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Wer weiss schon, was er wirklich weiss?

31. August 2012

Glauben heisst nicht wissen, sagen die Leute, woraus dann – im Umkehrschluss – folgt: Wissen sei mehr als Glaube. Das glaube ich aber nicht.

Man (oder, was mir lieber wäre: frau) halte sich einmal vor Augen, was es für ein Lebewesen heissen mag, eine Welt zu „besitzen“. Frau versetze sich dazu, bitte einmal in die Welten kleiner minimaler Tiere wie Ameisen, (die, wie wir, in gut organisierten Gesellschaften leben, Gesellschaften mit klarer und hierarchischer Arbeitsteilung), oder Bienen, die ja ebenfalls Gesellschaftstiere sind: Ameisen haben eine Tastwelt plus einer sehr ausgeprägten Geruchswelt, sie kommunizieren mittels Pheromonen, die sagen ihren „Nasen(Fühlern), das sie immer noch auf den rechten, dem richtigen Wege sind, und auf ihrem Marsch nach Futter folgen sie dem üblichen minimalen Schwarmbefehl: Drannbleiben und immer machen, was die anderen tun. Das wäre die Ameisenwelt. Können wir uns kaum vorstellen, oder? Die Bienenwelt ist schon menschennäher: sie ist eine optische Welt, aber: die Bienen haben vollkommen andere Farbrezeptoren, die dazu noch ergänzt werden durch eine bemerkenswerte Ausweitung des uns vertrauten Frequenzspektrums: die Bienen sehen mühelos im Infrarotbereich. Ein solches Weltbild können wir uns durchaus – versuchsweise – vor Augen führen, wenn wir unsere vertrauten Fotos von der Welt durch entsprechende Filter jagen.

Wir könnten also jetzt schon einmal mutig und verkürzend zusammenfassen: Welt ist für alle Tiere immer genau das, was ihr jeweiliges Gehirn ihnen anliefert, (man könnte auch getrost sagen: vorgaukelt).

Menschentiere haben also alle (angeblich) ein funktionierendes Gehirn, ein Gehirn zum blanken Überleben: wir sehen (in einem bestimmten Frequenzbereich), wir hören (in einem bestimmten, mit dem Alter stark abnehmenden, Frequenzbereich), unsere Nahwelt tasten wir ab, und damit wir uns nicht beim essen (fressen) vergiften, warnt uns die strukturell gekoppelte Verbindung von riechen und schmecken: Die Mama sagt: Pfui, baba, und das essen wir dann nie wieder. Auf diese Weise werden wir – sprachlich – sozialisiert. Denn genau dies ist unser großer Vorteil gegenüber (fast) allen anderen Tieren: unsere von der Natur angelieferten körpereigenen und körperfixierten Wahrnehmungen (Empirie) werden ergänzt durch die sprachlich getragene und mühselig, aber erfolgreich, angelernte mediale Ergänzung durch – im Allgemeinen – metaphorische Vorstellungen. Wir sagen, mit Wittgenstein, die Welt, (unsere Welt), sei alles, „was der Fall ist“, also alles, was wir selber erfahren haben oder was man uns bis zu unserer Selbstständigkeit als Erwachsene so mehr oder weniger pädagogisch geschickt beigebracht hat. Die Grenze dieser unserer Welt ist dann – wieder mit Wittgenstein – „worüber frau nicht reden kann, darüber muss man schweigen“. So weit, so gut.

Nun halte man sich vor Augen, was bei uns als die wissenschaftlichste aller Wissenschaften gilt: die Mathematik, weil dies die einzige Wissenschaft ist, die von der blanken Logik getragen ist und in der man wirklich so etwas kennt wie einen positiven Beweis. Aber: seit 1900 gibt es sogar bei den Mathematikern ZWEI grundsätzliche Fraktionen: die Aprioriker und die Konstruktivisten. Die Aprioriker sagen, es gebe Gesetze (Sätze), die einfach von Natur aus einleuchtend seien, wie zum Beispiel der Basissatz der Geometrie, der da behauptet, die Parallelen würden sich „im Unendlichen“ schneiden, (dabei weiss keiner was Unendlich ist, oder was absolut ist), und irdische reale Parallelen schneiden sich immer irgendwie oder irgendwo (nur – es lebe die Technik – Eisenbahnschienen schneiden sich – zum Glück für alle vertrauenden Fahrgäste – tatsächlich nie wirklich). Nun, seit man, so um 1900 herum, die ersten nichteuklidischen Geometrien vorgestellt hatte („sich“ vorgestellt hatte), seitdem – sagen die Konstruktivisten unter den Mathematikern, ALLES sei „gesetzt“, also (wenn auch niemals vollkommen willkürlich) immerhin kontingent, also auch immer vollkommen anders möglich. Die Mathematik hat also auch ihre durchaus menschlichen Grenzen. Die französische Gruppe von Wissenschaftlern, meist wohl Mathematikern, die sich nach einem erfundenen Mathematiker „Bourbaki“ nennt, versucht alles Mathematische – seit 1932 – möglichst widerspruchsfrei zusammenzubasteln (französich heisst das: bricolage). Wie weit sie inzwischen gekommen sind, entzieht sich meiner Kenntnis. Man halte sich aber vor Augen, dass es durchaus gelungen ist, immer wieder mal ein vollkommen neues mathematisches Feld zu erschliessen und erfolgreich zu beackern (man denke an Gruppentheorie, Knotentheorie oder nicht euklidische Topologien: für Laien alles ziemlich abschreckend).

Wenn nun schon die Mathematik durch menschliche Vorstellungen durchaus erschütterbar ist, um wieviel mehr werden es dann auch alle anderen Wissenschaften sein. Auch die Meisterwissenschaft, die Physik, die ja ohne Mathematik überhaupt nicht zu denken wäre, sie hat durchaus ihre Blinden Flecke. Da ist einmal die eine riesengroße Lücke, die aufklafft zwischen der Größenordnung der Atome (rund 10^-11) und der gedanklich allerletzten Grenze im ganz Kleinen: der Stringtheorie, die ja aufgebaut ist auf der kleinsten denkbaren (und konventionell festgelegten) Länge, der sogenannten Planck’schen Länge (10^-32) und dem dazugehörigen Planck’schen Wirkungsquantum: der allerkleinsten denkbaren operativen Veränderung in der physikalischen Welt. Diese Lücke umfasst also sage und schreibe von 10^-11 bis 10^-32 nicht weniger als 21 Zehnerpotenzen! Das ist eine Null-Komma-Eins mit 21 folgenden Nullen! Unvorstellbar, aber wahr. In dieser Lücke – die ja nur eine Denklücke ist, denn ihre Grenzen sind ja empirisch gestützte Vorstellungsgrenzen – in dieser „Lücke“ hat noch kein Physiker unserer Welt jemals etwas behauptet denn empirisch gemessen: kein „Ding“, keine Strahlung, keine Frequenz, NICHTS! Die anderen Grenzen, die ich nur andeuten will, sind der berühmte Big Bang (Anfang ohne Anfang) und die (ins NICHTS führenden) Schwarzen Löcher.

Hier möchte ich – weil mir nun selber schon der Kopf schwirrt – erst einmal schlicht abbrechen, damit die freundliche Leserin sich genau so erholen kann von all dem Gesagten, wie ich mich nun erst einmal erholen muss vom Aufsagen des in langen Jahren mehr oder weniger erfolgreich Angelesenem und Angehörtem. Vielleicht gelingt es mir, hier einmal sinnvoll anzuschliessen und diese kleine Plauderei fortzusetzen. Bis demnächst:

Ihr Rudi K. Sander, auch genannt: dieterbohrer oder gar – bei Twitter – @rudolfanders 

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One Comment
  1. Cédric permalink

    danke, hab den artikel über google gefunden weil ich der meinung bin dass glauben und wissen dasselbe ist, woraus hervorginge, dass die realität das produkt unserer vorstellung ist bzw. dass es keine absolute realität gibt. und wie gehts weiter?? dass wir nichts wissen, wissen wir schon =)

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