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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 35

16. Januar 2015

– XXXV –

Es gab so viel Neues. Manchmal schien es, der Kopf könnte einem platzen, der Verstand durchdrehen. Man konnte doch nicht überall sein, alles mitmachen, alles Neue sehen oder lesen. Lesen in den Zeitungen, das ging halbwegs noch. Überhaupt Zeitungen, sie waren die Bühne. Ihre „Bretter“ bedeuteten nicht nur, sie waren die neue Welt, die neue Zeit. Hier zeigten die neuen Machtgruppen, die neuen Mächtigen sofort mit schöner Deutlichkeit, wes‘ Geistes Kind sie selber waren, und welcher Geist jetzt herrschen sollte. Das beeindruckendste Muster dessen, war Journalismus im Idealfall sein kann, lieferten die Engländer, jedenfalls in Berlin. Es erschien ja zunächst in jedem Sektor nur eine Zeitung, die Meinung und Willen der jeweiligen Besatzungsmacht erkennen ließ, um keineswegs zu sagen, zu „verkünden“. Die drei Westalliierten verkündeten nichts, es sei denn – was nur gerecht war – die Kontrollratsbefehle und alle übrigen (neue) Ordnung schaffenden Bekanntmachungen. Entscheidend war die (neue) Form. Im britischen Sektor erschien (hoffentlich stolpert die Erinnerung jetzt nicht) die BERLINER ZEITUNG. Dieses Blatt exerzierte schulmäßig und wahrhaft glanzvoll, was unter Trennung von Nachricht und Kommentar zu verstehen ist. Auf der ersten Seite dieser Zeitung hätte man mit keiner noch so kritischen Lupe auch nur die geringsten Partikel von Beeinflussung irgendwelcher Art finden können, nur Fakten, Fakten, Fakten. Sachliche, nachvollziehbare Erklärungen gab es auf Seite zwei und Meinungen und freie Kommentare ab Seite drei. Der Meinungsschuster Doktor Josef Goebbels beendete seine Oberjournalistenkarriere durch Selbstmord. „Gestorben“ ist er für alle Zeiten auf den Seiten der BERLINER. Niemals verlor diese BERLINER ZEITUNG, solange noch die Britische Militärregierung dafür die Verantwortung trug, auf Seite eins Haltung und Würde. Ob es um die Berichterstattung aus Nürnberg ging, um Enthüllungen über Konzentrationslager oder – am sechsten August fünfundvierzig – um den Abwurf der Atombombe. Mit Hildegard Knef könnte man sagen, wenn dieser Vorgriff gestattet ist, „von da an ging’s bergab“.

Die Zahl der Blätter nahm schnell zu, so daß es bei entsprechenden Anlässen gehörig im Blätterwald rauschen konnte. Man mußte sich entscheiden. Rudolf entschied sich für die in München erscheinende amerikanische Konkurrenz mit dem programmatischen Namen DIE NEUE ZEITUNG. Hauptentscheidungsgrund waren nicht die schmunzelnd geliebten drei Bügelfalten in den Oberhemden der GI’s, entscheidend waren der Name und das Renommee von Erich Kästner, der dort das Feuilleton machte und Bausteine für eine neue Weltsicht lieferte. Politik war und ist unser aller Schicksal (die Wirtschaft als eigenes funktionales System ist ja nur Machtpolitik mit anderen Mitteln, aufgespannt zwischen Politik und Recht, mit eigenen ungeregelt geregelten Regeln). Doch Rudolf hatte sich sehr schnell die Überzeugung zugelegt, eine Zeitung ist letztlich so lesenswert und brauchbar wie ihr Feuilleton. Im Feuilleton tritt der wahre (liberale) Geist einer Zeitung ans Tageslicht. Auch wenn man keine Ahnung hat, was für Lichter die Herausgeber und ihre Hintermänner sind, im Feuilleton werfen ihre wahren Profile unbestechlich erkennbare Schatten. Und das Feuilleton der NEUEN ZEITUNG – von Kästner geleitet – mit all seinen facettenreichen Inhalten und mit jedem kleinsten Hinweis in irgendeinem Text auf etwas, was er nicht kannte und noch niemals zuvor gehört oder gelesen hatte, was er zuerst vielleicht gar nicht verstand, all dies wurde für ihn, den kleinen ungebildeten Arbeiterjungen, der bisher von der Welt so gut wie nichts gesehen und gehört hatte, bei aller „Masse“, die von ihm im stillen Winkel bis Kriegsende lesend bewältigt worden war, dieses souveräne doch gleichwohl kämpferische Feuilleton wurde Rudolfs erste Hochschule. Eine andere hätte er sich als zunächst alleiniger Verantwortlicher für das Geldeinkommen für vier Personen ohnehin nicht leisten können. Möge dem Doktor Erich Kästner im Literatenhimmel – wo frei nach Tucholsky hoffentlich nicht Intellektuelle Intellektuelle Intellektuelle schimpfen – ein herrlicher Fensterplatz zuteil geworden sein. Halleluja!

Unvergessen ist der Englischkurs in diesem Feuilleton, gehalten nicht von einem Anglisten, sondern von einem ehemaligen Boxer namens Arthur Steiner. Wer den letztlich dort engagiert hatte, muß ein gutes Händchen gehabt haben. Steiner hatte möglicherweise (wahrscheinlich sogar) von englischer Philologie oder von Philologie und Literaturwissenschaft überhaupt keine Ahnung. Steiner wußte aber, was einer wissen und lernen will, wenn er als Besiegter die Sprache der Sieger erlernen und verstehen möchte. Die Kinder der römischen Reichen lernten Griechisch bei ihren griechischen Hauslehrern. Und man darf sicher sein, diese griechischen Jungs haben nicht nur doziert über Grammatik, Syntax und Semantik, sie werden auch lässig und pragmatisch geplaudert und „Döntges“ erzählt haben. Die Kinder der römischen Armen, der proletaria, ihre proles also, die lernten „ihr“ Griechisch – niemand soll die Kinder armer Leute für blöd halten – auf dem Fischmarkt, am Hafen, beim Anbetteln der Koiné-brabbelnden Matrosen. So hat auch Steiner die Welt gesehen. Und so konnte man jede Woche in seiner Englisch-für-Anfänger-Spalte lesen: Kinderreime, den neuesten Schlagertext, Sprichworte, Volksweisheiten und sonstige liebenswerte „dumme“ Sprüche. „Gonna take a sentimental journey“ und „Pardon me boy, is that the Chattanooga Choochoo“ kann Rudolf heute noch auswendig. Hängengeblieben ist auch der weise Ratschlag: „Pin and needle/needles and pins/if a man marries/his troubles begins“, obgleich er sich nicht daran gehalten hat.

Vom Theater wäre zu reden, doch arme Leute haben Scheu vor dem Theater. Jedenfalls war das damals noch so. Das Theater ist zu sehr der Ausdruck des Bewußtseins und der Lebenshaltung des saturierten, zufriedenen, gesättigten Bürgertums, auch wenn das Theater den hungrigen, blasierten und unzufriedenen Menschen mimt. Wenn es sich auch soeben bis auf die Knochen blamiert hatte, das Bürgertum, nicht gerade das Theater, saturiert war es immer noch, ein bißchen neugierig, aber keineswegs lernwillig. Wahrhaft lernwillig sind immer nur die Proleten, die Zukurzgekommenen, wenigstens im günstigen Fall.

Im und am Anfang mußte ja auch das Bürgertum – auch dies wohl nur gelegentlich – mit dem einfachen Volk mithungern. Man spielte Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ und ging im geretteten oder in der Schwarzmarktwelt neu erstandenen Smoking in die Premiere. Kein Neid, gottbewahre, doch nicht jeder hatte im ersten Nachkriegswinter den Mut, ohne Mantel und mit nicht zusammenpassendem Sakko plus gefärbter Hose und geflicktem Oberhemd und ohne Krawatte auch nur ein behelfsmäßiges „Theater“-Foyer zu betreten. Als Barlog die Knef in Steglitz mit den „Drei Mann auf einem Pferd“ brillieren ließ, da griff sich Rudolf tapfer eines von den raren Zuteilungsbriketts, (mit Billigung der Mutter), weil man nur ins Theater hineinkam, wenn man eine Eintrittskarte und ein Brikett vorzeigen konnte. Man hätte es sonst in dem schwach geheizten Raum auch niemals zwei Stunden ausgehalten. Solcherart also traute sich Rudolf vor die Bretter der schönen Scheinwelt. Es war überhaupt sein allererster Theaterabend in seinem Leben und entsprechend unvergeßlich.

Die Franzosen präsentierten sich im Berliner Schloß, dem Wohnsitz der nach dem Ersten Weltkrieg symbolisch nach Holland getürmten Hohenzollern, die von den Amerikanern aus der Geschichte schlicht gestrichen worden waren, mit einer bemerkenswerten Kunstausstellung, die tout Berlin auf die Beine brachte, so dankbar war man für diese Geste. Die unausrottbaren Zyniker beanstandeten: „Det hamse nur jemacht, damit se det scheene Oesanderportal demonstrativ blauweißrot drapieren durften; Rache für einundsiebzig“. Die berliner Schnauze war noch munter.

Hans Albers rief: „Komm uff de Schaukel, Luiiise!“. Die kam zwar gerne, doch eine Theaterdiva, die der unbedarfte Knabe Rudolf bis dato verständlicherweise nicht einmal kannte, haute einem bekannten Kritiker, dem ihr Schaukeln nicht gefallen hatte, zur Begeisterung der alleweil schadenfreudigen Berliner in aller Öffentlichkeit eine runter… Das Leben wurde wieder bunt.

Der Bericht kann ein wenig fortgesetzt werden, jedoch muß erst der Stiefvater, der Musiker Bruno, aus Frankreich zurück sein, der zu dieser Zeit dort noch in einem Steinbruch zu tun hatte.

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