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Die Würde des Menschen kann angetastet werden – oder: die perfekte Polizeimaschine

28. September 2012

Nun habe ich – mit vier Tagen Verspätung, weil ich keinen digitalen Fensehzugang besitze – über den Lifestream des ZdF endlich den Film gesehen, den die deutsche Kunstszene über den Fall des Mörders Geffgen und des Frankfurter Polizeipräsidenten Daschner gedreht hat. In allen Beziehungen, die mir – als absoluten Laien – dazu einfallen: eine wahre Meisterleistung, und zwar in zwei Leistungsfeldern:

Dieser Film hat mir (obwohl ich den Fall als ein an allen wichtigen Ereignissen in der aktuellen Gesellschaft interessierter Bürger durchaus kannte, und zwar so, wie es der grösste deutsche Soziologe beschreibt, wonach wir alles, was wir als Wissende wissen, nur eben aus dem Fernsehen wissen können), er hat mir gezeigt, auf welch hohem Reflexionsniveau sich inzwischen alles befindet, was sich sowohl in der aktuellen Gesellschaft tagtäglich abspielt, als auch was dann – anschliessend oder auch vorwegnehmend – in den vielfältigen Verbreitungsmedien darüber zu berichten gewusst wird.

Nehmen wir zuerst die positive Seite dieses wohl doch in seinem Gesamtablauf einmaligen Vorgangs: Wie oft erleben wir es als Bürger, dass mit allen Mitteln und oft auch in für jeden sichtbarer Art und Weise eingeprügelt wird auf den Staat als allgemeine und uns alle umfassende Institution, dass eingeprügelt wird auf die Vollzugsorgane dieses Staates, die Polizei, die Staatsanwaltschaften und die Gerichte. Dieser Film hat mir und ich denke auch uns allen gezeigt, dass man davon nicht auszugehen braucht. Dieser Film hat gezeigt, wie unsere von uns beauftragten Beamten in voller Kenntnis der ihnen bekannten weltlichen Realität und in voller Kenntnis der vorliegenden Gesetzeslage immer und überall nach allem menschlichen Ermessen ihre Pflicht tun. Wir können uns, nach allem, was uns dieser Film in einer lobenswerten und verdammt objektiven Weise gezeigt hat, auf diesen Staat verlassen. Wenn es irgendwo brennt, dann ist dieser Staat und dann sind es alle seine Organisationen und Institutionen auf dem Posten und er und sie sind in der Lage, ihren – wie es immer so schön in allen Film heisst – ihren verdammten Job zu tun. Basta !

Nun zum zweiten Leistungsfeld: Der Fall Metzeler ist schon ziemlich lange her. Die Filmeute haben sich nicht dazu hergegeben, auf die Schnelle einen Sensationsfilm etwa  mit wenig Mitteln und mit geringem Aufwand zusammenzuschustern. Der Film ist eine präzise Leistung und er zeigt uns allen, die wir ja von all diesen Dingen so gut wie nichts verstehen, was heutzutage alles möglich ist. Der von mir eingangs zitierte große deutsche Soziologe hat aber auch einmal gesagt, alles Gesagte könne allemal auch anders gesagt werden. Und genau dies will ich jetzt einmal bezogen auf diesen Film und bezogen auf diesen Fall versuchen:

Der Film zeigt uns genau und geradezu mit kaum überbietbarer Präzision, zu was alles dieser uns umgebende moderne Staat und seine Organisationen fähig sind beziehungsweise sein könnten: Die Welt, wie wir sie alle heutzutage kennen, sie ist nun einmal so, wie sie nun einmal ist. Gerade wir Deutsche haben bekanntlich zur Verkommenheit dieser Welt in den letzten hundert Jahren nicht gerade wenig beigetragen. Und wie uns ganz Europa auch gleichermaßen bestätigen wird: wir Deutsche haben gerade zur historischen Aufarbeitung dieser deutschen schrecklichen Vergangenheit mehr geleistet, als alle uns umgebenden anderen Nationen. Seit dem weiss die ganze Welt, was diese Welt von dieser Welt und von den Menschen, die in dieser Welt leben, zu erwarten haben. Und weil das so ist, deshalb verstehen wir fernsehenden und in alle möglichen sozialen Netze eingebundenen Bürger und Wähler allzu genau, was alles in dieser modernen Welt um uns herum so läuft und vielleicht morgen schon laufen wird, und wird laufen können.

Erinnern wir uns doch, bitte, an einen der gemeinsten, hinterhältigsten und nie so richtig gewürdigten (in seiner Gemeinheit gewürdigten) Fälle aus der zurückliegenden Propagandageschichte: Ich meine des Fall des Reichssenders Gleiwitz: Die Nazis, entschlossen, den Krieg vom Zaune zu brechen und Polen – als das erste Opfer – zu überfallen, diese Nazis wollten ein fait accompli inszenieren, und sie taten es auch. Der Reichssender Gleiwitz lag nun einmal in polnischer Grenznähe. Was lag also also näher, der Welt eine Nachricht zu repräsentieren, dass die bösen Polen diesen Sender der doch ach so gute Deutschen in einer Nacht- und Nebelaktion überfallen hätten mit den entsprechenden dazugehörigen und wie üblich zu erwartenden Opfern.  Man steckte ein paar arme  KZ-Insassen in polnische Uniformen, karrte sie in die Nähe des Senders. Dann überfiel die deutsche Staatsgewalt selber, in Gestallt eines beauftragten SS-Haufens, den Sender, töteten die dort anwesende und fleissig arbeitende Redaktionsmannschaft. Dann erschoss man die armen Pseudotäter, die ja da draussen warteten und nicht wussten, was man mit ihnen vorhatte, und legte ihre Leichen theatralisch perfekt vor das Gebäude des Reichssenders. Der Reichspropagandaminister Goebbels, (ich weiss nicht, ob er sich diese Schweinerei ausgedacht hatte), er jedenfalls, dem je die gesamte deutsche Presse, gleichgeschaltet, wie sie durch ihn war, auf’s Wort gehorchte, angeleitet durch die tägliche Nachrichtenformungskonferenzen, er jedenfalls liess nun weltweit und im Brustton der angemessenen Empörung verkünden, welche Gemeinheit sich die bösen Polen gegenüber den ach so friedliebenden deutschen Nachbarn hätten zu Schulden kommen lassen. Aber: die Welt ist nicht darauf reingefallen. Es dauerte nur wenige Tage, dann war die Wahrheit am Tage.

Diesen argumentativen Umweg habe ich hier eingeschlagen, um meiner Leserin klarzumachen, was man schon zu Radiozeiten in dieser Welt so alles konnte. Und deshalb sollten wir uns alle nichts vormachen: Die Propagandakünste in aller Welt und in allen Staaten sind im Verlaufe der letzten Jahrzehnte nicht dümmer und nicht geringer geworden. Stichwort Massenvernichtungswaffen in den Pressekonferenzen der USA, als es darum ging, die Welt auf den bevorstehenden zweiten Angriff auf den bösen Irak einzustimmen, der – mit seinem nun wirklich nicht edlen Diktator – partout nicht auf die von den Amerikanern weltweit vorgegebene Verhaltenslinie einschwenken wollte. Im Gegenteil, er hatte sogar, welch ein Wahnsinn, seine arabischen Nachbarn angegriffen und in einer geradezu irrsinnigen Verzweiflungstat deren Ölfelder massenhaft angezündet. Die Welt glaubte also den Amerikanern, zumal sie bei diesem Propagandamanöver den in der ganzen Welt geachteten Oberkommandierenden ihrer Streitkräfte, den farbigen Fünfsternegeneral Powel dabei verheizten. Und doch, wie sich am bösen Ende herausstellt, war alles gelogen. Dann kam der ganze Irakschlamassel, die Gefängnisszenen in Abu Dhabi, dazu dann Antanamo und, und, und, und. Ich will hier nicht auf den Amis heraumhacken. Schliesslich waren sie es, die den Schock hatten verkraften müssen, den die Ereignisse von 11/9 2001 für sie und für die Welt bedeuteten.

Zurück zum Film: Gerade weil er so gut ausgefallen ist, wie er nun einmal tatsächlich gemacht wurde, sollte er uns allen unwiderlegbar klar machen: So wie die Dinge liegen, ist heutzutage keinem Staat und keiner Regierung mehr zu trauen und zu vertrauen. Gerade die widerlichen Ereignisse, die jetzt gerade der Untersuchungsausschuss für die Mordserie der NSU an Tageslicht bringt, sie zeigen uns ganz deutlich und unabweisbar: Alles ist möglich, wenn wir alle zusammen nicht wachsam sind. Die Welt und die in ihr lebenden Menschen und Akteure unterliegen alle dem schier unausweichliche Gesetz der Ambivalenz: Man kann alles auf die geregelte Art und Weise machen, aber: es geht immer auch ganz anders. Es sind schon in Polizeirevieren Ausländer totgeschlagen worden oder man hat sie cool verbrennen Lassen. Un-Schutztruppen haben schon bei klaren Völkermorden und Genoziden tatenlos zugeschaut, weil sie sich an die Gesetze und an ihre einschränkenden Auftrage gehalten haben. Auch was beim internationalen Gerichtshof in Den Haag geschieht (genauer: was dort nicht geschieht), entspricht nicht immer in allen Abläufen und in allen seinen Verhinderungen den Erwartungen der Weltbevölkerung.

Dieser Film war wichtig: so oder so!

Rudi K. Sander als dieterbohrer alias @rudolfanders

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