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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 45

8. Februar 2015

– XLV –

Wenn der Stiefvater nach einem seiner wöchentlichen drei Musiktage spät in der Nacht nach Hause kam, brauchte er eine gewisse Zeit, bis er sagen konnte: „Laß uns Schluß machen und schlafen gehen.“ Er brauchte dann einen Partner, der neben ihm saß und bereit war, sein Schweigen und Nachdenken zu teilen. Er selber sprach dabei selten viel, er fragte lieber und hörte aufmerksam zu. Meist übernahm die Mutter die Rolle als Berichterstatterin. Sie brachte es selten fertig, schlafen zu gehen, bevor ihr Mann wieder sicher aus der Russenwelt im Familienhafen eingelaufen war. Die drei Jungen schliefen dann meistens schon fest und ließen sich auch vom Flüstern der Eltern nicht aus ihren Träumen locken, obgleich alles sich in dem einen Zimmer abspielte, das ihr Zuhause war.

Wenn der Vater sicher war, seine Lebensmittel- und Obstlieferanten würden ihn nicht im Stich lassen, bat er darum, am Bahnhof Ostkreuz abgeholt zu werden. Es war Rudolfs Aufgabe, ihm an solchen Tagen beim Heimtragen der „Beute“ zu helfen. Im Sommer war es harmlos, auf ihn zu warten. Der Zug aus Werder über Westkreuz, Stadtbahn und Ostkreuz nach Hoppegarten oder gar Straußberg fuhr zu später Zeit nur noch alle Stunde. War er mit dem verabredeten Zug nicht gekommen, hieß es, geduldig eine Stunde ausharren, weil es nicht lohnte, nach Hause zu traben, um sich gleich wieder retour auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Also bummelte Rudolf die Sonntagstraße hinunter oder nahm eine der Querstraßen bis zur Boxhagener Straße, schaute immer wieder in die gleichen leeren Schaufenster, las jeden angeschlagenen Zettel oder memorierte in Gedanken Gedichte: „Fritz Kratzfuß war ein siebzehnjähr’ger Junge…“ oder „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?“ Den gleichen Weg wieder zurück, bis der nächste Zug aus Werder oben am Bahnsteig einlief. Bruno kam bepackt wie ein Lastesel die Treppe herunter, und Rudolf lief ihm entgegen und nahm ihm einen Teil der lieblichen Last ab: Mohrrüben, Kartoffeln, Kohl und Äpfel. Diese Wartezeit konnte im Winter jedoch unerträglich lang werden. Im dicksten Schnee durch die Straßen stapfend, den Wollschal um den Hals, den Mützenschirm tief in die Stirn gezogen, Hände in den Taschen, doch die Kälte und die Schneeflocken bissen in die Wangen, die Ohren und die Nase. Es half kein noch so oft wiederholter Blick auf die Armbanduhr, eine Stunde war länger als alle zu erinnernden Verse. Der Frost kroch durch alle Nähte, und der Wartende wurde steifer und steifer. Ein Stoßgebet: „O ihr Götter, laßt ihn im nächsten Zug sein!“

Endlich zu Hause am gerade noch lauwarmen Ofen. Auch Bruno war durchgefroren, weil die S-Bahn oft ungeheizt war. Sie preßten beide den kalten Rücken an die Kacheln und saßen eine Weile schweigend nebeneinander. Mutter und die Brüder schliefen. Rauchen konnte man nicht, aus Rücksicht auf die Schlafenden. Der Vater stellte ein helles Fläschchen auf den Tisch und zwei Gläser: Wodka aus dem Russenhotel. Den ersten kippten sie beide ex: Brrr, tut das gut. Rudolf tränten die Augen, und er beschränkte sich beim zweiten auf kleine, genippte Schlückchen. Bald wurde es von innen wärmer als von außen.

Wenn er den Vater fragte: „Wie war es eigentlich all die Jahre am Eismeer?“, dann wich der Unteroffizier Bruno meist in eine Anekdote aus. Da war die Geschichte mit der Wette um eine Flasche Schnaps. Beim Wetten in langer dunkler Polarnacht ging es immer um Schnaps oder Zigaretten. Oder man pokerte um die angesammelte Löhnung, die man nirgends und für nichts ausgeben konnte. Also die Wette: „Wetten, daß der Bruno einen Karabiner am Lauf zwischen Daumen und Zeigefinger in die Waagerechte drehen kann?“ Man stelle sich den Karabiner vor. Die „Knarre“ ist rund einen Meter Lang. Der Kolben ist das schwerste Teil, das schwere Ende. Der Karabiner steht senkrecht mit dem Kolben am Boden. Man ergreift oben den Lauf an der Kimme mit Daumen und Zeigefinger und dreht den Karabiner um neunzig Grad , bis der Kolben waagerecht frei in der Luft schwebt. Ein Neuzugang ließ sich damit immer verleiten zu wetten: „Des schafft doch ä Stehgeijer im Leewe net“, meinte ein frisch am Polarkreis eingetroffener „blinder Hesse“. „Na, dann hol‘ man schon die volle Pulle raus.“, sagte voller Vorfreude der „Anspitzer“. Der Hesse holte die Schnapsflasche, Bruno den Karabiner. Jeder Laie unterschätzt „vernünftigerweise“ die Fingerkraft eines Geigers. Bruno drückte prompt mit den beiden ersten Fingern seiner linken Hand den Karabiner hoch in die Waagerechte: Zack! Der Hesse war „geplättet“, und die lachenden Kameraden machten sich schadenfroh über die Flasche her.

Besonders gern erzählte Bruno die Geschichte vom Otto. Der Unteroffizier Bruno sollte bei seinem Hauptmann zum „Rapport“ erscheinen. Irgendein Vorfall sollte geklärt werden. Der Hauptmann stellte viele Fragen, und der Unteroffizier redete geschickt um den wahren Sachverhalt herum, weil er zwei Kameraden nicht in die Pfanne hauen wollte. Der Hauptmann war ein „Schreibtischhengst“, ein „Formular-Reiter“ und bei seinen Leuten entsprechend unbeliebt. Wie alle solche Typen brüllte er, wenn er sich machtlos fühlte: „Ich bringe sie alle vor’s Kriegsgericht wegen Aussage- und Befehlsverweigerung!“ Der Unteroffizier Bruno sagte eiskalt und ungerührt: „Herr Hauptmann, mit Verlaub, aber sie sind ein Otto.“ Der Hauptmann, er war auch hierin unbedarft, brüllte erneut: „Unteroffizier…, was ist ein Otto?“ Und Bruno sagte zu seinem Vorgesetzten, ohne mit der Wimper zu zucken, zur klammheimlichen Freude des dabeisitzenden Stabsgefreiten, der das Ganze protokollierte: „Herr Hauptmann, ein Otto ist ein Mann, den man nicht für voll nehmen kann.“ Der Hauptmann wurde erst kreideweiß, dann puterrot und schrie: „Wache!“, und der Unteroffizier bekam zehn Tage Arrest und wurde nie mehr befördert und beim Kriegsverdienstkreuz übergangen.

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