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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 42

3. Februar 2015

– XLII –

„Na, schnieke siehste aus“, befand die Mutter und ging, soweit dies in der engen Stube möglich war, um den geigerschwarz gekleideten Herrn herum, ihn zu begutachten. Der Herr war Bruno, ihr „Göttergatte“, der sich heute vorstellen sollte bei Professor Dünnschede in Westberlin. Genauer: Er sollte vorspielen. Es ging um eine Anstellung in der Städtischen Oper.

Schnieke ist doppelt so schnafte wie dufte, heißt es in Berlin; (wie, nicht als), und Bruno meinte: „Dann ist ja alles knorke“. „Hoffentlich“, seufzte die Mutter und „Toi, toi, toi“ spuckte sie ihm symbolisch über seine Schulter.

Selbstverständlich wollte der Vater so bald als möglich wieder arbeiten, wieder Musik machen. Die Erfolge in Frankreich, im Gefangenenlager, hatten ihn optimistisch gemacht. Zwei Revuen, Operettenquerschnitte, hatten sie unter beschränkten Verhältnissen auf die Bretter gebracht, Instrumente beschafft, Kostüme genäht und viel Mut und viel Freude verbreitet. Der „Erzfeind“ gar war am Ende begeistert. Der Kulturbeauftragte des Lagerkommandanten, ein Presseoffizier aus dem Elsaß, gestattete eine Sammlung unter den Gefangenen, woran sich dann auch die Franzosen selbst beteiligten. Es kamen dreitausend Franc zusammen. Der Presseoffizier fuhr mit Bruno nach Marseille, dort kauften sie die Geige. Diese herrliche „blonde“ Geige, (Bruno nannte sie so wegen ihrer außergewöhnlich hellen Färbung), sollte nun das Mittel sein, die Familie auch künftig zu ernähren.

Der schwarze Anzug zum Vorspieltermin bestand aus der gefärbten Khakihose, mit der bekleidet der Vater so unerwartet erschienen war, das Sakko war ein passend gemachtes Erbstück vom reichen Onkel eins. Das weiße Hemd war der Ideenwelt des Potemkin entlehnt: Vorne weiß, hinten gestreift, getreu der Zeitmaxime „aus Zwei mach Eins“. Die schwarze Fliege war ein Geschenk des als unbelehrbarer Nazi verschrieenen Lehrers, mit dem man nun schon ein Jahr friedlich/schiedlich zusammenwohnte. Der Gipfel waren die schwarzen Lackschuhe. Sie gehörten vormals auch dem Lehrer, doch der kränkte sich, als seine zierliche Frau mannhaft entschied: „Die bekommt der junge Mann, wir kommen doch nie wieder ins Theater.“

Solcherart gerüstet ging der heimgekehrte „Stehgeiger“, (so nannte man den Geiger, der vor seiner Tanzkapelle stand), zum Vorspielen und reüssierte. Tagelang zuvor hatte er die linke Hand über das Griffbrett der Geige gejagt, seine Muskeln, Sehnen und Nerven an all das erinnernd, was er einmal im Stern’schen Konservatorium gelernt und als freier Musiker, als Chef einer großen Kapelle in großen Stummfilmtheatern, jahrelang im Treptower Paradiesgarten und dann als Konzertmeister der Bühnenmusik im Metropoltheater ausgeübt hatte. Dann hatte er seinen langjährigen Freund und Saufkumpan, den Ortsgruppenleiter der NSDAP, in dessen eigenem Büro ein „Riesenarschloch“ genannt und wurde postwendend eingezogen. Das war vierzig, ein Jahr nach Kriegsbeginn. Vielleicht hat ihm dieser Kerl damit im Grunde das Leben gerettet, denn am Eismeer war die Luft zwar sehr kalt, aber nicht allzu eisenhaltig.

Seine erste Geige bekam Bruno mit vier Jahren, eine „Viertelgeige“. Wenn die Mutter das erzählte, hatte Rudolf stets große Mühe, sich vorzustellen, wie ein Kind einem viergeteilten Instrument ganze Töne entlocken könne. Bruno bekam auch Klavierunterricht. Er wagte sich mit der Zeit an alle Instrumente. In der Musikalienhandlung von Onkel eins (dem Reichen), hatte er die große Auswahl. Der reiche Onkel wollte immer alles bezahlen, doch Brunos Vater, ein selbstbewußter Drehermeister bei Kärger in der Krautstraße, (nicht standesgemäß aus der Sicht der Musikerfamilie M.), sagte immer trocken: „Wir brauchen det Jeld nich. Wenn der Junge Talent hat, soll er kriegen, wat er braucht; punktum.“ Und dabei blieb es.

Rudolf war als Kind einmal in der Wohnung des Drehermeisters in der Krautstraße, nicht weit von der Fabrik Kärger, zu der dieser Großvater nur schräg über die Straße zu gehen hatte. In der Wohnung residierte seine voluminöse Frau, eine „Madam“. Alles war picobello, Möbel, Teppiche, Deckchen, Porzellan, die gnädige Frau aus dem berliner (fast)Westen hatte zum Entsetzen ihrer (ein wenig arroganten) Familie in jugendlichem Leichtsinn den schmucken Drehermeister geheiratet, den sie – einmal wild schwofend – auf einem Ball in der Hasenheide kennengelernt hatte. Im Wohnzimmer gab es eine zweistufige Empore mit taillenhoher Säulenbalustrade, hier stand Brunos Flügel, und auf dem Flügel, auf einer Samtdecke, lag seine Geige. Man begriff sofort: Der große stattliche Bruno und dieses Bild aus der Welt der Kunst hatten die Mutter Herta betört.

Sechsunddreißig, im Jubeljahr der Olympiade, die Mutter hatte sich gerade von den üblen Folgen einer Abtreibung erholt (zwei Liter Eiter abgesaugt mit Drainage aus beiden Oberschenkeln; sie war eigentlich schon fast tot gewesen. Der Professor im Krankenhaus Friedrichshain soll gesagt haben: „Mensch Meechen, wie haste det bloß jeschafft?“), da strebte Bruno nach geregelter Arbeitszeit, damit er sich mehr um seine geschwächte Frau kümmern konnte. Er gab die Kapelle im Paradiesgarten auf und nahm das Angebot der Firma Bote & Bock in der Leipziger Straße an, Berlins größter Musikalienhandlung, und verkaufte fortan Instrumente, Noten und Beethovenbüsten. Für welches Instrument auch immer ein Kunde sich interessierte, der Vater nahm es liebevoll und professionell in die Hände und spielte es an. Suchte jemand Noten und meinte: „Wie heißt das Stück, es geht so…“ und trällerte fünf Töne im Duktus seiner Klangerinnerung, Bruno zog die dazugehörigen Noten aus dem Regal oder aus einem der vielen Schubkästen. Zu dieser Zeit in den dreißiger Jahren hatte er auch Professor Dünnschede kennengelernt. Doch dann kam Rudi Godden, der Operettengott des Metropoltheaters in die riesige Ladenanlage. Bruno bediente ihn, sie fachsimpelten, (Bruno bat ihm um ein Autogramm, und Godden schenkte ihm zwei Karten für die gerade glanzvoll laufende „Maske in Blau“ mit der Bemerkung: „Für sie und ihre werte Gattin“), und der schöne Rudi, der Frauenschwarm, erklärte: „Mensch, sie versauern doch hier, bei aller Nützlichkeit ihrer Arbeit; das Metropol braucht einen Konzertmeister für die Bühnenmusik; bewerben sie sich!“ Das wurde tatsächlich Wirklichkeit, und Hertas Held stand, selber in Maske, auf der berühmten Bühne und ließ zu Goddens Anerkennung die Saiten klingen. Duplizität der Ereignisse: Godden verärgerte Goebbels und mußte Soldat werden, (er fiel bald darauf an der Ostfront), und Bruno reiste aus vergleichbarem Anlaß auf Staatskosten nach Nordnorwegen, auch in der Uniform des Todes, dem er aber gottlob nicht begegnete.

Nun also sollte er wieder von vorn beginnen, vorspielen, üben, üben, üben, damit er sich in das Orchester einreihen durfte. Dünnschede war mit ihm zufrieden. Er versprach ihm sogar kostenlose Privatstunden zur Auffrischung seiner Konzertfähigkeit. Es wären da nur zwei kleine Formalitäten zu erledigen: Einzuholen wäre die Zustimmung des Orchester(Betriebs)Rates der Städtischen Oper und die Zustimmung der Musikerbörse in Ostberlin. Zu Hause wurde schon gefeiert, leider zu früh. Die Zustimmung der Westberliner erübrigte sich, weil der Professor Dünnschede über die Hürden der Entnazifizierung stolperte. Und auf der Musikerbörse im Osten sagte ihm ein ehemaliger Kollege, der einstmals bei ihm in der Kapelle des Paradiesgartens mitgeschleppt worden war, (nach dreiunddreißig, und obwohl er Kommunist war), „Lieber Bruno, solange wir hier sitzen und was zu sagen haben, bekommst du in der Branche kein Bein mehr auf den Boden!“ Der Mann hatte Macht und schickte den ehemaligen Chef, den Stehgeiger und Kapellmeister mit den schlanken Händen, weil er SA-Mann gewesen war, und weil der histerische Antifaschismus die Selbstbeweihräucherungsmaxime des Kunststaates von Moskaus Gnaden war, zum Berliner Schloß zum Steineklopfen. Die Franzosen in Südfrankreich hatten akzeptiert, das Musikerhände besser Geige und Bogen halten statt eine Spitzhacke. Die Herren Kommunisten wollten Rache. Bruno akzeptierte und ging wortlos zum Schloß, wo die russische Militärverwaltung noch schwankte: Abreißen oder wieder Aufbauen. Der dortige Polier meinte nach vierzehn Tagen: „Für’n Musiker tuste hier jut anpacken, alle Achtung. Aber wennde hier Ehrjeiz entwickelst, denn würste nie wieder Musike machen könn‘“ und setzte ihn in die Schreibbaracke zum Abrechnen der Stundenzettel.

Die Jungen zu Hause flüsterten untereinander: „Wären wir doch bloß nach Krefeld rübergemacht.“ Die Mutter schwieg und machte das ihre. Der Vater ging von Montag bis Freitag pünktlich auf die Schloßbaustelle, kam aber nicht immer pünktlich nach Hause. Er „horchte herum“, zum Beispiel in der Künstlerkneipe von Franz Diener, S-Bahn-Bogen nahe Bahnhof Zoo. Dort traf er Will Glahé, den Akkordeonvirtuosen, der dem kleinen Rudolf einmal Akkordeonunterricht erteilen wollte, was den erschreckte und ängstlich und Menschenscheu neinsagen ließ. Glahé mußte aber zu dieser Zeit sich selber noch durchlavieren. Die Wende kam, als dem Bruno beim Diener der Peter Müller über den Weg lief. Der sollte das RBT-Orchester auf die Beine stellen, das neue Tanzorchester des neuen Berliner Rundfunks, (was er bekanntlich mit großem Erfolg auch tat). Peter Müller suchte dringend einen Nachfolger für seine klassische Achtzehnmannkapelle. Der Haken: Die Kapelle spielte in Werder, einem wegen seiner Baumblüte bei den Berlinern beliebten Ausflugsort in Brandenburg, noch hinter Potsdam, aber mit der S-Bahn zu erreichen. Von Ostkreuz allerdings fast eine „Tagesreise“. Und vor allem: Diese Kapelle spielte in einem requirierten Hotel für russische Offiziere und ihre Damen. Bruno sagte sofort zu, trotz des irrsinnig langen Anfahrtweges. Gespielt werden mußte Mittwochabend, sonnabends und sonntags von Nachmittag bis in die halbe Nacht. Peter Müller hatte gelockt: „Bruno, die Chance; gute Bezahlung, gutes Essen, jede Menge Fressalien, Wodka und Papyrossi.“ Die Zigaretten gaben den letzten Ausschlag. Es war nun alles andere als der Goldene Westen, doch es erwies sich tatsächlich alsbald als der goldene Osten. Kein Hunger mehr, Mama bekam genug zu rauchen, und der Wodka floß in Strömen, (Sto-Gram gleich Riesengläser, und dann „Ex“ Briederchen!). Die Mutter fuhr am Samstagen manchmal mit, doch das sahen die russischen Matkas aus zwei Gründen nicht gern: Erstens wollten sie ihren großen, schlanken und so stark aussehenden Bruno für sich allein, und zweitens poussierten ihre Ehemänner zu gern und zu aufdringlich mit der brünetten Frau des Kapellmeisters. Mutter, die Klügere, gab nach und blieb meistens daheim. Nun war alles wieder wie in alten Zeiten des Paradiesgartens.

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