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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 52

25. April 2015

– LII –

Als in dem seltsamen Hotel das Licht ausging, legte Rudolf seinen neuen Schatz unter das Kopfkissen. Seltsam, die neue Zeit fing mit einem „alten“ Buch eines toten Philosophen an, den er nicht kannte, (er kannte überhaupt keinen Philosophen), doch das Buch machte gerade weil es so benutzt aussah, einen überaus lebendigen Eindruck. Den 23ten Psalm kannte er auch nicht; er konnte ihn jedenfalls nicht erinnern, trotz Konfirmandenunterricht. Er kannte nur noch seinen Einsegnungsspruch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich.“ Die eigentlich nur für Rudi bestimmte Widmung enthielt nun doch einen Hauch von Langemarck. Der Rudi war Jahrgang zwanzig. Er hatte die mittlere Reife, also Kleinbürgermilieu. Seine Mutter wird vor neunzehnhundert geboren sein, vielleicht achtundneunzig. Wenn sein Vater wenig älter als die Mutter ist, dann war er damals beim ersten Kriegsausbruch „reif“ für Langemarck. Diese Generation, soweit sie überlebte, hat ohne Blick auf Ursache und Wirkung am Versailler Vertrag gelitten. Wenn sie nicht wie der Großvater Anders in einer Zuckerfabrik geschuftet haben, wird ihnen die Vision von der Rehabilitation Deutschlands in Form des Dritten Reiches einleuchtend gewesen sein, auch mit dem Ersatzkaiser aus Braunau, dessen unerbittlicher Geschichtswille sie dann trotz oder wegen der „mittleren Reife“ unwiderstehlich mitgerissen hat. Und jetzt sitzt Deutschland, viergeteilt wie ein mittelalterlicher Verbrecher, tiefer in der Scheiße als jemals in der Geschichte zuvor.

Was wußte er selber von der deutschen Geschichte, oder besser: von der Geschichte der Deutschen, der deutsch sprechenden Menschen? Nicht unbedingt wenig, doch mit Sicherheit nicht genug. Ein guter Grund zum lernen, also zum lesen. Zu beidem hatte man ihn noch nie überreden müssen. Lesend gelernt und lernend gelesen hatte er stets vollkommen freiwillig. Die Deutsche Geschichte war für ihn in erster Linie eine Reihe von zusammenhängenden Geshichtszahlen, die er sich mnemotechnisch immer als eine ziemlich lange lückenlose Perlenkette, eine einander bedingende Reihe von Geschichtsereignissen vorstellte. Schuld daran, im besten Sinne, war der Lehrer Schulz aus Friedrichshagen, der in der vorletzten Klasse der Volksschule sein Klassenlehrer gewesen war. Als Rudolf im Herbst einundvierzig wegen der nach Onkel Kurts Tod depressiv gewordenen Großmutter aus dem Kinderlandverschickungslager vom Großvater nach Hause geholt worden war, hatte der Lehrer Schulz gerade die Klasse übernommen. Rudolfs neuer Platz in der Klasse war neben Heinz H., der in der Friedenstraße, gleich neben der 5ten Volksschule des Bezirks Friedrichshain, wohnte. Heinz, dem er sich sofort anschloß, – sein Freund Werner H. war im Lager geblieben, – zeigte ihm ein beeindruckend langes Kästchen mit Merkzetteln. Alles voller Geschichtszahlen. Vorn auf den Zetteln standen die Zahlen, (zum Beispiel 1763), und auf der Rückseite des Zettels stand dann das dazugehörige, zu lernende, zu behaltende und auf nachbohrende Fragen richtig einzuordnende Ereignis aus der unergründlichen Reihe dessen, was die Schulkonvention „Die Deutsche Geschichte“ nannte, also Kaiserkrönungen und Königsdaten und die Schlachten dieser hochmögenden Herren der Verwirrung von Ursachen und Wirkungen. Geschichte für das niedere Volk war zunächst einmal nichts anderes als Kriegsgeschichte. Als Kellerkind durfte man dem durchaus zustimmen, denn was belastet das Volk mehr als die dynastischen Streitereien der Großkopfeten. Als Berliner war man Brandenburger, als Brandenburger war man Preuße. „Preußen hat sich großgehungert“ hatte man verinnerlicht, und als Seelenfarbe bekannte man daher „schwarz-weiß“. Von den Askaniern über den Großen Kurfürsten bis Wilhelm Zwo waren einem alle Erstgeborenen geläufig. Neben den Hohenzollern waren Merowinger, Karolinger, Staufer, Sachsenkaiser und Habsburger dazu als „Hausnummern“ zwischen Hermann dem Cherusker und der von ihm angezettelten Schlacht im Teutoburger Walde bis zu Hitlers Machtergreifung einzuordnen. Dies jedenfalls, so die dringende Empfehlung von Heinz, mußte Rudolf umgehend lernen, besser gestern noch als heute. Na Mahlzeit. Da hatte ihm der Onkel Kurt mit seinem Selbstmord ja was Schönes eingebrockt. Im KLV-Lager hatte der (müde, alte) Lehrer die Deutsche Geschichte eher anekdotisch abgearbeitet, mir anschaulichen Berichten über das Sachsenschlachten an der Aller, Kaiser Heinrich Nummer vier barfuß im Hofe der Papstburg Canossa, Tillys Feuerwerk von Magdeburg, das „Hunde wollt ihr ewig leben“ des ersten Dieners seines Staates in der prekären Situation von Kunersdorf und ähnliche Erbaulichkeiten. Nun gut, Rudolf hat alles schnell und brav gelernt, (dasAbschreiben und Selbstanlegen des Zettelkastens war schon die halbe Miete), und der letzte Zettel in diesem imaginären Zettelkasten – den realen hatten die amerikanischen Freunde leider pulverisiert – war nun diese Englischvokabel „unconditional surrender“, verbunden mit dem unvergeßlichen Datum Achter Mai Neunzehhundertfünfundvierzig, weil: am 9. Mai hatten Onkel Bruno und die Oma Wenzel Geburtstag. Über solchen Gedanken war Rudolf dann schließlich eingeschlafen in dieser ersten Friedensnacht oberhalb der Baumgrenze in der dünnen Luft der Hohen Tauern. (Im Schlafsaal des Hotels, ein ziemlich großer Raum voller doppelstöckiger Betten, war die Luft ziemlich dick).

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