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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 56

15. Mai 2015

– LVI –

Rudi stand immer noch unschlüssig. Er grübelt und rauchte. Da fing es an zu regnen. Eile war also geboten, wenn man nicht durchweichen wollte. Rudi sagte impulsiv: „Hier bleibe ich nicht, wer kommt mit?“ Alle schauten einander an. Die Vier schauten auf ihr fertiges Zelt. Alle zögerten. Rudi nahm seinen Rucksack und ging zielstrebig auf den gerade zurückkommenden Posten zu, sagte zu ihm etwas, wovon nur „during the rain“ zu verstehen war und zeigte dabei auf die nächste Baumgruppe. Zur Verblüffung aller nickte der Posten nur, drehte sich um und ging seinen üblichen Weg nach oben. Rudi schaute sich noch einmal um und rief: „Los, komm!“ und stapfte ungerührt weiter Richtung Wald. Rudolf zögerte immer noch. Die andern vier der vertrauten Gruppe sagten kein Wort. Rudolf schnallte seine Zeltbahnen wieder an den Tornister, schulterte das gute Stück, in dem sich alles befand, was er auf dieser schnöden Welt noch besaß, und ging dem Rudi hinterher; der war längst verschwunden. Inzwischen regnete es kräftiger. Jeder verkroch sich, so gut er konnte, nur der Posten kam mürrisch seinen Weg zurück. Rudolf ging an ihm vorbei, zeigte mit Kopfschütteln wie ein naßgewordener Hund nach oben und dann nach vorn, Richtung verschwundener Rudi. Der Posten nickte wieder und mochte sich sein Teil gedacht haben.

Rudolf folgte einem schütteren Trampelpfad, aus dem ein schmaler Waldweg wurde. Vom Rudi keine Spur. Im Wald war der Regen erträglich. Der Weg wurde steiler, machte Kurven und Zickzackwendungen, das „Lager“ lag schon ein beträchtliches Stück Weges hinter ihm, und dem Rudolf wurde es langsam mulmig in der Brust. Der Rudi war schon immer vorneweg gelaufen, ihm konnte es nie schnell genug gehen. Aber daß er sich gleich in Luft auflöste? So lange hatte Rudolf doch mit dem Hinterherlaufen gar nicht gezögert. Half alles nichts, man mußte weitergehen, aufwärts, Schritt um Schritt. Der Regen hörte auf. Es tropfte nur noch von den Zweigen. Sogar die Sonne kam heraus. Nach einer scharfen Linkskurve hörte Rudolf Stimmen. Er blieb stehen und lauschte? Hörte sich alles normal an, folglich ging er weiter. Vor ihm öffnete sich eine Lichtung. Eine große Holzhütte, Steinsockel, fast schon ein Haus: Ein Gasthaus, ein Ausflugslokal. Vor dem Haus ein Fahnenmast, man glaubt es nicht, mit einer österreichischen Fahne, dieses wendehälsische, abtrünnige Rot-weiß-rot. Neben dem Gasthof ein Holzschuppen und ein Ziegenstall. Alle Fenster offen. Stimmengewirr, Lachen. Ein paar Stufen zu einer Tür. Rudolf trat ein.

In der Gaststube vielleicht fünfzehn Personen, alles in Wehrmachtsgrau oder Luftwaffenblau. Hinter der kleinen Theke eine Frauensperson, etwa Mitte dreißig. In einem Nebenraum ebenfalls Stimmen. Im ersten Raum stand Rudi neben einem langen Holztisch, seinen Rucksack neben sich, und sprach mit den Landsern, die um den Tisch saßen. Als Rudolf eintrat, drehte er sich um und lachte: „Na, da bist du ja.“ Sie gingen beide in den Nebenraum, weil dort noch Stühle frei waren.

Nach langem Palavern, jeder wollte jedem seine Geschichte erzählen, bei dem Rudi und Rudolf sich überwiegend aufs Zuhören beschränkten, ergab sich zwingend die Schlußfolgerung: hier konnten und wollten sie nicht bleiben. Zu essen gab es auch nichts, es gab nur Bier in Flaschen, und davon hatten die meisten Landser schon zu viel getrunken. Es lag Streit in der Luft, also machten sich die beiden Rudolfe schnellstens wieder davon.

Rudi hatte die Maid hinter der Theke nach dem sichersten Weg zum nächsten Ort oder Gehöft befragt, somit ging es zielstrebig weiter. Nach einer Weile ging es endlich wieder langsam hügelabwärts und sie erreichten tatsächlich einen kleinen langgesteckten Weiler. Leute waren nicht zu sehen, die langsam müden Wanderer mußten mehrmals an Türen klopfen, bis ihnen endlich jemand öffnete und ihnen nach kurzem Hin und Her auch erlaubte, auf dem Heuboden über einem Holzschuppen zu übernachten. Die ältere Frau, die sie hereingelassen hatte, war mißtrauisch, aber freundlich. Ihre Aussprache war nicht leicht zu verstehen, man mußte ihr auf den Mund schauen und genau hinhören. Sie sollten im Schuppen auf keinen Fall rauchen – hätten sie ohnehin nicht getan – und „a Brotzeit kennens scho hoa, wanns täten a Göld han“ Also gab es sogar etwas zu essen, und sie konnten ihren kleinen Proviantvorrat schonen, (Bezahlung war keine Frage und kein Problem). Es gab ein deftiges Stück Brot, ein sehr trockenes, gut schmeckendes Rauchfleisch und einen Krug Most. Der Krug und die Butter standen auf dem Tisch zu jedermanns Verfügung: „Langens nur zu!“

Die Frau erzählte das gleiche, was sie in groben Zügen und aus eigener Erfahrung schon wußten, nämlich daß man hier irgendwie im Niemandsland sei, das seinen wahren Herrn offenbar noch nicht gefunden habe. Unten im Ort, (der war leider nicht mehr auf ihrer Wanderkarte enthalten), an der Kreisstraße habe man die verschiedensten Uniformen gesehen: Engländer und Australier, und auch ein paar Russen sollen „einig’schaut“ haben. Es war somit noch immer Vorsicht geboten, denn auf den letzten Drücker noch in russische Gefangenschaft zu geraten, schien den beiden nach der Heimat strebenden Wanderern der Weltübel schlimmstes.

Sie waren noch beim essen, als ein Mann in die kleine Küche trat, der hatte eine Joppe an und am linken Arm eine rot-weiß-rote Binde. (Wo diese Burschen diese Zeichen bloß so schnell her hatten?). Er sagte: „Grüaß Gott, z’samm“ und stellte einen geflochtenen Buckelkorb in eine Zimmerecke, setzte sich zu ihnen an den Tisch und die Frau sagte: „Dös is mei Bruada.“

Der Häusler – ein Bauer war er wohl nicht – erklärte ihnen ebenfalls die Lage aus seiner Sicht. Klar wurden zwei Dinge: Straßen waren zu meiden, und bis zur Bayerischen Grenze, etwa in Höhe Salzburg, waren es Luftlinie mindestens noch hundert bis hundertzwanzig Kilometer. Es würde schwer halten, nicht noch einmal von den Siegern aufgegriffen zu werden.

Am nächsten Morgen bekamen sie noch ein Frühstück. Der Bruder ließ sich zunächst nicht blicken. Sie einigten sich mit der Frau über die Bezahlung und versuchten, sie zu überreden, ihnen zur Proviantaufstockung noch Brot und/oder Speck zu verkaufen. Als die Frau zögerte, kam der Bruder hinzu und lehnte deutsches Geld ab, weil man doch nicht wisse, was aus allem werde. Schließlich erhielten die beiden unfreiwilligen Wanderer, die nun wirklich heim ins Reich wollten, jeder so viel Schmalz, wie in ihre Verpflegungsdose mit Gewalt hineinging, dazu ein Stück von dem guten Brot. Dafür mußte sich jeder von einer Reserveunterhose trennen. Es war nicht gerade ein gutes Geschäft, doch sie hatten keine Wahl.

Mit der Armbanduhr bestimmten sie die Himmelsrichtung: Süden ist immer zwischen dem kleinen Zeiger und der Zwölf. Sie hielten sich grob in die entgegengesetzte Richtung, halblinks abweichend: Nord-Nordwest. Die Geographie war gegen sie. Die Straßen lagen im Tal, und die Täler waren meist zu queren. Immer wieder ging es abwärts, aufwärts, abwärts. Dafür war die Landschaft tröstend durch ihre Schönheit. Man hätte hier einfach bleiben mögen, doch die Verhältnisse waren einmal nicht danach. Die rot-weiß-rote Armbinde machte es doch deutlich: Die Österreicher hatten innerlich die Kurve genommen, und alle Leute in Feldgrau waren ungern gesehene Fremde geworden. Also weiter Richtung vermutete Heimat.

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