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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 37

19. Januar 2015

– XXXVII –

Zu Hause gab es eine Riesenüberraschung: „Der Papa lebt!“, mit dieser Nachricht empfingen ihn Mutter und Geschwister. „Und woher wißt ihr das?“ Sie gaben ihm eine engbeschriebene Postkarte mit mehreren aussagekräftigen Stempeln: „censeur ragender“, „Le Croix Rouge“ und „Deutsches Rotes Kreuz“. Ein eigentlicher Poststempel fehlte, auch ein Datum. Daraus ließe sich eine ganze Geschichte ablesen. Datums- und Ortsabgaben hätten die Spielregeln der Zensur im Gefangenenlager verletzt, also fehlten sie. Das französiche Rote Kreuz war generöser als die Militärverwaltung und hatte das Schreibendürfen ermöglicht. Das Deutsche Rote Kreuz war unermüdlich und ging geduldig jeder Spur nach. War jemand überhaupt noch zu finden, sie fanden ihn. Überzeugender als alle Stempel war die Schrift: Seine Schrift. So schrieb vom Nordkap bis Sizilien nur einer: Unser Vater, ein untadeliges und doch einmalig charakterisiertes Sütterlin. Ober- und Unterlängen, diese senkrechten Striche, das unnachahmliche kleine „e“ mit den beiden parallelen Strichlein, dicht zusammen und doch getrennt bis auf den winzigkleinen Aufstrich oben, die absolut symmetrischen Schleifen des kleinen „h“, so präzise hatte Onkel Bruno (wie Rudolf unbewußt immer noch „dachte“, auch wenn er mit den anderen Papa sagte) seine Noten geschrieben, quasi gedruckt wie ein Stahlstich.

Papa lebte also, doch wie war er vom Eismeer nach Frankreich gekommen? Man hätte ihn eher in norwegischer oder höchstens in englischer Gefangenschaft vermutet. Darüber schrieb er kein Wort. Es ginge ihm gut, sie hätten ausreichend zu essen (womit es ihm besser ging als uns, denn wir hatten immer Hunger), und vielleicht käme er bald nach Hause. Die Vier schauten sich an: Gottseidank, aber wo sollte er schlafen, wenn er kommt? Sie schauten sich in ihrem einen Zimmer um. Zwei Betten an der Wand und abends zwei Klappbetten aufgestellt im Mittelgang, arg eng war es doch jetzt schon. Der scheue Lehrer und seine stille Frau sahen – gottbewahre – auch nicht nach sterben aus. Rudolf zog den einzig möglichen Schluß: Er würde weichen müssen. Fragte sich nur: wohin? „Nur die Ruhe“, meinte die Mutter und ergänzte mit seltsamer Distanz „Noch ist er ja nicht hier. Kommt Zeit, kommt Rat.“ Damit war das Thema vorerst begraben. Die Mutter ging in die Küche, der kleine brachte den Mülleimer runter, und die beiden Großen rückten den Tisch in die Zimmermitte und stellten die Stühle drumherum, zwei feste solide Küchenstühle aus der ausgebombten Wohnung, und zwei aufklappbare Gartenstühle Marke „hier können Familien Kaffee kochen“. Denn das Tischdecken bestand mehr aus einem Umräumen des Zimmers als in vorzeigefreudiger Demonstration des Tafelsilbers. Das Meiste war zusammengestoppelt. Jeder hatte einen anderen, aber: jeder hatte „seinen“ Teller, wehe, wenn der Tischdienst dies nachlässig mißachtete. Noch strenger war die Zuordnung der Besteckteile auf die einzelnen Personen geregelt. Der Aufschrei: „Der hat meinen Löffel“ führte sofort zu der mütterlichen Schlichtungsanweisung: „Gib ihm seinen Löffel zurück!“. Die vereinten Nationen hätten sich ein Beispiel daran nehmen können.

Die Jungs hatten nicht nur immer Hunger, auch das Holzproblem verlor niemals seine Dringlichkeit. Es hatte zwar einige wenige Briketts für den ersten Winter gegeben, doch die hatte die Mutter fast ausschließlich zum Kochen bestimmt, weil das Gas meist nur so kümmerlichen Druck hatte, daß damit nicht viel anzufangen war. Es war wohl in den ersten Monaten überhaupt nur ein Restdruck in den Leitungen, damit es wegen Lufteintritt keine Verpuffungen oder Zerknalle geben konnte. Daß hier nicht mehr passierte, war ohnehin ein Wunder.

Der lange schöne Herbst, der sich mildtätig bis in den November hinein verlängerte, mußte schließlich doch dem Winter weichen. Der Drucker, dem sie die Wohnungseinweisung zu verdanken hatten, und der ihr unmittelbarer Nachbar war, hatte eine angeblich unerschöpfliche Holzquelle ausbaldowert. Die BVG, die Berliner Verkehrs-Betriebe, hatten eine freiwillige Holzfällertruppe in die brandenburger Umgebung geschickt. Die brachten das frisch gefällte Holz in „handlichen“ Stücken per LKW zu einer ihrer Endhaltestellen und Betriebsbahnhöfe. Um Benzin zu sparen, wurden die zersägten Stämme („solche Kawenzmänner“) dort abgeladen und nachts, nach Betriebsschluß, mit flachen Schienentransportwagen, worüber die BVG überraschenderweise verfügte, aber sie mußte ja schon immer ihr Gleisbaumaterial an alle Orte ihres Netzes transportieren, an bestimmte Verteilungsstellen weitergeleitet. Der Vorschlag des Druckers war, solch einen Zwischenlagerplatz in angeblicher Nähe nachts aufzusuchen, sich anzuschleichen, ein paar Stücke aufzuladen und dann „nüscht wie weg.“ Er schilderte diesen Feldzug mit solchem Charme, daß man gutmütig und gutgläubig meinte: „Kein Problem!“.

Im Ausspähen solcher einmaligen Gelegenheiten war der Drucker ein wahrer Meister. Erstens kannte er tausend Leute, die auch jeweils tausend Leute kannten, zweitens war er nicht nur ein Schlitzohr, er hatte auch die Ohren immer weit offen und hörte geradezu das Gras wachsen. Dabei hatte er keineswegs irgendwelche Vorurteile, gegen nichts und Niemand. Rudolf hatte einmal vorgeschlagen, am Gaswerk Rummelsburg, gleich hinter dem Bahnhof Ostkreuz, am Rummelsburger See, den Rudolf später ehrlicher beim Rudern kennenlernen sollte, Kohlen zu klauen. Auf diese Idee war er gekommen bei der nächtlichen Inspektion seines Feldbahngleises auf der Jagd nach „überzähligen“ Holzschwellen. Gesagt, getan, Rucksack über, noch einen Sack hinein und los ging’s. Der Drucker meckerte auch nicht, als sie am Tatort sahen, wie hoch die Mauer doch war. Sie schauten sich um: dort drüben stand eine Sandkiste. „Die ist doch angeschraubt!“ „Laß uns nachschauen!“ Die Kiste war nicht
Angeschraubt und – viel wichtiger – sie war noch leer. Schnell wurde sie an die Mauer geschleppt, („Scheißarbeit, man sollte sie verbrennen!“), dann hangelten sie sich hoch zur Mauerkrone und besahen sich sehnsüchtig die kegelförmigen Kohlenberge. So also war es, wenn man ins Paradies hineinschaute. Doch der Drucker blieb nüchtern. „Schau mal, alles mit Schlemmkreide bespritzt, damit sie gleich merken, wo etwas geklaut wurde. Und das Gelände hinter der Mauer fällt ab, da kommen wir nie wieder hoch, vor allen nicht mit den vollen Säcken, und säßen dann ganz schön in der Mausefalle. Die Steinkohlen links wären zwar schön zu verheizen, doch den Koks da rechts kannste vergessen. Den kriegen wir kaum zum Brennen, und wenn, dann fliegen uns die alten Kachelöfen oder die Kochmaschinen um die Ohren. Was meinste, was deine Mutter dann sagt?“ Also Rückzug. Schade um die schöne Idee. Doch alles Üble hat auch sein Gutes. Sie gingen einen anderen Weg zurück und entdeckten am Ostrand des Bahngeländes, daß dort keine Mauer war, nur dichtes Gebüsch, und dahinter zwei demontierte Gleise: Die Schienen waren weg. Die Schwellen lagen noch. Na bitte, die Götter waren eben doch auf ihrer Seite. Die beiden Helden verabredeten sich für die folgende Nacht.

„Finster war’s, der Mond schien helle…“, an diesen blöden Kinderreim mußte Rudolf denken, als er in der nächsten Nacht mit dem Drucker die herrliche neue Holzquelle erreicht hatte. Einen kleinen Plattenwagen, zweirädrig, gummibereift, hatte der Drucker besorgt. Den Wagen stellten sie am Anfang der Straße dezent neben die Büsche. Die Straße war einseitig bebaut, solide einstöckige Häuser, wie eine Bergmannssiedlung. Ob hier Reichsbahner wohnten? Es war Stockdunkel, allerdings nicht, wenn von Ostkreuz her die S-Bahn vorbeifuhr. Verdammt, die Zugschlange, voll beleuchtet, illuminierte im Vorbeifahren die ganze Gegend. So spät fuhren sie zwar nur alle halbe Stunde, aber jeweils in drei Richtungen: Mahlsdorf, Erkner, Grünau. Macht alle zehn Minuten einmal Festbeleuchtung. Keinen Defaitismus, bitte, hatte doch schon olle Adolf gesagt. Führer befiel, wir folgen. Also ans Werk. Der Drucker hatte unterwegs gemeint, die Reichsbahn unterstünde jetzt den Russen. Wenn die uns erwischten, kriegten sie uns wegen Wirtschaftsverbrechen oder Verkehrssabotage „am Arsch“. Rudolf meinte: „Wenn…“, und im übrigen sei die Reichsbahn Volkseigentum. Wenn die Russen sich schon mit Recht die Schienen als Reparation unter den Nagel gerissen hätten, dürfte man auch die nun überflüssigen Schwellen übernehmen. Notstandsrhetorik.

Sie hatten also immer neun Minuten Zeit zwischen zwei Zügen. Der Drucker empfahl, sich flach hinzulegen, wenn ein Zug käme. O.k., an jedes Schwellenende einer, los. Man bekam die Schwelle gar nicht richtig zu fassen. Diese elenden Schottersteine, scharfkantig wie sonst was. Die Gleisstopfer hatten professionelle Arbeit geleistet. „Hast du’s?“ „Ja, los hoch!“. Denkste, die Schwelle lag fest wie angenagelt. Verdammt noch mal, was jetzt, bitte? Da kam schon der nächste Zug. „Hinlegen!“ O du schönes S-Bahn-Geräusch, wie habe ich dich vor ein paar Monaten im Morgenlicht am Bahnhof Grunewald als süße Erinnerung begrüßt. Ein erleuchteter S-Bahn-Zug aber stört ganz gewaltig beim Klauen. Als der Zug vorüber war, klaubte jeder an seiner Schwellenseite die Schottersteine heraus. Endlich, dreimal hatten sie schon flach gelegen. Ihr Zeitplan stimmte überhaupt nicht: Es kamen doch auch Züge von der Gegenseite! Endlich bewegte sich die sch… schöne Schwelle. Doch O Gott, die war viel schwerer als gedacht, wie Gußeisen. Rudolf dachte für sich, die schaffe ich nie auf die Schulter, und dann noch bis zum Wägelchen tragen… Der Drucker kam auf seine Seite. Gemeinsam stemmten sie die Schwelle hoch, legten das Ende auf Rudolfs Schulter, der Drucker ging auf die andere Seite, hob an und packte sich sein Ende der Schwelle mit einer irren Kraftanstrengung ebenfalls auf die Schulter. Rudolf zitterten die Knie. Der Drucker kommandierte hoffnungsvoll: „Im Gleichschritt, Junge, haste doch beim Kommiß gelernt, wenn ich sage „los“, dann links-zwei-drei-vier.“ Sie schafften es wirklich bis zum Karren. Dann auf Kommando abwerfen: „Jetzt!“ Die Schwelle fiel wie eine Bombe mit einem dumpfen Ton auf den Sandboden. Nie wieder, dachte Rudolf, nie wieder. Der Drucker meinte: „Die nächste Schwelle, morgen Nacht, die sägen wir vor dem Transport in der Mitte durch.“ Bleib mir gestohlen mit deiner nächsten Schwelle. Rudolf biß die Zähne zusammen, dann lag das Schmuckstück gut ausbalanciert auf dem Wagen. Wie der traurigste Teil einer geschlagenen Armee schoben die beiden stumm ihre Beute nach Hause. „was sagen wir, wenn ein Schupo kommt?“ (Vopos, Volkspolizei gab es noch nicht). Es begegnete ihnen keiner. Noch eine letzte Anstrengung, sie bugsierten die Schwelle in den Hausflur und ließen sie hinter der nicht zu öffnenden Türhälfte auf den vier Stufen zum oberen Flurteil einfach liegen, in der Gewißheit, diese Schwelle würde hier keiner wegnehmen.

Bevor sie das Schwellendurchsägen als Beschaffungsvariante in freier Wildbahn exerzierten, (es hat tatsächlich mehrmals gut geklappt), kam der Drucker auf seinen ursprünglichen Vorschlag zurück, die BVG ein wenig um Holz zu verkürzen. „„Dein Wunsch ist mir Befehl!“.

In der Nacht, als sie loszogen, hatte es geschneit. Schöne dicke weiße Märchenflocken rieselten seit Stunden in windstill lauer Winternacht zu Boden und bedeckten die vertraute Trümmerstadt mit einer schallschluckenden Naturisolierung. Es war viel weiter, als es der Drucker beschrieben hatte. Rudolf murrte nicht, aber er fror. Pelzwesten waren schon erfunden, doch der allgemeine Distributionsmodus war äußerst unzureichend: Die meisten hatten keine. „Da vorne ist es!“ Sie blieben stehen. Vor ihnen das Straßenbahndepot, rechts eine Baubude, Holzjalousien geschlossen, still ruht der See, kein Lichtschimmer und kein Mensch weit und breit. Vor der Baubude, wie eine Kompanie Soldaten, die zersägten Baumstämme senkrecht aufgestellt, auf die Schnittfläche. Ordentlich Leute waren hier am Werk gewesen. Das Holz war ganz frisch, alles harzig. Die Kloben hatten fünfzig Zentimeter Durchmesser, mindestens. „Eine Schande“, meinte der Drucker, „diese Bäume waren vielleicht hundert Jahre alt.“ „Jetzt sind sie kaputt, das Bedauern kommt zu spät; den Tiergarten haben sie auch verheizt.“ Die beiden stemmten zwei der Säulenstümpfe auf ihren Schlitten und zogen zufrieden und unbehelligt davon. Peinlich war nur: Sie erzeugten im frisch gefallenen Schnee eine unübersehbare und deutlich Spur. Einziger Trost: Es war Samstagnacht, und bis Montag würde hier wohl schwerlich jemand kontrollieren. Nach uns die Sintflut, sagt das Volk, und das Volk ist realistisch.

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