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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 38

21. Januar 2015

– XXXVIII –

Zu dieser Zeit lebte Rudolf eigentlich wie im Traum. Er lebte den Traum, er träumte das Leben. Schreibmaschinen reparieren, hamstern fahren wegen Kartoffeln und Gemüse, Holz herbeischaffen, alles unwirkliche Wirklichkeiten. Wirklich im Sinne von wirksam waren nur die Stunden, die er lesend verbrachte. Am nachhaltigsten angeleitet durch die Maxime Thomas Manns, man könne jungen Menschen nur empfehlen, ruhig einmal antizipierend zu lesen; das scheinbar Nichtverstandene werde sich zu gegebener Zeit schon wie von selber verstehen lassen. Also las er immer mal wieder tapfer drauflos, gedanklich völlig abgehoben von jeder gewißheitsschaffenden Einsicht oder einsehbaren Gewißheit, immer getragen vom Vertrauen in das Wort dieses Großen, der zugab, seinen Schopenhauer ähnlich „blind“ gelesen zu haben, wissend, daß er wissen werde, ein Wille an der Arbeit seiner Vorstellungen.

Die Volksbücherei Friedrichshain, der er fast sieben erfüllte Lesejahre verdankte, war leider ein Opfer der martialischen Ereignisse geworden. So fing er wieder mit dem Lesen dort an, wo er es gelernt hatte: Mit Zeitungen und den Büchern aus einer kommerziellen Leihbücherei. Allerdings hatte es mit dieser seiner neuen Leihbücherei eine äußerst literaturfreundliche Bewandtnis. In der kleinen Straße links vom Traveplatz, in dem kleinen Ladengeschäft eines arg gebeutelten Hauses war eine Dame eingezogen, die kurz vor dem endgültigen Desaster geholfen hatte, den Bücherschatz einer befreundeten Familie außerhalb Berlins in Sicherheit zu bringen. Diese Familie hatte der Krieg hinweggerafft, und der Mann der Dame war in letzter Stunde gefallen. Sie selber war zwar ausgebombt, blieb aber unverletzt, war seelisch ungebrochen und blieb zukunftsoffen, erfüllt von einem charakterstarken Optimismus. Sie mietete den kleinen Laden, schaffte Regale an und schaffte vor allem die Bücher der kleinadeligen Familie, deren schreckliches Schicksal ja nun niemand mehr ändern konnte, aus dem ländlichen Versteck herbei in der billigenswerten Gewißheit, sie dürfe diese Bücher um ihrer Freundin Willen als ihr Erbe oder Zufallslegat betrachten. Und sie machte diesen beträchtlichen Bücherschatz zur Basis ihrer materiellen Existenz. Von der minimalen Kriegerwitwenrente hätte sie schwerlich leben können. Diese Dame wurde Rudolfs gutenbergische Mentorin. Sie drängte ihm niemals etwas zu lesen auf und ließ ihn ungestört gewähren, wenn er in ihren Regalen „stöberte“. Wenn sie ihm aber ein Buch in die Hand legte und dazu wie nebenher sagte: „Schauen sie doch mal hier hinein“, konnte er gewiß sein, soeben auf die artigste Weise ein Geschenk erhalten zu haben, das mehr wert war als alles denkbare Materielle. Solcherart „schenkte“ sie ihm Josef Conrad. Als er von den „Buddenbrooks“, von „Tonio Kröger“ und vom „Kleinen Herrn Friedemann“ schwärmte, sagte sie leise: „Das sind wahre Schätze, das stimmt, doch kennen sie auch Hesse?“ und eröffnete ihm damit ein neues Zeitalter. Durch sie lernte er alsbald Döblin kennen und Tucholsky, Hauptmann, Rilke und Karl Krauss.

In ihrem zierlichen Lädchen war alles säuberlich geordnet, allerdings nicht nach literaturhistorischen, germanistischen oder philologischen Gesichtspunkten, eher kundenorientiert nach „leicht“ und „schwieriger“, „altmodisch“, „modern“ und „zeitlos“, „schnell lesbar“ und „dicke Schwarte“. Gleich links hinter der Ladentüre an der einladendsten Stelle war das „Hausfrauenregel“. Sie sagte dazu: „Wer kochen muß und bügeln, wer sich mit Kindern zu plagen hat, verdient mühelose Herzerfrischung und Haltestäbe für die Seele.“ Das meinte sie ohne den geringsten pejorativen Beigeschmack oder Nebensinn. Dabei konnte sie durchaus von menschenfreundlicher Hinterhältigkeit sein, denn in ihrem Hausfrauenregal standen auch die Bücher der Bertha von Suttner, einschließlich der Aufforderung „Die Waffen nieder“.

Sie bewohnte die klitzekleine Wohnung hinter dem Laden, und in ihrem Wohnzimmer standen drei schmale Biedermeierregale, verziert mit leicht schwebenden Pflanzenintarsien, nebeneinander angeordnet mit wohlproportionierten Zwischenräumen, darinnen jeweils drei Kupferstiche der Sybille Merian mit Motiven ihrer Reise nach Surinam, Blumen und Schmetterlinge. Als sie ihn das erste Mal in dieses Zimmer ließ, zeigte sie mit der großartigen, verhalten-selbstsicheren Handbewegung einer Königin auf diese drei Regale und sagte: „Meine wahren Schätze; sie dürfen ungeniert alles anfassen; selbstverständlich auch lesen.“ Aber zu dieser Zeit kannten sie sich beide schon fast ein Jahr und hatten über vieles geredet, immer vertrauensvoll und einfühlsam.

Unter den wahren Schätzen war auch ein zierlich geprägtes Kalikobändchen: Die „Pensées“ von Pascal. Sie sagte nur, als er ihr seinen Fund zeigte: „Verlieren sie sich nicht darin.“ Sie lieh es ihm, und er las dieses klare unergründliches Traumprotokoll wie der Reiter über dem Bodensee, ohne Abgründe wahrzunehmen, immer bestrebt und der Antizipationsmaxime eingedenk, das „andere Ufer“ des rechten Buchdeckels „heil“ zu erreichen. Es war die Schopenhauer’sche Übersetzung. Geblieben ist davon das Gleichnis Pascals über die Wette in Bezug auf die Existenz Gottes, und ferner die Pascalsche Gottesbeschreibung als eines ausdehnungslosen Punktes, der sich nach allen Seiten des Raumes hin bewegt mit unendlicher Geschwindigkeit, so daß man sagen könne, Gott sei überall und in allem gleichzeitig: analog dem von Goethe so geschätzten Wort des Baruch Spinosa, dieses „deus sive natura“.

In ihrem Biedermeierzimmer standen noch ein zierlicher Schreibsekretär nahe des einzigen Fensters, ein zweisitziges Sofa mit keck geschwungenen Seitenteilen und einem kraß gestreiften Seidenbezug. Gegenüber ein nicht dazugehöriger Sessel und dazwischen ein schmales Teetischchen mit vier winzigen Schubladen, in jeder Windrichtung eine. Wenn an Sonnabenden, so gegen vierzehn Uhr, niemand mehr im Laden war, – Rudolf richtete seinen Wochenendbesuch unauffällig so ein, er brauchte doch Lesestoff übers Wochenende, – dann sagte sie ohne die geringste Aufdringlichkeit oder Drängelei: „Ich möchte jetzt schließen; doch bleiben sie ruhig noch; ich habe auch etwas schwarzen Tee von meiner Schwester aus Westberlin; wir könnten doch zusammen eine Tasse trinken.“ Neben dem Feuilleton der NEUEN ZEITUNG als Hauptvorlesung waren diese Teestunden seine Oberseminare. Die Dame war eine liebenswerte und liebenswürdige Lehrerin mit milder Strenge. Ihr gedanklich zu folgen war immer zugleich eine zielstrebige Übung in freier Kritik und kritischer Freiheit.

Erinnerungen sind seltsame Gebilde. Manche sind wie der Ton einer angeschlagenen Glocke: kaum gehört, verklingen sie, schwächer und schwächer werdend. Man will sie festhalten, aber ihr Ton nimmt ab, ein traurig stimmendes Decrescendo, hinschmelzend wie Schnee in der Sonne. Die eigenwillige Erinnerung zeigt auf die Glocke, man sieht sie klar und deutlich, ihre Krone, Haube und Hals, ihren Schlagring und die Schönheit des einziselierten Schmuckringes um ihre Flanke. Die Erinnerung besteht darauf, die Glocke sei angeschlagen worden, man nickt, man war ja dabei, dennoch, der Ton der Glocke ist verklungen.

Anderes wiederum schaut als Erinnerungsbild blaß aus und ärmlich, ausgebleicht und geradezu unwirklich. Das Aussehen der Biedermeierdame inmitten ihrer Bücher, sollte es beschrieben sein, es erschöpfte sich in Allerweltsworten wie mittelgroß und zierlich, schön, was immer das im Zeitenwandel zu bedeuten hat. Schön war sie wohl eigentlich nicht, ihr Gesicht war offen, und – genau genommen – wenn man sie im Gespräch anschaute, sah man eigentlich sich selber, genauer: Man sah die entspannte Intensität ihres Zuhörens. Das trifft es: Sie war die geborene Zuhörerin, nein, nicht die geborene Zuhörerin, (wer könnte dies behaupten, ohne sie als Kind gekannt zu haben), sie war das personifizierte Zuhören. Nie brauchte sie zu sagen: „Fahren sie doch fort“, o nein, man schaute sie erzählend an und wußte (erleichtert und bemüht), sie wollte es ganz genau wissen. Rudolf wünschte, er hätte so schauen mögen, wenn er mit den Brüdern oder mit der Mutter über den April und den Mai fünfundvierzig zu reden versuchte. Das markanteste daran war dann immer, daß sie antworteten und dennoch ziemlich wenig sagten. Und genau so, wie sie ihn nicht wirklich fragten, wie er in dieser Zeit und danach bis zu seiner Heimkehr zurecht gekommen war, genau so fragte auch er niemals so, daß der Nebel vor seinem Verstehenwollen sich hätte auflösen können.

Die Biedermeierdame fragte ja streng genommen auch nie „bohrend“, aber sie ließ ihn immer reden, bis er glaubte, sich selber verstanden zu haben. Wenn es nicht allzu wunderlich klänge, Rudolf würde tapfer sagen, die Biedermeierdame und der Schutzengel aus Dessau, mit dem er die Elbe überquert und die Güterzugreise nach Berlin erlebt hatte, seien ein und dieselbe Person gewesen. In Dessau-Roßlau auf dem Bahnhof und dann des nachts im Bremserhäuschen hatte er doch nur von seiner „Wanderschaft“, der so überaus unfreiwilligen, erzählt, weil eine wohltönende Engelsstimme sagte: „Und dann…“

So kam es, daß die Biedermeierdame schließlich genauer über ihn Bescheid wußte, über seine Kindheit, die Schule und die Lehre, über die Kriegszeit, die Angst und die Hoffnungen, das Suchen, die Zweifel und die eingeredete Selbstsicherheit, als alle die sogenannten nahestehenden Menschen, auch jene, die noch folgen sollten, die immer schon nach seinem ersten Satz wohlwollend sagten: „Ja das Kenn‘ ich, das versteh‘ ich, und dann begannen, ungebremst und unaufhaltsam von sich selber zu erzählen. Hießen sie nun Papa oder Vater, Ehefrau oder Schwiegervater, Kollegen oder Stammtischbrüder. Auch die gelegentlichen Freundinnen bestätigten ungefragt, daß er sich unbewußt bei der Biedermeierdame das „Zuhörergesicht“ abgeschaut haben mußte, wenn sie ihn lobten: „Rudolf, das muß man dir lassen, du bist ein brillanter Zuhörer.“

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