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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 40

1. Februar 2015

– XL –

Nun sei von Krieg und Not für heut‘ genug berichtet, erklärte freundlich fest die angenehme Biedermeierfee, so daß der artige Chronist geflissentlich den Schnabel hielt, sich promt erhob und – sich verbeugend – zu der Dame sprach: „Gewiß, Madam, ich sollte mich entfernen. Auch wär‘ es Zeit, zu Hause Holz zu hacken. Doch sollten Sie die Güte haben, mir einen Herzenswunsch noch zu erfüllen: Sie setzten flugs sich an’s Spinett, um mit den schlanken Bücherhexenhänden dem selt’nen Gast mit überirdischer Musik, sei’s Bach, der Strenge, oder Mozart gar, das sehnsuchtsvolle Knabenherze zu erfreuen.

Schon lachte sie, so herzlich, wie in seiner kleinen Welt nur diese Frau zu lachen verstand. Sie liebte es, wenn er so altmodisch und theaterhaft affektiert zu ihr sprach. Er tat es vor allem immer dann, wenn er sie zum Musizieren überreden wollte. Schon als er zum allerersten Male ihr geschmackvolles Biedermeierreich betrat, das Wandspinett entdeckte und begeistert bat, dem schönen Instrument doch „bitte, bitte“ ein „lieblich Klanggebilde zu entlocken“, da hatte sie, die sich bis dahin stets hinter geschäftsbedingter Förmlichkeit verborgen hielt, auf gleiche Weise aus vollem Herzen gelacht und gemeint: „Dieses kostbare Stück ist mir mit all den vielen Büchern hier und draußen im Laden sozusagen als Legat zugefallen. Bis heute habe ich nicht gewagt, – dem schmerzlichen Angedenken an meine so traurig umgekommene Freundin halber -, die Tasten dieses Instruments nur zu berühren, geschweige denn, auf ihm zu spielen. Doch meiner Kunden Leseeifer und vor allem der Ihre zeigen mir ja täglich, daß die Misere unseres selbstverschuldeten Nachkriegselend besiegt werden muß und besiegt werden kann. Setzen Sie Sich, bitte, ich hole die Noten, die bis jetzt drüben in der Kammer verschlossen waren.“

So viel auf einmal hatte sie zum ihm noch nie gesprochen. Er setzte sich, und sie ging hinaus, über den Flur, um Noten auszuwählen. Dies war der wahre Beginn ihrer Freundschaft und Vertrautheit. Als sie wieder ins Zimmer trat, hatte sie nicht, wie er vermeinte, einen dicken Stoß Noten mitgebracht, sondern nur ein vielleicht daumendickes gebundenes Heft im Querformat, darauf stand groß in goldenen Prägelettern: J.B. Bach, und klein darunter: Inventiones und Sinfonias.

Aus dem Geheimfach des Damensekretärs am Fenster holte sie den zierlichen Bronzeschlüssel und öffnete damit den tatsächlich verschlossen gewesenen Deckel des Spinetts. Seltsam, die Tasten waren schwarz, dazu die weißen für die Halbtöne. Dieses unerwartete Faktum schlug ihm fast auf den Magen und wollte an seiner gehobenen Stimmung knabbern. Sie spürte es wie ein Seismograph sofort, schaute von seinem Gesicht, seinem verdutzten Blick folgend, auf die Tasten und sagte mit eleganter Bestimmtheit: „Davon lassen wir beide uns jetzt die gute Laune nicht beeinträchtigen. Ich bitte Sie, mir da zuzustimmen, mein Freund.“ Er lächelte erleichtert. Das Geheimfach im Sekretär hatte sie ihm mit solch mädchenhafter Begeisterung gezeigt, daß er wirklich froh war, wie sie selber auch bemüht war, die Harmonie dieser Stunde nicht anzutasten. Er erzählte ihr von dem Geheimfach in seinem grünen Schatzkästchen, das die große kleine Clara Zetkin der Marie Anders direkt aus Moskau mitgebracht hatte und von amerikanischen Bomben in den Himmel der Erinnerungen geschleudert worden war.

„Schwarze Tasten waren damals durchaus üblich“, erklärte sie ihm, „denn Elfenbein war zwar auch teuer, doch echtes schwarzes Ebenholz galt im Biedermeier als vornehmer. Die Familie meiner verstorbenen Freundin war zwar ziemlich begütert, doch im Biedermeier waren die Leute bei allem Kunstwillen auch sparsam. Diese Tasten hier werden wohl nur aus gebeiztem Buchsbaum oder Eibenholz sein.“

Sie setzte sich ans Instrument und er in seinen Sessel. Einen seelentiefen Moment lang lagen ihre schmalen Zeichnerinnenhände, die zu den Stichen der Sybille Merian an der Wand zwischen den drei Bücherregalen paßten, andächtig, wie beschwörend, auf den vermeintlichen Trauertasten, dann hüpften gleichsam die wasserhellen und quellenklaren Tonfolgen wie lebendige kleine Springfrösche aus dem intarsienverzierten Kasten. Man glaubte fast zu sehen, wie die eingesetzten Gänsekielspitzen die Saiten zwickten. Bach mit dem Spinett – vollen Klavierklang hätte das winzige Zimmerchen kaum fassen können – das löschte die Zeit aus. Er schaute verzaubert auf ihr locker gestecktes Haar mit dem resolut abschließenden flachen Knoten am Hinterkopf, auf die kecken „verlorenen“ Korkenzieherlöckchen an der Seite und auf ihrem schmalen Rücken. Du träumst, sagte er sich, diese Musik ist auch Leipzig, der Thomaskantor jedoch ist auf andere, auf herzerweiternde Weise streng, sogar strenger noch als die fünfundvierziger Feldgendarmen. Doch er will niemanden einsperren. Er macht die Seele frei.

Als sie nach zwei, drei Stücken geendet hatte, drehte sie sich auf ihrem kleinen Hocker herum und schaute ihn an. Zu klatschen wagte er nicht. Seine feuchten Augen ließen sich beherrschen. So sagte er möglichst leichthin: „Wenn ich recht artig bin, machen Sie das dann öfter?“ Gottseidank, sie lachte fröhlich und lenkte ein wenig ab: „Es ging noch besser, als ich dachte.“ Und sie fügte nach kleiner Pause hinzu: „Wenn Sie weiter fleißig lesen und lernen, dann gibt es als Nachspeise auch immer mal wieder Bach, oder Telemann, oder Vivaldi, oder einfachen Mozart, soweit das Spinett und meine Finger ihn hergeben. Sie müssen nur meine Patzer ertragen und tolerieren; ich bin doch keine Virtuosin.“

Er bedankte sich (und widerstand der Versuchung, ihre Hände zu küssen) und ging beschwingt nach Hause.

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