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„Berlin Friedrichshain“ Kapitel 31

2. Januar 2015

– XXXI –

Im zweiten Stock des Hauses bei der angegebenen Adresse wohnte der neue Chef. Zur Vorstellung hatte sich Rudolf zu Hause erst einmal umgezogen. Der erste Eindruck ist der wichtigste, dachte er bei sich, und mit dem gefärbten Tarnanzug wollte er bei dem möglichen Herrn seiner nächsten Zukunft nicht aufkreuzen. Die Mutter war leider nicht daheim gewesen, so daß er seine freudige Nachricht noch nicht hatte loswerden können. War vielleicht besser, wer weiß, vielleicht würde man ihn überhaupt nicht nehmen. Er hatte ein bißchen Bammel, und mit dem Finger auf dem Klingelknopf zögerte er einen langen Moment.

Bisher kannte er nur die Lehrwerkstatt bei Telefunken und – vom Sehen – die viel kleinere Nachfolgewerkstatt in der Maxstraße. Dennoch, beide waren Arbeitsplätze in einem Großbetrieb, mit Pförtner, mehreren Gebäuden oder Höfen, mit großen hellen Arbeitsräumen, einer Kantine und so weiter. Das hier war ein normales Wohnhaus im nüchternen Stil der dreißiger Jahre. Nur die schmale Haustür hatte einen umlaufenden Fries mit sogenannten völkischen Motiven: Ähren, Sicheln, Hämmer, Zahnräder, also Kraft und Freude, Arbeit macht frei, und wie solche makabren Sprüche noch hießen. Das Haus paßte gar nicht richtig in die Gegend. Wo sollte, trotz dieser Symbolik, die kleine Werkstatt sein, von der in der Ankündigung des Gruppenleiters auf dem Bau die Rede war? Nun, er würde es erfahren und drückte voller Erwartung den Klingelknopf hinein. Die Klingel klingelte nicht. Die Haustüre hatte eine kleine viereckige, auf der Spitze stehende Drahtglasscheibe mit Riffelmuster, so daß man nicht hindurchsehen konnte. Wie sollte er jetzt ins Haus kommen? Da öffnete sich wie von selber die Tür und ein kesser kleiner Steppke fragte ihn in deftigsten Berlinerisch: „Wollnse hier rinn?“ Rudolf fragte den Knirps, ob er wisse, wo hier Curt W. wohne und wo die Werkstatt sei, und bekam die Auskunft, der wohne im zweiten Stock und die Werkstatt sei um die Ecke.

Im zweiten Stock, wie üblich, rechts und links je eine Tür, und an der einen stand tatsächlich in eckig-stolzer Fraktur: „Curt W. Büroeinrichtungen“. Wieder eine Tür mit einem ziemlich großen Glaseinsatz, aber ebenfalls undurchsichtig und mit einer Spanngardine dahinter. Er klingelte wieder, und wieder vergeblich. Der Aberglaube knabberte schon an seinem Selbstbewußtsein. Er klopfte kräftig gegen die Scheibe, etwas zu heftig, alles vibrierte. Eine ältere Frauenstimme sagte ungehalten: „Was soll denn das?“ und die Tür wurde geöffnet.

„Warum klingeln sie denn nicht?“

Er lächelte ein wenig: „Ich hab’s versucht, die Klingel geht nicht.“

„Die geht schon wieder nicht?“ Die Frau schüttelte mißbilligend den Kopf und änderte den Tonfall in Richtung freundlich-unverbindlich: „Was wolln sie denn?“

„Ich bin der neue Feinmechaniker. Ich soll hier Arbeit kriegen.“

Die Frau rief nach hinten in die Wohnung hinein: „Curt, komm doch mal, hier ist ein junger Mann, der bei uns arbeiten will.“

Am Ende des Korridors ging die Tür auf zum Wohnzimmer, man sah im Zimmer vor einer hellen Wand eine wuchtige Anrichte und darüber hing ein großes Ölgemälde, ein Portrait, das unverwechselbar ein Bild der Frau war, die vor ihm stand. Der gerufene Curt kam durch den Flur, ein wenig kleiner als die Frau, beleibt, aber nicht dick oder plump, grauer Haarkranz mit Halbglatze. Typ Konsul, sehr sympathisch. Die Frau sagte zu ihm: „Curt, die Klingel geht schon wieder nicht.“

Der Konsul sagte zu ihm: „Könnse Klingeln reparieren?“ und gab ihm die Hand. Ohne die Antwort abzuwarten bedeutete er dem Rudolf, hereinzukommen, und ging ihm voran ins Wohnzimmer zurück. Die Frau ging in die Küche.

Das Wohnzimmer war nicht allzu groß, dennoch, es hatte linker Hand drei Fenster mit schönen Stores und Seitenschals, auf dem Parkettboden lagen Teppiche, ein ovaler Tisch in der Zimmermitte, genau darüber eine schwere Lampe wie eine Marmorschale, aus der sechs gleichmäßig verteilte Einzelleuchten herausquollen wie dicke fleischige Blütenkelche. An der rechten Wand ein zweiteiliges Bücherregal, dazwischen eine jetzt geschlossene Schiebetür, die in ein Zimmer zur Straße hin gehen mußte. Die zweiflügelige Schiebetür war mit Milchglas verglast, worin jeweils in einem fülligen Blütenoval eine allegorische Frauengestalt schwebte. Dieses alles erinnerte ihn sofort an die Wohnung des ehemaligen Hauswirts Friedeberg in der Lichtenberger Straße. Dieser Gedanke machte ihm Mut, und in bester Stimmung schaute er vertrauensvoll auf den Konsul. Der zeigte auf einen der sechs Stühle, die um den ovalen Tisch standen und sagte gemütlich: „Setzen sie sich doch“ und setzte sich sogleich selber ihm gegenüber. Mit dem nächsten Satz: „Wolln se ne Zigarette?“ brachte er Rudolf in Verlegenheit. Sagte er ja, müßte er die angebotene Zigarette tatsächlich rauchen. Er hatte im RAD und bei der Wehrmacht immer wieder mal geraucht, aber seit der ersten und letzten Amizigarette, die ihm vor kurzem erst im Wartesaal des kleinen Bahnhofs Eisleben zwei junge Mädchen wohlmeinend angeboten hatten, worauf ihm hundsübel geworden war, hatte er das Rauchen vollkommen sein lassen. Seine Zuteilungszigaretten bekam seine Mutter. Und kurzentschlossen sagte er zu seinem neuen Chef: „Wenn sie’s mir nicht verübeln, die Zigarette würde ich lieber meiner Mutter mitbringen.“

Der Konsul lachte über die Offenheit und erwiderte: „Wenn’s weiter nüscht is, nehm’se die Schachtel mit und machen se ihrer Mutter eine Freude.“ Er reichte ihm die ganze Schachtel über den Tisch. Rudolf bekam einen roten Kopf, steckte die Schachtel aber mit einem guten Gefühl im Bauch ein. Es war eine Packung „Hundekopf“-Zigaretten, also Papyrossi. Die wurden, das wußte er, in Dresden für die Russen gemacht.

Der Konsul holte sich aus dem Buffet eine neue Schachtel und meinte: „Das sind Russenzigaretten, aus Dresden, hoffentlich raucht ihre Mutter so etwas.“

„Meine Mutter raucht alles, was sie kriegen kann. Sie sagt immer: >Een Laster muß der Mensch ja haben<“.

„Also mein Sohn hat sie geschickt. Sie sind Mechaniker? Wo hamse denn schon gearbeitet?“

Rudolf erzählte von Telefunken, von der schönen Lehrwerkstatt, der exakt durchorganisierten Lehrlingsausbildung, erwähnte die Flak, das Wehrertüchtigungslager, den Reichsarbeitsdienst und die Wehrmacht und sagte etwas verlegen: „Aber ich habe noch gar nicht ausgelernt.“

Der Chef schaute ihn freundlich und wohlwollend an und meinte kategorisch: „Papiere int’ressiern mich sowieso nich. Lust müssen se ham, täglich wat Neuet zu lernen, und improvisiern müssen se könn’n. Komm’se, wir jehn rüber inne Werkstatt, da sitzen zwee ausjebuffte Mechaniker für Schreib- und Rechenmaschinen, die wer’n ihnen allet beibringen, wat se in ihrer jugendlichen Unschuld sowieso noch nich wissen könn’n. Wenn die Beeden mit ihnen einverstanden sind, is allet in Butter. Bezahlt wer’n se wie’n richtiger Geselle, einverstanden?“

Natürlich war er einverstanden. Etwas Besseres hätte ihm doch überhaupt nicht geboten werden können. Der neue Chef ging mit ihm hinunter und gleich rechts um die Ecke, drei Häuser weiter, zu dem roten Backsteingebäude, in dem auch ein Teil des Bezirksamtes untergebracht war. Durch den breiten Hausflur, eigentlich eine Einfahrt zum Hof, wo drei Garagen standen, den rechten Hofeingang hoch in den ersten Stock, da war sie, die Werkstatt.

Es war ein heller, hoher, quadratischer Raum. Das breite Fenster ging auf den Hof. Drei Tische vor diesem Fenster so gestellt, daß sie zusammen eine geschlossene Fläche bildeten: zwei Tische längs vom Fenster aus in den Raum hinein, einer davor quer. Drumherum also drei Arbeitsplätze, zwei davon besetzt, der rechte (der mit der schlechtesten Beleuchtung, Licht von rechts) war frei. An der rechten Wand eine kleine Kärger-Drehbank, das sah er mit dem ersten Blick. In der linken Ecke stand eine Säulenbohrmaschine, daneben ein massives Regal mit Schreibmaschinen aller Typen und in jedem Zustand der denkbaren Zerstörung.

Der Chef sagte zu den beiden grauhaarigen Männern, die in seinem Alter waren: „Das ist unser Neuer“, und zu Rudolf gewandt: „Hier sind ihre neuen Kollegen. Was die beiden nicht wissen, weiß ich meistens auch nicht. Aber mein Sohn ist Schreibmaschinenmechanikermeister, gelernt bei Olympia, der hat bis jetzt noch jedes Problem gelöst. Am besten, sie fangen gleich an. Arbeit gibt es genug. Haben sie denn einen grauen Kittel?

Rudolf gab den beiden neuen Kollegen die Hand, nannte seinen Namen und sagte mit rotem Kopf zum Chef, daß er leider keinen Arbeitskittel mehr besitze. Aber er könne doch vielleicht seine eingefärbte Uniform…

Der winkte ab: „Nee, lassen se mal. Die Brüder hier nebenan, die vom Bezirksamt, von der Bezugsscheinstelle, die müssen wat rausrücken, die sind mir noch wat schuldig. Ein paar von denen haben früher bei mir im Büro gearbeitet. Det ham wa jleich.“

Und er ging promt hinüber durch die Verbindungstür zu den Räumen des Bezirksamtes auf dem gleichen Flur.

Seine neuen Kollegen meinten zuversichtlich, Rudolf solle sich keine grauen Haare wachsen lassen, solche Sachen bringe der Chef in die Reihe. Es gebe nichts, was der nicht besorgen könne. Ohne dessen Beziehungen und Kenntnisse der Firmen von früher und ohne dessen Organisationstalent könnten wir doch gar keine Schreibmaschinen oder Rechenmaschinen instandsetzen. Aus zwei mach‘ eine heißt zwar die Grundparole, doch es fehlten immer wieder Teile, die nur sehr schwierig oder gar nicht selber herzustellen seien und deshalb „an der
Quelle“ abgezapft werden müßten. Aber gerade darin seien Vater und Sohn eben unübertreffbar. Der „Alte“ habe sogar schon wieder einen eigenen, einen sogar fahrtüchtigen Wagen. Und Benzin wisse er auch aufzutreiben. Wer Hundekopfzigaretten stangenweise beschaffen könne, der beschaffe eben auch Benzin und andere Raritäten.

Der Chef kam zurück mit zwei Bezugsscheinen für je einen „Arbeitskittel, grau, für Männer“. Alle lachten. Der Chef spendierte noch eine Runde Zigaretten. Die drei Herren rauchten und fachsimpelten dabei. Rudolf setzte sich schon mal probeweise auf „seinen“ Platz und hörte lernend zu.

„So“, meinte abschließend der Boß, „die Bezugsscheine können sie zwar nicht anziehen, aber ihre Mutter wird das schon deichseln. Morgen früh um sieben Uhr geht es hier los. Dann kommt auch mein Sohn kurz rein und weist sie ein. Heute können sie sich in Ruhe umschauen. Fragen sie ihren Kollegen Löcher in den Bauch, soweit die sich das gefallen lassen. Ich muß jetzt wieder weiter. Tach, meine Herren, und frohes Schaffen.“

In dieser Firma verbrachte Rudolf – ungetrübt – die nächsten beiden Jahre.

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