Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 48

17. Februar 2015

– XLVIII –

Morgendliches Erwachen in der Scheune. Vom Trupp kaum jemand zu sehen. Jeder ist versunken in seiner Strohkuhle. Nur hier und dort ein Wuschelkopf oder ein Fleckchen Uniform. Landleben und Schäferidylle, wenn die Läuse nicht wären. Fluch der Zwangshygiene. Vor dem Abmarsch in Döllersheim hatten sie alle durch die Entlausung gemußt. Vorschrift, denn niemand hatte Läuse. Abwarten. Die Kleider verschwanden in der brühheißen Dampfwelt der Entlausungsanlage. Die Landser kamen unter die heiße Dusche mit Seife, Lysolspray und Wurzelbürste. Alles sinnloser Aufwand mit einem vollkommen konträren Ergebnis: Jetzt hatten alle Läuse. Das russische Bedienungspersonal wird den Zwischenwirt gespielt haben. So saß man denn jeden Morgen, drehte die Unterwäsche und vor allem die Socken nach links und zerquetschte alles, was sich erwischen ließ. Auch alles vergeblich.

In der Küche wartete die reichliche Verpflegung. Doch langsam, was war mit diesem Huhn dort los? Die Hühner hier legten wild. Die Mägde mußten den Eiern hinterhersuchen, kannten allerdings auch die typischen gewohnheitsmäßigen Legeplätze. Das besagte Huhn suchte sich mit leisem Glucksen seinen passenden Platz. Es drehte sich hin und her, schaffte sich die gewünschte Legemulde, die Augen wie somnambul verdreht. Das Huhn schien nicht mehr ganz von dieser Welt. Jetzt erstarrte es, den Blick ins Unendliche, als wüßte es genau, es bringt nun die Möglichkeit neuen Lebens ins Diesseits. Da, der Blick des Huhns wird plötzlich wieder klar und weltbewußt, es schüttelt sich, mehr das Hinterteil, reckt sich hoch auf seine Beine und signalisiert auf die jedermann vertraute Weise: Toooaak toak toak (ich habe ein Ei gelegt). Dann lief das Huhn davon. Rudolf, der nur einen Meter von der Henne entfernt im Stroh gelegen hatte, fasziniert vom lebendigen Geschehen und fast so konzentriert beim Zuschauen wie das Huhn beim Legen, Rudolf streckte den Arm aus, griff sich das körperwarme Ei, wischte es pro forma mit Stroh ab, holte seinen Glücksbringer, einen gefundenen Hufnagel, aus der Hosentasche, bohrte oben und unten, genauer: an der spitzen und der stumpfen Seite des Eies ein Loch in die Eierschale und saugte mit Lust und Schaudern die glibbrige Kost aus der Naturhülle in sich hinein. Es war das ursprünglichste Frühstück seines Lebens. Die Läuse waren darüber fast vergessen.

Die funktaktische Organisation des marschierenden Bataillons war ein sogenannter Stern. Jede selbstständige Kompanie war durch seinen Funktrupp sternförmig mit der Hauptfunkstelle verbunden. Diese Hauptstelle war die Rudolfsche Truppe. Während des Nachtmarsches ruhte der Funkverkehr. Sobald die Kolonne stand, hieß es, im Eiltempo die Antenne auslegen oder – im ungünstigen Gelände – den Mast auskurbeln und versuchen, Verbindung „nach draußen“ und „nach unten“ zu bekommen. Hauptgeschäft waren die Standortangaben und die Durchgabe der Versorgungsmeldungen, (Bestand und Bedarf). Alles selbstverständlich verschlüsselt. Verschlüsselungsmethode war ein – im Grunde primitiver – sogenannter Rasterschlüssel. Das war ein simpler Schreibblock. Dessen Seiten aussahen wie ein Kreuzworträtsel. Alle Stellen hatten den gleichen Block, aber das gerasterte Rätselmuster war auf jeder Blockseite ein völlig anderes. Die Blockseiten waren numeriert, für jeden Kalendertag galt eine andere Seite. Am gleichen Tage benutzten somit alle Beteiligten die gleiche Blockseite zum verschlüsseln, aber: Der Absender bestimmte, auf welchem freien Feld des Rasters er mit der Eintragung des zu verschlüsselnden Textes beginnt. Die Rasterspalten und –zeilen waren mit Buchstaben und Ziffern durchgehend „numeriert“. Man konnte beim Eintragen des Klartextes noch wählen, ob man von links nach rechts oder von oben nach unten fortlaufend schreiben wollte. Wurde der Text horizontal eingetragen, dann mußte er vertikal ausgelesen werden. Man begann mit dem Eintragen also irgendwo mitten auf der Seite, schrieb zeilenweise munter weiter und, sofern man unten rechts beim letzten freien Feld angekommen war, fuhr man mit dem Text oben links fort. Stand der vollständige Text auf dieser Seite lesbar auf den Schriftfeldern des Schlüsselblocks, dann wurde der Text als ein wüster Buchstabensalat fortlaufend senkrecht ausgelesen und in Fünfergruppen in ein Sendeprotokoll eingetragen. Mit dem Auslesen konnte man ebenfalls beginnen, wo man wollte: Man begann irgendwo, las Spalte für Spalte von links nach recht und fuhr ebenfalls von links weiter fort, wenn man in der letzten Spalte am rechten Rand angekommen war. Der Empfänger, der zunächst von Klartexte keine Ahnung hatte, schrieb einfach die gehörten Fünfergruppen mit. Machte man bei einer der Fünfergruppen einen Fehler beim Hören, ließ man einfach die Lücke frei und schrieb die nächste Fünfergruppe in den vorgedruckten Empfangszettel, der zur Aufnahme von Fünfergruppen eingeteilte Felder besaß. War der Spruch durch, ging man von Empfang auf Sendung und forderte den Absender auf mit „qrp 3, 9, 17“ die dritte, neunte und siebzehnte Fünfergruppe zu wiederholen (repetieren, deshalb: qrp), sofern dies die fehlerhaften Gruppen waren. Hatte man solcherart den Text vervollständigt, begann man mit dem Eintragen genau in dem Feld des Schlüsselblocks, das der Absender als Startfeld gewählt hatte. Die Koordinaten dieses Feldes waren im Kopf des Funkspruchs Bestandteil des Textes. Der empfangsberechtigte Vorgesetzte schaute dem Entschlüsseler gespannt über die Schulter: Startfeld markieren, Buchstabenfolge eintragen, senkrecht, Spalte für Spalte. Je weiter die Eintragung vorankam, umso deutlicher wurde in den sich füllenden Zeilen der Klartext. Bedingung: Kein einziger Hörfehler, sprich Schreibfehler. War jemand bei wenigen Lücken nicht ganz sicher, trug er die freien Felder „leer“ ein, dann war der Text (meistens) immer noch erkennbar. Das ersparte Rückfragen und damit Zeit. Trotz der simplen Schlüsselmethode konnte man sicher sein, daß ein etwa mithörender Gegner wegen des taktischen Tempos mit der Methode Raten und Probieren so schnell nicht mitkam.

Die Verständigung außerhalb sinngebundener Texte erfolgte mittels sogenannter Q-Gruppen. Das waren dreigliedrige Buchstabenfolgen mit festgelegter Bedeutung, die man auswendig zu lernen hatte, es waren etwa hundert. QRP hieß: bitte wiederholen sie (repetieren); QWW bedeutete Wellenwechsel bei schlechten Empfangsverhältnissen; für den Uhrenvergleich hieß es QWT (what time?). Der Hauptteil der Q-Gruppen entstammte dem friedensmäßigen internationalen Funkverkehr.

Krieg aus der Sicht des Funkers hieß somit: gelassener Streß, immer unter Zeitdruck, immer in Eile, immer mit einem Fuß in der Fehlerfalle. Dafür sagten die Kameraden von den anderen Feldpostnummern: Funker sind keine Soldaten, weil man als Funker im allgemeinen weniger eisenhaltig lebte, wenn man nicht gerade vorgeschobener Artilleriefunker war, der im Klartext zittern durfte beim Aufrechterhalten der erfolgswichtigen Verbindung zu seiner Geschützeinheit. Meist hockte so ein armes Schwein auch noch exponiert auf einem Kirchturm oder sonstwie hoch oben in anderen markanten Gebäuden.

Noch einen Vorteil hat der Funkerstreß: Man weiß mehr, und man weiß es schneller, rechtzeitig. Als der Entschlüsseler erwartungsvoll (und immer ein wenig neugierig) am 30. April Buchstabe um Buchstabe senkrecht eintrug, stand plötzlich auf dem Schlüsselblock: „Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler ist heute morgen in der Schlacht um Berlin für Volk und Vaterland gefallen.“ Die menschlichen Atome der Kriegsmaschine stellten für eine Sekunde jede emotional identifizierbare Bewegung im sozialen Interaktionsbereich ein und jeder dachte: Wie geht es jetzt weiter? Blitzschnell kam der Bataillonsbefehl: „Die Truppe wird kompanieweise auf den Großadmiral Dönitz als neuen Reichskanzler vereidigt.“

Antreten bei strahlendem Wetter. Der Eschweiler, mit dem zusammen und mit zwei anderen Rudolf in Leipzig nur knapp dem Soldatenklau und damit der Ostfront entronnen war, flüsterte, sachlich korrekt: „Ist dir klar, daß wir durch die Versetzung von Unna nach Döllersheim niemals auf Adolf Hitler vereidigt worden sind?“ Das war Rudolf bis eben keineswegs klar gewesen, soll heißen, er hatte nie daran gedacht. Doch der Eschweiler, dieses Schlitzohr, hatte völlig recht: Dies hier war tatsächlich ihre erste Vereidigung bei der Wehrmacht. Rudolf fragte zurück: „Und die Vereidigung beim Reichsarbeitsdienst, die zählt doch auch, oder?“ Der Eschweiler war Pragmatiker: „Schippen für Hitler und schießen für Hitler ist doch nicht dasselbe.“ Der Spieß beendete diesen pseudojuristischen Disput mit einem kurzen: „Schnauze im Glied!“. Dann herrschte feierliches Schweigen. Kurze historisierende Ansprache des Kompaniechefs, in drei Sätzen von Hermann dem Cherusker und Karl dem Großen über die Freiheitskriege, Bismarck und Hindenburg, unter besonderer Betonung der Existenz Friedrichs des Großen und dem Mirakel des Hauses Brandenburg, bis zu Adolf Hitler: Der ungebrochene deutsche Einsatz für die Freiheit Europas. Die Fortsetzung dieses Schicksalskampfes liegt nun in den treuen Händen des verdienstvollen Großadmirals, der schon die U-Boote zum permanenten Siegen geführt hatte. Leider fehlte ein Symphonieorchester, um Liszt’s „Prelude“ oder ähnlich angemessenes Tongut zu Gehör zu bringen. So folgte übergangslos das vorgesprochene „Ich gelobe…“. Der Kompaniechef ging schweigend davon, und der Spieß setzte den Schlußpunkt mit einem zackigen: „Nach hinten weggetreten!“ Die Marschrichtung des Bataillons blieb unverändert dieselbe.

Sechs Tage später, folglich 120 bis 160 Kilometer weiter südöstlich hielt der Superpanjewagen des Unteroffiziers Rudolf aus Nordhausen am Südharz im Morgengrauen kurz vor St. Andrae, nicht allzu weit von Klagenfurt entfernt. Es wurde langsam hell, der Verein mußte zusehen, runterzukommen von der Straße. Da geschah das Unfaßbare: Die eigene Truppe kam ihnen entgegen. Unteroffizier X begrüßte seinen alten Pokergegner, den Unteroffizier Rudolf: „Na, altes Haus?“ Rechterhand konnte man mit dem Doppelglas einen Feldflughafen erkennen, ganz deutlich den Windsack am kümmerlichen Kontrollturm im flauen Winde träge flattern sehen. Der Uffz. Rudolf fragte zurück: „Seid ihr verrückt? Ihr marschiert doch in die falsche Richtung!“ Es klang aber wie „mir fehlt bloß noch eine exakte Karte“, und der X stellte mit niemals zuvor gehörter Offenheit fest: „Rudolf, du Stratege, ein ziemlich gutes Gerücht besagt, dort drüben auf dem Feldflugplatz seien schon Engländer eingerückt. Also gehen wir vonne Fahne, klar?“ Alle Zuhörenden dachten: Wenn das man gut geht.

Der Unteroffizier Rudolf ließ seine kleine Truppe in ein Seitental einschwenken. Die Straße stieg leicht bergan, nach einer knappen Stunde etwa hielt die verwirrte Gruppe im offenen Winkel eines steirischen Bauernhofes. Ein letzter Versuch: Keine Funkverbindung mit irgendwelchen zugeordneten Ansprechadressen. Parole: Abwarten, (man hat schon Pferde kotzen sehen,…). Jeder machte es sich bequem. Kurio sorgte für’s Essen, (die reichsamtliche Ration, ohnehin knapp, blieb erwartungsgemäß aus). Man war offensichtlich auf sich selbst gestellt. Der Bauer versprach – notgedrungen, aber freundlich – Gastfreundschaft. Hunger war damit vorerst abgewendet. Der Bauer, ein rüstiger alter Mann jenseits des Landsturms, betrachtete sich interessiert und fachmännisch das schöne (inzwischen etwas abgemagerte) Klosterpferd und den reichseigenen Leiterwagen. Am achten Mai erreichte die Meldung „Deutschland hat bedingungslos kapituliert“ den Volksempfänger in der Bauernstube. Der alte nationalbewußte Bauer verkündete prompt, er sei Österreicher und versetzte seine ungebetenen Gäste wortlos doch unmißverständlich in die ungeliebte Rolle einer Besatzungsmacht. Unwidersprochen durfte er sagen: „Hoffentlich sind die Amerikaner bald hier.“ Rudolf vermutete, wenn das mit dem Feldflughafen gestimmt haben sollte, würden es wohl eher die Engländer sein.

Der Unteroffizier Rudolf ordnete an: Wir machen einen letzten Versuch, die Truppe per Funk zu erreichen. Das Bataillon kann sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben.“ Verhandlungen mit dem Bauern resultierten in dem Versprechen, den plötzlich ungeliebten Deutschen mehrere Zentner Kartoffeln zu verschaffen. Der große Rudolf hatte es mit einem Male eilig und bestimmte, alle sollten mit dem Wagen des Unteroffiziers X vorfahren, der zweite Wagen mit den Kartoffeln dann so bald als irgend möglich folgen. Alles Gepäck wurde auf den ersten Wagen verladen, damit auf dem zweiten für die Kartoffeln Platz würde. Kurio, der Eschweiler und der kleine Rudolf blieben beim Kartoffelwagen zurück. Der andere Wagen entschwand abwärts Richtung Hauptstraße.

Der Eschweiler meinte skeptisch: „Wenn wir die anderen nicht wiederfinden, sind wir ganz schön am Arsch des Propheten.“ Dem war nichts hinzuzufügen. Endlich waren die versprochenen Kartoffeln da und konnten verladen werden. Kurio trieb das Klosterpferd an: „Dawai, vorwärts!“.

Als sie die Hauptstraße erreichten, fädelten sie sich mühsam in die unbekannte gemischte Kolonne ein, die grobe Richtung Osten rollte, dorthin, wohin der große Rudolf sie befohlen hatte, weil er in dieser Richtung das Bataillon vermutete. Weit kamen sie nicht. Es gab eine Verstopfung, Gebrüll, Durcheinander. Viele Fahrzeuge kamen ihnen entgegen. Plötzlich der Schreckensruf: „Im nächsten Dorf sind die Russen!“

Eine schöne Bescherung. Trotz so vieler Menschen in diesem mittleren Chaos waren sie jetzt quasi Waisenkinder. Die Stimmung sank unter Null. Kein persönliches Gepäck mehr, keine Papiere, da war es kaum ein Trost, daß der Krieg zu Ende sein sollte, falls die Radiomeldung zuträfe. Was das überhaupt bedeutete, hatte ohnehin so recht noch niemand begriffen. Sie fuhren immer noch in die nunmehr falsche Richtung. Was tun? Auf dem Kutschbock ein ehemaliger russischer Unteroffizier, deutscher Ober-HiWi, und in den Augen der Russen bestimmt ein Verbrecher, reif zum erschießen. Die entgegenkommende Kolonne hatte ziemliches Tempo drauf. Sie hatten den Feind zumindest gerüchteweise im Rücken, das belebt. Da: Mitten im Trubel der entgegenkommenden und an ihnen vorbeirasenden Fahrzeuge aller Art ihr eigener zweiter Leiterwagen, oben drauf die vertrauten Kameradengesichter, dazwischen die beiden Unteroffiziere. Der große Rudolf winkte und brüllte: „Umkehren!“ und zeigte mit ausgestrecktem Arm nach vorn wie Blücher beim Rheinübergang. Nach vorn hieß jetzt zurück, und Kurio schaltete sofort, fand eine bedenklich kleine Lücke, riß das Klosterpferd am Zügel nach links herum, der Gaul spürte die Not der ihm anvertrauten „Fahrgäste“, der Wagen war drauf und dran durch Kurios waghalsiges Wendemanöver umzukippen, doch sie hatten ja die Säcke mit Kartoffeln, und wenn sie auch keine dummen Bauern waren und ihre Kartoffeln dank der Geschäftstüchtigkeit des steirischen Landwirts gewiß nicht die größten, wer wagt, gewinnt, und der Erfolg war auf ihrer Seite.

Die zurückflutende Kolonne hielt das Tempo bei, so erreichten sie bald die rechts abzweigende Nebenstraße zu dem Gehöft, von dem sie vor weniger als einer Stunde gekommen waren. Der große Rudolf winkte sie heraus, sie verließen geordnet die ungeordnet fliehende Wagenkette, plötzlich war alles wieder ruhig und – scheinbar – friedlich. Der Bauer schaute verwundert, daß seine Besatzer so rasch wieder vor seiner Scheune standen. Der gewitzte Kerl hatte nicht nur seine Kartoffeln wieder, man konnte es an seinen Augen ablesen: Er witterte ein großes Geschäft. Noch einmal würde diese Truppe nicht davonfahren. Zwei Pferde und zwei Wagen waren ihm sicher. Der große Rudolf begann sofort zu handeln und zu verhandeln.

Die Eile diktierte die möglichen Bedingungen: Für die Pferde und die Wagen stattet der Bauer die kleine Truppe mit Marschverpflegung aus. Jeder erhielt Brot, Butter und Rauchfleisch. Während die Unteroffiziere noch verhandelten und sich die Verhältnisse der Umgebung erklären ließen, zerstörten die nun arbeitslosen Funker vorschriftsgerecht alles „harte“ Material, die Funkgeräte und die Karabiner und Maschinenpistolen; die wenige Munition und die paar Handgranaten wurden in einer etwa hundert Meter entfernten steinbruchartigen Mulde gesprengt. Zur größten Verblüffung aller Beteiligten fertigte der große Rudolf eine ordnungegemäße Vernichtungserklärung, ließ sämtliche Anwesenden unterschreiben und steckte sie sich in die Tasche. Es könnte doch noch von irgendwoher ein General Schörner mit einem zu allem entschlossenen Standgericht und Vollstreckungskommando auftauchen. Bereichern wollte man sich beim Untergang der Wehrmacht nicht. Das vielleicht kostbarste Tauschgut war eine Wanderkarte von der nächsten Umgebung im Maßstab 1: 200 000. Der Weg war klar: ab ins Gebirge. „Aufwärts, Leute, dort hinauf geht es über eine Paßhöhe. Auf dem Sattel soll ein kleines Hotel stehen. Mit Gott befohlen ab grobe Richtung Heimat, auch wenn der Weg noch weit ist. Vor uns die Hohen Tauern, aber die haben wir doch auf dem Herweg schon einmal überquert, bei Spital am Pirnpaß. Ein ähnlicher Weg wird sich finden lassen. Sind wir drüben, sehn wir weiter. Alles klar?“ Alle nickten nur. Das ewige gewohnte Jawoll war nun nicht mehr zeitgerecht. In bestimmten Geschichtsmomenten lernt der Mensch tatsächlich und vor allem schnell. Mit uns nie wieder, dachten alle. Der große Rudolf fügte hinzu: „Wenn einer nicht mit will, bitte sehr, jeder kann gehen, wohin er will.

Alle wollten mit, nur einer nicht: Kurio. Er hatte während des allgemeinen Palavers mit dem Bauern gesprochen. Der wollte ihn gerne hierbehalten und war mit Kurios Entschluß, zu bleiben, einverstanden. Einen Knecht kann man immer brauchen; (vielleicht konnte sich Kurio bloß nicht von den Pferden trennen). Der plötzliche Abschied von Kurio fiel allen schwer. Er wurde umarmt und gedrückt. Man schaute ihm dankbar und verlegen in die Augen: „Kurio, ohne Dein Organisationstalent wären wir fast verhungert.“ Er lachte und sagte: „Spassibo“ und „Doswidanje Jungs“. Kurio war die treueste Seele, die je freiwillig in einer deutschen Armee gedient hat.

Der Bauer hatte den vor ihnen liegenden Weg bis hinauf auf den Sattel zum ehemaligen Wintersporthotel genau beschrieben. Der Aufstieg war ziemlich mühselig. Anfangs war die Steigung mäßig, dann ging es nur noch langsam voran. Schritt um Schritt, für Flachlandtiroler eine ungewohnte Übung. Welches der Weg war, entschied oft mehr eine Ahnung als die Gewißheit, trotz der Karte. Klar war nur, hinauf mußte richtig sein. Langsam lichtete sich der Wald, man konnte etwas weiter voraus sehen, doch bei den Pessimisten wuchsen die Zweifel, ob man noch auf dem rechten Wege sei. Endlich, die Dämmerung war herangekommen, ein wahrhaftiger Lichtblick: Dort oben ist das Hotel! Der große Rudolf tönte: „Wie hab‘ ich euch geführt? Übrigens, ihr könnt ruhig Rudi zu mir sagen.“

Das Hotel war nicht verlassen, wie der Bauer gemeint hatte. Ein seltsamer Landserhaufen hatte es sich dort bereits bequem gemacht. Alle hatten Uniformen an, doch keine Uniform zeigte Kragenspiegel, keine Schulterklappen, nichts auf den Ärmeln, nichts auf der Brust. Alle Heldenstickereien waren sorgfältig entfernt. Nur an der Stoffqualität ließen sich die ehemaligen Offiziere erkennen. Es herrschte zwischen den Trägern der rauhen und der glatten Stoffe ein gemäßigter Kommißton. Die Neuangekommenen wurden zögernd aber freundlich aufgenommen und toleriert. Rudi empfahl sofort, die eigene Uniform ebenfalls in Richtung Zivil abzurüsten. Es gab Zimmer, es gab Betten, es gab fließendes Wasser und elektrisches Licht. Personal gab es selbstverständlich nicht. Jeder konnte schalten und walten, wie er wollte, auch in der Küche. Um einander nicht zu nahe zu treten, traf man spontan lose Absprachen. Die fremde Truppe wollte dort oben noch eine Weile verharren, bis sich die Lage geklärt hätte. Rudi erklärte als Sprecher für seine ehemaligen Leute, man wolle nur eine Nacht bleiben und dann auf der anderen Paßseite absteigen. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden.

Der Hotelbetrieb mußte wohl schon eine Weile zurückliegen. In allen Zimmern standen zusätzliche, provisorische Doppelbetten. Wozu die gedient haben mochten, beziehungsweise wem, und wer dies alles so notstandsmäßig eingerichtet haben mochte, blieb offen. Als überall das Licht gelöscht war und links und rechts das Schnarchen begann, dachte Rudolf mit tiefem Durchatmen: Dies ist die erste Friedensnacht nach dem Ende des schrecklichen zweiten Weltkrieges. Wohl dem, der noch atmen konnte. Berlin und Deutschland lagen in Trümmern. Die Mutter ist mit den beiden Kindern, seinen Halbbrüdern, in Thüringen, in Lengefeld bei Sangerhausen. Der Großvater und die übrige weibliche Familie ist in Berlin. Der Stiefvater am Eismeer. Die Cousins, soweit sie älter sind als er, sind irgendwo zwischen irgendwelchen Fronten oder schon in irgendwelchen Lagern. Doch Fronten gibt es doch gar nicht mehr. Wäre er in Unna geblieben, hätte er vielleicht noch kämpfen müssen, gegen Amerikaner oder Engländer. Wenn das stimmt, das die Russen nicht weit sind, werden sie bald hier oben sein. Wo bleiben die Westalliierten? Geht’s jetzt ab in die Gefangenschaft? Und wenn ja, in welche, bei wem? Er hatte keinen abgeschlossenen Beruf. Wohin sollte er sich wenden, soweit man überhaupt noch eine Wahl hatte. Der neue Kumpel Rudi würde auch nicht ewig das Kindermädchen für sie alle spielen wollen. Der war gewitzt und würde versuchen, sich möglichst nach Westen durchzuschlagen. Rudolf beschloß, sich zunächst einmal weiter an diesen Rudi zu halten, aber vor allem einmal zu versuchen, einzuschlafen.

Man sollte versuchen, sich zu merken, welcher Traum sich wohl in der ersten friedlichen Nacht nach fast sechs Jahren des Gewaltrechts, des Menschenjagens und des willkürlichen Massenmordens einstellen wollte. Hatte ein Friede überhaupt noch Platz in der eigenen Seele? War man nicht viel zu sehr und viel zu unkorrigierbar auf Gehorchen und auf Fatalismus eingestellt? Ein schöner Gedanke war, es sollten nie wieder Sirenen den vertrauensvoll Schlafenden hineinreißen in eine Zufallswelt unvorstellbaren Schreckens.

– – – – –

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: