Skip to content

„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 36

17. Januar 2015

– XXXVI –

Kino, Theater, Kultur, alles real und lebenswichtig, doch eben nicht die volle Realität, obwohl man natürlich nicht vom Brot allein…, doch der ebenfalls erstmals begegnete Brecht donnerte einleuchtend: „Erst kommt das Fressen…“. Na ja, man war auch hungrig nicht nur unmoralisch, und das es einträglicher sei, eine Bank aufzumachen, als eine auszurauben, war um diese Zeit für jugendliche Augen noch nicht recht einsehbar.

Sich um’s Naheliegende kümmern, lag schon nahe. So lief Rudolf wenige Tage, nachdem er die geschilderte Arbeit gefunden hatte, quasi träumend die Frankfurter Allee hinunter. Ob sie derzeit schon Stalinallee hieß, kann offen bleiben. Stalins Allee war diese breite Straße nun ohnehin. Seine Siegesstraße, neidlos mußte man es ihm lassen. Dennoch war über das Geschichtstempo nachzudenken. Recht und links lag viel, lag fast alles in Trümmern. Dennoch fragte niemand mehr, wie viele Rotarmisten für diesen Sieg in dieser Straße den Tod gefunden hatten. Von den toten Verteidigern ganz zu schweigen. Rudolf dachte schon darüber nach, denn das Bewußtsein, nicht hier gewesen zu sein, als dies alles geschah, sondern in der fernen Steiermark, erzeugte immer und immer wieder diese undefinierbare Mischung aus Beschämung und Genugtuung. „Die Helden sind alle gefallen“, sagten die Landser, die – aus westlichen Richtungen – tropfenweise nach Hause kamen. Wo waren die übrigen Männer der Familie? Wo die Frauen waren, wußte man zunächst auch nicht. Dazu das dumpfe Gefühl, das man um Gotteswillen nicht laut werden ließ, den Frauen sei das üblere Los zugefallen.

Rudolf wollte in die Lichtenberger Straße, in seine Straße. Wie er so gedankenschwer die Allee hinunterschwebte, beflügelt von Erinnerungen der verschiedensten Art, gab es Inneren so manches Achja.

Vor Weihnachten war die Allee von der Boxhagener Straße Richtung Alex linksseitig voller kleiner Buden mit weihnachtlichen Waren und Krimskrams. Der Großvater fuhr mit ihm „hinauf“, und dann liefen sie beide – so wie er jetzt allein – die Allee hinunter und staunten. Der kleine Rudolf staunte jedenfalls, der Opa wird wohl kaum noch gestaunt haben. In der Dunkelheit leuchteten grell die Benzinlampen, wie auch die Großmutter an ihrem Obstwagen eine hatte. Nach dem Füllen wurde die Lampe dicht verschlossen, dann pumpte man Druck auf die brennbare Flüssigkeit, indem man einen eingebauten, abgedichteten Pumpstöpsel so lange hin und her bewegte, bis der Innendruck die Benzindämpfe zu einer Düse trieb, damit sie an der Oberfläche eines Glühstrumpfes aus Asbestgewebe gefahrlos verbrennen konnten, wobei dieses grelle weiße Licht entstand, in das man nicht hineinsehen konnte, und das scharfe Schatten erzeugte, das alles irgendwie geheimnisvoll wurde, eben von vorfestlicher Erwartung und kindlichem Staunen erfüllt. In einem Fall, den er jetzt in Gedanken leibhaftig vor sich sah, fiel das Licht nach unten auf den Gehsteig und eine Männerstimme rief: „Laufende Mäuse, laufende Mäuse, kaufen sie die laufende Maus!“, und dabei konnte man das Gesicht des Mannes kaum erkennen, weil es „da oben“ im Schatten lag. Unten jedoch, im weißen Lichtkreis, da liefen tatsächlich – zwei Marienkäfer, bewegt durch das Auf und Ab des schnurrenden unsichtbaren schwarzen Fadens, der oben jeweils in einer Hand des Marktschreiers endete. Seine Blechmäuse, wie die Marienkäfer mittels eines solchen gezogenen Fadens in Bewegung zu setzen, hatte er wohl schon verkauft, und „Leute kauft Marienkäfer“ wollte er offensichtlich nicht ausrufen, das hätte wohl sein Traditionsgefühl verletzt, wogegen die unbekannten Hersteller dieses Armeleutespielzeugs fortschrittlich sein wollten und mit ihrer Neuerung unbekümmert die vertraute Maus durch den Blechleib einer mit roten Punkten versehenen, schwarz lackierten, schildkrötenhaften Halbschale mit unsichtbaren Blechrollen ersetzt hatten. Aber zum Kaufen waren sie beide nicht bummeln gegangen. Kaufen schied von vornherein aus. Das wußte man und fragte nicht.

Alle verträumende, verdrängende Drückebergerei nützt überhaupt nichts, denn auch die längste Stalinallee ist einmal am Straußberger Platz zu Ende. Der größte Trümmerberg Europas, ihr lieben Journalisten, das schreibt sich so leicht hin, doch wenn man hier entlang geht, tränenlos, weit von jeder Verbitterung entfernt, sondern nur traurig, nichts als traurig, dann verschwimmt die Gegenwart, milde verdrängt mit den Bildern der Vergangenheit. Hier am Straußberger Platz ist alles satt von hautnahen Eindrücken. Da sitzt ein Dreijähriger auf einem Schlitten, eingemummt in eine dicke, warme Decke, weil es Winter ist und eine stabile, festgetretene Schneedecke die Gehsteige und den Fußgängerbereich des Platzes bedeckt. Er sitzt stumm, zieht seinen berühmten Flunsch, den Fotos überlieferten und für alle spätere Neugier, für alles nachwachsende familiäre Interesse konserviert haben. Der Opa zieht den Schlitten gemeinsam mit der Großmutter durch den gut zehn Zentimeter hohen Schnee. Der Schnee dämpft alle Geräusche. Dennoch ist der Platz erfüllt von Menschen, die in alle Richtungen eilen, geschäftig, es ist wenige Tage vor Weihnachten. Man will den Jungen zu seiner Mutter bringen, in die Krautstraße, sie hatte darum gebeten. Da rutscht das Deckenbündel nach hinten und plumpst lautlos in den Schnee. Klein Rudolf schaut verdattert und sagt keinen Ton. Bis die schlittenziehenden Großeltern merken, wie leicht ihre Last geworden ist, bis einer der geschäftigen Vorübereilenden aufschaut und ruft: „Holla, sie haben ihr Kind verloren!“, scheint eine Ewigkeit zu vergehen. Wie lange das gedauert hat, wie verloren er sich fühlte, zittert heute noch in ihm nach. Obwohl er bei den vorüberwehenden Bildern lächeln muß. So viel vergißt man, doch wer oder was bestimmt darüber, was hängen bleibt, was wiederbelebt wird, wenn nur der richtige Auslöser den Schieber hochzieht und der Erinnerungsstrom die Gegenwartsbilder vor den Augen im Jetzt überspült? Prousts Recherche hatte er zu dieser Trümmerzeit noch nicht gelesen.

Dieser Platz ist wie ein Sprungbrett. Geradeaus, die kleine Frankfurter, geht’s zum Alex. Linkerhand der Ira-Palast, wo Onkel Bruno die letzten Stummfilme mit seiner Achtmannkapelle zum Leben erweckte, bevor er nach Treptow ging und mit einer viel größeren Kapelle zum Tanzen spielte. In diesem Kino lernte er Herta kennen, Rudolfs Mutter. Sie war zu der Zeit Platzanweiserin im Ira. Rechterhand die berühmte- berüchtigte Mansardenwohnung, der Wallfahrtsort, als Schüler war er einmal mit seiner Klasse dort gewesen, wo Horst Wessel gelebt hatte und von einem Kommunisten erschossen worden sein soll, als er nach dem Klingeln unbefangen die Tür geöffnet hatte. „Nicht schade um den Luden“ sagte Onkel Bruno dazu, der es als SA-Mann aus dieser Gegend doch wohl wissen mußte. Links die Krautstraße, wo die Mutter, frisch verheiratet, zu dieser Zeit wohnte. An der Ecke die Kafferösterei. Die Mutter wohnte Krautstraße zwei, auf dem Hof. Es war ein schöner, großer Hof mit Büschen und Bäumen. Er ging über zwei Hausnummern, zwei-A und zwei-B. Die beiden Haustüren waren außergewöhnlich schmal, keine Tore wie in der Lichtenberger, grün lackiert, vornehm. Die Mutter, Bruno und ihr soeben geborenes Kleines, der drei Jahre jüngere Halbbruder, wohnten hinter einem Eisenwarengeschäft. Berliner Zimmer mit Küche. Die Toilette war auf dem Hof. Die Tür zum Eisenwarengeschäft war verschlossen. Die Geschäftsinhaber, ein älteres jüdisches Ehepaar, wohnten außerhalb und hatten die Wohnung hinter ihrem Geschäft an die jungen Eheleute vermietet.

Reichskristallnacht. Als er des Morgens in die Schule kam, ahnungslos, denn in der Lichtenberger Straße hatte der Pogrom nicht stattgefunden, lauschte er den Berichten der Mitschüler, die aus der Umgebung des Straußberger Platzes gekommen waren. Scheiben zerschlagen, Juwelier X, Pelzgeschäft Y, es wird geklaut… Nach der Schule schaute er sich das an. Die Scherben bedeckten noch die Straße. Zu Hause fragte er die Großmutter: „Warum machen die das?“ und bekam zur Antwort: „Wat weeß ick, weil se varrickt sind“. Er kannte den Ton. Es empfahl sich, nicht weiterzufragen. Abends gingen sie beide in die Krautstraße: „Mal sehen, wat da los is“. Es war gegen Geschäftsschluß. Die Straßenlaternen brannten schon. Gegenüber der Nummer zwei, gegenüber dem Eisenwarengeschäft, stand eine Traube Menschen, still, sie starrten über die Straße. Vor dem Eisenwarengeschäft stand ein SA-Mann. Drinnen, im Geschäft, hinter den heruntergelassenen Rolläden, hörte man Lärm und Getöse, als würden schwere Gegenstände geschmissen, es klirrte, und eine Frauenstimme schrie flehend: „Nein, nein, bitte nicht…“.

Als der SA-Mann sagte: „Nun jeh’n se doch weiter. Hier jibts wirklich nüscht zu sehen“, da zog ihn die Oma beiseite und sie gingen stumm nach Hause. Am nächsten Tag kam die Mutter und erzählte, sie sei zu ihren Schwiegereltern gelaufen und habe sich mit den Kindern – vor zwei Jahren hatte der Halbbruder noch ein Brüderchen bekommen – dort die Nacht über aufgehalten. Bruno habe doch im Paradiesgarten Musik gemacht.

Straußberger Platz, wie haste dir verändert. Nur immer weiter gehen, also rechts entlang durch die Trümmerschneise namens Straußberger Straße. Ein kurzer Blick vom Platz aus in die Weberstraße hinein hatte gezeigt, es wäre vergebene Liebesmüh, dort nach Onkel Karl und Familie zu fragen oder zu suchen. Voran, voran, noch zwei Straßenecken, dann bist du „zu Hause“. Der schöne, vertraute Merkur-Palast, Zauberbühne seiner Kindheit, es stand nur noch der Hausflur. Gegenüber die Mauer der Volksschule war erhalten. Hier hatte bis sechsunddreißig die Oma mit ihrem Obstwagen gestanden. Daneben der rote Backsteinbau des Telegraphenamtes, der stand unerschüttert. Rudolf schaute durch die Gitterfelder der Schulmauer hindurch auf das ausgebrannte Schulgebäude. Er schloß die Augen, stellte sich das Vorkriegsleben in dieser Straße vor und hörte seine Großmutter sagen: „Wenn se mer werden gäben von oben, werd‘ ich nähmen halbes Pfund.“ Vorbei, alles vorbei.

Palisadenstraße. Fast alles ausgebrannt, zerschossen, schon eingestürzt. Jetzt die letzte Ecke. Keine Kneipe, kein Bäcker rechts, keine Drogerie links. Wieviele Amerikaner hatte er hier bei diesem Bäcker gekauft? „Oma, jibste mir’n Jroschen für’n Amerikaner?“ „Nimm dir eenen aus de Kasse.“ Auch vorbei.

Da war sie, die Lichtenberger Straße. Weit vorn links die Bombenlücke von Nummer drei. Die kannte er ja. Damit hatte der Untergang dieser seiner Straße begonnen. Aber das Übrige… Warum waren hier keine Menschen zu sehen? Wohnte hier denn niemand mehr? Langsam ging er die Straße in der Mitte des Fahrdamms hinunter, Schritt für Schritt. Auf den Bürgersteigen war schlecht gehen, alles voller Trümmer, so wie die Bomben und Granaten sie hingeschleudert hatten. Der Asphalt der Straßendecke zeigte deutliche Spuren von Panzerketten, mehrmals, immer zwei parallele Abdrücke wie Strickleitern, dann wieder plötzlich verwischt, verschmiert, hier hatte der Panzer gedreht. Wozu? Brauchte er eine bessere Schußposition? Wurde er beschossen? In der Straße, wo sie doch jahrelang friedlich kämpfend Völkerball und Treibeball gespielt hatten als ahnungslose Kinder.

Treibeball, abends, nach zwanzig Uhr, wenn das letzte Postauto vorbei war und nun wirklich kein störendes Auto mehr zu erwarten gewesen war. Man brauchte zwei Mannschaften, die gegeneinander antraten. Jeweils mindestens ein guter Werfer, ein noch besserer Fänger, und Aufsammler, je mehr, je besser, die sich strategisch gut plaziert gestaffelt hinter dem Fänger aufbauten, bereit, den ankommenden geworfenen Tennisball, falls ihn der Fänger verfehlt haben sollte, so schnell und – räumlich gesehen – so früh wie möglich in den Griff zu bekommen. Ein herrliches Spiel, schnell, kraftvoll und voller Überraschungen. Gespielt wurde mit festen Regeln. Meist spielten sie als Clique vom unteren gegen „die“ vom oberen Straßenende. Der erste Wurf mußte aus dem Stand geworfen werden. Klar, so weit wie irgend möglich ins feindlich Feld hinein. Der gegnerische Fänger stand dort, wo er das Niederkommen des Balls erwartete, Können und Tagesform des bekannten Werfers ihm gegenüber taktisch einschätzend. Fing er den Ball mit zwei Händen, durfte er ihn sofort mit drei Schritten Anlauf zurückwerfen. Hierauf war die gegnerische Mannschaft eingestellt. Mit einer Hand gefangen erlaubte einen Anlauf von fünf Schritt. Jetzt hieß es für den Fänger der anderen Seite, schnell und rechtzeitig zurückgelaufen zu sein, um dort zu stehen, wo der Ball eintreffen würde. Gelang es dem Fänger gar, den Ball mit den zwei gekreuzten Händen aus der Luft zu greifen, dann „Gnade euch Gott“, denn er durfte zehn Schritte Anlauf nehmen und aus dem Lauf heraus über die Köpfe der ersten gegenüber wartenden Gegner hinweg den Ball ins Unendliche schleudern, möglichst alle Aufsammler überspielend, die entsetzt dem ankommenden Ball hinterher hechelten, und ihn zu fassen versuchten. Von dem Punkt an, wo sie den Ball stoppen konnten, war der nächste Wurf aus dem Stand zu starten, und so weiter, bis die Dunkelheit und das trübe Gaslaternenlicht ein Weiterspielen unterband, falls nicht schön längst die Mütter gerufen hatten: „Reinkommen, Zeit zum Schlafengehen“.

Fußball war in dieser Straße kein Thema. Erstens hatte kaum jemand von den Kindern einen richtigen Fußball, selten einen entsprechend großen Gummiball. Schon der Tennisball zum Treiben war bloß eine „alte Krücke“, die irgend jemand irgendwo „abgestaubt“ hatte, und keiner wollte es riskieren, den Ball in eine der Schaufensterscheiben der Geschäfte oder in eine der drei großen Scheiben der Post zu schießen. Wer Fußball spielen wollte, ging in den Friedrichshain. Hatte man eine fußballähnliche „Pflaume“, und war man vielleicht nur zu zweit, dann wurde „bis zur Vergasung“ (?) „geköpft“, das heißt, einer stellte sich in eine der breiten Haustoreinfahrten als „Tor“, der andere köpfte „drauf“.Nun würde wohl niemand mehr in dieser Straße lachend und schreiend einen Ball bewegen. Rudolf mußte an die Hierarchien denken, die es hier unter den Kindern und Jugendlichen gegeben hatte. Es konnte doch nicht jeder mit jedem spielen. Da war zunächst die natürliche Altersgruppenstaffelung. Sechsjährige, Zehnjährige, Vierzehnjährige, siebzehnjährige, um diese „Marken“ herum konnte man sich behaupten. Unsichtbarer, gleichwohl genau so wirksam waren die Grenzlinien zwischen „hüben“ und „drüben“ sowie zwischen „hier oben“ und „da unten“. Man kam (fast) mit jedem aus, doch nicht jeder und nicht jede Gruppe hatte den gleichen Rang. Daß beim Treibeball die Hausnummern zwei bis vier und achtzehn bis zweiundzwanzig („oben“, neunzehn war die Post) gegen „die“ von sieben bis zehn und dreizehn bis siebzehn („unten“) spielten, erforderte schon „Verhandlungen“ und „Einigung“ und war nicht an allen Tagen möglich. Auch alles vorbei.

Während er sich umschaute und Spuren suchte, in der Gegenwart und Realität wie in der Erinnerung, fragte eine Stimme hinter ihm: „Bist du nicht Rudolf Anders?“ Er drehte sich verblüfft um, schaute den Frager an, beide zögerten noch einen Augenblick, klar, der Frager war der kleine „Nö, ick nich“, war Albert aus Nummer einundzwanzig, wo der Bäcker Kanthak (gewesen) war. Der Laden war jetzt kaputt, ausgebrannt.

„Mensch Albert!“ Sie fielen sich um den Hals. Albert war drei Jahre jünger als Rudolf. Den Spitznamen hatte er weg, weil er immer, wenn sein Bruder Kalle meinte: „Komm, spiel mit“, promt sagte: „Nö, ick nich“ und sich auf den Hof von Nummer einundzwanzig zurückzog. Rudolf war mit Kalle in eine Klasse gegangen. Kalle hatte Modellbauer in der Gießerei bei Borsig gelernt, jedenfalls lernen wollen.

„Wo ist Kalle?“ fragte er sofort. Albert zuckte mit den Schultern: „Weiß keiner; den ham se zum Volkssturm jeholt; wiederjekommen is er nich.“

„Und deine Eltern?“

„Mein Vater war in Frankreich. Der is auch noch nich zurück.“ Er zögerte offensichtlich mit dem Weitersprechen. Rudolf mußte nachhaken:

„Und deine Mutter? Wohnt ihr noch da drüben in einundzwanzig? Sieht ja nicht gut aus, euer Haus, der Bäckerladen ist doch hinüber.“

Dem Albert kamen die Tränen, und er mußte mächtig schlucken: „Meine Mutter hat sich das Leben genommen. Als die ersten Russen weg waren, hat sie sich aufgehängt, bei uns hinten auf dem Hof, in der Remise.“

„Mensch Albert, diß tut mir leid.“ Er gab dem Jungen die Hand und wußte nicht mehr, was er noch sagen sollte. Albert erzählte von selber weiter:

„Der Bäckerladen ist kaputt, ja, aber die Backstube steht noch. Kannst ja kucken kommen. Der Bäcker wohnt auch noch in seiner Wohnung hinten im Parterre. Der Kanthak hat mich als sein Lehrling genommen. Wir backen jeden Tag eine Partie Brot und Brötchen, je nach dem, wie wir Mehl haben. Wir backen auch für die Russen, dadurch kann sich der Meister über Wasser halten, denn viele Kunden haben wir doch hier in der Gegend nicht mehr; in der Straße selber fast keine.“

„Und wo wohnst du?“

„In unserer alten Wohnung im ersten Stock. Der rechte Seitenflügel steht ja. Bis zum zweiten Stock ist soweit alles ganz, nur darüber hat es gebrannt, als der Brand vom Vorderhaus übergriff. Mehr konnten wir nicht löschen.“

Sie gingen zusammen durch den Hausflur neben dem verräucherten und zerschossenen Bäckerladen auf den Hof. Es sah aus wie bei der Mutter in der Blankenfeldestraße. Links war die Brandmauer zum Nachbarhaus zweiundzwanzig, wo im Parterre die Zigarettenfabrik gewesen war.

„Die Zigarettenfabrik arbeitet sogar noch, jedenfalls behelfsmäßig. Ein paar Frauen aus der Gegend haben dort Beschäftigung. Die kommen von überall her. Die Russen haben dort natürlich begeistert geplündert, doch die Maschinen haben sie bis jetzt stehenlassen. Die Aufträge kommen selbstverständlich auch von denen.“

Rudolf erfuhr noch, daß Fred, ein entfernter Cousin von ihm, der seinerzeit im Mai vierundvierzig bei dem Sprengbombenangriff auf Nummer drei mit ausgebombt worden war, jetzt mit seiner Mutter in der Landberger Straße wohnen sollte. Und Lothar, der sein Jahrgang war und im traditionsreichsten berliner Sattlergeschäft in der Breiten Straße hinter dem Marstall Feintäschner gelernt hatte, Lothar war mit seinem jüngeren Bruder Arno in der Frankfurter Allee von ein paar Russen, die eine kleine Gefangenenkolonne eskortierten, vielleicht weil ihnen an der vorgeschriebenen Zahl ein paar Leute fehlten, aufgegriffen und mitgeschleppt worden. Von den beiden hat keiner mehr etwas gehört.

Es reichte. Rudolf hatte genug gehört für heute. Er verabschiedete sich von Albert und ging zurück zum Straußberger Platz und von dort weiter nach Hause.

– – – – –

Advertisements

From → Uncategorized

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: