrene oder auch nur vermutete Eigenschaften zu. Der Mensch sagt, Holz sei hart und man könne es zu Speeren machen oder verbrennen. Er sagt auch, weil er den Weltlauf verfolgt hat, man brauche nicht besorgt zu sein, nur weil es im Winter kalt sei, man wisse ja genau, auf einen jeden Winter folge regelmässig wieder ein Frühling und dann komme eben die Zeit der Aussaat. Alles was der Mensch nun weiss oder zumindest zu wissen glaubt, das kann er – und muss er auch – in Worte fassen. Der Mensch entwickelt sprechend eine spracheigene und sacheigene Logik. Und jeder sieht selbst, wann diese Logik passt oder eben nicht passt. In jedem Herbst sind die Äpfel immer wieder die gleichen Äpfel, und dies ergibt schon mal den Satz von der Identität. Apfel ist immer gleich Apfel und – noch enger – dieser eine bestimmte Apfel ist eben dieser Apfel als ein besonderes Individuum. Und das ein Apfel dann – falls die Kinder so fragen – eben KEINE Birne ist, das ergibt dann schnell und folgerichtig den Satz vom Widerspruch.  Und auch den Satz vom ausgeschlossenen Dritten kann man sich leicht mit seinen Kindern sprechend, handelnd und nachschauend erarbeiten: Es ist eben, falls man Appetit darauf hat, noch Obst auf dem Reserveregal in der Höhle oder eben nicht: tertium non datur. Und so kommt man spielend schnell dahinter, das alles, was um einen herum geschieht, immer auch – mindestens – eine Ursache haben muss. Die Kausalität gibt es für den Menschen sozusagen kostenlos als ein überzeugendes Bauchgefühl. Der Mensch ist also schon von Hause aus  – weil er spricht, und weil Sprechen schnell Widersprüche und Fragen aufwirft, die man dann, ebenfalls wieder sprechend, lösen muss und auch lösen kann – er ist also schon von Hause aus das logische Tier, das Tier mit SEINER Logik, die eben immer auch (und nur) eine Sprachlogik ist. Die Römer haben einmal gesagt, was nicht in den Akten sei, das sei eben auch nicht in der Welt: quod non est in acta non est in mundo. Diesen Satz abwandelnd könnte man – sozusagen mit Wittgenstein – sagen: Was man nicht sagen kann, das gibt es (für den Menschen) gar nicht. Man muss sich dabei immer nur klar sein: solche ein Satz ist immer nur eine SPRACH-Aussage, keinesfalls schon mit einer einigermassen befriedigenden Sicherheit auch schon eine WELT-Aussage. Denn zum gewissen Sein der Welt, dem Seienden, kommt – leider – immer hinzu der Schein der Welt, der Irrtum, das falsch Vermutete, das nicht richtige, etwas, was den Gesetzen der Logik widerspricht, etwas, was einfach nicht wahr sein KANN.

Und genau an diesem Punkt – spätestens – fängt dann für einen jeden die Suche nach der Wahrheit an mit den klassischen Fragen des Deutschen Idealismus: Was kann ich wissen, was soll ich tun, was ist das Gute, wo komme ich her und wo kann es im besten Falle hingehen.

Hier breche ich ab und nenne es den ersten Teil. Es soll weitergehen, und ich will auch gleich die Katze aus dem Sack lassen: ich warte über Fernleihe auf das grundlegende Buch von Alain Badiou „Sein und Ereignis“ (nachdem ich eben den Dialogband „Die Philosophie und das Ereignis“ gelesen habe; ein kleines Büchlein, aber sehr gehaltvoll, das ihm Fabien Tarby in einem langen Interview abgeluchst hat). Badiou sagt darin einleuchtend: es gebe eben die Dinge und die Sprache, und aus ihnen lassen sich Wahrheiten als Gewissheiten ableiten, wenn man seinem suchenden Denken eine Ontologie des gewiss Seienden unterlege, und diese ontologische Gewissheit sei die Mathematik in der modernen Form der Cantorschen Mengenlehre. Und die Hauptgewissheit für den suchenden und hoffenden Menschen, der seine Welt bestehen, verstehen und verbessern möchte, sei die gewisse Annahme oder politische Lebensmaxime: Veränderung ist IMMER möglich, denn es gebe die aleatorischen Ereignisse (alltagssprachlich: den Zufall also). Und diese die Menschenwelt erschütternden Ereignisse liessen sich verfolgen und beschreiben auf den vier Wahrheitsfeldern oder Gesellschaftsgebieten: der Wissenschaft, der Kunst, der Politik und der Liebe.

Es wird sich an dieser Stelle wieder melden: Rudi k. Sander

alias dieterbohrer oder – bei Twitter – @rudolfanders

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: