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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 32

4. Januar 2015

– XXXII –

Als er schon fast ein Jahr in dieser neuen Arbeitsatmossphäre gelebt hatte, lernend, staunend, fluchend, aber auch triumphierend, wenn ein zerbrochener, verbogener, seiner Funktionalität beraubter Mechanismus durch seine Geduld, seine Zielstrebigkeit und sein Einfühlungsvermögen wie ein Organismus wieder zum Leben erwachte, oder wie ein geschlossenes System wieder die Aufgabe übernehmen konnte, wofür man es ursprünglich geschaffen hatte. Und dies unter seinen Händen, vor den Augen der kritischen aber verständnisvollen Kollegen. Welch ein Gefühl, welch eine Genugtuung. Die Trümmer draußen waren dann für einen leuchtenden Moment vergessen. Ein gutes, ehrliches Stück der Welt war wieder heil. Ein Stück angeblich toter Technik hatte seine apparative Würde zurück. Welch ein Gipfel an Traurigkeit und Betrübnis, einen hochintelligent ausgedachten Mechanismus bewegungslos und starr nur noch als Trümmerhaufen ohne erkennbaren Sinn anschauen zu müssen. Der Federkiel in Verbindung mit der gedanklichen Konstruktion des zum Ziel strebenden Ausdrucks hatte die Schrift auf dem Papyrus hervorgebracht. Dreitausend Jahre später hatten Mechanikergedanken und Mechanikerhände dann wirklich brauchbare mechanische Schreibmaschinen geschaffen. Die Faust des Krieges hatte sie zerschmettert wie so vieles andere. Und mit jeder reparierten Maschine, mit jedem DIN-A-4-Bogen, auf dem als Beweis des Gelingens dieses einen singulären Wiederherstellungsaktes eine gestochen scharfe und zeilengrade Schriftprobe prangte, kam man dem ersehnten Bild eines neuen Friedens mit der Möglichkeit einer zufriedenstellenden und allseits anerkannten Arbeit ein kleines Stückchen näher.

Als Rudolf – wie gesagt – ein knappes Jahr tagsüber so gelebt und gefühlt hatte, da legte man SIE ihm in die Hände. Die legendäre Königin aller Schreibmaschinen, die wohlgeratene Tochter der Firma Seidel & Naumann, die ERIKA!

Was machte ihren Ruhm aus? Sie war klein und handlich, richtig. Sie war flach, aber keineswegs die flachste. Sie zeigte keine falsch abgerundete Pseudofunktionalität, sie machte nicht billig auf modern und auf hier sinnlose Stromlinie. Sie war die entschlackte, Funktion gewordene Antwort auf die Frage: Was will der Schreiber? Mühelos drauflostippen, ob mit zehn oder mit zwei Fingern oder – in der guten Mitte – mit dem Sechs-Finger-schnellschreib-System: Die beiden Daumen auf der Lehrtaste, die beiden kleinen Finger rechts und links zum Umschalten, und zwei Finger zum gedankensynchronen kaum-gesucht-schon-gefunden die sinnbringenede Buchstabenfolge hervorzaubend. Jeder, der zu faul oder zu ungeschickt oder zu unbegabt und unkonsequent war, richtiges Zehnfingersystem zu üben und zu vollenden, jeder der schrieb, um Gedanken festzuhalten, war bei und mit ERIKA gut bedient. Sie nahm nichts krumm. Und sie reagierte auf den kleinsten Hauch des tippenden Suchfingers oder des suchenden Tippfingers. Ihr Typenhebelmechanismus war unübertroffen schnell. Ihr Erfinder und Konstrukteur hatte den flachen Hebelmechanismus perfektioniert. Die Neigung des Typensegments, die im flachen Kreissegment gelagerten vierundvierzig Typenhebel waren alle gleich flexibel und schreibwillig, ob sie ihren Platz in der Mitte oder rechts und links am Rande hatten. Wenige Millimeter Niederdrücken der jeweiligen dazugehörigen Taste reichten aus, den Typenhebel wie der Blitz zu beschleunigen, ihn für den Bruchteil einer Sekunde in der Typengabel zu arretieren, damit er dort zielsicher auf dem Papier seine Arbeit verrichten konnte, schon lag er wieder auf seinem Ruheplatz. Der Zwischenhebel war so genial, vom Tastenhebel kommend, an die Wurzel des Typenhebels angelenkt, daß die kleinste Bewegung des Tastenhebels dem Typenhebel eine progressive Beschleunigung verlieh. Thüringer Präzision, sächsischer Gewerbefleiß, aus der Ecke Deutschlands war sie gekommen und hatte die Welt erobert. Sie war weniger eine Königin des Büros und der kommerziellen Zentren, sie war die schicke Dame, die Zauberin, der Hausgeist auf dem Schreibtisch der Kreativen. Heute elektronisch überholt, aber mechanisch, trotz vieler Kopierversuche, unübertroffen.

Der Chef, der die zerbeulte und gestoßene Prinzessin herbeigeschafft hatte, – wie und wo, das behielt er stets für sich -, der Chef sagte zu ihm: „Wenn sie die wieder zum Sprechen bringen, haben sie ihr Gesellenstück gemacht.“ Also auf, das will geschafft sein.

Wie vielen Maschinenkrüppeln hatte Rudolf in den vergangenen Monaten wieder das Laufen und Reden beigebracht, das Leben eingehaucht. Zerbrochnene Gußgehäuse wurden geschweißt, verbogene Hebel waren zu richten. Zerschlagene Typen wurden vom Typenhebel abgelötet, die neue jungfräuliche Type mußte aufgesetzt, angeklemmt, ausgerichtet und – auf den hundertstel Millimeter genau – an der richtigen Stelle angelötet werden. Zerbrochene Federn waren zu ersetzen. Bei Zugfedern nur ein minimales Problem der Herstellung: Über den richtig dimensionierten Wickeldorn mit der richtigen Steigung wickeln, an beiden Enden die rechte, die passende, die erforderliche Öse zurechtbiegen, erledigt. Teilweise eine Sache von Versuch und Irrtum, aber prinzipiell lösbar. Aber die Materialfrage. Federstahldraht, zehntel-Millimeter-weise, im Durchmesser, wurde dieser Draht benötigt. Jede Feder war ein Individuum. Die weit gestreuten Hersteller hatten gerade bei Federn noch nie eine Normung durchgesetzt. Der Chef raufte sich nicht selten die Haare, wenn es hieß: Wir brauchen 1,7 Millimeter starken Draht, und auch 2,1 dicken, sonst wird’s Pfusch. Und pfuschen wollten wir ja nicht. Am schlimmsten waren Torsionsfedern zu rekonstruieren. Das Original war entweder zerbrochen und lag in Stücken halbkorrekt vor einem, oder es war völlig ausgeglüht, zeigte zwar seine korrekte Form, aber „sprechen“ konnte eine solche Feder nicht mehr. Sie hatte verlernt, was in ihr steckte, was der jeweilige Konstrukteur ihr an Kraft, an Leben eingehaucht hatte. Sie gab zwar willig ihre Maße preis, aber man mußte voller Verzweiflung und sich immer wieder zu Geduld und Gelassenheit ermahnend zehn Stück einzeln anfertigen, eine nach der anderen, mit stets variierten Dorndurchmessern und Vorspannungen, bis das Ergebnis einigermaßen dem Original gleichsah und vor allem leistete, was die Feder zu leisten hatte: irgendeinen Hebel aus einer Position A in eine Position B antreiben. Man wußte eben beim Wickeln nie, wie weit die gewickelte Feder aufspringen würde. Tat sie dann, was sie sollte, ging man zufrieden nach Hause.

Unvergessen der Tag, als der Chef die „Leiche“ der modernsten Reiseschreibmaschine anschleppte, die vor dem Krieg, vielleicht auch erst im Krieg, eine deutsche Werkstatt verlassen hatte. Denn bis zur Ausrufung des Totalen Krieges gab es viele Produktionsnischen, in denen sich entfesselte Konstrukteure, getrieben vom Streß der Zeit, in seltsamen Utopien austobten. Man denke nur an die seltsamen Vögel, welche die deutsche Luftwaffenindustrie ausgerechnet im Kriege entwickelte – Doppelrumpfflieger, asymmetrische Rumpfkonstruktionen und viele andere noch, statt sich auf wenige Standardtypen zu konzentrieren. Es gab vielleicht auch subtile Formen des sich Widersetzens. Kurz: Es handelte sich hier um eine superflache Olympia, nur ganze siebeneinhalb Zentimeter hoch. Das Wunder: sie hatte ein Bakelitgehäuse, also Hartplastik, einer der ersten Kunststoffe, rot durchgefärbt, die damals im Verkehr waren, allerdings meist nur für Picknickausrüstung, Teller und Tassen. Wenn so etwas herunterfiel, war es unheilbar zerbrochen. Sekundenkleber gab es schließlich noch nicht, nicht einmal im Traum. Der Konstrukteur dieser Olympia muß ein wahnsinniger Optimist gewesen sein, und ein zähes Genie. Er verwendete trotzig diesen blutrot durchgefärbten Kunststoff, und man mußte einräumen, die Farbe stand dem Maschinchen sehr gut. Alle üblichen Schreibmaschinen waren schwarz, wie alle Taxen schwarz waren. Schwarz war wohl die Dienstleistungsfarbe, und Dienstleister galten als Knechte, und Knechte dürfen trauern. Unser Konstrukteur wollte höher hinaus. Vermutlich hatte er schon einen imaginären Frieden im Sinn. Es gelang ihm, sein Zauber wirkte. Die Maschine machte wirklich etwas her. Solange sie ganz gewesen war. Aber vor Rudolf lag eine Lady mit doppeltem Beckenbruch, die zu allen Übeln noch beide Schlüsselbeine gebrochen hatte. Ein trauriger Anblick.

Die Analyse war betrüblich. Die Gehäusewände mußten sein: einmal so dick wie möglich, klar, damit nichts zerbreche, und so dünn wie möglich, wegen der Leichtigkeit, und damit sich die Metallform bei der Herstellung schnell mit Material ausfüllen ließ. Dick und dünn gleichzeitig, eine contradictio in adiecto, dickes Dünnes, dünnes Dickes, ein Widerspruch im Beiwort, ein weißer Schimmel, ein Technik gewordenes Paradox. Solcherart lag sie nun vor ihm, verklebt und zerbrochen. Die Russen kommen! Dieser Aufschrei hatte irgend jemand in irgend einem Fabrikbüro – der Chef wußte, in welchem – dazu verleitet, das kostbare Stück in ein Faß mit Leinöl zu versenken. Dort würde es so schnell keiner finden, dort könnte sein filigranes Inneres nicht verrosten oder sonstwie korrodieren, mochte man sich gedacht haben. Gut gedacht und schlecht gedacht gleichzeitig. Auch ein Paradox. Alle Not ist von Übel. Die Russen kamen. Sie begehrten das Leinöl und schmissen die widerlich verunreinigte Maschine an die Wand oder in irgendeine Ecke. Alles an ihr und von ihr war noch vorhanden. Aber in welchem Zustand. Das Leinöl stank, es war oxydiert und ranzig geworden. Die einstmals starre und zierliche Maschine hatte ihr tragendes Gehäuse in mehrere Teile zerbrochen. Ein jammervoller Anblick.

Half alles nichts, sie wurde gebraucht. Sie mußte wieder gebrauchsfertig werden. Zeit und Mühe spielten kaum eine Rolle. Nur das Ergebnis zählte. Also hinein mit ihr ins Lösemittel. In welches? Gute Frage. Heißes Wasser löst Fett, und Leinöl ist doch Fett. Probiert, half nur zur Hälfte. Oxidiertes Leinöl hat seine eigenen Mucken. Also Benzin her. Auf dem Hof waren zwei Remisen. Die dem Chef als Garage und als Abstellraum dienten. Dort stand der Waschbehälter, abgedeckt, damit nichts verdunste. Rauchen verboten. Nach drei Tagen die Befreiung. Nicht perfekt, aber man konnte zufrieden sein. Die Zerbrochene und Geschändete ließ sich handhaben. Ohne daß man kleben blieb.

Sie wurde zerlegt bis auf die allerletzte Schraube und Feder. Ein paar Notizen, damit ihre innere Ordnung rekonstruierbar blieb. Aber in der Beziehung ähnelt die Schreibmaschine in ihrer Durchschaubarkeit dem Auto: Beim normalen Auto ist der Motor vorn und das Differential hinten, dazwischen findet man die Kupplung, und bei der mechanischen Schreibmaschine sind vorne die Tasten, oben ist die Schreibwalze, und dazwischen tummelt sich das klar geordnete „Gewirr“ aus Tastenhebeln, Zwischenhebeln und Typenhebeln. Kleine lustige Überraschungen kann das Schrittschaltwerk bereithalten oder die Mechanik der Rücktaste oder gar der Tabulator und seine Bremse. Auf diesen Feldern hatten sich seinerzeit die Konstrukteure ausgetobt und einander mit überraschenden – oder billigen! – Lösungen zu überbieten getrachtet.

War alles gereinigt, geputzt, abgebürstet, wie es die Umstände und die jeweiligen Formen der Teile geboten, dann hieß es, das geschundene Gehäuse wieder zusammenzufügen, damit es jeweils an seinem angestammten Platz die Teile wieder aufnehmen konnte. Im Falle dieser eleganten Kunstoff-Olympia war leider nichts zu schweißen oder zu löten. Klar, alles wäre verbrannt oder verschmort. Und, wie gesagt, Sekundenkleber mit fünfzig Kilogramm Zugfestigkeit pro Quadratmillimeter gab es eben leider noch nicht. Es gab ja noch nicht einmal UHU. Also: Mit passend gemachten Verbindungsstücken aus Messing, die alle einzeln angefertigt werden mußten und wegen des geringen Platzes im Gehäuse nur so wenig wie möglich auftragen durften, wurde Bruchstelle um Bruchstelle fest miteinander verschraubt. Auch diese Verbindungsstücke hatten dem Gesetz der Paradoxie zu folgen: möglichst dünn und äußerst stabil zu sein. Schraubengröße höchstens M2, also zwei Millimeter Gewindedurchmesser des metrischen Gewindes. Alles Loch für Loch einzeln gebohrt, wo grade Platz dafür war. Durchgangslöcher 2,1 Millimeter, und zum Gewindeschneiden durfte man nur 1,6 Millimeter bohren. Und bitte dabei um Gottes Willen keinen Bohrer oder Gewindeschneider abbrechen! Beim Gewindeschneiden waren oftmals die seltsamsten Verrenkungen und Ausrichtungen im Inneren des langsam wieder Form annehmenden Gehäuses gefordert. Es mußte schließlich alles so zusammengeschraubt werden, daß an der ursprünglichen Bruchstelle auch nicht der geringste Zwischenraum entstand. Man frage den Autobauer oder Autoschlosser, welche Folgen ein verzogener Rahmen haben kann. Im Kleinen ist das eher noch schlimmer. Als das Gehäuse – wie neu! – unverwindbar auf dem Tisch stand und scheinbar lächelnd auf den Einbau der Teile zu warten schien, stießen wir drei mit einer Flasche Bier an. Also das mußte doch gefeiert werden.

Die Reinigung der Teile dagegen war lediglich eine reine Fleißaufgabe. Je nach Dreck – wie gesagt – Wasser, Waschbenzin, auch Petroleum oder vielleicht Spiritus, Trichloräthylen oder Tetrachlorkohlenstoff, was sich so besorgen ließ. Man mußte ein intuitiver Chemiker sein, um die Mikrokriegsfolgen zu beseitigen. Wenn es irgend ging, beschränkte man sich auf heißes Wasser. Den blanken oder verchromten Metallteilen war es meistens egal, was man verwendete, da kam es nur auf den Dreck an. Lackierte Teile erforderten schon heiklere Vorüberlegungen. Einmal gab es eine katastrophale Überraschung, Allerdings nicht hier bei dieser flachen Olympia. Aus einer völlig verdreckten und stark verrosteten Orga, das war so ein billiger Kaufhaustyp von Schreibapparat, wurde ein zentrales Metallteil entfernt und arglos mit allen übrigen dafür anscheinend geeigneten Teilen in ein scharfes Entrosterbad gelegt. Das war so eine dunkelbraune schlechtriechende Brühe, die der Chef irgendwo aufgetrieben hatte. Er glaubte, uns damit Gutes getan zu haben. Auf einmal blubberten in dem häßlichbraunen Entrosterbad weiße Bläschen hoch. Was war denn das? Es war schon zu spät, als wir es merkten und einschritten. Das zentrale Metallteil war offenbar aus Magnesium – vielleicht auch aus Kuhscheiße, sagte sarkastisch einer der beiden älteren Kollegen -, jedenfalls das Teil war praktisch verschwunden, es hatte sich chemisch aufgelöst und verdünnisiert. Guter Rat war jetzt teuer: Verdammt, wie hatte denn das Ding bloß ausgesehen?

Heikel waren naturgemäß auch die Gummiwalzen. Waren sie verhärtet oder verletzt, mußten sie neu bezogen werden, je nach dem ein halber Vulkanisier- oder Schrumpfvorgang. In der Nähe der Friedrichstraße arbeitete eine alte Spezialfirma, die verhärtete Ummantelungen entfernte und die Schreibwalzen exakt und absolut rund mit einer neuen Gummischicht überzog und so vulkanisierte, daß die neue Schicht genau den Elastizitätsgrad erhielt, der ein klares Schriftbild ermöglichte.

Manchmal wurde es heikel, weil man ja einen Großteil der Maschinentypen zum allerersten Male in die Finger bekam, auch die zwei grauköpfigen Experten konnten schließlich nicht alle kennen, überdies waren sie beide auf Rechenmaschinen spezialisiert und vom Chef auch hierfür eingestellt worden, weil mechanische Rechen- und Buchungsmaschinen – es gab schließlich nur solche – für das Ingangkommen der industrieellen Bürotätigkeiten fast nach wichtiger waren als Schreibmaschinen; dieser Sektor brachte dem Alten auch bedeutend mehr ein; hatte er selbst zugegeben. Also blieben alle Schreibmaschinenprobleme zunächst einmal an Rudolf hängen. Als Stütze hatte er – aber nur im Notfall – den Sohn des Chefs.

Manchmal vertat man sich beim Wiedereinbau der Teile in der richtigen Reihenfolge, bis man merkte, irgendein Hebel oder eine Halteschraube ließe sich auch mit der verrücktesten Verrenkung nicht am notwendigen Platz hineinbringen. Kommando zurück, alles wieder heraus, was im Wege stand. Auf diese „schmerzhafte“ Weise lernte man am besten den „Geist“ der einzelnen Konstruktionen kennen, worin sich letztlich immer der Geist des unbekannten Menschen spiegelte, der diese besondere, diese individuelle Lösung des Problems „Schreibmaschine“ ersonnen hatte.

Es gab Stunden, da half nur noch lautes Fluchen: „Himmel, Arm und Zwirn!“ knirschte man dann zwischen den Zähnen hervor, wenn man mit etwas zu kämpfen hatte, was unter Brüdern „Konzertkonstruktion“ hieß: nämlich nach der Gedankenassoziation „Alles auf einmal“. Es gab Konstrukteure, die befestigten an einer einzigen Spezialschraube mit Ansätzen in verschiedenen Durchmessern gleichzeitig einen drehbaren Hebel oder gleich gar deren zwei, ließen dieselbe Schraube zum Drehpunkt für eine Torsionsfeder werden und zugleich noch als Anschlag für einen anderen beweglichen Hebel dienen. Oft ahnte man, es müsse in der Originalfirma zur Montage dieser Funktionszauberei eine besondere Hilfsvorrichtung gegeben haben. Aber wie könnte diese ausgesehen haben?, und zweitens, auch wenn man es sich funktionell vorstellen konnte, lohnte es sich für dieses eine Mal, das vielleicht nicht oder wenigstens nicht so bald wiederkehren würde, extra eine mehr oder weniger aufwendige „Hilfsscheiße“ zu bauen, die dann möglicherweise gar nicht so schön funktionierte, wie man es sich auf den vermeintlichen Denkgleisen des Konstrukteurs ausgedacht hatte. Und hinter einem stand der Chef, der als besserer Laie verständnisarm drängelte: Wie lange werden sie für dieses Ding noch brauchen? Die Kollegen meinten dann frozzelnd: „Ruhig„ Junge, versuch’s noch einmal. Was rein muß, muß rein… Du weißt schon…“ Na ja, beim dritten Anlauf klappte es dann meist.

Auf diese Weise wurde schließlich die Superflache fertig, und mit gleichem liebevollen Bemühen stand auch nach angemessener Zeit die ERIKA vor den anerkennenden Blicken des Chefs. Der sparte nicht mit Lob, und vor allem sparte er nicht mit Erfolgsprämien. Diese Belohnungen gab es nicht in Geld sondern als Naturalien. Ein Viertelzentner Kartoffeln, eine Flasche Leinöl oder fünf Packungen seiner Hundekopfzigaretten – dieser Mensch mußte doch in Dresden eine unerschöpfliche Quelle angebohrt haben – ließen alle reale Bezahlung in Papiergeld zur Farce werden. „Danke Chef!“. Wir strahlten, er strahlte: „Schon gut, Leute, was wäre ich denn ohne Euch?“. Das war der Friedensverdienstorden.

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