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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 51

18. April 2015

– LI –

Seit dieser ersten Friedensnacht in dem vom Hotelpersonal verlassenen Wintersporthaus auf der Paßhöhe der Hohen Tauern, wo es von feldgrauen Halbzivilisten auf Abruf nur so wimmelte, worüber Rudolf dem Stiefvater schnapsbeschwingt berichtet hatte, waren gerade einmal zwei Jahre vergangen. Damals hatte er doch gewaltig vor der Zukunft gebangt und die Fülle der bevorstehenden Unwägbarkeiten als drohende Wolkenwand vor sich gesehen. Jetzt stand er hier im Garten der Großmutter, im Besuchsgarten seiner Kindheit.

Gut, daß man nie weiß, wie hoch die Hürden wirklich sind, die vor einem liegen und genommen sein wollen. Fürchtet man sich nicht, wird man leichtsinnig und bricht sich den Hals. Fürchtet man sich zu sehr, sitzt man wie gelähmt, wie gebannt und starrt der Schicksalsschlange mit Kaninchenaugen ins undurchschaubare Drohgesicht und stirbt vor Angst. Doch der große Rudolf, den sie jetzt auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin Rudi nannten, ließ solchen Defaitismus gar nicht zu, auch nicht in der mildesten Form des Zögerns oder Zauderns: „Ihr wollt doch nach Hause, oder?“, fragte er rhetorisch streng beim ersten Anzeichen individuellen oder kollektiven Bangemachens, „na also, dann Kopf hoch, vorwärts und geradeaus; hier geht’s lang!“, und er streckte wieder seinen befehlsgewohnten Arm aus mit der nach vorn weisenden Hand und mit ausgestrecktem Zeigefinger, „wie Blücher beim Rheinübergang“ hatte der Eschweiler respektlos anerkennend gesagt, als „ihr“ Rudi sie rettenderweise in die zurückflutende Kolonne hineinbefahl. So hatten sie glücklich wieder ihren Bauernhof erreicht, hatten sich von Kurio, von den beiden Pferden, den Wagen und allem überflüssigen Gepäck getrennt und wohlbehalten hochoben das beschriebene Hotel erreicht. Bei aller unterdrückten Angst vor morgen, zwei Jahre voraus hätte auch der Bedenkenvollste seine Gedanken nicht vorauslaufen lassen. Rudi und Rudolf hatten eine gemeinsame doppelstöckige Bettstatt gewählt, Rudi unten und Rudolf „zwanglos nach dem Dienstgrad“ oben. Das verinnerlichte Vorgesetztengefälle blieb ja doch in den Köpfen bewußt, auch nachdem sie sich alle entsprechend Rudis Empfehlung aller militärischen Kennzeichen und Rangzeichen entledigt hatten. Schließlich war der Mann acht Jahre älter, für jemand, der sechzehneinhalb ist, eine schwer vorstellbare Lebensspanne als Erfahrungsvorsprung.

Beim Kramen in seinem Rucksack, als er sein Nähzeug suchte, wegen der Schere zum Abtrennen der Rangabzeichen, kam dem Rudi ein handliches, in blaues Leinen gebundenes Büchlein in die Hände. Rudolf hatte ihm von oben herab beim Kramen zugeschaut, ein bißchen neugierig, zu wissen, was ein gestandener Unteroffizier außer Wäsche und Fressalien für unverzichtbar hielt. Sofort fiel Rudolf der parteistramme Rektor der Volksschule ein, – im letzten Schuljahr sein Klassenlehrer, – der ihnen am ersten September neununddreißig in der Aula in seiner zackigen Nun-ist-endlich-Krieg-Rede mit ausdrücklichem Hinweis auf Langemarck und dem „Hölderlin-im-Tornister“ nahezubringen versuchte, welchen Schicksalsgang jeder brave Deutsche nun mit heißem Herzen zu gehen bereit sein sollte. Dieser Gang war nun zu Ende, und keiner hätte zu sagen gewagt, Ende gut, alles gut. Auch ein Zyniker nicht. Ein Träumer, eine Leseratte wie Rudolf, schon gar nicht. Also dachte Rudolf keck: Der Rudolf wird doch nicht den Hölderlin seines Vaters dabei haben?, („WO Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, oder so ähnlich). Wie eine Bibel jedenfalls sah das Büchlein nicht aus, da hätte der Einband wohl schwarz sein sollen, mit Goldschnitt. Rudolf brauchte nicht zu fragen. Rudi legte das kleine blaue Gedankenprodukt nicht wieder in seinen Rucksack zurück und richtete sich zu voller Größe auf. Ihrer beider Gesichter waren damit fast auf gleicher Höhe, auf Augenhöhe sozusagen. „Hier“, sagte Rudi zu Rudolf mit bemerkenswertem Ernst, „wenn dich Angst und Zweifel zwacken, hierin findest du immer einen klug-skeptischen Trost. Mir hat dieses kleine Buch vom Kröner Verlag immer geholfen, den ganzen Krieg über. A propos Zukunftsangst, schlag nur dort auf, wo das Lesebändchen ist. Übrigens: Ich schenke dir das Buch. Ich brauche es nicht mehr, ich kenne es praktisch auswendig.“ Und er gab ihm den schmalen blauen Band, dessen Äußeres tatsächlich ziemliche Gebrauchsspuren aufwies. Vor lauter Überraschung vergaß Rudolf beinahe das „Danke“.

Zuerst schlug er aber, nun wirklich ungebremst neugierig geworden, das Titelblatt auf: Arthur Schopenhauer, „Aphorismen zur Lebensweisheit“. Klang einladend, obgleich er zunächst keine Vorstellung vom möglichen Inhalt hatte, doch immerhin den festen Willen, diesem so vertrauensvoll gewährtem Geschenk nicht auszuweichen. Er Schlug die Seite auf, wo das Lesebändchen herausschaute. Der Abschnitt hieß „Gedanken zum Tode“, und unterstrichen war eine Stelle, die etwa lautete: Unsinn ist es und unnötig, sich vor dem Tode zu fürchten, denn so lange er nicht da ist, spüren wir ihn nicht, und wenn er eingetreten, spüren wir nichts mehr. Und auf dem Vorsatzblatt entdeckte Rudolf die in Sütterlin mit leicht zittriger Schrift hingesetzte Ermahnung: „>Tue recht und scheue niemand<, sagt Dir, Lieber Sohn, Deine Dich liebende Mutter.“ Und da stand noch: „P.S. Vaterland, Familie und den Glauben an Gott kann Dir niemand nehmen. Denk an den 23ten Psalm.“

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