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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 34

6. Januar 2015

– XXXIV –

Nach Neukölln ins Kino, das war das Wochenendprogramm. Mindestens einmal jedes Wochenende fuhr Rudolf mit seinem Bruder dorthin. Sonnabend oder Sonntag. Solange die Linie E zum Alex noch nicht fuhr, marschierten sie beide zum Bahnhof Ostkreuz, der seine Eingangshalle eingebüßt hatte, hinauf zum Ringbahnsteig und über Treptower Park und Sonnenallee zum Bahnhof Neukölln oder, eine Station weiter, bis Herrmannstraße. Dann Karl-Marx-Straße rauf und Herrmannstraße runter oder umgekehrt, so ging ihr Erkundungsweg von Kino zu Kino. Schöne alte Lichtspieltheater gab es dort. Ihre stolzen Namen sind dennoch der Erinnerung nach fünfzig Jahren entfallen. Hängengeblieben ist die „Rixe“ Nähe Herrmannplatz. Dort gab es gleich rechts neben dem Eingang zum Saal zwei einzelne Sitze. Hier saßen sie am liebsten.

„You are entering the American Sector!“, diese großen weißen Schilder mit der viersprachigen Aufschrift standen am Tor zum Film-Paradies: „Sie betreten jetzt den amerikanischen Teil Berlins“. Ja, dort wollten sie hin, wo die Riesenkerle der MP, der Military Police, den weißen Knüppel in der Hand, das weiße Tuch im offenen Hemdkragen, in unnachahmlicher Haltung zu zweit durch die Straßen… wie? schritten?, gingen?, stolzierten? Um sie herum der Machtraum der burschikosen Weltmacht: Atombombe plus Coca Cola, Strategic Air Command und Rock’n Roll, alles bewundernswert ausbalanciert. Lässig-strenges Ordnungssymbol in den Augen der beiden filmgeilen Brüder: die drei parallelen Bügelfalten auf dem Rücken der Hemden der personifizierten Siegermacht. Die Welt wird nicht in Knobelbechern erobert, sondern in Schnürstiefeln mit Gummisohle, schleichend aber unaufhaltsam. Den beiden Brüdern war alles recht, am Ende sogar die Atombombe. Die Kommunisten hatten in ihren Köpfen jedenfalls keine Chance. Die Zustimmung zum American Way of Life war spontan und (fast) unreflektiert. Der Gedanke: Ein bißchen mehr Effizienz an der vergangenen Ostfront, und diese bewunderten coolen Jungs hätten ohne Zögern und Zaudern die Atombombe auch auf Berlin geworfen, dieser Gedanke kam hoch und wurde blitzschnell wieder verdrängt. Es waren unsere Amis, basta!

Der allererste Film, den sie sich in dem großen (Ufa?)Kino an (welcher?) der Ecken ihrer Programmrennbahn ansahen, hieß: „Destination Tokio“. Er handelte vom U-Boot-Krieg gegen Japan. Was hatten die Amis bloß gegen die
„Preußen“? In ihrer Armee ging es doch genau so zackig und stur zu, wie in der ehemaligen deutschen Wehrmacht. Was hatten sie, was wir nicht hatten? Ein Rätsel, gewiß, aber kein Grund zur Beunruhigung. Wie würden sie es weitertreiben? In einer der schönen neuen Zeitungen, die in Westberlin erschienen, aber in allen vier Sektoren problemlos am Kiosk zu kaufen waren, war ein Interview abgedruckt. Einen amerikanischen Journalisten, abgebildet in der schmucken, halbzivilen Uniform, fragte der Interviewer: „Was meinen sie, könnte es Faschismus auch in Amerika geben?“ Und der freundliche junge Mann – er war berühmt, doch sein Name ist bedauerlicherweise dem Vergessen anheim gefallen – er antwortete unbefangen und ohne Angst vor dem Gespenst der political correctnes, (das damals noch nicht spukte): „Sure, but we will call ist antifashism or anticommunism.“ Man glaubte ihm sofort. Hatten die Amis und der Vatikan nicht zahllosen Nazis die Flucht nach Spanien oder Südamerika ermöglicht? Fein ausgestattet mit echten Pässen und makellosen Visa? Alles nur Gerüchte der verdammten „Pressebengels“? Und Skorzeni in Spanien?

Der erste Star, der sie im Parkett verzauberte und ihre Fantasie in Bewegung setzte, war Rita Hayworth. Der Film hieß: „You were never lovelier“. Aber das sensationellste Kinoerlebnis hatten sie in Ostberlin, im Ufa-Palast Friedrichshain. Hunderte von Menschen drängten sich vor den Kassen und erheischten Einlaß. Das Kino war tagelang bis auf den allerletzten Notsitz ausverkauft. Der Film kam allerdings aus Hollywood: „Goldrausch“, von und mit Charly Chaplin, aber dies braucht man wohl auf der ganzen Welt niemandem zu erzählen. Das wahre Phänomen war dennoch nicht der Film, denn schon bevor die beiden Brüder den Film überhaupt sehen konnten, riß er sie hin, indirekt, durch das von ihm bewirkte Lachen. Lachen?, nein, Brüllen, Schluchsen, Jauchsen, Sich-Überschlagen mit der Stimme der Zuschauer, die schon im Kino saßen und erlebten, was die draußen noch Wartenden sogleich erleben sollten, doch eben noch nicht optisch erleben, nicht sehen konnten. Damit es beim Einlaß kein unkontrollierbares Gedränge mit unabsehbaren Folgen gäbe, – man hatte es am ersten Tage schlimm erlebt -, ließ man die nächste Partie der Zuschauer schon hinein. Der Ufa-Palast war wie ein Theater eingerichtet: Leicht ansteigendes Parkett und hufeisenförmig oder U-förmig drumherum ein schöner breiter Gang, teppichbelegt – der Krieg verschont immer, was er will – und Tür an Tür führte in den Innenraum. Diese Türen waren jedoch noch verschlossen und bewacht von den Platzanweiserinnen. Die nächsten Zuschauer standen locker gedrängt im Gang, man hätte normalerweise leise geplaudert, doch dazu kam es überhaupt nicht. Schon in der Kassenschlange bekam man Hasenohren und lauschte verzückt und ungläubig nach Innen. Dann stand man im Gang und vermochte es nicht zu fassen: Daß Menschen so lachen können, frenetisch, findet man im Synonymen-Wörterbuch, doch solch ein trockener Begriff kann nicht fassen, was die beiden Wartenden mit all den vielen erwartungsvollen Menschen um sich herum in diesem Kino-Vorraum erlebten und „mit“machten: Gelächter, Gekicher, Gejauchse, man mußte einfach mittun, konnte sich dem Affekt nicht entziehen, mußte gackern, gickeln, grinsen, grölen, sich kugeln, losplatzen, kreischen. Man lachte sich – ohne den Grund zu kennen, nur mitgerissen von dem menschlichen Verhalten, das als akustischer Stachel von drinnen nach draußen auf sie eindrang – man lachte sich einen Ast, den Buckel voll, halbkrank, schief, kaputt, krumm, tot und weiß der Kuckuck was noch. Doch vor allem lachte man Tränen, Tränen der Freude, und Tränen des Schmerzes. Des Schmerzes über den Verlust eines unermeßlichen Stücks der Kindheit, weil einem dies alles solange nicht vergönnt war. Tränen der Begeisterung, weil der Krieg vorüber war, Tränen der Angst, weil die Atombomben haarscharf an ihren Köpfen vorbeigesaust waren, Tränen der Hoffnung, vielleicht wirklich noch die Chance zu bekommen, ein richtiger Mensch sein zu dürfen. Tränen über Tränen.

Alles hat einmal ein Ende. Als es drinnen still wurde, hätte man nach Hause gehen können und dennoch sagen, man war dabei gewesen. Der Einlaß gab den Raum frei, der eben noch erfüllt war vom Lebensgefühl der achthundert Menschen, die man hätte interviewen mögen: Was denkt ihr jetzt, was fühlt ihr? Die eigene Erwartung war nun einfach zu hoch. Man saß da wie vor der Weihnachtsbescherung, freudig erregt, erwartungsvoll, klar, aber auch an den soeben gelesenen Tucholsky denkend: Man bekommt alles im Leben, was man sich wirklich wünscht, doch meist zu spät, und fast immer eine Nummer zu klein. Lieber Charly Chaplin, dachte der Rudolf bei sich hinterher, als sie durch den halbdunklen Friedrichshain nach Hause gingen, Richtung Straußberger Platz, zur U-Bahn, dein Film hat uns Mut gemacht, o.k., man darf ein Trottel sein, schwach, im Irrtum, ein Verlierer, aber man muß den Humor behalten und darf sich nicht aufgeben. Es war großartig, dennoch war das Schönste das paradiesisch schöne Höllengelächter zuvor im Gang des Kinos, im Himmel der Vorfreude.

Es kam der DEFA-Film „Die Mörder sind unter uns“, (Danke, Hildegard), es kamen überhaupt die Käutners und die Knefs. Alte und Junge, Mutige und Konventionalisten, aber es gab doch wenigstens auch wieder deutsche Filme. Man war dankbar für jeden, auch für jede Reprise, entweder, weil man sie wegen „über achtzehn“ nicht gesehen hatte, oder weil es auch so schöne alte Bekannte gab, die man gerne noch einmal wiedersah, nicht ohne eine gewisse Wehmut. Auch jeder Film von damals hatte ja seinen eigenen zeitlichen und räumlichen Kontext – wo, wann, mit wem gesehen – und war ein Stück gelebten Lebens, das nun nicht mehr gelten sollte – im schlimmsten Fall (Veit Harlan und „Jud Süß“ machten Schlagzeilen und die Frage: Ist nun auch Marika Röck ungenießbar oder unzumutbar?) – und im innersten Kern der völlig fehlgeleiteten und deplazierten historischen Kraft auch niemals mehr gelten durfte.

Im kleinen Kino Weichselstraße Ecke Traveplatz, einem „schmalen Handtuch“, saßen sie alle geduckt, beschämt und erschüttert; auch völlig sprachlos in ihren Kinosesseln, als die Bilder von „Nacht und Nebel“ vor ihnen erschienen und schrien: Schaut hin, schaut auf dieses Land: In eurem Namen ist es geschehen! Fassen konnte man es nicht. Warum sollte man sich – mit vierzehn und mit siebzehn! – schuldig fühlen? Gut, (oder natürlich: nicht gut), man war nicht schuldig, aber man gehörte doch dazu. Man war ja Teil dieser Maschine gewesen, ungewollt und an völlig neutraler, an nicht blutbesudelter Stelle. Was half es alles, Unschuld in Zeiten des Krieges gibt es nicht, nirgendwo und für niemanden. Der Krieg macht alle zu Sündenkrüppel. Man wollte schier im Boden versinken. Hilf, Erich Kästner, hilf, Wolfgang Borchert, hilf, Rowohlt-Verlag und Fischer, Herrmann Hesse und Thomas Mann! O mein Gott! Wie sollte das ausgehen? Die Nürnberger Medizin, täglich löffelweise in allen Zeitungen, war bitter und keineswegs ohne Nebenwirkungen. Man schluckte sie und fragte sich, hoffentlich ist es die richtige Medizin und die richtige Dosis. Die Amerikaner werden es schon richten? Hätte man (wer?) es selber richten müssen? Richtet nicht, auf das ihr nicht gerichtet werdet, das half auch nicht weiter. Hätte das deutsche befreite Volk auch so wüten und willkürlich aburteilen können und dürfen wie es die Franzosen im ersten verständlichen Überschwang getan haben? Dreißigtausend Tote und davon die Hälfte wahrscheinlich unschuldig, ist das die Partitur für die Melodie der Gerechtigkeit? Wir beide wußten es nicht, wir waren doch noch so jung.

Den Film „Nacht und Nebel“ hatten sich alle ansehen müssen, weil davon die Ausgabe der nächsten Lebensmittelkarten abhängig gemacht worden war. Deshalb war das kleine Kino voll. Es war ein Teil des gutgemeinten „Umerziehungsprogramms“. Kann man ein Volk umerziehen? Das mußten wir wohl wirklich selber „richten“. Eine schuldig gewordene Generation kann man nur aussterben lassen. Ein Angeschuldigter neigt fast immer zur Verstocktheit. Und bis neunzehnhundertachtundsechzig, bis zum anderen Extrem, war es noch weit.

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