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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 43

5. Februar 2015

– XLIII –

Eigentlich war Rudolf froh, daß die Krefelder Lockung eine blanke Möglichkeit geblieben war, eine verschmähte Chance. Als der Vater heimkam, steckte Rudolf gerade bis zum Hals in den Vorbereitungen zur Gesellenprüfung. Der Chef der Schreibmaschinenreparaturwerkstatt bezahlte ihm zwar von Anfang an den vollen Gesellenlohn, doch was sollte die Zukunft bringen? Rudolf brauchte ein Prüfungszeugnis. Ein großes Plakat an allen Litfaßsäulen brachte die Chose in Bewegung. „Erste allgemeine Gesellenprüfung der vereinigten Handwerkskammern von Berlin nach dem Kriege“ wurde darauf verkündet. Rudolf fragte bei Telefunken nach, dem eigentlichen Lehrherren. Die Verantwortlichen dort empfahlen: zugreifen, denn die Industrie- und Handelskammer, zuständig für die Lehrlingsausbildung in der Industrie, war offensichtlich noch lange nicht so weit. Und als Externer, der er ja nun einmal geworden war, hätte er vielleicht im konkreten Fall keine Möglichkeit bekommen, zu einer solchen Prüfung zugelassen zu werden. Die Verwaltung in der Maxstraße, der vormalige Meister und die Lehrgesellen, soweit sie dort wieder arbeiteten, versprachen jede mögliche Unterstützung. Die Anmeldung bei der Handwerkskammer ergab: Umgehend einen Satz Zeichnungen vorlegen für das geplante Gesellenstück. Wird das genehmigt, ist eine Werkstatt nachzuweisen, wo das Gesellenstück gefertigt werden soll und kann. Wenn das abgenommen ist, steht der Zulassung zur theoretischen Prüfung nichts mehr im Wege. Juristische Fragen wischten die (als stur verschrieenen) Prüfungsmeister generös vom Tisch. Ob der Lehrvertrag mit Telefunken noch in Kraft war oder nicht, ob die Beschäftigungsfirma zur Ausbildung berechtigt war oder nicht, ob die Berufsschule nach dem Krieg besucht worden war oder nicht, (war nicht der Fall; erst gab es keine Schule, dann war der Werkstattalltag wichtiger), all dies sollte keine Rolle spielen. Zählen sollte nur das Ergebnis. Also: An die Arbeit!

Wie sieht ein Gesellenstück aus? „Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, nur Mut!“ Das gewählte Werkstück muß nur in der vom Probanden selber kalkulierten Zeit – und seine Kalkulation muß von einem Arbeitszeitexperten, einem (verhaßten) „Kalkulator“, gegengerechnet und beglaubigt sein – rechtzeitig fertiggestellt werden. Fremdkontrolle während der angegebenen Zeit ist vorgesehen und unabdingbar. Also: Was macht man, und wo macht man*s?

Das Wo war klar: In unserer „Hauswerkstatt“ in der Frankfurter Allee. Dort ließ der Chef alles fertigen, was wir selber nicht konnten, weil uns die Maschinen oder die Zeit fehlten. Es war eine renommierte Maschinenbaufirma, drei Stockwerke, alles noch in Privathand, keine Reparationsschäden, (der Maschinenpark war vollständig, aber er hatte nicht das Interesse der Besatzer gefunden; oder man hatte ihn in schöner Schlamperei übersehen, oder…, aber Korruption gab es ja im Sozialismus nicht). Rudolf hatte schon oft selber dort gearbeitet, wenn Not am Mann war. Er kannte den Chef und seinen Sohn, (gleiches Alter wie er; in ihrer Freizeit hatten sie begonnen, ein exaktes Dampfmaschinen-Modell zu bauen). Rudolf kannte die Leute dort, und er war dort gut gelitten und vollkommen mit dem Betriebsklima vertraut.

Blieb nur noch die Frage nach dem Was zu beantworten und dann die Prüfungskommission davon zu überzeugen. Tempo war angesagt. Rudolf entschied sich aus dem Stand für eine Morsetaste. Bei der Werk-HJ von Telefunken hatten sie als Übungsstücke welche gebaut. Er sah alle Einzelheiten noch genau vor sich. Noch bei der Anmeldung stimmte der Obermeister zu: „Machen sie das, und machen sie es gut.“ Das wollte er.

Der Teufel steckt bekanntlich im Detail. Bei der Festlegung der Maße und Toleranzen aller Teile, ihrer genauen, funktionsspezifischen Formen, der Auswahl und Zuordnung der Materialien kam er schon ins Schwitzen. Wo sollte er das alles herbekommen? Er brauchte Flachmessing, Silberstahl, eine Isolierplatte für den Grundaufbau, Rundstahl, Rundmessing, Bronze für Rändelschrauben, für Justiermuttern, Federn waren zu wickeln und so weiter. Im Grunde, als Fertigungsproblem, alles durchaus ohne überirdische Komplikationen machbar. Er konnte doch selbst entscheiden, wie alles aussehen sollte. Doch jeder Strich auf dem Papier fragte sofort laut: Woher nehmen und nicht stehlen? Er ging die Stückliste und die Materialaufstellung mit dem Meister in der Frankfurter Allee durch. Die hatten alle Sorten Stahlrohre und kräftiges Stangenmaterial, denn sie hielten den Betrieb mit der Anfertigung von individuell bestelltem Artistengerät in Schwung. Was Rudolf brauchte, war für sie in vielen Punkten „exotisch“. Er ging noch einmal zu Telefunken. Dort half man schließlich mit allem noch Fehlenden aus. Es konnte losgehen.

Die Woche der praktischen Prüfung kam und ging vorüber. Auf dem Tisch stand zu guter letzt eine wunderschöne Morsetaste. Die schwarze Hartgummigrundplatte, angefast und poliert, glänzte protzig: Qualität! Die Messingteile, wohlgeformt, mal poliert, mal mattiert, signalisierten Solidität. Ansonsten war erfüllt der alte Trostspruch der Werkstatthasen: Paßt, wackelt und hat Luft!, soll heißen: Alles war, wie es sein sollte.

Getrixt wurde nur insoweit: Auf einer freien Werkbank wurde ein Musterarbeitsplatz angelegt. Feilen, Meßwerkzeuge, alles an seinem Platz. Alle fertigen Teile lagen dort zur Ansicht. Zum Schluß wurde dort alles montiert. Gearbeitet aber wurde woanders, wo man sich nicht bei jedem Griff in die Karten kucken lassen mußte, abgesehen von der Zeit an den jeweiligen Maschinen. Es hätte also zu jeder Zeit jemand zum Kontrollieren kommen können. War aber alles überflüssig, es kam niemand. Personalmangel!

Die Fertigstellung wurde der Handwerkskammer schriftlich mitgeteilt und von ihr bestätigt mit der Bekanntgabe des Termins für die Prüfung in Theorie. Eine letzte Kraftanstrengung, diesmal mit dem Kopf und dem Gedächtnis: Büffeln, büffeln, büffeln. Zwei Jahre keine Berufsschule. Er hatte nur zwei Lehrbücher: Den Kleiber-Karsten der Deutschen Wehrmacht für die Mechanik und Physik, und das Tabellenbuch von Teubner für das Metallgewerbe. Was werden die fragen? Erläutern Sie die Roheisengewinnung und die Stahlerzeugung; was ist der Unterschied zwischen Baustahl und Werkzeugstahl?; wie unterscheiden sich Messing und Bronze?; was passiert beim Hartlöten?; Erklären Sie Keilwinkel, Freiwinkel, Spanwinkel und Schnittwinkel an Werkzeugschneiden; Wie unterscheiden sich Gleichlauffräsen und Gegenlauffräsen?; wann braucht man beim Gewindeschneiden auf einer Leitspindeldrehbank ein 127er Zahnrad? So lassen sich in jeden Bauch die schönsten Löcher Fragen.

Wie hatte es bei der Anmeldung geheißen? Nur das Ergebnis zählt. Das Ergebnis lautete: praktisch „gut“, theoretisch „befriedigend“. Die fehlende Berufsschule hatte sich nur knapp im Selbststudium kompensieren lassen. Dennoch: Alle Beteiligten waren es zufrieden. Der approbierte Feinmechanikergeselle Rudolf Anders ging mit sich und der Welt zufrieden nach Hause. Mutter kochte – nur für ihn, (die anderen grauste es davor) – sein Lieblingsgericht: Milchreis! Woher sie den Reis hatte, ist nicht überliefert.

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