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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 57

16. Mai 2015

– LVII –

In diesen Tagen war es, daß sie von einem sicheren Höhenweg herab die gerüchteumwitterte gemischte amerikanisch-deutsche Panzerkolonne sahen, Sie fuhr „gen Osten“ und verschwand lärmend mit großer Staub- und Abgaswolke in der Ferne einer waldumhegten Straße. Beide Rudolfs staunten und konnten es sich nicht erklären. Der Anblick von Weltgeschichte in statu nascendi („… und ihr dürft sagen, ihr seid dabei gewesen, …) ist immer undurchsichtig.

Am Samstag vor Pfingsten führte sie der gewählte Weg urplötzlich nach unten. Als der Waldrand erreicht war, standen sie eine Weile zögernd und „peilten die Lage“. Als sie auf der letzten Höhe davor gewesen waren, hatten sie einen freien Blick auf einen wunderschönen Bauernhof, ein herrliches Gehöft mit weiß gekalktem Wohnhaus und großer angebauter Scheune. „Dort verbringen wir Pfingsten“ hatte Rudi wie ein Reiseleiter gesagt. Es hatte beim Blick über die Waldfläche so ausgesehen, als sei nur noch eine langgezogene Senke zu durchschreiten. Luftlinie vielleicht zwei Kilometer. Die Wirklichkeit war zunächst enttäuschend. Knapp hundert Meter unter ihrem Standpunkt sah man eine Häuserreihe, manche Häuser aneinander gebaut, dazwischen aber auch Lücken. Hinter den Häusern mußte die Straße verlaufen, denn auf dieser Straße lief ein Mensch mit einem Gewehr auf dem Rücken und einer inzwischen vertrauten Armbinde in den neuen alten Landesfarben langsam die Häuserzeile nach links hinauf und nach rechts wieder hinunter. Sie setzten sich am Waldrand nieder und studierten die Details durch das Doppelglas. Vor ihnen lag eine abfallende gras- und buschbewachsene Fläche, eine ziemlich schräge Bergwiese, die auf halber Strecke abrupt in den Hang einer Kiesgrube überging. Die Kieshalde führte bis fast nach unten hinter die Häuserreihe. Am rechten Ende der Häuserreihe führte eine halbmannshohe Betonröhre unter der Straße hindurch. Hinter der Straße stieg der bewaldete Hang sogleich wieder steil bergan. Wenn sie zu ihrem Traumbauernhaus gelangen wollten, mußten sie durch diese Röhre hindurch, und sie durften sich beim Abstieg nicht von dem Posten sehen und erwischen lassen. Der bewaffnete Mensch trug zwar keine ordentliche Uniform, nur so ein Halbzivil wie sie selber, aber was immer er auch vorstellte, Heimatwehr oder Hilfspolizist, sie wollten ihm vorsichtshalber dort nicht begegnen. Sie schauten auf die Uhr, wie lange er brauchte von einer Häuserlücke zur nächsten. Wenn er in der Mitte sein würde, müßten sie die Kieshalde hinabspringen und schnellstens auf die Betonröhre zulaufen. Bis er das Geräusch identifiziert und die Häuserlücke wieder erreicht haben würde, müßten sie durch die Röhre hindurch für ihn verschwunden sein.

Es klappte wie am Schnürchen. Der Posten verschwand: Nur die Ruhe, bitte. Mit dem starren Blick auf den Sekundenzeiger: Jetzt! Der Anlauf über die Wiese, dann der gewaltige Sprung hinein in den Kieshang, der verlor die Ruhe des Halts seines natürlichen Böschungswinkels, beide Springer rutschten mit dem Kies gebremst nach unten, einige Tonnen Kies folgten ihnen mit erschreckendem Rauschen. Unten angekommen schnell die letzten fünfzig Meter zu der Straßenunterquerung, gebückt durch die (verdammt enge) Röhre und auf der anderen Seite verschwanden die beiden Helden aufwärts schnaufend im Walde. Was mag er sich gedacht haben, der rot-weiß-rote Vertreter der neuen Staatsmacht, als der er sich fühlen mochte. Möge er die plötzliche Unterbrechung seiner Dienstroutine mit k.u.k.-Gelassenheit aufgenommen und das unerwartete Geräusch des abrutschenden Kieshangs einer zarten natürlichen Erdbewegung zugeschrieben haben.

Der Aufstieg war wahrhaft schweißtreibend. Inzwischen stand die Sonne hoch. Obwohl der Waldschatten sie dem unmittelbaren Ausgesetztsein der Sonne entzog, kamen sie wegen der schier unerträglichen Hitze nur mühsam nach oben, weil der Hang so steil war. Einen Weg, der sie dem ersehnten Ziel hätte bequemer näherbringen können, hatten sie nicht gefunden. So ging es Schritt um Schritt pustend und schnaubend aufwärts, nicht „im Frühtau“ sondern im Sonnenglast „zu Berge“.

Als die Steigung endlich langsam in die Hochfläche überging, lichtete sich der Wald und vor ihnen lag das Traumziel in der Abendsonne: Der schönste Bauernhof der Welt!, so schien es ihnen. Die vier morgens gefüllten Feldflaschen waren geleert. Rudi hatte sie fast allein ausgetrunken, (Rudolf trank tagsüber nur wenige Schlucke), und die Wäsche in Rudis Rucksack mußte nach der Ankunft zum trocknen aufgehängt werden. Machte nichts, sie waren glücklich. Der Bauer, der im Winkel der Scheune stand und Holz hackte, – das Geräusch der spaltenden Axt hatten sie schon eine Weile freudig vernommen, – er begrüßte sie freundlich. Seine Töchter ebenfalls, (die Söhne waren „im Felde“). Beim gemeinsamen Abendbrot meinte er nachdenklich, hoffentlich möchten seine beiden Jungen zum bevorstehenden Pfingsten ebenfalls eine zutrauliche Unterkunft gefunden haben. Rudolf und Rudi wünschten es mit ihnen.

Pfingsten, das liebliche Fest. Ausgießung des seelischen Heils von innen-oben. Sinn durch Besinnung, Lösung aller irdischen Bedrängnisse als Erlösung durch den alles übergreifenden, zungenlösenden Glauben an das eine, wohltuende Wort: Frieden den Friedfertigen. Niemand brauchte mehr überzeugt werden. Frieden war der große Proselytenmacher, in seinem Kreis war jeder gern „hinzugekommen“.

Die Weite der Welt mit all ihren Unbestimmtheiten und Unbestimmbarkeiten war weit weg. Elfhundert Meter über dem Meeresspiegel wölbte sich ein wahrhaft himmlicher Glanz über eine kleine grundehrliche, grundgütige Welt. Sie war nicht völlig heil. Die immer wieder von den drei Gastgebern ausgesprochenen Gedanken des Gedenkens an das ungewisse Schicksal der beiden abwesenden Söhne und Brüder waren der schmerzende Riß, der auch durch diese Welt ging, nur menschlich-unvollkommen überdeckt durch eine bewundernswerte Glaubensstärke: „Gott wird es schon richten.“

Diese drei Menschen, der Einödsbauer und seine beiden Töchter, taten täglich das Naheliegende: Vieh und Haus versorgen, das Essen richten, ihre beiden Zufallsgäste mit freundlicher Geste an den wuchtigen Tisch in der Küche bitten zum gemeinsamen Festmahl aus e i n e r Schüssel! (Wahrhaftig!). Der Bauer brach das Brot mit fester Hand, nachdem er den wahren Spender gelobt und ihm gedankt hatte, teilte jedem sein Stück zu und schöpfte unbefangen als erster mit seinem Löffel aus dieser gemeinsamen Schüssel Klöße – die er geschickt in der Schüssel zerteilte – die Rauchfleischstücke und das Kraut, wobei er munter auffordernd sagte: „Langt’s nur zua, mittanand.“

Nie zuvor hatte Rudolf mit Menschen und bei Menschen gegessen, die nicht einfach dankbar waren, daß sie zu essen hatten und nicht hungern mußten, sondern für ihre Dankbarkeit eine Adresse hatten und ihren Dank auch bekundeten und aussprachen. Selbstverständlich hatte er gewußt, daß es „irgendwo“ bei „irgendwem“ den Brauch des Tischgebets geben sollte und geben würde, doch Kenntnisse haben und diesen Kenntnissen leibhaftig, verkörpert, zu begegnen, ist auf beeindruckende Weise Zweierlei. Tante Anna, so unverbindlich protestantisch wie ihre Mutter, Marie Anders, hatte zu ihren zwei Kindern aus der ersten Ehe einen katholischen Mann aus Polen mit zwei Kindern „dazu“ geheiratet. Ein Mädchen und einen Jungen. Zu deren Kommunion, da waren diese beiden neun und zehn Jahre alt, durfte Rudolf mitgehen in die Katholische Kirche in der Palisadenstraße. Für den siebenjährigen Rudolf war es ein gewaltiges Schauspiel. Nie zuvor war er in einer Kirche gewesen. Im ersten Volksschulhalbjahr gab es bei einem Fräulein Labahn evangelischen Religionsunterricht, der dann ohne Angabe von Gründen schon im zweiten Halbjahr wegfiel (1935). Fräulein Labahn blieb auch weg, Seither wußte Rudolf, er sei protestantisch, doch dieses Wissen blieb folgenlos, bis ihn seine Mutter an einem der üblichen Vorstellungsonntage bat, doch um gotteswillen (!) zum Konfirmandenunterricht zu gehen. Das tat er als gehorsamer Sohn. Der würdige, weißhaarige Pfarrer Meier, der schon seine Mutter eingesegnet hatte, war ein liebenswüdiger Mensch, die reine Güte und Milde. Rudolf bekam von ihm den Konfirmandenspruch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Rudolfs Bücherseele nahm dies als Poesie. Zurückblieb ein Gesangbuch, ein Sparbuch mit gesammelten und gespendeten 650 Mark, aber keine Bibel und nichts alltäglich Praktizierbares. Auch die beiden Kommunionskinder der Tante Anna zogen das weiße Kleid und den dunkelblauen Anzug wieder aus, stellten ihre großen, dicken myrthenumschlungenen Kommunionskerzen zu Hause auf die Kommode neben den Spiegel, ohne daß irgendwelche weiteren Folgen auszumachen gewesen wären. Und nun saß man hier zu Gast bei lebendigen, natürlichen Menschen, die Gott ihren Herrn nannten und ihm für das Essen dankten. Es überraschte ihn, wie einfach es war, AMEN zu sagen. Er wußte nicht einmal, welche wörtliche Bedeutung dieses Wort hatte. Er sprach es nach und hatte ein gutes Gefühl dabei, genau von der Art des „So-sei-es“. Über diese Dinge mit Rudi zu reden hatte er eine unreflektierte Scheu, obgleich er bei ihrer gemeinsamen Wanderung gen Norden hunderterlei Sachen über die Welt fragte, nur eben nichts über Gott. Auch den geschenkten Schopenhauer hatte er bis zu diesem Tage hierzu noch nicht zu Rate gezogen.

Der liebe Gott, der auch das Wetter macht oder von seinem Knecht, den Petrus, nach dessen Gutdünken machen läßt, war an diesem Pfingstfest unübertrefflich generös. Das schöne weiße Bauernhaus mit den dicken Steinen auf seinem Schindeldach lag wie ein herrschaftliches Schiff im Lichtermeer. Der Bauer saß am Nachmittag mit Rudi auf der Bank neben der Haustür, beide rauchten, der Bauer eine großväterliche Porzellanpfeife und Rudi seine geliebten Zigaretten, von denen der Bauer – Rudi hatte sie ihm angeboten – nichts wissen wollte. Die beiden sprachen über Politik. Rudolf sprach auch gern mit Rudi über Politik, das heißt, er hörte meistens zu, doch zu Pfingsten wollte er hiervon nichts hören. Er ging lieber mit der jüngeren Tochter über die Almwiesen, beobachtete die Kühe, die Geisen und den wie narrisch umherspringenden Hund, der deutlich zeigte, wie eifersüchtig er auf Rudolf war. Am Abend schaute er den beiden Mädchen, die ja aus seiner Sicht schon junge Frauen waren, beim Klöppeln zu. So etwas hatte er ebenfalls noch nie gesehen. Das Klappern der gedrechselten Klöppelhölzchen, die ja als Spulkörper die Fäden tragen, ist seitdem für ihn untrennbar mit Pfingsten verbunden.

Diese natürliche Heiligkeit und Heiterkeit der Pfingsttage hatte tagsüber wie von selbst die Zeit stille gestellt. Gewiß, es ging die Sonne auf und wieder unter und zog ihren stolzen Bogen von Osten nach Westen, doch drängende Zeit gab es nicht. Herzschlagsekunden sind seelenmilde Zeitweiser. Es gab kein Morgen und damit kein Sorgen. Man lebte wirklich hier und jetzt. Alles war neu, alles war anders und doch einfach und vertraut, richtig und gut und schön. Kurz: Es war wie im Paradies

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