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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 46

9. Februar 2015

– XLVI –

Doch an dem kalten Winterabend war der Vater nicht zum Geschichtenerzählen aufgelegt. Weil er von seinem angenommenen Sohn sowenig wußte, wie der von seinem Stiefvater, fragte er: „Mama sagt, du warst bei Kriegsende in Österreich bei der Wlassowarmee. Wie bist du denn dort hingekommen?“

Kann man jemandem erzählen, wie es war, als es war? Wenn eine Gegenwart Vergangenheit geworden ist, vermag sie künftig, also in einer vorausliegenden anderen Gegenwart, nur dann Gestalt im Sinne von Verstehbarkeit, Sinn eben, annehmen, wenn der Zuhörer das erzählte Stück Lebensreise als selbst erlebt und erlebbar anzunehmen gewillt und in der Lage ist. Weil Bruno wußte, was es heißt, als Befehlsunterworfener machtlos von Situation zu Situation gedrängt oder geschoben zu werden, erkannte er in Rudolfs folgender Geschichte ein Abbild seiner eigenen persönlichen Odyssee.

Nach der vierundzwanzigstündigen Fahrt durch das von Tieffliegern beherrschte, schon fast ohnmächtige Deutschland die mitternächtliche Ankunft in Unna und die Fahrt mit dem Kurierkübel zur Funkerkaserne. Den dreitägigen Aufenthalt in Zivil in der Kurierstube der Kaserne wollte er zuerst einfach nicht glauben: „Du hast volle drei Tage als Zivilist unerkannt und unentdeckt in einer großen Kaserne gelebt?“ Der preußische Unteroffizier in ihm, der er ja leibhaftig einmal war, sträubte sich vehement gegen solch eine organisatorische Schlamperei. „Und wovon hast du in dieser Zeit gelebt? Du mußtest doch etwas essen?“ Die im gleichen Raum untergebrachten Kuriere, die fast ausnahmslos nie länger als einen Tag blieben, empfingen morgens beim Verpflegungsbullen im Keller so riesige Portionen Kommißbrot, Butter oder Schmalz, Jagdwurst und Kunsthonig, und sie teilten ihre Rationen freigiebig mit dem „Jungen“, fast stereotyp argumentierend: „Mensch, du könntest doch mein eigener Sohn sein“, denn es waren durchweg gestandene Landser, „Stabsgefreite“, Rückgrad der Armee. Mit unverfrorener Schlitzohrigkeit bestärkten sie ihn in seiner abwartenden Haltung trotz der damit verbundene Ungewißheit: „Mensch Junge, nur nicht fickrig werden; wenn sie dich brauchen, werden sie dich hier schon finden und holen. Beim Barras nur niemals vordrängen und bloß keine Eigeninitiative, es sei denn der eigene Arsch sei akut in Gefahr. Also immer hübsch langsam mit die jungen Pferde!“

Also wartete Rudolf ab und schaute den ebenso geduldig wartenden Kurieren beim Skatspielen oder Pokern zu. Die Kurierstube lag mit der benachbarten Toilette im Parterre hinter einer doppelflügeligen Windfangtür, so daß das
Kasernenleben unaufdringlich an diesem Hort der Ruhe vorbeirauschte. Auf die Toilette ging er vorsichtigerweise möglichst nur nachts. Problematisch waren die regelmäßigen Fliegeralarme und die damit verbundene lautstarke Aufforderung im Flurlautsprecher: „Alle Mann auf Alarmposten oder in den Luftschutzkeller.“ Die Kuriere winkten nur lässig ab: „Wir bleiben hier. Im Keller des Verpflegungsbullen sind wie auch nicht sicherer, und in die Splittergräben gehen wir schon mal gar nicht.“ Rudolf konnte dies mühelos nachvollziehen.

Wenn die Kuriere nicht Karten spielten oder rauchten, lagen sie schnarchend in ihren zugeteilten Betten. Die Betten waren dreistöckig, und Rudolf, als Jüngster, hatte es sich in der obersten Bettenlage bequem machen müssen. Die Luft in dieser Höhe war alles andere als Berliner Luft, die bekanntlich „wie Seide“ ist, und zum Trost durfte er sich den klassischen Landserspruch anhören: „Erfroren sind schon viele, erstunken ist noch keiner.“

Es kam, wie es letztendlich kommen mußte: „Was für ein Hundesohn ist das denn da oben?“ Diese deutliche Frage stellte in wahrhaft aufrüttelnder Lautstärke eine Stimme, wie sie nur das ungebrochene Selbstvertrauen in die eigene Unfehlbarkeit und die Machtgewißheit dessen hervorbringen kann, der es gewohnt ist, als „Spieß“ die Rolle des Stellvertreters Gottes auf Erden wahrzunehmen. Rudolf sprang mit einem einzigen Satz herunter von seinem Olymp, baute sich in Unterhemd und Unterhose, als lächerliche Figur eines Kaspar Hausers drei Schritte vor dem Spieß auf, legte die Hände an eine imaginäre Hosennaht und meldete: „Kriegsfreiwilliger Rudolf Anders meldet sich zu Stelle!“

Der Spieß unterdrückte jedes Zeichen von Verblüffung, zog sein dickes Notizbuch aus der Knopfleiste seiner Uniformjacke, blätterte kurz darin und meinte dann, mehr zu sich selber: „Also hier stecken sie, sie komischer Vogel. Die dritte Kompanie wartet schon sehnsüchtig auf sie. Packen sie ihre Klamotten zusammen und melden sie sich unverzüglich im Block drei in der Schreibstube, aber dalli, mein Herr!“ Rudolf brüllte erleichtert: „Jawoll, Herr Hauptfeldwebel“, die Kuriere grinsten verstohlen, der Spieß verschwand, wie er gekommen war. Er hatte die Panne in seinem Kasernenbereich diplomatisch korrekt und für alle folgenlos aus der Welt geschafft. Rudolf meldete sich wie befohlen bei seiner Kompanie.

Das befürchtete Nachspiel, das ihm die Kuriere prophezeit hatten, blieb aus. Rudolf kam auf eine Stube für sechzehn Mann; er war der sechzehnte. Die fünfzehn waren alle bereits vierzehn Tage hier und hatten das Schlimmste schon hinter sich. Rudolf hatte vor drei Tagen zu nächtlicher Stunde ja gesehen und vor allem gehört, wie munter es hier zugehen konnte. Den Namen des Zuspätgekommenen behielten alle sofort im Gedächtnis: die Kameraden, die Unteroffiziere und vor allem der Spieß. Rudolf war der bunte Hund der Kompanie.

Doch der Krieg schrie nach Ersatz. Funker fehlten allerorten. Das Schleifen, genannt Grundausbildung und Exerzieren, reduzierte sich notgedrungen auf das im Kommißverständnis unentbehrliche Maß. Die Ausbilder kannten und anerkannten die Vorleistungen der HJ, des Wehrertüchtigungslagers und des Reichsarbeitsdienstes. Ernst genommen wurden nur drei Dinge: Funkausbildung mit Gerätekunde, Schießen und Marschieren mit Singen. Damit verbrachten sie den Tag, unterbrochen nur vom täglichen Fliegeralarm und Sondereinsätzen wie Gasmasken-Übung mit Dichtheitsprüfung in der großen Gerätehalle. Gemeinheit dabei der Befehl: „Filterrr-Wechsel!“. Dann hieß es, in der tränengasverräucherten Sonderkabine der Gerätehalle den Filter der aufgesetzten Gasmaske herausschrauben, sichtbar hochhalten, dabei möglichst nicht atmen, und den selben Filter, der praktisch ungebraucht war, wieder anzuschrauben. Das konnte so glatt oder so schief gehen wie das Einschrauben einer Glühbirne hinter dem Rücken. Wenn man den Anfang des Rundgewindes am Filterhals nicht sogleich fand, waren ein paar aufgeregte Atemzüge unvermeidlich, und man handelte sich einen schier unversiegbaren Tränenstrom ein, (und man verfluchte den diensttuenden Unteroffizier, ihn für einen Sadisten haltend).

Überraschend großes Vertrauen setzten die Kommandogewaltigen in die hier frisch zur Ausbildung Versammelten des Jahrgangs achtundzwanzig, als sie beim Morgenappell, nach dem gewaltig gebrüllten „Guten-Morgen-Herr-Hauptmann!“, geschäftsmäßig bekanntgaben: Die dritte Kompanie übernimmt am Sonntag für eine Woche die Kasernenwache. Überraschung auf der ganzen Linie: Kasernenwache durch noch nicht vereidigte Rekruten, geht das? Leute, zerbrecht euch nicht den Kopf der Führung. Die Kasernenwache wird vor Wachantritt „vergattert“, soll heißen, sie wird als Körperschaft zum verpflichteten Rechtsorgan, der Kasernenordnung unterstellt, um die Kasernenordnung zu bewahren. Die vergatterte Wache tritt „unter das Gewehr“, befugt und verpflichtet zu schießen auf jeden, der die „gute Ordnung“ im dienstlichen Kommandobereich des Bataillons zu verletzen gewillt ist. Der Spieß, der diese Einweisung persönlich vornahm, wurde sehr deutlich: „Leute, wenn nach dreimaligem Anruf geschossen werden muß, will ich Tote sehen. Klare Verhältnisse. Aussage gegen Aussage gibt es bei uns nicht, verstanden?“ Das „Jawoll, Herr Hauptfeldwebel!“ war überraschend moderat. Tote, nur weil jemand ein Funkgerät klauen will? Rauhe Sitten, oder: Wer A sagt, muß auch B sagen.

In der Woche vor der Vergatterung wurde die Dritte „auf Vordermann“ gebracht, (auf Kosten der Funkausbildung), Funkermangel hin, Endsieg her, eine Kasernenwache muß ordentlich mit dem Karabiner umgehen können, nicht bloß beim Schießen, auch beim „Gewehr-Über!“ und vor allem beim „Präsentiert-das-Gewehr!“. Klappt das nicht, muß man sich verloren geben. Die muskulösen Bauernburschen hatten beim Hantieren mit dem schweren Karabiner 98 keine Probleme; ein zartes, ehemals rachitisches Kellerkind Typ Bücherwurm braucht alle Kraft, Tränen zu unterdrücken, wenn die Unteroffiziere brüllten: „Ihr Saftsäcke, das klappert ja wie im Pantinenkeller. Wollt ihr mal eure Knarre senkrecht und unbeweglich halten! Alles wackelt wie die Lämmerschwänze! Wir üben das bis zum Umfallen, ist das klar?“ Klar, war das klar, aber so eine besch… Flinte nach dem „Gewehr-Über!“ mit einer Hand (einer Feinmechanikerhand) am unteren Kolbenende so an den Körper zu drücken, und dann noch „Rechts-um!“ zu machen, ohne daß dabei die Laufmündung sich bewegte: schier vergebliche Liebesmüh. Das Mittagessen fiel aus. Selbst die Unteroffiziere zogen schon „eine Fresse“, doch der Spieß war unerbittlich. Die Weltanschauung eines Zwölfenders hat ihre eigenen unverzichtbaren Kategorien im Rahmen einer unerschütterlichen Werteordnung, die rigide verspricht, solcherart Form und Dauer des Staates zu gewährleisten. Der tägliche Fliegeralarm machte diesem Treiben endlich ein von allen Beteiligten dankbar begrüßtes Ende: Unsere Amerikaner!

Natürlich war Rudolf, der bunte Hund, immer wieder und am meisten aufgefallen. Schon deshalb, weil ihn eben jeder Unteroffizier kannte. Aber auch falsche Prominenz hat sein Gutes. Ein baltischer Unteroffizier, alle nannten ihn den „Gummideutschen“, (vom Nationalschicksal hin und her gezerrt), kam nach dem Schleifen auf Rudolf zu: „Hiermit ernenne ich sie zu meinem Putzer.“ Damit war Rudolf ein wenig aus der Schußlinie, denn Putzerpflichten bringen auch Putzerprivilegien mit sich: Freigestellt von allem Üblen, nur das Tempotraining beim Funken und die Gerätekunde blieben obligatorisch. Bettenmachen, Uniform ausbürsten, Schuhe Putzen, Socken stopfen für den „U“, bitte sehr, machen wir mit links. Alles bei der Großmutter gelernt. Dafür Rationen empfangen für den „U“, freundlicher Kontakt zum Verpflegungsbullen, ungestörter Aufenthalt auf der Bude des Unteroffiziers, was will man in einem solchen Haufen mehr? Der „Gummideutsche“ war zu Rudolf sehr tolerant, wie ein Vater, (im Rahmen des Kommißtones); er war in der Kompanie als Balte selber ein „Bunter Hund“, das verbindet. Um die Wachwoche kam Rudolf allerdings nicht herum.

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