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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 41

2. Februar 2015

– XLI –

Der Winter ging vorbei, milde durch seine Kürze. Es hätte schlimmer kommen können. Die drei Jungs mit ihrer Mutter haben gefroren, erfrieren brauchten sie nicht. Sie hatten oft Hunger, verhungert sind sie nicht. „Schlank ist gesund“ war Hertas Aufmunterungsparole. Die Mutter war immer „auf Achse“, immer bemüht, „Fressalien“ herbeizuschaffen. Ihre bitterste Stunde schlug, als sie am Alex auf dem Schwarzmarkt für zwei Dreipfundbrote ihren Ehering hergeben mußte. Die Jungen haben die erste Scheibe davon mit Heißhunger verdrückt. Hunger kennt keine Scham. Das „dicke Ende“ für Herta hierzu kam erst, als Bruno, ihr Mann, aus der französischen Gefangenschaft nach Hause kam, Herbst sechsundvierzig: Er hatte seinen Trauring durch sämtliche „Filz“-Stationen auf dem Wege von Norwegen über Bremerhafen nach Südfrankreich hindurchgeschmuggelt, „nackt“, wie er ausdrücklich betonte, sein völliges Unverständnis für die Entscheidung seiner Frau damit bekräftigend. Die vier Heimathelden standen stumm, ziemlich sicher, sie würden es ihm nie verzeihen, daß er in diesem Punkt, bei aller sonstigen Gelassenheit, die ihm beim Warten in der Polarnacht zugewachsen war, nicht über seinen Schatten springen konnte. Auch die größte Freude ist zu trüben.

Obwohl inzwischen – seit seiner ersten Postkarte über die internationalen Rote-Kreuz-Etappen – noch einmal eine Karte gekommen war, wieder nur ein blankes Lebenszeichen ohne weitere Informationen, ohne Adresse, an die man hätte antworten können, machte sich niemand Hoffnungen auf eine baldige Heimkehr.

Die Überlebensbilanz der Familie(n) im Ganzen war nicht erfreulich. Großvater Anders überlebte den Einmarschstreß nicht, von seinen vier Söhnen lebte nur noch einer: Karl, der Älteste; Erich, den man mit der Eisenbahnflak quer durch Deutschland gehetzt hatte, den Luftangriffen immer voraus- oder hinterhereilend, war vermißt; Walter war als Edelnazi im Trotz der Aussichtslosigkeit mit seiner braunen Feiertagsuniform ins Chaos des Alexanderplatzes gelaufen, die Dienstpistole in der Faust, Schicksal unbekannt; Kurt, der Jüngste, hatte seinem Leben rechtzeitig ein Ende bewirkt. Beide Töchter, Anna und Herta, waren durchgekommen. Anna verlor einen Sohn und den Schwiegersohn, Ernas Mann.

Brunos Familie war nicht besser dran. Eltern und Schwester lebten, der Mann der Schwester Gefallen, das Baby an Ruhr in den ersten Tagen nach Kriegsende gestorben. Drei Geschwister von Brunos Mutter (Rudolfs „dritter“ Oma) mit ihren Ehepartnern nicht mehr am Leben: Onkel eins, der „Reiche“, Inhaber eines großen Musikaliengeschäftes (er fertigte den Goldenen Taktstock für Paul linke im Auftrage Goebbels), beging zusammen mit der Frau Selbstmord aus Verzweiflung, weil der einzige Sohn kurz vor Kriegsschluß fällt; Onkel zwei, der „General“, Offizier im Generalstab, steht nach dem 20. Juli alle Verhöre durch, wird rehabilitiert, zündet beim Einmarsch „der Bolschewiken“ sein Haus in Schmargendorf an, erschießt seine Frau, (sie bleibt am Leben und springt vom Balkon), und dann sich selbst; Onkel drei, der Musiker, ein bekannter und geschätzter Cellist, kinderlos verheiratet, wird zuletzt gesehen mit seiner Frau bei einem Lokal am Müggelsee. Der Wirt, der beide seit langem kannte, hat berichtet: „Man hörte schon die russische Artillerie. Die beiden hatten Steine in ihren Rucksäcken. Man konnte sie nicht umstimmen.“

Rudolfs Vater, dessen Alimente bis zum Ende des sechzehnten Lebensjahres stets pünktlich eingegangen waren, hatte von sich selber nichts mehr hören lassen. Rudolf hatte ihn im Sommer achtunddreißig, während der letzten Schulferien, die er in Mahlsdorf verbrachte, im Hause der Oma Wenzel, (Großmutter Nummer zwei), zum letzten Mal gesehen. Es war der Sommer, wo der Vater ihm das Radfahren beibrachte. Als Rudolf ihn zu Pfingsten vierzig in der Großen Frankfurter Allee Nummer zwei, bei der Einmündung der Boxhagener Straße, aufsuchen wollte, weil er ihm voller Stolz sein nagelneues eigenes Fahrrad vorführen wollte, mußte er enttäuscht wieder heimradeln. Der Hausmeister wußte nur: „Die sind weggezogen, nach Berlin W.“ Das schmerzte. Hätte er es ihm nicht wenigstens mitteilen können? Es hieß auch, er sei geschieden und wieder verheiratet. In Mahlsdorf hätte man es erfahren können, doch aufdrängen wollte man sich auch nicht. So war auch dies ein Fall von „vermißt“.

Mitte September sechsundvierzig, Rudolf war, mit sich zufrieden, von der Teestunde mit der Biedermeierdame nach Hause gekommen, Seine Bücherfee hatte luftleichten Mozart gespielt, der die Seele zum fliegen brachte, und sie hatte beim Aufwiedersehensagen spaßhaft streng gefragt: „Rilke hatten wir noch nicht, oder?“ Worauf wollte sie hinaus? Ein strenges, schwieriges Gedicht hatte sie ihm einmal vorgelesen: „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?…“. Als ihm davon der Atem stockte, hatte sie den „Panther“ vor seinen Gitterstäben hin und her schleichen lassen, hatte ihn, den lauschenden Rudolf, dann in den „Jardin Luxembourg“ entführt, das kleine Karussel sich drehen lassen, bis er wieder lächelte, weil „ab und zu ein kleiner weißer Elefphant“ vorbeischwebte. Er fragte zögernd: „Gedichte?“, und die Herrin der Bücherschätze vielversprechend: „Rilke hat auch einen schönen, einen interessanten Roman geschrieben, die >Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge<, ich hätte da eine Prachtausgabe…“ Sie gab ihm ein beeindruckend gebundenes Buch, offenbar ein Privateinband der reichen verstorbenen Freundin. Dieses Buch lag nun im Zimmer auf dem Tisch, einen
bemerkenswerten Sonntag versprechend, und Rudolf lehnte im offenen Fenster und sonnte sich im wahrsten Sinne des Wortes in erwartungsvoller Vorfreude.

Seine Mutter schaute neben ihm ebenfalls in die Sonne. Beide schwiegen in schönstem Einvernehmen. Ein Blick nach unten, vom dritten Stock herunter auf den Bürgersteig, der sonnabendlich verlassen im Sonnenglast lag, elektrisierte ihn; er schaute ungläubig lieber noch einmal hin: ER war es!, und stupste seine Mutter an: „Dort unten kommt der Papa!“ Die Mutter zuckte zusammen: „Quatsch, das gibt’s doch gar nicht.“ Sie schaute selber und bestätigte mit flatternder Stimme: „Du hast recht, det isser!“ Dort kam er wirklich. Ein großer Mann, senkrecht, aufrecht, unverkennbar: Der Segler, der Boxer, der SA-Mann, der Musiker Bruno aus der Krautstaße. Khakihose, kurze Khakijacke, ein passendes Käppi, er sah aus wie ein Ami (dabei mußten es doch französische Klamotten sein). In der rechten Hand eine leinene Militäraktentasche aus dicken, derben Gewebe mit Lederbiesen, und unter dem linken Arm – es konnte nur eine Fata Morgana sein – trug er wie selbstverständlich und „wie in alten Zeiten“: Einen Geigenkasten!

Die Mutter schaute weiter versteinert aus dem Fenster. Rudolf war die drei Treppen so schnell unten wie nie zuvor. Als er die schmale Haustür aufriß, stand er vor ihm: Braun gebrannt, Geheimratsecken, doch schöne schwarze Haare. Ein Bild von einem Mann. „Papa!“

Nie zuvor hatte er diesen „Onkel Bruno“ Papa genannt. Aber er hatte es ja schriftlich, in Sütterlin, gestochen klar wie ein Notenblatt in Stahlstichtechnik. Ein Brief von ihm vom Eismeer an Rudolf im Reichsarbeitsdienstlager in Husum: „Ich will dich als meinen Sohn ansehen wie meine beiden anderen Söhne!“ (Dieses Wort wurde über zwanzig Jahre gehalten).

„Mein Junge!“. Rudolf nahm ihm Tasche und Geigenkasten ab. Einen Moment lang dachte er, vielleicht ist da Verpflegung drin… Doch der Vater, (ein neues Gefühl), meinte hinweisend: „Sei vorsichtig!, die Geige hat dreitausend Franc gekostet.“ Und als Rudolf ihn ungläubig anschaute, setzte er hinzu: „Die Kameraden und die Franzosen haben gesammelt. Ich habe zwei Revuen organisiert und arrangiert.“ Vor gut einem halben Jahr hatten sie noch gefürchtet, er könnte tot sein. Doch mit einer Geige in der Hand kommt man auch durch „Feindesland“.

Die Eltern fielen sich vor der Wohnungtür in die Arme: „Na Muschke“, sagte er, sie sagte nichts. Rudolf ließ die beiden allein, brachte Tasche und Geigenkasten ins Zimmer und machte sich sogleich auf den Weg, die Brüder zu holen. Wo er sie finden würde, war ziemlich sicher: Den großen um die Ecke beim „Meiki“, seinem Schulkumpel, dem „Brötchenkönig“ vom Alexanderplatz, (der beherrschte trotz oder wegen seiner Jugend dort den schwarzen Markt des illegalen Brötchenhandels; wie er das machte, wußte keiner; es klappte halt), und der „Kleine“ würde am Traveplatz im Kreise seiner gleichaltrigen Bewunderer stehen, Marlene nachmachen und hinreißend singen: „Ich bin von Kopf bis Fuß…“. So war es.

Es wurde ein unvergeßlicher Abend. In der Leinwandtasche waren unermeßliche Schätze, (nicht aus Frankreich, aus Krefeld; wir kommen gleich dazu). Eine Flasche Rotwein, Butter und Käse, eine Büchse Thunfisch, Schokolade, Kaffee, Tee und – ZIGARETTEN! Die Mutter weinte und weinte, (wovor hatte sie Angst?). Sie lief aber geschäftig hin und her, das Lehrerehepaar wurde eingeladen, auch der nachbarliche Drucker, Brunos alter Skatgenosse, war mit seiner Frau dabei, es war arg eng, aber menschlich warm. Es wurde geschlemmt und geredet, geredet, geredet,… bis in die späte Nacht.

Nicht erst die Nacht brachte sie alle auf den Boden der irdischen Realität zurück: Das Schlafplatzproblem! Die Wirklichkeit hatte sie wieder.

Das alte Lehrerehepaar hatte sich bald höflich zurückgezogen, der Drucker mit Ehefrau ebenfalls, und die Familie schlitterte sachte in den ersten Streit, mehr in eine fundamentale Meinungsverschiedenheit.

Alle Anwesenden, außer dem neugewonnenen Vater, waren im tiefsten Innern der unerschütterlichen Ansicht: Das Paradies liegt im Westen. Man müßte nur hinkommen. Erzählt doch der Vater, er habe einem kranken Kameraden im Lager, einem jungen Burschen knapp über zwanzig, regelmäßig Verpflegung ins Lazarett gebracht; (der „prominente“ Musiker konnte in der Küche nach freier Wahl „abstauben“). Der Junge wird wieder gesund, weicht nicht mehr von Brunos Seite und gibt ihm, als der entlassen wird, (seinerseits „wegen Krankheit“, denn der so übergesund aussehende Musiker hat Tuberkulose), einen Brief mit an die Eltern in Krefeld. Bruno läßt sich nach Krefeld entlassen und wird in Krefeld aufgenommen wie ein Verwandter, denn in dem Brief stand: Liebe Eltern, dieser Mann Bruno hat mir das Leben gerettet. Der Gastgeber ist Stadtrat in Krefeld, zuständig für Kultur. Er verspricht eine Wohnung und eine Anstellung im Krefelder Stadttheater: „Holen sie ihre Familie und kommen sie so bald als möglich wieder zurück.“ Jeder kneift sich, ob er nicht träume. Die Jungs fangen in Gedanken schon an zu packen. Rudolf denkt: Ach du meine Güte, und wie kommen wir über die Elbe? Er denkt an seinen Schutzengel. Der würde sagen: „Kommt Zeit, kommt Rat“. Da verkündet der Vater fest entschlossen, er ist eben nicht nur Musiker, Segler und Boxer, er ist auch – auf seine „edle“ und natürlich vollkommen unreflektierte und unbelehrbare Weise – immer noch SA-Mann: „Laßt uns hierbleiben. Hier sind wir geboren, (Mutter: „Ick nich; ick bin aus Magdeburg). Hier werden wir gebraucht. Es kann doch nicht jeder aus Berlin abhauen. Und im übrigen habe ich mit den neuen Herrschaften hier noch ein Hühnchen zu rupfen.“

Die Mutter schweigt zunächst. Die beiden großen Jungs fassen sich an den Kopf. Der kleinste sagt keck und vorlaut: „Det is doch irre! Wat soll’n wa denn hier bei die Roten?“ Die Mutter sagt schnell zu ihm: „Du hältst die Klappe!“ und zu allen in der Runde: „Laßt uns schlafen gehen und morgen darüber reden.“

Es blieb dabei: Wir blieben.

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