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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 50

22. März 2015

– L –

Nach der langen, schnapserfüllten Berichterstattungsnacht mit Vater Bruno hatte Rudolf lange wach gelegen, die gegebenen Möglichkeiten, soweit er sie überschauen konnte, erwogen und schließlich beschlossen, sich bei Klangfilm vorzustellen. Das war nun schon einige Wochen her. An die tägliche Fahrt mit der S-Bahn von Ostkreuz nach Papestraße hatte er sich bereits gewöhnt. Im Krieg, bei der morgendlichen Fahrt zu Telefunken, war sein Anfahrweg noch bedeutend länger gewesen. Der Chef der Schreibmaschinenfirma hatte seinen Weggang mit hochgezogenen Augenbrauen bedauert, war aber voller Verständnis gewesen. Er gab ihm sogar den Rat: „Sehn se zu, daß sie im Westen unterkommen; man weiß ja nie, was alles noch kommt.“

Rudolf war jetzt entschlossen, von zu Hause wegzugehen. Doch wohin war eine völlig offene Frage. In den amerikanischen Sektor, das war theoretisch eine bedenkenswerte Option. Vielleicht ließe sich eine freundliche Witwe mit einem möblierten Zimmer finden, (was immer die Komödienschreiber über derartige Konstellationen mit Witz und Spott zu schreiben für passend gehalten hatten), doch ohne Anmeldung bei den Behörden lief jetzt nichts mehr. Die neue Ordnung regierte in diesem Punkt so streng wie die alte. Beziehungen hatte er vorerst keine. Seine Biedermeierdame nicht mehr so leicht „um die Ecke“ erreichen zu können, war auch kein antreibender Gedanke. Wenn sie eine größere Wohnung gehabt hätte, möchte sie gesagt haben, zieh doch zu mir. Doch „eng auf die Pelle rücken“ wollte er ihr auf keinen Fall. Die Enge zu Hause war Toleranz- und Spannungslehre genug.

Eines schönen Sonntags im Herbst siebenundvierzig sagte eine innere Stimme apodiktisch: Fahr doch nach Mahlsdorf. Die dazugehörige Adresse saß doch wie eingebrannt, wie eine auswendig gelernte Gedichtzeile fest in seinem Gedächtnis: Mahlsdorf Süd, Kohlisstraße. Auch die Hausnummer war Gewißheit. Dort wohnte im abgeteilten linken Drittel eines quasi Reihenhauses die Oma Wenzel. Das war der zweite Ehename der Mutter seines „Erzeugers“, seines wahren Vaters also. Anna Wenzel, geschiedene S., geborene Glow aus Schneidemühl. Das heißt, wenn sie noch dort wohnte, denn seit den letzten dort verbrachten großen Ferien, seit 1938, hatte er nichts mehr von ihr gehört. Seine Besuche bei ihr waren immer von ihr ausgegangen. Meist hatte sie ihn einfach resolut am Obstwagen abgeholt oder hatte unerwartet in der Lichtenberger Straße vor der Haustür gestanden. Niemand hatte ja darüber ein Wort verloren. So war diese Oma eben. Trotz aller „Vornehmheit“, (die sie zu zeigen und zu tragen wußte), war sie doch im Grunde aus dem gleichen unzerbrechlichen Holz geschnitzt wie Oma Anders. Beiden war eine gewisse Härte eigen. Niemand hätte gewagt, den beiden irgend etwas vorzuschreiben. Nach dem „Desaster“ zu Pfingsten vierzig, als Rudolf dem Vater seine neues Fahrrad zeigen wollte und in der Frankfurter Allee zu seiner Enttäuschung erfahren mußte, der Vater sei mit seiner neuen Frau verzogen, in den (damaligen) Westen, in die Winterfeldstraße, da sagte die bockige Enttäuschung: Wenn die sich nicht melden, ich werde mich denen nicht aufdrängen. Das war nun acht beziehungsweise neun Jahre her. Nach welchem Maßstab sollte man entscheiden, wie sich zu verhalten war. Die Biedermeierin hatte auch gemeint: „Höre einfach auf dein Gefühl.“ Die Ansichten dieser Frau taten ihm schon seit Jahren gut. So fuhr er von Ostkreuz nach Mahlsdorf. Vor dem S-Bahnhof Mahlsdorf mußte eine Endhaltestelle der Straßenbahn sein, Richtig, dort stand sogar die wartende Bahn, und auch ihre Nummer war ihm geläufig, als er sie sah. Also einsteigen und ab. Die Bahn fuhr und fuhr, Haltestelle um Haltestelle, doch nichts wollte ihm bekannt vorkommen. Wo lag der Fehler? Kurzentschlossen stieg er aus, wollte sich umschauen. Zögernd lief er weiter. Die Bahn war schon leer gewesen, auf der Straße war gleich niemand zu sehen. Dabei stimmte der Haupteindruck: Breite Straße, rechts und links Bäume, die zweigleisigen Straßenbahnschienen als geschotterte Gleise rechts am Straßenrand. Auf beiden Seiten vereinzelte Einfamilienhäuser mit Garten, immer in großen Abständen. Plötzlich rechts, wie ein Fremdkörper, ein massives dreistöckiges Gebäude, ein Stadthaus. In der Mitte eine Eingangsnische, ein paar Stufen hoch, zu beiden Händen eine Ladentür, die Schaufensterscheiben zweidrittelhoch zugestrichen, also keine Geschäfte mehr. Doch die Erinnerung sagte: Hier rechts war ein Bäcker, und bei dem hast du „früher“ einmal des morgens Brötchen Geholt. War das richtig? Eine Frau kam aus dem Haus. Er lief schnell zu ihr hin und fragte: „Entschuldigen sie bitte, ich suche die Kohlisstraße“, worauf sie lachte, (ihn eigentlich auslachte), und voraus zeigte, etwa fünfzig Meter, zur nächsten Ecke: „Dort ist die Kohlisstraße! Sie stehen ja fast davor.“ Er bedankte sich mit rotem Kopf , ein bißchen ärgerlich (im Innern), denn wie so oft hatte er eine Gedankenlänge zu früh die Geduld verloren. Mühselig harkte er seine gute Stimmung zusammen, er wollte sich die ursprüngliche freudige und erwartungsvolle Zuversicht nicht selber kaputtmachen.

Die Kohlisstraße. Als er sah, daß in der breiten Straße, es war der Hultschiner Damm, die Straßenbahngleise eingleisig zusammenliefen und die Bahn, mit der er gekommen war, an einem Wendeplatz stand und auf den Gegenzug wartete, da fiel ihm der Groschen. Von der anderen Seite hätte er kommen müssen, vom Bahnhof Köpenick her. Nach Mahlsdorf zu fahren, (entsprechend der Postanschrift), war zwar nicht falsch gewesen, aber eben umständlich. Früher waren sie auch immer nach Köpenick gefahren. Das war seiner Erinnerung entfallen.

Jetzt wußte er auch selber den Namen der Station mit der Wendeschleife: Uhlenhorst. Erinnerungen sind komische, eigenwillige Hampelmänner. Sie zappeln an Schnüren, die zu bewegen kaum in unserer Macht steht. Erinnerungen durch spezifische Assoziationen sind noch verblüffender. Wenn er Johannisbeeren sah oder – noch besser – schmeckte, dann „sah“ er bis ins letzte Detail den Garten der Oma Wenzel. Unwillkürlich wurden seine Schritte langsamer. Dieser Garten sollte gleich rechterhand auftauchen. Die Häuser standen hier weit auseinander. Nummer 99, also bei ungrader Zählung noch drei Grundstücke. Die Bäume waren alle so dicht geworden, es wollte noch immer nicht „funken“. Doch jetzt stand er davor. Rechts vom Zaun das Doppelhaus, Eingang in der Mitte, vier Parteien, auf jeder Seite zwei. Die Oma hatte das Haus mit ihrem zweiten Ehemann, dem kriegsblinden Wenzel, gebaut, in den zwanziger Jahren. Der „Opa“ Wenzel, Rudolf konnte sich schwach erinnern, war ein mißtrauischer, aufbrausender Mann, der sein arges Schicksal Fremden gegenüber mit Beherrschung trug, im Innern jedoch anscheinend nie richtig angenommen hatte. Wer wollte hierüber urteilen. Zwei Töchter und einen Sohn hatte er mit in die Ehe gebracht. Er war Geschäftsführer bei der Berliner Schneiderinnung gewesen. Dort hatte ihn die Oma kennengelernt, als selbständige Zwischenmeisterin, (Herstellung von Damenblusen). Sein ältester Sohn verlangte die Auszahlung seines Erbes. Da verkauften sie die beiden rechten Drittel des Hauses, (gedacht als Altersicherung), zahlten den Sohn aus und verbaten sich jeden weiteren Kontakt. Die beiden Mädchen waren früh gestorben.

Nun also die bekannte Hausnummer, der niedere Zaun, die kleine Pforte. Man brauchte nur hinüberzugreifen und die Klinke von innen niederzudrücken, aber das wagte er zunächst nicht. Sogar das Namensschild, graviert, hatte die Jahre überdauert: A. Wenzel. Es war ein gewöhnliches Einfamilienhaus, nur daß es eben mit seiner Brandmauer dem Vierfamilienhaus verbunden war. An der linken Seite ein kleines überdachtes Eingangshäuschen, sechs Stufen hoch, die Haustür geschlossen. Links, zum Nachbargrundstück hin, die vertraute Reihe der Koniferen, die auch viel höher geworden waren. Jedenfalls schien ihm das so. An den Koniferen vorbei führte der Gang nach hinten zum Garten. Hinter dem Haus war der kleine betonierte Hof, eigentlich eine Terrasse, denn von hier ab ging es drei Stufen tiefer in den Garten hinab. Die Hecke am Rande der Terrasse war so dicht, man konnte nicht in den Garten hineinschauen. Doch da waren Stimmen. Den Weg zum Garten entlang, durch den Rosenbogen hindurch, sah man drei Frauenköpfe. Jetzt stockte ihm doch der Atem. Nach neun Jahren erkannte er zwei der Köpfe sicher an ihren Frisuren. Die Oma hatte den Kopf voller kleiner gepflegter Löckchen, grauer jetzt als damals, nein, fast schon ganz weiß, und ihre Schwester – das war nämlich der andere vertraute Kopf – die (Groß)Tante Emma also, die trug ihre Haare hochgekämmt und eingeschlagen und hinten als Knoten zusammengesteckt. Die dritte Frau, den dritten Kopf, kannte er nicht.

Jesses, jetzt stand die Oma auf und kam durch den Garten nach vorn. Sie war es: Die Haltung, der Gang, es würgte schon im Halse und der Blick wurde ihm trübe. Schnell lief er über die Straße und blieb dort, halb hinter einem Baum verdeckt, stehen. Sie sollten nicht glauben, er habe sie beobachtet. Die Oma ging ins Haus. Langsam ging er wieder hinüber, entschlossen, jetzt zu klingeln. Als sie ins Haus ging, gedankenverloren, sicher dem eben geführten Gespräch nachhängend, hatte sie nicht über die Straße geschaut. Bevor er klingeln konnte, ging die Haustür wieder auf. Es waren fünf Meter bis zur Tür. Sie stand in der Tür, Spielkarten in der Hand, (Rommékarten, ihr Lieblingsspiel), schaute ihn neutral und freundlich an und fragte: „Ja bitte?“

Er mußte wieder die Tränen der Rührung wegdrücken und sagte: „Guten Tag, Oma.“

Da fielen ihr in freudigem, unverhofftem Schrecken die Karten aus der Hand, und jetzt erkannte sie ihn sofort – es gab nur einen lange nicht gesehenen Enkel – und rief einladend: „Mein Gott, der Rudolf, komm doch rein.“

Er drückte schnell die Klinke nieder, lief auf die vertraute Frau zu, und sie lagen sich eine ganze Weile in den Armen.

Rudolf sammelte die Spielkarten auf, die Oma lief nach hinten und rief in den Garten hinunter: „Ratet mal, wen ich da mitbringe?“

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