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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 49

17. März 2015

– XLIX –

Bruno, der neue Vater, war Rudolfs Bericht mit liebevollem Interesse gefolgt. Jetzt goß er den letzten Schnaps in die beiden Gläser, sorgfältig die letzten kostbaren Tropfen ins Glas trippeln lassend. Rudolf hatte schon lange die Hand über sein Glas gehalten. Brunos in Werder russengestählte Trinkfestigkeit war verblüffend. Zwar war die Wodkaflasche bei Beginn ihrer vertrauenschaffenden Vater-Sohn-Sitzung angebrochen gewesen, doch der Flüssigkeitsspiegel hatte sich weit über der Hälfte befunden. Trotz aller Zurückhaltung, niemals zuvor hatte Rudolf so viel Alkohol getrunken. Er hatte tellergroße Augen und einen Ballonkopf. Das Sprechen fiel ihm auch langsam schwer. Bruno dagegen artikulierte seine Metallstimme wie gewohnt deutlich, auch beim Flüstern: „Junge, ich bin froh, daß du aus dem Schlamassel gut herausgekommen bist. Wir haben leider nichts mehr zu trinken, also geh’n wir schlafen.“ Vor einer Stunde hatte die Mutter schon drängelnd gemurrt: „Wie lange wollt ihr beiden eigentlich noch quasseln?“ Doch Bruno hatte als Oberhaupt bestimmend beschwichtigt: „Schlaf nur, Muschke, wir brauchen noch ein bißchen“, wobei offen geblieben war, ob er die Erzählung oder die Flasche gemeint hatte.

Bruno schlüpfte zu seiner Frau ins Bett, und Rudolf legte sich auf seine ausgezogene Schlafzziehharmonika. An Einschlafen war überhaupt nicht zu denken. Der Wodka stimulierte die Denkmaschine in Phantasiebereiche. Nach soviel erinnerter Vergangenheit drehte sich sein Grübeln um die Zukunft. Die Gesellenprüfung hatte er mit Anstand hinter sich gebracht. Jetzt meldete sich unabweisbar ein mächtiger Veränderungswille. Auf ewig mit beschädigten Schreibmaschinen zu jonglieren, konnte seinen suchenden Ehrgeiz nicht zufriedenstellen. Was wollte er? Was konnte man heutzutage wollen? Welche Möglichkeiten hatte er? War Feinmechaniker überhaupt die richtige Berufswahl gewesen? Gewiß, er hatte dabei auf eine Weise logisch-funktional denken gelernt, die in einer mechanisch-nützlich orientierten Welt pragmatische Erfolge versprach. Zu essen würde er sich selber verdienen können, vorausgesetzt, es ginge weiterhin irgendwie schrittweise aufwärts. Bruno meinte, die Beseitigung der Trümmer würde fünfzig Jahre in Anspruch nehmen. Seinem ältesten Sohn, der eben aus der Volksschule kommen sollte und einem gegenstandslosen Traum als Flugzeugbauer nachhing, hatte er mit Nachdruck empfohlen, Maurer zu lernen. Maurer, sagte er, Maurer werden in Deutschland ewig Arbeit haben. Rudolfs Halbbruder hatte gemault und sich eine eingefangen. Bruno hatte auf der Schloßbaustelle einen Polier der ehemaligen Weltfirma Philipp Holzmann beim Frühstücksbier kennengelernt, mit dem so manche Molle mit Korn „zur Brust“ genommen und sprach nun wie dieser zuversichtlich von Deutschlands
bevorstehendem hundertjährigen Wiederaufbau. Die Verhandlungen wegen des Lehrvertrages liefen schon. Der Halbbruder würde also Maurer werden. Er konnte schließlich, wie wir alle, nicht wissen, daß ihm die Götter damit den Weg zu einem Studium vorbereitet hatten, denn er landete in einer Musterbaubrigade, die sich in der Frankfurter Alle eine Hennecke-Schlacht mit einer freundschaftlich angereisten polnischen Mauertruppe lieferte. Das gab doppelten Kontakt: einmal zur FDJ, und dann zum FDGB, zum Freien Deutschen Gewerkschaftsbund. Die bemerkten bald sein Organisations- und Durchsetzungstalent und schickten ihn nach Abschluß seiner Lehre nach Halle auf die Arbeiter- und Bauernfakultät. Dort machte er sein Abitur und studierte Politologie und Geschichte.

Rudolf peilte in Gedanken wenigstens die Meisterprüfung an, doch ein solcher Schritt setzte eine mindestens fünfjährige Praxis als Geselle voraus und versprach somit für die Gegenwart nichts verlockend Neues. Die Biedermeierdame lächelte, wenn er ihr vorschwärmte, am liebsten würde er Buchhändler. Buchhändlerin wäre sie selber gerne geworden und lebte nun – zufrieden – mit dieser kleinen aber feinen Leihbücherei. „Germanistik solltest du studieren“, meinte sie, „und Literaturwissenschaft, und dann versuchen, als Lektor in einem Verlag unterzukommen.“ Aber auf welche Weise sollte er denn jetzt das Abitur nachholen, wo er doch entschlossen war, durch seine wenn auch dürftigen HJ-Erfahrungen gewitzt, sich auf gar keinen Fall mit der FDJ einzulassen. Um deren blaues Versammlungslokal, untergebracht in einem ehemaligen Laden in der Sonntagsstraße, machte er stets einen großen Bogen.

Die Weichen waren also zunächst einmal gestellt. Er selber hatte sie gestellt, „damals“, als er das Angebot der grauen Maus vom Jugendamt ablehnte, die ihn auf Kosten des Vaters, „des Erzeugers“, auf die Oberschule schicken wollte. Also nicht jammern. Überdies wäre sein Jahrgang als Oberschüler bei der schweren Flak gelandet und er vielleicht gar nicht mehr am Leben. Alles hat eben mindestens zwei Seiten. In der Zeitung hatte er eine phantastische Stellenanzeige gelesen. Stellenanzeigen waren zur Zeit sein liebstes Samstagsmorgenhobby. Die ehemalige UfA, jetzt wohl provisorisch auf einem Filmgelände in Tempelhof, suchte Kameraassistenten. Explosionsartig war ihm klar: Er wollte zum Film. Sein Wunsch schien ihm überaus schlüssig: Kameras sind feinmechanisch-optische Präzisionsgeräte, Feinmechaniker war da doch direkt einschlägig. Die Biedermeierbücherfee erklärte kategorisch: „Du bist ein liebenswerter Spinner!“, (sie duzten sich seit kurzem), und erläuterte, Kameramann sei vor allem ein künstlerischer Beruf. Für den Kameramann sei die Kamera ein Werkzeug zur Bildgestaltung. Daß sie innen funktioniert, setzt der schlicht voraus. Warum sie das tut, interessiert ihn bedeutend weniger, dafür hat er seine Knechte, eben die Kameramechaniker, verstehste? Die meisten Kameraleute seien gelernte, studierte oder eben geniale Fotographen. Ein überragender Kameramann könne aus einem miesen Drehbuch einen überragenden Film machen, einen optisch-ästhetischen Genuß. Friedel Behn-Grund sei bei der UfA der Größte. Doch das war’s ja, genau dieser Name hatte unter der Anzeige in der Zeitung gestanden. Rudolf hat dann doch auf diese Anzeige hin geschrieben, (hinter „ihrem“ Rücken, und auch ohne den Eltern davon etwas zu sagen). Und gerade heute war die Antwort gekommen, ein zwei Seiten langer maschinengeschriebener Brief, Unterschrift: Friedel Behn-Grund! Dieses Genie war erstens ein liebenswürdiger, geduldiger Mensch, und zweitens hatte er eine bedauernswert schlechte Schreibmaschine; (ein katastrophales Schriftbild; Rudolf würde sie ihm gern kostenfrei reparieren). Behn-Grund riet ihm väterlich-wohlwollend ab. Er schilderte minutiös den langen, entbehrungsreichen Weg vom Kameraassistenten zum selbständigen Kameramann. Begabung dabei immer vorausgesetzt. Er sagte zu Rudolfs Spontantraum keineswegs nein, er gab nur dies und das und jenes zu bedenken… Es war ein schöner Brief. Rudolf behielt ihn für sich und bewahrte ihn als Talismann noch lange Jahre auf. Fünfzehn Jahre später, er war schon Gewerbeaufsichtsbeamter in Westdeutschland, konnte er seinem Amtsleiter, der ihm sehr zugetan war und dessen Sohn in Hannover nach einer Fotographenlehre auch danach strebte, Kameramann zu werden, diesen schönen ausführlichen Brief von Behn-Grund vorlegen. Dieser Sohn, ausgerüstet mit dem Geld seines Vaters, bezog dann in Münschen einen Platz auf der Filmhochschule.

Zur gleichen Zeit hatte Rudolf noch auf eine zweite Stellenanzeige geschrieben, eine, die sich direkt an ihn zu richten schien. Die Firma Klangfilm GmbH in Schöneberg suchte -–unter anderem – auch Feinmechaniker. Versprochen wurde: „interessante und zukunftsweisende Arbeit bei angenehmen Betriebsklima“. Das wollte er sich nicht entgehen lassen: Einen Arbeitsplatz in Westberlin. Zumindest ansehen mußte man sich das einmal. Ein kurzes Bewerbungsschreiben war dazu nur eine unbedeutende Mühe. Das Geschick, das manchmal auch freundlich sein kann, hatte auch diese Antwort heute, gleichsam zum Trost, vom Postboten in den Kasten werfen lassen. Er solle sich umgehend dort vorstellen. Morgen früh würde er nach Schöneberg fahren, in die Geneststraße.

Papestraße aussteigen wäre zweckmäßiger gewesen. Der in der Anzeige angegebene Bezirk Schöneberg reicht weiter, als gedacht. So mußte er sich durchfragen und ein ziemliches Stück vom Ringbahnhof Schöneberg mit der Straßenbahn zurückfahren. Haltestelle Geneststraße. Rudolf ging in die Straße hinein. Eine verschonte Insel im allgemeinen Trümmermeer. Ein auffallendes, typisches zeitloses und modernes Fabrikgebäude. Es sah aus wie bei Telefunken in Lichterfelde, nur höher, vier Stockwerke mit klar gegliederten hellen Fensterreihen. An der Einfahrt ein großes Schild: Mix & Genest. Der Pförtner klärte ihn auf. Die Firma Klangfilm bitte rechts die halbkreisförmige Straße hinunter, vorletztes Haus an der Ecke. Hier sah es weniger einladend aus. Doch der Zauber des Wortes Klangfilm auf dem viel bescheideneren Schild am Tor zog ihn immer noch an. Also hinein.

Klangfilm war zweierlei: Eine Tochter von Siemens und eine weltberühmte Qualitätsmarke, Symbol für die Verwirklichung eines feinmechanischen, eines optisch-elektrischen Geniestreiches, des „Lichthahnes“. Der Stummfilm war eine selbstständige, eine souveräne Kunstform mit legitimen eigenen Ausdrucksmitteln. Dennoch: Das stumme bewegte Bild „schrie“ geradezu nach dem dazugehörigen Ton. Das lebendige Bild des Lebens brauchte den Ton, das Geräusch, den Klang dieses Lebens. Naheliegender Gedanke war, wenn der Ton synchron sein soll, bewegungssynchron und lippensynchron, dann muß der Ton, wie auch immer, mit auf dem Bildstreifen untergebracht und ablesbar fixiert werden. Man mußte den Ton „fotografieren“ und mit dem „Abbild“ des Tones, mit irgendeiner physikalischen Repräsentation seines Schwingungsvorganges, mit seiner optischen Analogie eine schmale Spur neben der Bilderfolge auf dem Celluloidstreifen belichten. Das klappte sozusagen auf Anhieb. Eine bewegliches Spaltblende vor einem gebündelten Lichtstrahl wurde vom Mikrophonstrom (verstärkt) gesteuert und erzeugte so auf dem Film, auf der Tonspur, ein tonfrequenztypisches Sprossenmuster. Kehrte man diesen Vorgang mit sinnreicher Apparatur um, erhielt man das ursprüngliche Tonsignal zurück und konnte damit Verstärker und Lautsprecher aussteuern. Soweit das Prinzip der Theorie. Aber auch die feinste und kleinste mechanische Spaltblende hat Masse und damit unaufhebbar Trägheit. Der zurückgewonnene Ton glich nicht in zufriedenstellender Weise dem ursprünglich aufgenommenen. Diese „Sprossenschrift“ war zwar eine Lösung, jedoch noch nicht die beste. Im Lichthahn von Klangfilm wird nicht die Blende (eine Zackenblende) selbst bewegt, sondern nur ihr masseloses und damit trägheitsloses Abbild. Zwischen zwei kräftigen Magneten ist ein schmales, hauchdünnes Metallband hochkant als hin- und zurückgeführte Schlaufe gespannt. Über beide Schlaufenbänder ist mitten im Magnetfeld ein klitzekleiner Spiegel befestigt, (geklebt, eine Arbeit für begnadete, sichere Frauenhände, geführt von engelhafter Geduld und windhauchgleichem Zartgefühl). Auf diesen Spiegel wird das Bild der Zackenblende projeziert. Die beiden starken Magneten sind umhüllt von Spulen aus dünnstem Draht mit zahllosen Windungen. Durch diese Spulen fließt der Strom des Tonsignals und lenkt nun den Spiegel analog um eine winzige Bewegung aus. Das solcherart bewegte Abbild der eigentlich feststehenden Zackenblende wird bildsynchron auf dem Filmstreifen belichtet und später mitkopiert. Die damit erreichte Klangqualität ist unvergleichlich besser und hat der Firma den Namen gegeben. Auf dem Firmenschild stand somit für den, der sich auskennt und mit technologie-historischen Blick zu lesen versteht: „Wer hier eintritt und sich geduldig und produktiv einfügt, hat Anteil am Gemeinschaftswerk qualitätsbesessener Techniker.“ Rudolf trat selbstsicher und mit vorweggenommenem Stolz über diese Schwelle.

Im ersten Stock, in der Werkstatt, schaute er sich mit einem kurzen Blick um: So leben Untermieter. Alles zweckmäßig, aber improvisiert. Hier war an Ausrüstung untergebracht, was man vor den Russen gerettet hatte. Die hatten als Sieger von ganz Berlin mit verständlichem und entschlossenem Reparationszugriff in Siemensstadt reinen Tisch gemacht und mitgenommen in die von uns durch die gnadenlose Kriegsführung der „Verbrannten Erde“ zur Wüste gemachten Heimat, was sie kriegen konnten. Der zur Zerschlagung anstehende Siemenskonzern, naturgemäß jetzt vom Täter zum Opfer gewandelt, versuchte zu retten, was zu retten war, und man brachte unter anderem die wichtige Tochter Klangfilm als selbstständige Einheit in den Windschatten der Ereignisse. Die Geneststraße sollte die rettende Nische sein. Wichtig war, daß die Kenntnisse und Fertigkeiten nicht verlorengingen. Vorrangig war zunächst ein reiner Reparaturbetrieb. Fast jede Kino-Wiedereröffnung war mit apparativen Problemen verbunden. Beschädigte und auch alte Projektoren mußten wieder zum Laufen gebracht werden, und vor allem fehlte es überall an Lichttongeräten, dem Gegenstück des Lichthahnes (für die Tonaufnahme) zur Wiedergabe des Tones am Projektor. Gußgehäuse, Schwungmassen, Tonwellen und Umlenkrollen waren zum Teil gerettet, konnten auch bald wieder dezentral hergestellt und zugeliefert werden. Wenn etwas fehlte und nicht zu beschaffen war, mußte man es eben schaffen, den Ersatz selber herzustellen. Für Feinmechaniker eine glänzende Aufgabe und Herausforderung. Rückgrat dieser Auffanglinie waren zwei ergraute Siemenskämpen, der Meister Schr. Und sein Vize. Ein junger, politisch unbelasteter Fachmann aus der Vorstandsetage, als selbstständiger Direktor eingesetzt, hatte diese beiden Männer ausgesucht, das anfangs schier unmöglich scheinende möglich zu machen. In allen Abteilungen waren erfahrene Leute aus dem alten Siemensstamm dabei, den Laden in Gang zu halten und ihr Wissen weiterzugeben. Als Rudolf hier begann, war manches schon wieder eingespielt. Die bereits laufenden Kinos wurden unterstützt. Jede neue Kinoeröffnung, wie behelfsmäßig manchmal auch immer, war das Ergebnis der zukunftsfrohen Zusammenarbeit aller Beteiligten. Jeder war von einem mutmachenden Wir-Gefühl erfüllt, das nicht – wie gehabt – das Ergebnis eines Druckes von außen war, sondern sich dem eigenen Willen und der eigenen Entscheidung verdankte.

Rudolf war mit dem ersten Eindruck zufrieden. Wenn sie ihn nähmen, hier würde er bleiben. Was sie zu dritt bei der Reparatur von Schreib- und Büromaschinen geschafft hatten, das sollte hier mit und für Kino- und Filmapparaturen erreicht werden. Dem großen, schlanken Vizemeister war Rudolf zuerst begegnet. Der hatte ihn mit der Lage und der Aufgabe vertraut gemacht. Alle seine Fragen nach Lehre, Ausbildungsgang und Erfahrung hatte er offensichtlich zu dessen Zufriedenheit beantwortet. Den Ausschlag auf der „Arbeitgeber“-Seite gab letztlich der Name Telefunken. Diese Basis seiner kleinen und kurzen Berufskarriere schaffte Vertrauen. Der Vize sagte dann abschließend und mutmachend: „Kommen sie zu uns, wir sind eine gute Mannschaft, doch heute sagt man dazu wohl Team. Sei’s drum, was sie noch nicht können, hier können sie es lernen. Nun will ich sie dem Meister Schr. Vorstellen. Er öffnete die Tür zum „Kabuff“, der Meister-„Bude“. Ein kleiner Nebenraum, ein Fenster, ein großer Tisch belegt mit Zeichnungen und Werkstücken. Der Meister saß mit dem Rücken zur Tür. Ihm gegenüber saß ein „Bürohengst“, jedenfalls hatte er keinen Kittel an, sondern war in Anzug und Krawatte. (Es war der technische Abteilungsleiter, erfuhr Rudolf später). Der Meister Schr., im offenen grauen Kittel, beendete das Gespräch mit dem Büromenschen, ließ sich den Rudolf vorstellen, gab ihm die Hand und schaute ihn lange an, prüfend, aber nicht kränkend sondern voller Wohlwollen. Der Vize referierte kurz Rudolfs Lebenslauf, der Meister hörte aufmerksam zu, stellte aber selber keine Fragen mehr. Er verließ sich auf seinen Vize und – vielleicht – auf seinen Blick.

Meister Schr. war fast einen Kopf kleiner als sein Vize. Graues glattes Haar, eine unauffällige aber zum Gesicht passende Brille. Rudolf mußte sofort an den Obermeister der Lehrwerkstatt bei Telefunken denken. Der war auch nicht größer und genau derselbe Typ. Dessen Lehrgesellen hatten immer gesagt: „Der kleene Meesta hattet in sich.“ Der Meister Schr. Sagte zu Rudolf: „Na denn kommen sie mal mit, ich werde ihnen unsern Laden hier zeigen und ihren künftigen Arbeitsplatz. Mit manchen Sachen sind wir arm dran, doch damit müssen wir fertig werden. Der Vize sagt, sie könnten zu uns passen, also wenn sie Lust haben, können sie sofort anfangen, falls ihre alte Werkstatt nichts dagegen hat.“ Sie einigten sich auf den kommenden Montag. Handschlag, ein Mann, ein Wort. Verträge gab es nicht. Mitzubringen nur Versicherungsausweis und Lohnsteuerkarte.

Die Werkstatt war schnell gezeigt. An der vorderen Fensterfront, zur Geneststraße hinaus, zwei Reihen der typischen und vertrauten Werkbänke mit der massiven, Linoleum belegten Arbeitsfläche, an jedem Platz die Schublade für das Bankwerkzeug und rechts der Schraubstock. Zwei Leitspindeldrehbänke, eine uralte, nie gesehene, die andere auch ein Veteran, aber von Kärger. Den Typ kannte er. Zwei gut aussehende Standard-Mechaniker-Drehbänke, auch von Kärger, eine Kaltsäge, ein Balancé, eine Ständerbohrmaschine und zwei Tischbohrmaschinen. Im nach hinten führenden Teil der Werkstatt noch eine Metallkreissäge und eine große stabile Horizontalfräsmaschine Marke Wanderer. Mehr hatte der Krieg und die Russen für die Klangfilmleute nicht übriggelassen. Man würde selber sehen müssen, wie man damit zurechtkam. Zwar galt der Grundsatz: Gutes Werkzeug ist die halbe Arbeit, doch wer fragte in dieser Zeit nach solchen Grundsätzen. Die Karre muß laufen, hieß es, wie, das ist egal. Und schließlich sagten die Alten auch immer: Wer sich nicht zu helfen weiß, ist nicht wert, daß er in Verlegenheit kommt. Rudolf war zufrieden und freute sich auf den neuen Anfang. Ade ihr vertrauten Schreibmaschinen.

Den neuen Kollegen wurde er vom Meister vorgestellt, Namen über Namen. Zunächst versuchte man erst einmal, sich die Gesichter einzuprägen und auseinanderzuhalten, dabei waren es nur neun Mann, die jetzt in der oberen Werkstatt beschäftigt waren. Doch Rudolf war seit zwei Jahren nur die zwei Gesichter seiner inzwischen familiär vertrauten Grauköpfe gewohnt. Alles Neue macht eben auch immer ein wenig Angst und unsicher. Auch wenn man es noch nicht einmal sich selber zuzugeben bereit ist. Er tröstete sich mit Hermann Hesses Stufengedicht: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…“, getragen von dem Entschluß, auf jeden Fall zu wechseln und etwas Neues anzufangen. Toi, toi, toi.

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