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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 44

7. Februar 2015

– XLIV –

„Drei Mann auf einem Pferd“ war gleich nach Kriegsende ein großer Regieerfolg Boleslaw Barlogs im Steglitzer Schloßpark-Theater. Zu der Zeit war der Vater noch nicht zu Hause. Es war Rudolfs erster selbständiger Theaterbesuch, ja der erste im Leben überhaupt. Die Mutter hatte ihn angeregt: „Mensch, Barlog kennt in Berlin doch jedet Kind. Sollteste hinjehn und dir ansehn. Der macht nur jute Sachen. Der hat doch det Theater schon seit ewig; gleich nach Kriegsbeginn is der dort Intendant jeworden. Wie der da überwintert hat, möchte‘ ick jerne wissen.“ Wie immer es gewesen sein mochte, mit Barlog fing das Theater wie neu an. Für Rudolf und für Berlin.

Jetzt, wo der Vater wieder da war, fiel Rudolf Barlogs Titel sozusagen als Kalauer ein: Fünf Personen in einem Zimmer war nicht gerade eine Erfolgskomödie. Es mußte gehen, doch ehrlich betrachtet: Es ging mehr schlecht als recht. Noch war eine Lösung aber nicht abzusehen. Man hangelte sich weiter, von Tag zu Tag, von Woche zu Woche. Auch Durchwurschteln heißt aber nicht, auf alles verzichten zu müssen. Der neue Vater fühlte sich ja auch für seinen angenommenen Sohn verantwortlich, und so hieß es: „Hier ist eine Karte für die Städtische Oper; man gibt Smetanas Verkaufte Braut. Zieh meinen dunklen Anzug an und dann ab, tu was für deine Bildung.“ Durfte er selber in der Städtischen Oper auch nicht Musik machen, die alten bekannten Kollegen dort hielten zu ihm. Eintrittskarten waren Mangelware. Doch wenn Bruno mit der Mutter an einem freien Abend im Foyer erschien, konnte ruhig ein „Ausverkauft“-Streifen über dem Tagesplakat kleben und eine noch hoffende Schlange an der Kasse stehen, auf Retouren wartend. Bruno gab dem Inspizienten eine Packung Russenzigaretten, und schon saßen sie beide selig im Parkett. Und der Satz: „Ich brauche eine Karte für meinen Großen“ blieb ebenfalls nicht ungehört.

Zum ersten Male in der Oper. Ein unzerstörtes Haus, rotsamtener Friedensluxus, ungewohnt und einschüchternd. Es war kalt draußen, und Rudolf besaß keinen Wintermantel, nur eine getragene Joppe. Von der Mutter bei wer weiß wem beschafft, die mußte er jetzt an der Garderobe mit einem ziemlich beschämenden Gefühl abgeben. Kurze Blicke nach rechts und links zeigten ihm, die Mehrzahl war überraschend gut angezogen, jedenfalls im Vergleich zu ihm. Die Garderobenfrauen jedoch verzogen keine Miene und hängten seine Joppe neben einen pelzgefütterten Paletot. Rudolf war zum Glück früh dran, so brauchte er zu seinem Sitz nicht Spießrutenlaufen durch die Parkettreihe. Doch bis alle Besucher saßen, mußte er noch manches Mal aufstehen und durfte die Kleidung der anderen Leute bewundern. Ausgerechnet neben ihn setzte sich ein offensichtlich reicher Jüngling, kaum fünf Jahre älter als er, neben die Verlobte. Sie redeten nicht, sie „plauderten“, selbstsicher, für Rudolf niederschmetternd. Neidlos anzuerkennen: Das ist Kultur, gelang nur unvollkommen. Jetzt legte der „Junior“ (man sah förmlich seinen „alten Herrn“ als Schatten hinter ihm) auch noch seine linke Hand auf die Lehne, eine manikürte Hand, polierte Fingernägel, keine überstehende Nagelhaut, beachtliche Halbmonde. Rudolf mußte ein paarmal schlucken. Seine eigenen Hände verrieten dagegen deutlich die Schreibmaschinenreparaturwerkstatt, verrieten Öl, Lösemittel, Farbbänder, alles zwar abgewaschen mit Handwaschpaste und Ersatzseife, doch Handarbeitsspuren weichen so schnell nicht. Rudolfs Blick fiel auch noch auf die tadellosen Manschetten am Hemd des Nachbarn, ein Zentimeter aus dem Sakkoärmel heraus vorstehend, und Manschettenknöpfe, für die man in Werneuchen glatt zwei Zentner Kartoffeln bekäme. Die Oper war ihm verleidet vor dem ersten gehörten Ton.

Warum verlieren die einen den Krieg, und die anderen nicht? Unmerklich verblaßten die schönen Leuchter und Kandelaber. Und die Theaterdunkelheit machte gnädig die Anwesenden, die erwartungsvollen Besucher wenigstens äußerlich gleich. Den anzunehmenden und vorauszusetzenden Bildungsvorsprung der meisten Menschen um ihn herum zu akzeptieren machte dagegen die geringste Mühe. Vielleicht war er heute Abend der einzige, der zum ersten Male in einem Opernhause saß. Bruno hatte ihm zu Hause auf der Geige die Motive vorgespielt und den Eindruck akustisch noch unterstützt. Rudolf wußte so wenigstens in den gröbsten Zügen, was ihn als Zuhörer erwartete. Den Operninhalt, die Handlung des Librettos, hatte er im Openführer gelesen, den die Biedermeierdame zur Verfügung gestellt hatte. „Hören sie einfach zu, ganz unbefangen, und entscheiden sie für sich ganz allein, ob es ihnen gefällt, und was ihnen gefällt.“ Für diese Empfehlung war er ihr jetzt dankbar. Er schloß für einen Moment seine Augen und war ganz ruhig und erwartungsvoll.

Das Stimmen der Instrumente im Orchestergraben verstummte. Der Dirigent erschien, die Leute klatschten, bevor das Orchester etwas geboten hatte, (der Name des Dirigenten sagte Rudolf überhaupt nichts). Dann zerplatzte die gespannte Stille wie eine Knospe in der Frühlingssonne mit den berühmten Tönen der Cellis: Domm, dedelideldomm, dedelideldedeldomm.

Als er durch die kalte Winternacht zum Bahnhof Zoo ging, den Joppenkragen hoch, die Hände tief in den Taschen, da hatte er jede empfundene soziale Diskriminierung vergessen. Er summte beglückt vor sich hin: „Ich kenne eine…“ und dachte dabei an seine Bücherfee. Die hatte zwar auch keine Dukaten, aber sie hatte dafür viele kluge Bücher und konnte ohne Angabe noch klüger darüber reden.

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