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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 59

20. Mai 2015

– LIX –

Das Gespräch mit der neugewonnenen Großmutter bewirkte in Rudolfs Innerem, in seinen Gedanken, ach was, sagen wir ruhig in seiner Seele ein unerwartetes. nicht vorhergesehenes und völlig unerprobtes Gefühl des Aufschwungs und der Zuversicht. Die Heimkehr in eine Welt der Trümmer und der real verschütteten Vergangenheit, das tägliche Ausgesetztsein in eine figurierte Hoffnungslosigkeit, das Denken in Vorstellungen wie „Kartoffelacker“, „fünfzig Jahre Trümmerbeseitigung“ oder „fremde Besatzung für eine unabsehbare Ewigkeit“, dies alles hatte den Lebenswillen keineswegs gebrochen. Das Leben zu leben war schwer und leicht in einem geworden: wenig Besitz, wenig Sorgen, einigermaßen satt und ausreichend warm, und schon waren so luftleichte Dinge wie Theater, Oper, Ausstellungen, Kino und vor allem Bücher sogleich wieder schwergewichtige Argumente für erstrebenswerte Teilhabe. Was aber immer geblieben und täglich spürbar war: Der Bruch zur Vergangenheit, diese schmerzhafte Gesternlosigkeit, falls so ein Wortkoloß zulässig ist.

Und nun saß ihm da ein vertrauter Mensch gegenüber, auch wenn sie, die Großmutter, wahrhaftig nur eine Schulferienbekanntschaft war, bis heute jedenfalls. Aber diese Frau strahlte ihn nicht nur zufrieden an und behandelte ihn liebevoll und heiter, nein, sie erklärte rundheraus: „Mein liebes Kind, ich bin so froh, daß du den Weg zu mir gefunden hast.“ Kein Wort über die verflossenen neun Jahre, in denen man sich nicht gesehen und nichts voneinander gewußt hatte. Er hatte ihr in dürren Worten alles über seine Lehrzeit, über die Stationen im Wehrertüchtigungslager, beim Reichsarbeitsdienst und über seine feldgraue Odyssee von Berlin über Unna, Leipzig, Eger, Döllersheim und Zwettl, über den Pyrnpaß, durch die Steiermark und das schöne Kärnten, über Bad Ischl, Rosenheim, Nordhausen, Sangerhausen, Dessau-Roßlau und wieder zurück nach Berlin erzählt. Sie war eine geduldige Zuhörerin und bekundete herzliche Anteilnahme.

Sie saßen längst im (protzigen) Speisezimmer. Als es draußen dämmerte, hatte sich Tante Emma, ihre Schwester, die am Wedding wohnte, auf den Heimweg gemacht, weil sie nicht zu spät in der Nacht nach Hause kommen wollte. Die andere Frau, die er im Garten gesehen hatte, als er noch vor dem Zaun stehend nach hinten lugte, diese Frau war Frau H. Die Oma hatte sie bei sich aufgenommen, als diese kleine Person nicht lange nach dem Einmarsch der Russen heulend durch die Kohlisstraße gelaufen war, weil sie nicht wußte, wohin sie sollte, ausgebombt und von Granaten vertrieben, wie sie war. In den seither verstrichenen zwei Jahren waren beide fast verwandschaftlich vertraut miteinander geworden. Sie teilten miteinander das Essen, die Hausarbeit und die Sorgen. Die Oma kommandierte ein bißchen, und die kleine Frau H. sagte (meistens): „es ist recht:“ Sie bewohnte das so genannte Gästezimmer im Souterrain. Übrigens wohnte im oberen Stockwerk noch eine andere Partei, eine ältere Dame mit ihrem Enkel, die man als Mieter eingewiesen hatte, weil sie ebenfalls, wie die Frau H., ausgebombt waren.

Das tatsächlich protzig möblierte Speisezimmer, jetzt Wohn- und Schlafzimmer der Großmutter, hatte Rudolf noch sehr gut in der Erinnerung. Verglichen mit der Stube zu Hause, worin sie nun zu fünft wohnten, kam ihm der Raum riesig vor. Er maß gut fünf mal acht Meter, vermindert nur durch die wohlvertraute Veranda, die zwei Stufen höher angelegt war und von der Fensterfront über die ganze Schmalseite abgeschlossen wurde. Auf der Veranda stand eine prächtige zweifarbige Korbgarnitur, zwei wuchtige Sessel mit einem runden Tisch. Mitten im Zimmer ein schwerer ovaler Tisch, um den herum sechs Stühle in schwerem Schnitzwerk standen, die Sitze mit braunem, weichen Leder gepolstert. An der Hauptlängsseite, der Eingangstür gegenüber, so daß der Blick des Eintretenden sogleich davon gefangen war, stand das wuchtige Buffet: ein Mittelteil mit drei geschnitzten dicken Türen, rechts und links flankiert von zwei unmittelbar anschließenden Vitrinen, die verglaste, in hölzernem Rankenwerk gefaßte durchbrochene Türen hatten, dahinter stabile Glasscheiben als Zwischenböden, auf denen (früher) Porzellangeschirr und Nippes stand, das nun leider gestohlen war. Zwischen den Vitrinen wölbte sich ein geschwungener und ebenfalls kräftig geschnitzter Aufsatz mit einem schönen verrankten Rosenmuster. Auf der gegenüberliegenden Seite stand die dazu passende Kommode, daneben die in Form und Ausstattung passende und ebenfalls zugehörige Standuhr. Alle Möbelstücke aus fast schwarzer Mooreiche. Die selbständige, auf Damenblusen spezialisierte Zwischenmeisterin und der Geschäftsführer der Berliner Schneiderinnung hatten es hier Ende der zwanziger Jahre „allen“ zeigen wollen, wie weit man es gebracht habe. Der Anblick dieses Raumes hatte es in Rudolfs Sprachschatz gebracht, das Wort von der „reichen“ Großmutter. Der Veranda gegenüber war die Wand durchbrochen von einer zweiflügeligen Schiebetür, deren Milchglasscheiben in der Ätztechnik der Jahrhundertwende zwei symmetrisch angeordnete, in einem Oval aus Blumenranken schwebende allegorische Figuren zeigte, die aus einem Füllhorn Blüten hinunter streuten auf eine imaginäre und harmonische Welt.

Hinter den Schiebetüren war das Herrenzimmer. Hier waren die Möbel leichter und heller, ein verglaster vierteiliger Bücherschrank, ein runder Tisch mit Glasplatte, darunter eine Klöppeldecke, daneben zwei bequeme Ledersessel, schräg zum Fenster ein Schreibtisch mit Arbeitsessel (runde Lehne, lederbezogene Armlehnen), gegenüber eine wuchtige Liege, Renaissancestoff bezogen, daneben ein zweiteiliger Kleiderschrank. Zu all dem sagte die Großmutter: „Wenn du magst und zu mir ziehen willst, dies ist dein Zimmer. Du kannst gleich hierbleiben.“

Bei diesen Worten schaute sie sich gleichsam abschiednehmend im Zimmer um und sagte mit tränenflirrender Stimme: „In diesem Zimmer ist Onkel Oskar gestorben, aber das erzähle ich dir ein andermal.“

Rudolf vereinbarte mit ihr, heute noch einmal nach Hause gehen zu wollen, damit sich die Mutter nicht wunderte oder gar Sorgen machen würde, wenn er ohne Ankündigung einfach ausbliebe. Zum Abschied schenkte sie dem neugewonnenen Enkel impulsiv einen Ring, den sie im großen Zimmer aus einem Samtkästchen in der Kommode nahm, steckte ihm den Ring an den Finger und erklärte: „Den hat Onkel Oskar immer getragen. Jetzt gehört er dir.“ Es war ein goldener Ring mit einem viereckigen, ziemlich dunklen Goldtopas. Des Tafel war umgeben von zweiflächig geschliffenen Facetten. Der Form nach deutlich ein Herrenring; diesen Stein aber durch die Welt zu tragen würde wohl Mut erfordern. In der Klangfilmwerkstatt würde er sich damit schwerlich sehen lassen dürfen. Doch die Geste der Großmutter war so überwältigend, daß ihm diese reale Beurteilung erst später, bei der Heimfahrt in der S-bahn, bewußt wurde. Der Ring paßte zwar überraschender Weise genau auf seinen Ringfinger. Doch wenn er sich ihn anschaute, mußte er zugeben: Dieses Stück war deutlich eine Nummer zu groß für seine Verhältnisse. Er beschloß. ihn wenigstens an den Wochenenden mit trotzigem Stolz zu tragen. Zehn Jahre später hat Rudolf ihn seiner Frau geschenkt, die ihn flugs ein wenig umarbeiten ließ und ihn im Grunde genommen nicht zu schätzen wußte. In den undurchschaubaren Wirren einer normalen Ehe ist er dann verlorengegangen.

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