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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 58

18. Mai 2015

– LVIII –

Nachts, im Heu, vor dem Einschlafen, kamen andere Pfingstbilder und gaukelten frohe und freundliche Gedanken zu den Erscheinungen auf der Leinwand des Erinnerungskinos. Pfingsten war daheim das Fest der grünen Birkenstämme in Wassereimern vor der Post und vor den Geschäften, und der Birkenzweige, der ebenfalls grünen Kalmussprossen und der braunen Schilfkolben (genannt: Bumskolben). Und Pfingsten war das Fest der neuen und weißen Oberhemden für den Großvater und für Rudolf, und die Oma bekam ein fröhlich geblümtes Sommerkleid oder eine neue Wickelschürze, die ebenfalls meistens Blumen zeigte in kompliziert verschlungenen Mustern, die aber so geartet waren, daß man auf drei Schritt Entfernung eher den Eindruck einer gleichmäßig changierend bedruckten Fläche hatte. Der Zweck der neuen Kleider war nicht nur blanke Zweckmäßigkeit, nein, er galt einer traditionellen „Ausschweifung“: Es ging mit der neuen „Kledaasche“ nämlich in den Zoo, in den zoologischen Garten zum alle beeindruckenden Frühkonzert. Die Oma nahm die Brennschere, erhitzte sie in der Flamme des Gaskochers, der als moderne Errungenschaft zweiflammig links dort auf der „Kochmaschine“, dem kohlebefeuerten Küchenherd stand, wo zuvor das Anmachholz zum Trocknen gelagert worden war, und mit dieser Brennschere zauberte sie mit verhaltenem leisen Flüchen Locken und Wellen in ihre wunderbaren und unverwüstlichen fülligen braunen Haare. Der Opa hatte statt der üblichen Sonntagszigarren zu fünfzehn Pfennige ein oder zwei stattliche „Fehlfarben“ parat, die mindestens das Doppelte gekostet hatten, gekauft am Alexanderplatz, wo er extra zu diesem Zweck seine Heimfahrt mit der Linie 64 unterbrach, um erfüllt mit einem ungewöhnlichen Feiertagsgefühl im Eckgeschäft bei Loeser & Wolf selbstbewußt diese Luxuszigarren zu erstehen. Der Abmarsch verzögerte sich meist ein wenig, weil die Großmutter, die an ihre Pantoffel gewöhnt war, nur mit großen Schwierigkeiten in die schicken beigen Spangenschuhe hineinkam. Erforderlichenfalls mußte sie ihre Füße bis Mitte Unterschenkel erst eine kurze Weile in einen Eimer mit kaltem Wasser stecken, um den Umfang zu reduzieren. Saßen die Schuhe dann endlich an den Füßen, mußte Rudolf mit dem dazu bestimmten Knöpfhaken die Spange über den Perlmutterknopf zwingen, eine auch nicht immer sogleich von Erfolg gekrönte Übung. Bei völligem Versagen des Helfers waren leichte Kopfnüsse nicht ausgeschlossen. War alles ausgestanden, ging es mit der Elektrischen, der Linie 64 oder 176 zum Alex und mit der S-Bahn zum Bahnhof Zoo. Hier strömte eine beträchtliche Menschenschar an die zahlreichen nebeneinander gelegenen Kassenhäuschen. „Zwei Erwachsene, ein Kind“, und dem herrlichen Abenteuer stand nichts mehr im Wege. Bis zu den Elefanten und zum Giraffenhaus kam die Oma noch mit.

Damit war ihr Wanderdrang befriedigt. Nun galt es, schnell eine schattige Bank zu finden, von der aus das Konzert gut zu hören war. Paul Linke und Johann Strauß fanden ihren Beifall. Der Opa machte dann mit Rudolf die übliche Runde: Raubtierhäuser, Eisbären, und das Robben- und Seehundebecken, mit Walroß, Seekuh und Pinguinen, dann die Braunbären und die (armen) Raubvögel, und schließlich als Höhepunkt die Affen. Welch eine Sensation in dem Jahr, als der erste Affenfelsen der Welt als Freigehege eröffnet war: Affen im Freien, ohne Gitter, unglaublich. „Opa, ich hab‘ Hunger“, na, dann blieb nur der Rückzug zur Großmutter, die in einem Henkelkorb alles verstaut hatte, vom Kartoffelsalat mit Schnitzel, Brötchen und zum Trinken eine Flasche Himbeersaft mit Leitungswasser, alles köstlich. Der Opa rauchte anschließend seine Festtagszigarre, Rudolf bekam – vielleicht – ein Eis am Stil von Bolle, und wenn es die Oma in ihren „Pariser“ Schuhen nicht mehr aushielt, kam der unvermeidliche Aufbruch.

Alles hat einmal ein Ende. Die beiden Pfingsttage, so paradiesisch sie waren, die beiden Wandersoldaten mußten weiterziehen. Sie wollten schließlich nach Hause, ohne zu wissen, was dies für sie bedeuten würde. Darüber zu grübeln ließ der Rudi gar nicht zu: „Wart’s ab, jammern kannste immer noch.“ Also ging man freiwillig fort aus diesem Paradies. Versehen mit Proviant und mit den besten Segenswünschen machten sich die beiden wieder auf den Weg. Der Natur der Geografie entsprechend ging es wieder einmal abwärts

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