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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 55

13. Mai 2015

– LV –

Rudolf wacht auf, sieht hinauf in schattengrüne Wipfel, durch die goldene Strahlenarme hinunter auf den Waldboden greifen. Wo sind die andern? „Beeil Dich“, sagt Rudis vertraute Stimme ungewohnt milde hinter ihm, „die andern sind schon drüben am Bach beim Waschen.“ Rudolf schaut sich erinnernd um: Rudi mit freiem Oberkörper, er wühlt in seinem Rucksack, die Kameraden bücken sich dort unten auf der anderen Straßenseite über die schmale Wasserrinne, die Rudi euphemistisch einen „Bach“ genannt hat. Rudolf ist tatsächlich der Letzte, also auf, auf.

Das Wasser in der grünen Rinne seitlich der Straße floß ziemlich schnell und war schön klar und eisekalt. Die schmale Wiese dahinter war sumpfig, die Schuhe sackten ein, man mußte dicht am Bachbett bleiben. Rudolf haßte wenig so arg als kaltes Waschwasser. Aber schlimmer als seinerzeit beim Reichsarbeitsdienst konnte es schließlich nicht sein, als die Obertruppführer angesichts der Eiszapfen an den Wasserhähnen höhnisch ihre Meute antrieben mit ordinären Sprüchen, die sich auf steif und hart reimen sollten. Das hatten wir überlebt, also hinein mit dem Kopf in die bewegliche Pfütze. Rudi drängte zum Aufbruch. Das Frühstück war äußerst karg und kurz. Der kleine Vorrat erlaubte nur minimale Rationen.

Nach der ersten Straßenkurve vor ihnen links ein stattliches Haus, fast eine Villa. Alle Fenster mit Laden verrammelt. Niemand zu sehen. Das seltsame war das verblüffende Gefühl beim Anblick des Hauses mit seinem Garten drumherum: Das kenn‘ ich, hier war ich schon mal, aber das war doch Unsinn. Rudolf sprach mit keinem darüber. Die andern hätten ihn ausgelacht. Rudi vielleicht nicht. Nachdem man eine Stunde etwa gelaufen war, senkten sich die Hänge beiderseits, das Tal wurde breiter, man konnte mehr vorausschauen und sah – noch ziemlich entfernt – auf der sich hinbreitenden grünen Fläche stehende Fahrzeugreihen, einige Zelte und Menschen. Aus einer Buschgruppe traten zwei Posten in Khaki mit flachen Helmen. War dies das concentration camp? Die Posten zeigten in Richtung der Menschenansammlung, die sich beim Näherkommen als umfangreich zeigte, mindestens einige hundert, dazu Fahrzeuge verschiedenster Art in Zwei, weiter hinten in drei Reihen, alles feldgrau oder Tarnanstrich. Einer der Posten sagte: „Allways go ahaed!“ Neben den Fahrzeugreihen standen und hockten Landser in kleinen Grüppchen. Einige Viererzelte aus den üblichen dreieckigen Zeltbahnen waren unregelmäßig verteilt aufgebaut. Rudis kleine Gruppe sickerte hier langsam ein. Wo sollten sie sich niederlassen? Die Neuankommenden wurden von den Anwesenden scheel angesehen. Die meisten schauten gelangweilt oder rauchten. Einer sagte: „Noch ein paar Fresser mehr.“

Angesichts einer halbwegs ausreichend freien Fläche meinte Rudi: „Hier bleiben wir.“ Also hauten sie ihre Rucksäcke und Tornister ins zertrampelte Gras und zählten ihre Zeltbahnen. Sie waren sechs Mann und hatten acht Dreiecksbahnen, das reichte für zwei Zelte. Rudi schlug vor: „Wartet noch mit dem Aufbauen, ich will mich erst mal umhören.“

Die Landser um sie herum hatten alle noch ihre unveränderten Uniformen an. In den Fahrzeugreihen schien noch gemilderter Kommißton zu herrschen. Offensichtlich handelte es sich um eine annähernd einheitliche Einheit. Die Jungs schauten sich um und kamen sich fremd und „ungeliebt“ vor. Was sollten sie hier? An der rechten Seite, zehn Meter entfernt, ging ein Khakiposten hin und her, Knarre auf dem Rücken. Er rauchte auch.

Nach endlos langen fünfzehn Minuten kam Rudi mit Informationen zurück. Achtzig Prozent der Leute hier gehörten tatsächlich zu einer Einheit, die – aus Norditalien kommend – in Richtung „Alpenfestung“ unterwegs gewesen war. Die ließen keinen an sich heran. Die Engländer hatten sie am achten Mai zum Stoppen gebracht, als es generell hieß: Keine Truppenbewegungen mehr. Die Wiese hier war ein Notlager. Auf dem nächsten Bauernhof war eine kleine englische Einheit untergebracht, die den Straßenfeger spielte: Jedes Fahrzeug, jeder Landser wurde angehalten, entwaffnet und hierher auf diese Lagerfläche eingewiesen. Wie es in den nächsten Tagen weitergehen würde, wußte niemand. Die Kolonne hatte den Auftrag, Latrinen auszuheben, Verpflegung war zugesagt, bisher aber nicht eingetroffen. Die Engländer taten, was sie konnten. Eine verbindliche deutsche Lagerleitung gab es noch nicht. „Das wäre die Lage, Leute, mehr war in der kurzen Zeit nicht zu erfahren.“

Der Eschweiler und seine drei Kumpel waren schon dabei, ein fachgerechtes Viererzelt zusammenzuknöpfen und aufzustellen. Gelernt ist gelernt. Rudi schaute Rudolf an, er zögerte. Rudolf fragte leise: „Müssen wir hier bleiben?“ Rudi zeigte stumm auf den englischen Posten, der am Rande der Wiese seine Bahn abschritt, hundert Meter hin, hundert Meter wieder zurück. Er sah nicht sehr aufmerksam aus. Rudolf kniete sich hin und begann ebenfalls, seine beiden Zeltbahnen abzuschnallen, die sorgfältig flach um drei Seiten seines Tornisters gewickelt waren. Beim Empfang der Marschausrüstung in Döllersheim hatten sie seltsamenweise wählen dürfen, Rucksack oder Tornister. Tornister war Tradition, war erster Weltkrieg, war preußisch, der Rucksack war das moderne Ding, war der zweite Weltkrieg (war billiger als ein mit braunem Kuhfell bespannter Tornister aus Leder und dickem Leinen). Rudolf hatte bei seiner Entscheidung nur gedacht, im Tornister (der ist „eckig“) ist leichter Ordnung zu halten.

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