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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 53

6. Mai 2015

– LIII –

Der nächste Morgen begann sehr menschlich und überaus lehrreich: Rudi hatte seine Pistolentasche mit der Walther PPK an den Bettpfosten gehängt. Die Tasche hing noch, die Pistole war weg. Rudi sagte in kurzen Abständen Verschiedenes, zuerst, ziemlich laut, dann leiser werdend, das Letzte eigentlich nur noch für Rudolfs Ohren: „Diese Schweine“, dann: „Kameradendiebstahl, hätt’s doch früher nicht gegeben“, und am Ende sagte er: „Wer weiß, wozu das gut ist“ und „Was man nicht ändern kann, muß man hinnehmen.“ Schopenhauer hatte in ihm gesiegt: quietas laudatura est.

Der andere ehemalige Unteroffizier X, Rudis Pokergenosse, und die „Alten“ aus der Funkertruppe hatten es sich über Nacht anders überlegt. Sie wollten oben bleiben und abwarten. Rudi blieb dabei, (trotz Schopenhauer), Handeln sei besser als Stillhalten. So machte sich Rudis junge Truppe, mit ihm sechs Mann, allein auf den Weg. Die Richtung war wiederum klar: höher ging’s nicht, also auf der anderen Seite des Passes abwärts. Der Abstieg dauerte einige Stunden. Der Maßstab der Wanderkarte gab nicht allzu viel her, keiner wußte exakt, wo wir waren, und die Erinnerung hat die Dorfnamen ohnehin versinken lassen. Kurz: der Weg erreichte zuerst einen einsamen Hof, nur verschreckte Frauen und Kinder. Das Gerücht: Im Dorf unten waren gestern kurze Zeit die Russen. Geschossen hatten sie nicht. Sie haben geplündert und sich dann wieder zurückgezogen. Man hofft immer noch auf die Amerikaner.

Schöne Scheiße. Vielleicht wäre Abwarten doch die höher stechende Karte gewesen. Rudi: „Wir gehen weiter!“ Als sie die ersten Häuser erreichten, lag das Dorf wie ausgestorben vor ihnen in der schönen Maisonne. Kein Hahn krähte, kein Hund bellte. Nur die Vögel sangen „in den Zweigen“ /Eichendorff). Sie teilten sich auf, beiderseits der Straße, drei Mann rechts, drei Mann links. Kein Schwanz zu sehn. Der Kopf sagte: Es ist doch Frieden!, (und ergänzte schnell: Waffenstillstand!). Der Magen sagte: Mir ist es mulmig zumute. Da, ein Geräusch, schnell näherkommend, Fahrzeuge! Ein Sprung in die nächstbeste Toreinfahrt, schneller Blick durch die Torritzen: Was war das denn? Panzerspähwagen unbekannter Form, hellgrün gespritzt mit einem weißen Stern! Auf den Fahrzeugen sitzend und aus den Luken schauend Männer in Khaki mit kessen großen Hüten. Amerikaner waren das nicht. Rudi: „Ich wette, das sind Kanadier.“ In Gottes Namen, Kanadier sind wenigstens keine Russen.

Sie warteten noch einen Augenblick, es kam nichts mehr. Also weiter. Beurteilung nach kurzen Palaver: Sie waren mitten hineingeraten in das Gebiet, wo die Alliierten mit einigem Hin und Her die Demarkationslinie absteckten. Vielleicht waren ihre Karten nicht besser als unsere.

Als links von der Hauptstraße, die Häuser des Dorfes lagen hinter ihnen, eine normale baumbestandene Allee abzweigte, herrlich anzuschauen, fast wie ein dunkelgrüner Tunnel, da schwenkten sie auch ab. Diese Entscheidung war nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Sie waren in diesem Laubtunnel noch kaum zehn Minuten gegangen, ein kurzer und unübersichtlicher Knick: „Stehen bleiben, pleas, hands up!“ Ein kurzer Schreck, freundliche Gesichter, vor Aufregeung nahm keiner die Hände hoch. Vier Mann, flache Helme, MP im Anschlag, Mündung nach unten, kamen schwach lächelnd näher. Rudi sagte: „There are no arms.“ Drei Mann blieben stehen, wo sie waren, einer kam näher, deutete an, das Gepäck abzulegen, untersuchte jeden Einzelnen des kleinen Trupps durch kurzes Betasten, nahm allen die Feldmesser ab, die statt eines Seitengewehrs am Koppel hingen, (schade, niemand hielt das Ding für eine Waffe; die Seitengewehre hatten sie ja alle bei der großen Vernichtungsaktion zerbrochen; das praktische Feldmesser hätte jeder als Allzweckwerkzeug gerne behalten). Die Engländer nahmen den Leuten sogar Messer und Gabel vom Eßbesteck aus Rucksack und Tornister: Sicher ist sicher, o.k. Sie bekamen bedeutet: in der eingeschlagenen Richtung weitergehen, „please“ und „go ahead to the concentration camp.“

Wir gingen weiter, – erleichtert – bis es dunkel wurde. Es kam kein „concentration camp“, es kam nicht einmal ein Haus. Als man nur noch mühsam sehen konnte und es einem im Dämmern langsam mulmig wurde, kurzer Beschluß: Laßt uns im Freien übernachten. Der grüne Alleetunnel war längst einem normalen asphaltierten Weg gewichen. Wald zu beiden Seiten, leicht ansteigend. Sie gingen rechts eine kleine Böschung hoch, ein flacher Platz, von unten schwer einzusehen: Hier bleiben wir.

Rudolf kannte Nachtübungen vom Wehrertüchtigungslager, (marschieren, orientieren im Gelände nach Karte, anschleichen an zuvor bezeichnete voraussichtliche „Feinde“), aber geschlafen im Freien, noch dazu im finsteren Walde, hatte er im Leben noch nie zuvor. Als Marschbataillon hatten sie Morgen für Morgen einen passenden Bauernhof angesteuert. Rudi empfahl, das Reden einzustellen, die „Klappe zu halten“. Lange schaute Rudolf nach oben durch die Baumwipfel zum schwach durchschimmernden Himmel. Er dachte an Käfer, an Ameisen und Spinnen. Wie steht’s mit Füchsen, Mardern, Eulen… Nur der Wind rauschte lind und leise in den Wipfeln (Eichendoff und/oder Goethe). Damit ließ es sich einschlafen.
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