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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 39

22. Januar 2015

– XXXIX –

An einem Samstag, er kam kurz vor Ladenschluß – mit Absicht – und, weil sie nicht allein im Laden war, hatte er, bemüht um große Freundlichkeit, nur kurz „Guten Tag“ gesagt und sich dann an einem „leichten“ Regal suchend und stöbernd, aber vor allem schweigend zu schaffen gemacht. Er bedurfte des Trostes, weil die gestrige Hamsterfahrt, die er allein und hoffnungsvoll angetreten hatte, ein vollkommenes Desaster geworden war. Die märkischen Bauern hatten ihn alle abblitzen lassen. Nicht eine einzige Kartoffel hatte er nach Hause gebracht. Zu tauschen besaß er nichts, und Geld als Gegenwert hatten alle schnöde zurückgewiesen. Auch keine der drallen Bauersfrauen hatte sich durch sein erniedrigendes „Betteln“ erweichen lassen. Ein paar Hände voll halbreifer Äpfel hatte er gerade noch klauen können, dann galt es, den einzigen Zug zurück nach Berlin zu erreichen. Während der üblichen Zitterfahrt auf dem Trittbrett, berieselt vom lauwarmen Kohlengruß, den die Lok über Gerechte und Ungerechte rieseln ließ, hatte er nur den einen Gedanken: „Was wird die Mutter sagen?“ Er hatte das Fahrgeld verbraucht und … „Neese!“ Die Mutter schlug die Hände über’m Kopf zusammen und sagte nur: „Auch das noch!“, und dies war schlimmer als ein Donnerwetter.

Das Donnerwetter kam vom Himmel. Die letzte Kundin hatte den Laden verlassen, als es von einer Sekunde auf die andere blitzte und krachte und der prasselnde Regen alle Betrübnisse der Welt ersäufen zu wollen schien. Es war ihm beim Suchen nicht gelungen, sich zwischen Ringelnatz, Eugen Roth und Christian Morgenstern zu entscheiden. So schaute er durch die Scheibe gen Himmel und dankte dem donnernden Gott für die jetzt überflüssige Erklärung, als der Biedermeierengel konstatierte: „Gehen können sie jetzt aber nicht, sie würden doch pitschnaß. Das Suchen können sie für heute auch einstellen, denn ausnahmsweise hab‘ ich ihnen schon mal etwas herausgelegt. Gehen sie nur nach hinten und schauen sie selber. Ich mache uns inzwischen den Tee.“ Er war gerettet.

Er ging ins Biedermeierzimmerchen, sie in Richtung Küche. Dabei sagte sie nebenbei so leichthin über ihre Schulter: „Sie scheinen bedrückt, ist was passiert?“ „Nein-nein, es ist alles in Ordnung“, doch darüber lächelte sie nur und meinte wie eine besorgte Amme: „Spucken sie’s nur aus.“, und im Küchentürrahmen stehend berichtete er ihr von seinem Versagen beim Hamstern. Sie hörte sich’s an, hantierte routiniert zwischen Küchenschrank und Gasherd, dessen mickrige Flamme ihre ganze Aufmerksamkeit zu erfordern schien, und als er geendet hatte, sagte sie taktvoll und ablenkend: „Sie können schon mal die Tassen hineintragen. Übrigens: Wie war das genau, als sie neulich sagten, in Leipzig hätte es beinahe sehr übel ausgehen können? Wollte man sie einsperren?“

Er trug die beiden Teetassen ins Zimmer und stellte sie vorsichtig auf die Klöppeldecke des ovalen Tischchens. Die Tassen waren hauchdünn und kostbar, aber sie paßten nicht zusammen. Anfangs hatte sie ein paarmal ohne
Verlegenheit hierauf hingewiesen, so wie man im Garten mit Bedauern auf eine geknickte Rose zeigt. Er konnte glaubhaft klarmachen, diese Porzellanwunder seien unabhängig von jeder Form oder einer imaginierbaren Zusammengehörigkeit für ihn so beeindruckend wie die Krone eine Königin in einem Grimm’schen Märchen. Bei seiner Großmutter hatte es nur Bunzlauer Geschirr gegeben, und zwischen Kaffee- und Teetassen wurde der Einfachheit halber und zweifellos auch aus einem sozialisationsbedingten Unvermögen nicht unterschieden.

„Das in Leipzig“, begann er zögernd, als sie vor gefüllten Tassen einander vertraut gegenüber saßen, „das hätte nach allen Militärgesetzen der Welt unter dem Rubrum >unerlaubte Entfernung von der Truppe< zumindest mit Gefängnis bestraft werden müssen, minimalerweise mit einundzwanzig Tagen verschärften Arrestes, „Bau“ genannt, bei Wasser und Brot. Alles mit friedensmäßig scharfem Maßstab gemessen. Aber sie sich bitte bloß einmal vor, General Schörner, der „Soldatenklau“, hätte den Fall zu entscheiden gehabt…, ohne den Strick wäre es dabei wohl nicht ausgegangen. Der Schörner hätte doch eiskalt gesagt: „Was diese Kerle exerziert haben, ist versuchte Fahnenflucht, basta!“

Sie schwiegen einen langen Augenblick gemeinsam. Die Dame rührte nachdenklich und eher symbolisch mit dem zierlichen Silberlöffelchen in ihrer „Ming“-Tasse, wie er manchmal frozzelnd sagte, und fragte: „Haben sie wirklich türmen wollen?

Nein, türmen hatten sie nicht wollen. Die Geschichte begann eigentlich durch einen unerwarteten Fliegerangriff auf Hannoversch-Münden, am Zusammenfluß von Werra und Fulda. Er saß ordnungsgemäß mit Papieren versehen mit einem Gefreiten und zehn Mann in einem Zug Richtung Berlin. Sie kamen aus Unna und sollten nach Österreich fahren, zum Truppenübungsplatz Döllersheim. In Döllersheim brauchte die Deutsche Wehrmacht bei der Aufstellung eines weiteren Bataillons der sogenannten Wlassow-Armee eine Handvoll ausgebildeter Funker. Die im Zug versammelten elf Krieger waren, mit mildem Maßstab gemessen, das Beste, was die Muttereinheit in Unna gerade zu bieten hatte, als die Anforderung dort einging. Alle zehn „Stifte“ hatten per Prüfung nachgewiesen, im Geräuschsalat des Übungskopfhörers „Tempo neunzig“ einwandfrei herausgehört zu haben und in der Lage zu sein, auch neunzig Morsezeichen pro Minute „in den Äther“ zu tasten. Qualifiziertere Funker auszubilden gelang der Wehrmacht ohnehin nicht mehr. Der Durchschnitt quälte sich schon mit „Tempo sechzig“ herum. Rudolf verdankte seine Qualifizierung den regelmäßigen Übungen bei der Werk-HJ von Telefunken.

Die Papiere, um genau zu sein, hatte für die kleine Elf-Mann-Truppe der Gefreite. Als der Zug aus Unna in Münden das Bahnhofsgelände erreichte und alle noch über die nie zuvor gesehenen Fesselballons staunten, die über der Stadt hingen, (warum wußte sich keiner zu erklären; wichtigste Rüstungsbetriebe?), war das Geballere der Flak schon in vollem Gange. Das vertraute Motorengedröhn ließ an ein paar hundert Viermots denken und das Schlimmste befürchten. Raus aus dem Zug, aber wohin? Fremdes Gelände ist immer voller Tücken. Jeder entschied für sich mit der Folge, daß der „Haufen“ sich verkrümelte. Anders gesagt: Der verantwortliche Gefreite vermochte nicht, „seinen Laden“ zusammenzuhalten.

Es ballerte und rauschte noch eine Weile weiter. Ein kesser Bursche aus Eschweiler bei Aachen, der sich unangefochten zum Wortführer gemacht hatte, saß mit drei anderen der Unna-Truppe in einem ziemlich tiefen und mehrfach abgewinkelten Treppenschacht, von dem keiner wußte, wohin er führte. Wichtig war nur, genügend „Masse“ über sich zu heben, und stabil sah es aus, wo sie da hockten und euphorisch beratschlagten.

Der Eschweiler trompetete: „Isch mache die Fliege“, und er erläuterte unbefangen seinen Plan, seine nach Eisleben evakuierte Mutter und die Geschwister zu besuchen. Dort wollte er seinen Koffer mit den "Privatklamotten", die jeder bei sich hatte, unterstellen, ein bis zwei Tage bleiben und dann „brav“ zurück nach Leipzig und weiter nach Döllersheim fahren. „Dazu brauchen wir doch den dämlichen Gefreiten nicht, oder?“ Die drei wurden eingeladen, mitzumachen, die Übernachtung in Eisleben würde sich schon (bei den Eltern?) organisieren lassen.

Die beiden anderen waren Berliner wie Rudolf. Angeregt durch die abgehobenen Reden des Eschweilers stemmten auch sie riesige Gedankengewichte: „Könn’n wa nich anschließend an Eisleben ab Leipzig über Berlin nach Döllersheim fahren?“ Es blieb zunächst bei Leipzig, denn der Eschweiler hatte auf dem Parallelgleis einen Zug nach Leipzig stehen sehen. Das gab den Ausschlag.

Die Amis meinten es ernst mit der den Pläneschmieden völlig unbekannten Stadt Münden. Es rauschte und krachte ein paarmal verdammt nahe ihres Unterschlupfes ins Bahngelände. Als sie bei Beginn der Entwarnung nach oben ins Freie kamen, lag eine beträchtliche Kalkstaub- und Dreckwolke über dem Bahngebiet. Helfer rannten hin und her, ein ziemliches Durcheinander. Jedenfalls schien es ihnen so, und – Unvernunft findet immer motivierende Ausreden – es „paßte“ ihnen alles in den Kram. Das Ganze ging sehr schnell. Den Gefreiten fanden sie nicht, weil sie ihn nicht suchten. Eine Lautsprecherstimme drängte: „Zu dem Zug nach Leipzig…“ und damit war es entschieden. Sie fanden ein eigenes Abteil, und der Zug blieb bis Leipzig unkontrolliert. Der Schlamassel in Münden hatte wohl betäubend gewirkt.

Das Zwischenspiel ist schnell erzählt, In Leipzig raus. Ein kesser Blick nach rechts und links: Keine Kettenhunde. Ein schneller Blick auf den plakativen Fahrplan: Zum Zug nach… über Halle und Eisleben auf Gleis…, und schon saßen sie quietschvergügt in einem Eilzug und waren schwuppdiwupp in Eisleben. Durch die Sperre wagten sie sich lieber nicht. Ein sehr niedriger Jägerzaun begrenzte eine Blumenrabatte und das Reichsbahngelände. Sie stiegen fix drüberweg und liefen siegesbewußt in die Stadt. Sie fragten sich durch. Dann lag der Eschweiler seiner Mutter in den Armen. Die Mutter hielt unseren Besuch offensichtlich für legitim und stellte keine falschen Fragen. Niemand klärte sie auf. Sie wohnte mit ihren Kindern im ersten Stock eines niedlichen kleinen Fachwerkhäusels. Es gab ein leeres Zimmer und herbeigeschaffte Matratzen für die drei berliner Kameraden und Gäste. Man blieb zwei Nächte. Alle Koffer mit den Privatsachen blieben in Eisleben zurück. Ohne Gepäck marschiert sich’s leichter.

Erfolg macht bedenkenlos. Die Maßstäbe verschwimmen. Die kleine Truppe war im Rausch. Zurück in Leipzig stand fest: „Wir fahren über Berlin; wenn schon…denn schon…!“ Der größte Kopfbahnhof Europas: imponiert und imponierend schauten sie keß in die Runde und faßten ebenso großartige Entschlüsse. Doch allzu spitz sticht nicht, sagt der Volksmund. Die Vier saßen im Zug eingekeilt von Landsern mit Kragenspiegeln in allen Farben. Keiner stellte Fragen. Der Zug setzte sich in Bewegung, er rollte, langsam rollte er, wollte gar nicht schneller werden – und mit einem schicksalsträchtigen Ruck hielt er wieder an. Die Bahnhofshalle hatte er völlig verlassen. Der Zug stand am flacher gewordenen, flach auslaufenden Sandbahnsteig Der Lautsprecher brüllte: „Alle, aber auch alle aussteigen!“ Der Eschweiler sagte „Scheiße!“, die drei Berliner waren stumm geplättet.

Die vier Helden stiegen aus, langsam, ganz langsam. Plötzlich wimmelte es überall von Kettenhunden. Sie hatten den ganzen vollgerammelten Zug überlistet, nicht nur die vier Ausreißer. Der Sandbahnsteig war eine Falle. Und sie saßen drin.

Die meisten Landser hatten selbstverständlich ein reines Gewissen, ordentliche Papiere und begaben sich unbeschwert zurück zum Zugende, wo das Kontrollzelt stand, dem zuvor niemand Beachtung geschenkt hatte. Es ging darin alles reibungslos: Das Zelt schluckte die Soldaten und spie sie an seiner Rückseite wieder aus, wenn sie ihr Hiersein und die eingeschlagene Reiseroute zu rechtfertigen in der Lage gewesen waren. Wer auffiel, wurde zu einem besonderen Zug abgeführt. Das der Kontrolle blitzschnell vorauseilende Gerücht flüsterte: Die kommen postwendend an die Ostfront. Auf die wartete schon der Iwan im Vorfeld der Oder.

Unsere jetzt noch sehr bedrückten Vier drängten sich zusammen und bildeten die Nachhut, nur noch gefolgt von drei Feldpolizisten mit dem drohenden Blechschild an der Kette um den Hals und auf der Brust, dem sie ihren schrecklichen Spottnamen verdankten. Sie bildeten eine Reihe, wie bei der Treibjagd, und drängten alles nach vorne zum Zelt: „Vorwärts, Leute, keine Müdigkeit vorschützen!“.

Das Zelt hatte drei Eingänge. Vor dem rechten Eingang stand ein Hauptmann, etwa Mitte fünfzig, mit einem sympathischen Gesicht. Der Eschweiler flüsterte: „Wir bleiben zusammen und sagen dem die volle Wahrheit.“

Der Hauptmann las ihnen das schlechte Gewissen an den Nasenspitzen ab: „Nun, Herrschaften, was habt ihr angestellt?“ Die Vier nahmen Haltung an, und der Eschweiler sagte zackig, im perfekten Ton und in mittlerer Lautstärke: „Bitte Herrn Hauptmann eine Erklärung abgeben zu dürfen.“ Der Hauptmann winkte ab: „Rühr’n und reden, aber kurz und schnell.“ Der Eschweiler schaffte es, in fünf Sätzen alles zu sagen. Der Hauptmann sah jeden Einzelnen schweigend an und befand: „Ihr seid vier Kindköpfe, warum müßt ihr mir solchen Ärger machen?" Sie schauten nach unten und schwiegen. Sein Ton ließ hoffen: „Los ab ins Zelt.“

An fünf, sechs Einzeltischen saßen jeweils zwei Feldgendarmen, die die Papiere kontrolliert hatten und jetzt arbeitslos waren. Der Hauptmann bugsierte seine vier Sünder in eine Zeltecke, hieß sie warten und ging zu einem Major, der an einem Tisch mit zwei Feldtelefonen saß. In einer lockeren Diensthaltung trug er dem Major den Sachverhalt vor. Der bewegte ungläubig den grauhaarigen Kopf, seine Mütze lag vor ihm auf dem Tisch. Die Feldgendarmen und der Hauptmann trugen Stahlhelm. Der Major entschied nach kurzem Zögern: „Rufen sie Unna an, ob die Angaben stimmen. Rufen sie Döllersheim an und klären, in welcher Lage sich das Bataillon dort befindet. Dann sehen wir weiter.

Der Hauptmann setzte sich an eines der Feldtelefone, kurbelte, sprach, verlangte Angaben, alles knapp und leidenschaftslos. Die Vier dankten im Stillen Gott und den Göttern, daß sie nicht gelogen hatten. Eine Lüge hätte ihnen den Hals gebrochen. Zu dem Döllersheimer Ansprechpartner, wer immer dies gewesen sein mochte, meinte der Hauptmann (irgendwie erleichtert): „Das verstehe ich, Herr Kamerad, ich werde das unterstützen.“ Was mochte das heißen?

Dann meldete er dem Major, die Angaben seien korrekt, und man sei in Döllersheim auf jeden Funker dringend angewiesen. Beide schauten sich an. Sie verzogen dabei keine Miene. Der Major befahl: „Marschbefehle ausstellen“ und zu den eingefangenen Ausreißern, denen sichtlich der Mut wiederkehrte, meinte er mit einlenkender Strenge: „Daß mir keine Klagen kommen; es geht jetzt auf schnellstem Wege nach Döllersheim, verstanden?!“ Es war befreiend, unisono zu brüllen: „Jawoll, Herr Major!“

Bei allem gezeigten Eifer, es gab Etappen, und es mußte umgestiegen werden. Wie auch immer, als sie sich nach ein paar Tagen in Döllersheim beim Bataillon meldeten, saß der glücklose Gefreite schon im Bau. Ihm gegenüber hatten sie ein schlechtes Gewissen. Er hat nie wieder mit ihnen gesprochen. Bestraft wurde außer ihm niemand. Die Sensation: Der kleinste von den Elfen hatte es geschafft: Er war in Berlin gewesen, hatte seine Mutter besucht, hatte auf ähnliche Weise Papiere bekommen und war dennoch noch einen Tag vor ihnen am Ziel, er über Dresden, sie über Eger. Es war zum fromm werden: Der Wille versetzt Berge mit des Himmels Hilfe.

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