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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 54

10. Mai 2015

– LIV –

Man erzählt eine Geschichte. Hier zum Beispiel die vom kleinen Rudolf, die Kindheits- und Jugendgeschichte des Rudolf Anders. Warum, könnte gefragt werden, warum eine Geschichte, vom Literaturgott – so es ihn gibt – eingestuft unter dem vernichtenden Label „Fallhöhe Null“, Gegenstand unbedeutend. Auch das größte Wohlwollen dürfte nicht darauf pochen, Rudolf Anders könnte typisch sein für den Jahrgang achtundzwanzig in Bezug auf diesen verdammten zweiten Weltkrieg: denkend dabeigewesen, doch ohne jegliche relevante Erfahrung als Basis für eine kritische Beurteilung dessen, was ihm widerfährt, und andererseits zu jung, um auch in der allerkleinsten denkbaren Situation mit Außenwirkung für das Ganze eine wie auch immer bedeutsame, also deutbare Rolle gespielt zu haben. Hätte Rudolf zu seiner Zeit Tagebuch geführt, und wäre es erhalten, man wüßte dennoch nicht, was die Menschen in diesen Jahren erlebt und gefühlt haben mögen. Ein, zwei Jahre in der Zeit und – bei wenig veränderten äußeren Verhältnissen – das dunkle Wort „aussichtslos“ als Untergrund des Bildes, das man sich täglich vom Leben macht, weicht dem freundlich-hellen „zukunftsfroh“. Aus dem „unconditional surrender“ und dem „Deutschland ein Kartoffelacker“, mit Bitternis bedacht im Zusammenleben mit vier Menschen in einem kleinen Zimmer, wird quasi im Handumdrehen und wortwörtlich über Nacht ein eigenes Zimmer im wohlerhaltenen Einfamilienhaus der eigenen Großmutter, mit einer schönen Liege, einem eigenen Schreibtisch, daneben ein reichgefülltes Bücherregal und dazu schöne Gardinen und Vorhänge am breiten, lichten Fenster.

Dennoch: Alle Rahmenbedingungen bleiben unverändert, für das Erzählte wie für den Erzähler. Die Zukunft ist und bleibt undurchschaubar, undurchsichtig und kontingent, nicht vorhersehbar. Alle Entscheidungen tasten hinein in den (unendlichen?) Raum der Möglichkeiten, für den Entscheider immer verbunden mit Risiken, mindestens mit dem Risiko der Überraschung, sei es als freudige oder enttäuschende, und für die von jeder Entscheidung Betroffenen immer gefahrenträchtig, sei es minimal oder absolut. Kästner ist nicht zu widerlegen: Leben ist immer lebensgefährlich, aber: es bleibt auch immer spannend, auch bei Fallhöhe Null, weil es eben auch für das schlitzohrigste Denken doch stets noch anders kommt und anders gekommen ist.

Der Erzähler konzentriert sich auf Rudolf Anders, möchte dessen Lebensumstände andeuten, das Beziehungsnetz sichtbar machen, worin er zappelt, möchte vielleicht der Großmutter ein kleines Denkmal setzen, gar beiden Großmüttern, angelt nach den Motiven der ach so weit zurückliegenden Handlungen, doch diese Angel kann keiner stundenlang halten. Vor der Schreibmaschine sitzen (und beim Abschreiben des ersten, ursprünglichen Typoskriptes jetzt am Computer) macht Rückenschmerzen, die tastenden Finger greifen daneben, die Konzentration schwindet. Mach mal Pause wird zum kategorischen Imperativ. Man geht eine Stunde spazieren durchs schöne Wiedbachtal, mit einem geringen Umweg lassen sich frische Brötchen mit nach Hause bringen in die vertraute Anglerklause, Wasser in die Kaffeemaschine, Filtertüte und Kaffeepulver, (zwei oder sechs Löffel? Trinken als selbsgeschuldete physiologisch determinierte Pflicht – alte Leute brauchen viel Flüssigkeit – oder Trinken als Genuß?). Entscheidungen, die man routiniert trifft, ohne Folgen zu bedenken. So drückt man den einen Knopf in der Küche und den anderen im Wohnzimmer: Was ist denn das für ein Lärm? Ach so, Fußballweltmeisterschaft, Achtelfinale, England gegen (oder mit?) Argentinien, Elfmeterschießen nach Verlängerung beim normalen Spielstand von zwo zu zwo. Das muß ich sehen, auch wenn’s ARD ist und nicht RTL. Man lebt schließlich nicht auf einer Insel. Falls man am Freitagabend bei der Chorprobe zum Sommerfest in der Stadthalle den Sangesbrüdern (heutzutage sogar den in der Überzahl anwesenden Sangesschwestern) nicht sagen kann, wer ins Viertelfinale kommt, liefe man das mit zwischenmenschlichen Gefahren verbundene Risiko, als Außenseiter behandelt zu werden, und das kann tatsächlich gefährlich werden, zumindest für das eigene seelische Wohlbefinden. Also schaun mer mal. Das gibt’s doch nicht: Zweimal drin, zweimal gehalten; Jetzt wird’s spannend: Elfmeter sind unberechenbar wie das Leben; es kommt immer anders, als man denkt, sei es als Fußball-Laie (nach der neuen Rechtschreibung dürfte man dies hier jetzt ohne zu zucken mit drei „L“ hintereinanderschreiben; denn der verehrte Leser muß wissen: Jetzt, beim Abschreiben am Computer, laufen schon wieder Fußballweltmeisterschaften, und soeben haben die Koreaner die glücklosen Italiener mit einem bravourösen golden goal in der Verlängerung mit zwo zu eins nach Hause geschickt; das Leben wiederholt sich), sei es also als Fußballlaie (welch Wahnsinn!) oder als Experte: wieder drin, viermal hintereinander, so soll es sein; jetzt hat jede Mannschaft noch einen Schuß, (Fußball ist ein Kampfspiel und ein preiswerter Ersatz für die sonst fälligen Kriege); die Torwarte können einem leidtun; die armen Jungs, die nicht verwandeln aber auch, („verwandeln!“, Fußball ist auch ein Religionsersatz, durchsetzt mit viel Glaubenselementen und ebenso mythenstark); Anlauf Argentinien: Drin! O Gott, grausamer geht’s wirklich nicht mehr; armes England, jetzt kommt – hat der wahnwitzige Sprecher gesagt – Argentiniens Rache für den Falklandkrieg; verehrte Lady Thatcher, eine Frage auf Ehre und Gewissen: hätten Sie seinerzeit bei ihrer weitreichenden und risikoreichen Entscheidung diese Gefahr bedacht, die dort auf dem Spielfeld auf dem Bildschirm nun für Millionen Zuschauer weltweit sich anbahnend sichtbar wird: England, die Fußballnation par excellence, die Erfinder dieser unüberbietbaren Fesselmethode für die Aufmerksamkeit des Volkes, (nur die Römer waren konsequenter im circus maximus); England steht am Abgrund des Zufalls; Viertelfinale oder Fahrkarte nach Hause auf die Insel; der Ärmste der Armen läuft an, schießt – gehalten! Es kommt eben wirklich (fast) immer anders, als gedacht wird, sei es nun von Profidenkern oder Laien, denn Denken ist nur selektives Tasten im Verweisungsüberschuß der Vielzahl von Worten im vorgegebenen Raum der Sprache, in dem sie regieren, die übermächtigen Mächte der Plausibilität und der Anschlußfähigkeit. Solcherart wird jede Aussage, die auf Wahrheit setzt, ein sicherer Kandidat für die möglichen Widerlegungen von morgen.

Da klingelt es. So spät noch? Es ist der Hauswirt, der über dem Erzähler wohnt, ein Bayernfan (mit seinen zweiundachtzig Jahren) und einer der Sangesbrüder. Hat ihn die unüberbiertbare Spannung, der Adrenalinkick der WM, derart mitgerissen, daß er sogleich und ohne Aufschub jemanden braucht, sein Herz zu erleichtern, (für wen mochte es heute abend geschlagen haben in ihm, dem Überlebenden von Stalingrad?), und warum bringt er Blumen mit? Er überreicht einen folieumhüllten und schleifenverzierten Topf mit wunderschönen, geradezu überquellenden Zwergmargeriten, dem wieder einmal modisch im Trend liegenden „Acker- und Wiesenkraut“, (der große Duden hat keine Ahnung vom Zusammenhang zwischen Biologie und Marketing). Die Erklärung: „Diesen schönen Blumentopf hat heute nachmittag, als sie in Wiesbaden waren, eine Fleuropbotin abgegeben. Ein Brief liegt bei.“ Man bedankt sich, wechselt ein paar Worte, die selbstverständlich auf das soeben gesehene, unerhörte Unerwartete beziehen, („hätten sie gedacht, daß England ausscheidet?“, nun ja), und geht sich wundernd und ein bißchen kopfschüttelnd in die Küche. Wer schickt denn mitten im Jahr Blumen? Kein Geburtstag weit und breit. Die Klarsichtfolie läßt nicht nur die Fülle der schlichten und doch so großartigen Blüten erkennen, zwischen dem dichten grünen Gezweige steckt ein länglicher, neutraler weißer Umschlag, verkehrt herum, man kann gerade noch lesen: …bachstraße, 65307 Bad Schwalbach. Wessen Schrift aber ist das? O selige Spannung, bezähmbares Laster verzeihlicher Neugierde, („Zwar weiß ich viel,…). Sind es denn nur die kleinen Geister, die über alle Maßen hoffen? Sollte diese Schrift tatsächlich einer gewissen Dame in Köln eigen sein? Ihre Dankpostkarte liegt am bevorzugten Ort im Wohnzimmer. Wenige Schritte mit Herzklopfen. Solche Ungewißheit ist spannender als jedes Elfmeterschießen. Hm, vergleicht man die großen „S“, die kleinen „b’s“ und „e’s“, auch ohne Graphologe zusein, möchte man sagen: Es könnte von Ihr sein, könnte, muß aber nicht. Die Hoffnung macht kleinste Möglichkeiten zur angenehmen Gewißheit. Doch der weise Lichtenberg mahnt: Zweifle an allem mindestens einmal. Entscheidung: Die Folie bleibt bis morgen zu! Vorfreude ist die schönste. Die Margeriten werden es überleben. Blumenhändler knausern nicht mit Wasser. Morgen früh seh’n wir weiter. Fide hat einmal gesagt: „Die Hoffnung ist des Menschen größtes Laster.“ Warum dann tugendhaft sein? Gute Nacht, und laßt ihn nicht im Stich, den kleinen Rudolf, ihr lieben Träume. Erzähler sind auch nur Menschen.

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